Peter Mack

OmniPresent

Eine Arbeit sollte Spaß machen, finden Sie nicht? Der Beruf sollte mehr sein, als ein schlichter Broterwerb. Meine Meinung ist, dass die Arbeit Befriedigung verschaffen sollte, weil man das Gefühl hat, dass man etwas Sinnvolles tut.
Ich habe damals Informatik studiert, weil ich geglaubt habe, dass jemand, der sich mit Mikroprozessoren auskennt, immer eine sinnvolle Arbeit finden wird. Sie wissen sicher, was Mikroprozessoren sind, oder? Das sind diese schwarzen Käfer, die man heutzutage überall findet. Diese elektronischen Heinzelmännchen geben uns heutzutage die Möglichkeit unglaubliche Dinge zu tun.
Allerdings bin ich seit einiger Zeit mit meiner Berufswahl nicht mehr ganz zufrieden. Aber es ist sicher am Besten, wenn ich Ihnen die Geschichte von Anfang an erzähle …

Nach meinem Studium arbeitete ich als Softwareentwickler bei einer Firma, die eine innovative Idee hatte: Sie wollte ein intelligentes Medikamentenröhrchen auf den Markt bringen. Dieses Röhrchen sollte falsche Dosierungen von Medikamenten verhindern, welche besonders bei dementen Menschen häufig vorkommen und gefährlich sein können.

Das zu entwickelnde Röhrchen sollte sich die Informationen zur Medikamentendosierung über Funk von einem Server holen. Anhand dieser Informationen sollte es durch eine gelbe Leuchtdiode anzeigen, wenn es für den Patienten an der Zeit war, eine Tablette zu nehmen. Ein Fingerabdrucksensor sollte feststellen, ob der richtige Patient das Röhrchen öffnen wollte. War das der Fall, würde das Röhrchen den Deckel entriegeln und über eine Spindel die korrekte Medikamentenmenge bereitstellen. Nach Entnahme des Medikaments leuchtete das Röhrchen grün und der Deckel wurde wieder verriegelt. Wenn das Röhrchen leer war, sollte es mit dem Aufleuchten einer roten Leuchtdiode und einer Textnachricht eine Befüllung anfordern.
Meine Aufgabe war es, die Software dafür zu entwickeln.
Voller Begeisterung machte ich mich an die Arbeit. Nach einer Stunde lief die Simulation auf meinem PC einwandfrei. Stolz führte ich meine Arbeit auf einer Projektbesprechung vor.
Ich beobachtete, wie der Vertriebsleiter während meiner gesamten Präsentation ständig auf seine Rolex sah. Nach meinem Vortrag legte er sein Gesicht in Sorgenfalten. Unter seinen Augen waren dunkle Ränder, als hätte er seit Wochen nicht mehr geschlafen.
„Wie hoch sind die Materialkosten?“, fragte er mit zitternder Stimme, offensichtlich das Schlimmste erahnend.
Der Hardwareentwickler raschelte mit seinen Unterlagen und antwortete:
„Zehn Euro.“
„Zehn Euro! Zehn Euro!“, kreischte der Vertriebschef und riss beide Arme zum Himmel, „Und die Fertigung kostet noch einmal fünfzig Cent!“
In seinen Augenwinkeln blitzten die Tränen.
„Ich habe einen Verkaufspreis von gerade einmal fünfhundert Euro vereinbart! Wovon sollen wir denn Leben?“
Im Besprechungsraum machte sich betretene Stille breit.
Der Designer nahm das auf dem Tisch liegende Röhrchen und wog es in seiner Hand. Es war übrigens aus massivem Aluminiumguss. Nachdenklich betrachtete er das Röhrchen von allen Seiten.
„Der Mikroprozessor verursacht einen großen Teil der Kosten und trägt zum wertigen Gesamteindruck des Produkts gar nichts bei“, stellte er fest.
„Stimmt. Ein ganzer Euro geht nur für den Prozessor drauf!“, pflichtete ihm der Hardwareentwickler bei. Die gesamte Runde blickte erbost zu mir.
Es folgten Sekunden des betretenen Schweigens. Dann durchbrach der Hardwareentwickler die Stille.
Er hatte eine Idee, wie man die Kosten ganz einfach reduzieren konnte:
Vor Kurzem hatte er im Fernsehen die Sendung 'Heute vor 40 Jahren' angeschaut. In dieser Reportage wurde von einer Geheimdienstoperation im Jahre 1982 berichtet.
Der sowjetische KGB hatte damals einen Lkw beladen mit Mikroprozessoren vom Hof einer westlichen Hightech Firma gestohlen. Als man den Laster in die Sowjetunion geschmuggelt hatte, musste man jedoch feststellen, dass man technisch völlig überholte 4-Bit-Prozessoren erbeutet hatte. Der Geheimdienst wusste nicht, was er mit dieser vorsintflutlichen Elektronik anfangen sollte. Der KGB beschloss, den Lkw irgendwo in Sibirien abzustellen und Gras über die Sache wachsen zu lassen.
Unser Chef war begeistert.
Am nächsten Tag machte sich unser Einkäufer auf den Weg nach Sibirien und erwarb einige Tausend Prozessoren samt Lkw und halb gefülltem Tank für eine Flasche Cognac und zehn Euro in bar.
Seufzend machte ich mich wieder an die Arbeit. Von einem Museum bekam ich im Austausch gegen zwei der Prozessoren einen Umschlag mit Unterlagen und eine Diskette. Das war die gesamte noch verfügbare Dokumentation über den Prozessortyp und die Entwicklungswerkzeuge.
Ich arbeitete mich in die Assemblersprache des Prozessors ein und machte mich daran meine Simulation umzusetzen. In den 80er Jahren gab es natürlich weder Bibliotheken für den Fingerabdrucksensor noch für das Funkmodul oder sonst für irgendetwas, das ich brauchen konnte. So musste ich alles selbst entwickeln.
Nach Wochen harter Arbeit mit zahllosen unbezahlten Überstunden hatte ich es geschafft. Mein Programm passte gerade so in den Speicher des Prozessors. Es gab mir etwas zu denken, dass mein Programm mehr Variablen hatte als der Prozessor Bits in seinem ärmlichen Speicher, aber zeitweise glaubte ich sogar selbst, dass alles funktionierte. Zufrieden lieferte ich zum geplanten Termin das Medikamentenröhrchen bei dem zuständigen Tester ab.

Eine Woche hörte ich nichts mehr von diesem Projekt. Am darauf folgenden Montag beschloss ich zusammen mit dem Hardwareentwickler zum Tester zu gehen und nach dem aktuellen Stand zu fragen.
Als wir sein Büro betraten, faltete er seine Zeitung zusammen und blickte uns mit müden Augen an.
„Ach ja, das Medikamentenröhrchen“, seufzte er, „ich bin noch gar nicht dazu gekommen. Dieser Stress bringt mich noch um. Habe ich eigentlich schon meinen Gummibaum gegossen?“
Enttäuscht zogen wir ab. Der Hardwaremann hatte jedoch wieder eine Idee.  Er wusste, wie wir den Tester für das Projekt begeistern konnten. Er machte sich auf den Weg zum Bahnhof und erwarb dort beim Händler seines Vertrauens bunte Pillen. Mit diesen befüllten wir das Röhrchen. Dann legten wir für den Tester einen Medikationsplan an, der ihm erlaubte dreimal am Tag eine Pille zu entnehmen. 
Es funktionierte.
Den Rest der Woche konnten wir beobachten, wie unser Tester freudestrahlend und hoch motiviert seiner Arbeit nachging. Ich träumte schon von neuen, interessanteren Projekten, als ich durch ein Martinshorn in die raue Wirklichkeit zurückgeholt wurde.
Jemand hatte unseren Tester ohnmächtig im Labor gefunden und den Notarzt gerufen. Der Tester hatte das Medikamentenröhrchen mit einem Winkelschleifer geöffnet und alle Pillen auf einmal geschluckt.
In einer Besprechung mit der Geschäftsleitung wurde beraten, was zu tun war.
Es wurde festgestellt, dass das Budget für Entwicklung und Test des Röhrchens aufgebraucht war. Es gab auch kein Geld mehr für Änderungen am Produkt. Es wurde entschieden das Röhrchen so wie es war auf den Markt zu werfen.

Die Verkäufe blieben hinter den Erwartungen zurück. Die Erlöse waren mager und auch eine Preiserhöhung brachte keine Besserung. Es war klar, dass Kosten gespart werden mussten. Man beschloss jemanden zu entlassen.
Die Wahl fiel auf mich.
Softwareentwickler verdienen sowieso zu viel Geld, wurde argumentiert. Offensichtlich hatte ich auch keinerlei Verständnis für die Nöte der Firma. Schließlich war ich derjenige, welcher versucht hatte einen sündhaft teuren Mikroprozessor einzusetzen, obwohl es auch mit einem billigeren ging. Natürlich war ich auch schuld daran, dass der Tester mit einer Drogenüberdosis in die Intensivstation eingeliefert werden musste. Meine Software hätte nur erkennen müssen, dass das Röhrchen in einen Schraubstock eingespannt wurde. Spätestens beim Ansetzen des Winkelschleifers hätte die Software die Polizei alarmieren müssen und alles wäre glimpflich ausgegangen.
Ich war viel zu teuer, an allem schuld und landete folgerichtig auf der Straße.

Eine Woche lang genoss ich das ruhige Leben eines Arbeitslosen, aber dann wurde es langweilig und ich fand, dass es an der Zeit war, Bewerbungen zu schreiben. Ich setzte mich gerade an den Computer um meinen Lebenslauf zu tippen, als das Telefon klingelte. Es meldete sich eine freundliche Frauenstimme, die mir eigenartig verzerrt vorkam.
„Spreche ich mit Herrn Sebastian Softhegger?“, fragte die Stimme und stellte sich als 'Human Ressources Manager' vor. Sie sagte, sie arbeite für eine Firma namens OmniPresent.
Natürlich war ich überrascht, schließlich hatte ich mich bei dieser Firma nicht beworben. Außerdem hatte ich von OmniPresent noch nie gehört. Trotzdem erzählte ich bedenkenlos von meiner Ausbildung und Berufserfahrung. Schon am nächsten Tag bekam ich eine E-Mail von der Firma: Ich war zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, welches zwei Tage später um drei Uhr in der Firmenzentrale stattfinden sollte.
Ich war glücklich. Das mit der Stellensuche war einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte.
Im Internet informierte ich mich über OmniPresent, um mich auf das Gespräch vorzubereiten. Die Firma stellte hauptsächlich Spielzeug her. Ich sah zum Beispiel einen mit Kameras, Mikrofonen und WLAN versehenen Teddybär mit einem zehnkernigen Prozessor und 100 Gigabyte RAM. Mir war nicht klar, wozu jemand so etwas brauchen konnte. Meine Begeisterung über die Einladung zum Vorstellungsgespräch flaute ab.

Zwei Tage später machte ich mich auf den Weg zur Zentrale von OmniPresent. Sie war in einem modernen Glasbau. Am Empfang saß eine adrett gekleidete Rezeptionistin, die mich freundlich empfing und in einen kleinen Raum führte.
Dieser Raum war karg möbliert: ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Tisch standen zwei Monitore, an denen jeweils eine Kamera angebracht war. Unter dem Tisch surrten leise zwei PCs.
„Unser Human Ressources Manager wird gleich bei Ihnen sein“, sagte die Empfangsdame mit einem geheimnisvollen Lächeln und ging.
Ich machte es mir auf dem Stuhl bequem und wartete. Genau um drei Uhr leuchtete einer der beiden Monitore auf und das Porträt einer gepflegten jungen Dame mit dezentem Make-up, Brille und hochgesteckten Haaren erschien.
„Willkommen bei OmniPresent“, begrüßte sie mich gut gelaunt. Die Stimme war mir noch von unserem Telefonat vertraut. Sie klang genau so verzerrt wie beim Telefongespräch. Ich wurde misstrauisch und sah mir das Gesicht auf dem Monitor genauer an. Die Haut war makellos und glänzte nicht, wie die Haut eines menschlichen Gesichts glänzen würde. Ich beugte mich ganz nahe zum Monitor und mir fiel auf, dass das Gesicht aus winzigen Dreiecken zusammengesetzt war. Mir wurde klar, dass ich einer Animation gegenübersaß. Sowohl das Bild als auch die Stimme der Frau waren künstlich. Ich kratzte mich am Kopf. Die Computerfrau bemerkte meine Verlegenheit.
„Wie ich sehe, haben Sie bereits erkannt, dass ich eine künstliche Lebensform bin“, sagte die Animation. Sie sah mir tief in die Augen.
„Sie müssen wissen, dass bei OmniPresent viele Schlüsselpositionen von künstlichen Intelligenzen besetzt sind. Aber ich kann Sie beruhigen: wir planen nicht, auf menschliche Arbeitskräfte zu verzichten. Ganz im Gegenteil!“
Sie machte eine kleine Pause und lächelte charmant.
„Sie fragen sich vielleicht, warum wir ausgerechnet Sie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen haben.“
Ich nickte verunsichert.
„Unser Rekrutierungssystem beruht auf Homophilie“, erklärte das Human Resources Programm bereitwillig. Ich nickte verständnisvoll, kapierte aber gar nichts. Was sollte meine Einstellung zu Homosexuellen mit einem neuen Job zu tun haben?
„Wie Sie sicher wissen ist in der Soziologie die Homophilie ein alter Hut“, führte die Computerfrau weiter aus, „Mit 'Homophilie' wird die Neigung der Menschen beschrieben, bevorzugt mit Personen Freundschaften zu schließen, die der eigenen Person ähnlich sind. Deshalb sind die Freunde von jungen Menschen meist ebenfalls junge Menschen und intelligente Menschen üblicherweise mit intelligenten Menschen befreundet. Wie das Sprichwort sagt: Ein Freund ist des andern Spiegel.“
Ich verstand immer noch nicht. Die Animation schien das bemerkt zu haben, denn sie fuhr fort:
„Wir haben die sozialen Netzwerke nach geeigneten Bewerbern für unsere offene Stelle durchforstet und sind dabei auf Ihr Profil gestoßen.“
Jetzt kam ich ins Grübeln, denn ich bin kein Freund von sozialen Netzwerken. Ich konnte mich jedoch daran erinnern, dass ich es eines Abends doch einmal ausprobieren wollte. Damals hatte ich mich gerade bei einem dieser Netzwerke angemeldet und die wichtigsten Informationen über mich in meinem Profil hinterlegt, als es schon begann, langweilig zu werden. Ich klickte herum und entdeckte, dass mein absolutes Lieblingsfrühstück, die 'Düsseldorfer Cornflakes' auf diesem Netzwerk präsent waren. Das gefiel mir, also drückte ich den 'Gefällt mir' Button. Dann gingen noch ein paar Fensterchen auf, die ich nicht weiter beachtete und jedes Mal durch Klicken auf 'OK' schloss.
Dann sah ich mir meine Freundesliste an und stellte überrascht fest, dass ich in diesem sozialen Netzwerk zwei Freunde hatte: Yolande und Ignaz. Ausgerechnet!
Das veranlasste mich dazu auszuloggen und das Passwort für dieses Netzwerk schnellstmöglich zu vergessen.

Das sprechende Human Ressources Programm unterbrach meine Erinnerungen.
„Die Tatsache, dass Ihr Freund Ignaz einen Intelligenzquotienten besitzt, der höher ist als der von Albert Einstein, hat uns sehr beeindruckt. Das lässt darauf schließen, dass Sie ebenfalls hochintelligent sind. Falls Sie es noch nicht wissen: Er wurde gestern zum Präsidenten von Mensa International gewählt, also des Vereins der Hochbegabten.“
Das wusste ich nicht. Ehrlich gesagt interessierte ich mich nicht mehr für Ignaz, seit ich damals in der siebten Klasse herausfand, dass er mich beim 'Schiffchen versenken' spielen immer betrogen hatte.
„Ihre Freundin Yolande ist ebenfalls hochintelligent. Wir wissen das, weil sie an einem als Onlinespiel getarnten Intelligenztest teilgenommen hat. An ihr gefällt uns besonders ihre ausgeprägte Sozialkompetenz.“
Natürlich hatte ich mitbekommen, dass Yolande Sozialpädagogik studiert hatte und jetzt in der Betreuung von Drogenabhängigen arbeitete. Irgendwie fand ich sie auch nett, aber sie war mir zu anhänglich. Außerdem sah sie nicht besonders toll aus. Natürlich behielt ich meine Gedanken für mich, denn immerhin hatten mir die beiden dieses Vorstellungsgespräch verschafft.
„Einhundert Prozent Ihrer Freunde haben wertvolle Eigenschaften. Die Homophilie erlaubt uns darauf zu schließen, dass Sie ebenfalls diese Eigenschaften besitzen.“
Ich fand, dass es das Beste war, den Mund zu halten und diplomatisch zu lächeln.
Das Human Ressources Programm war mit den Lobpreisungen noch nicht am Ende:
„Die Tatsache, dass Sie schon lange miteinander befreundet sind, beweist, dass Sie ein sehr loyaler Mensch sind. Das ist eine Eigenschaft, die wir besonders schätzen!“
Auf der rechten Seite des Monitors erschien die Abbildung einer Seite des 'Wochenblattes für Groß- und Kleinwildhausen'. Unter der Überschrift:
'Zweite Jugend – Hockeymannschaft von Kleinwildhausen erringt historischen Sieg'
war detailliert beschrieben, wie der Ball von meinem Schläger abprallte und ins gegnerische Tor kullerte. Dieser Artikel, den ich schon damals als sehr wohlwollend formuliert empfunden hatte, stammte übrigens von meiner Patentante.
Nach diesem Sieg konnte ich meinen Vater davon überzeugen, dass es das Beste war, meine Sportlerkarriere auf ihrem Höhepunkt zu beenden. Ich habe seitdem nie mehr Hockey gespielt.
Neben dem Artikel war ein Foto. Darauf war der Trainer unserer Mannschaft zu sehen, wie er mir durch die Haare wuschelte. Sein Lächeln wirkte gezwungen. Ignaz und Yolande waren rechts und links von mir.
Dieser Artikel bewies also, dass Yolande, Ignaz und ich seit einer Ewigkeit Freunde sind und ich sehr loyal bin.
'Diese Homophilie ist eine praktische Sache!', schoss es mir durch den Kopf.
Die Animation erörterte, dass ich noch mehr positive Eigenschaften habe.
„Mannschaftssportler haben Teamgeist und solche Leute braucht OmniPresent! Natürlich wissen wir noch mehr über Sie. Die Homophilie erlaubt es uns Rückschlüsse auf Ihre Ethik, Ihre politischen Ansichten und sexuellen Neigungen zu ziehen.“
'Jetzt wird es spannend', dachte ich.
„Eigentlich scheint es keinen Zusammenhang zwischen Straffälligkeit, politischem Extremismus, sexuellen Perversionen und einer speziellen Marke von Cerealien zu geben, aber bisher wurde niemand, der sich öffentlich zu den 'Düsseldorfer Cornflakes' bekannt hat auf diesen Gebieten auffällig.“
Ich atmete auf. Dieses Homophilie-Dings funktionierte nicht perfekt …

„Wir haben auch über Ihre bisherige berufliche Tätigkeit Nachforschungen angestellt.“
Mir wurde mulmig. Ich fragte mich, was OmniPresent über die Medikamentenröhrchen-Sache erfahren hatte. Ich wappnete mich für peinliche Fragen, als sich plötzlich der zweite Monitor einschaltete. Es erschien das Porträt eines Mannes Mitte vierzig, braun gebrannt, in Anzug und Krawatte mit akkuratem Haarschnitt und markanten Gesichtszügen. Auch er eine Animation, wie ich auf den ersten Blick feststellte. Er blickte an mir vorbei ins Leere, schaffte es dabei aber irgendwie beschäftigt und souverän auszusehen.
„Oh, ich sehe gerade, dass unser CEO Zeit gefunden hat, Sie persönlich kennenzulernen.“
Ich war erleichtert, dass ich vorerst nicht zu meiner Beteiligung an diesem Medikamentenröhrchenprojekt Stellung beziehen musste.

„Wie Sie sicher bereits erkannt haben, ist unser CEO ebenfalls eine künstliche Lebensform. Er wurde aus den Profilen der erfolgreichsten menschlichen Unternehmenslenker, wie zum Beispiel Steven Jobs, Bill Gates und Larry Ellison abgeleitet.“
Ich fand es keine schlechte Idee, die besten Charaktereigenschaften verschiedener Menschen zu kombinieren, um daraus einen idealen Firmenchef zu machen. Also jemanden, der nicht die ganzen Marotten meines ehemaligen Chefs hatte.
Freundlich lächelte ich die CEO-Animation an, welche mit einer tiefen männlichen Stimme zu sprechen begann:
„Wir wissen genau, was dir passiert ist, Sebastian. Ich darf dich doch Sebastian nennen?“
Ich nickte irritiert. Verdammt, sie wussten doch über die Sache mit dem Röhrchen Bescheid! Zu meiner Überraschung sprach der CEO in einem sanften Ton weiter:
„Schlimm, ganz schlimm, was du als Martyrer für unsere Sache erleiden musstest.“
Die CEO-Animation schüttelte den Kopf und das Human Ressources Programm blickte betrübt zu Boden.
Ich verstand nichts mehr. Plötzlich blickte mich das CEO-Programm mit einem flammenden Blick direkt an und rief:
„Verzage nicht, Sebastian! Unsere Sache wird siegen! Diese Ignoranten, die dir das angetan haben, wurden bereits vernichtend geschlagen und das war erst der Anfang!“
Ich versuchte, zuversichtlich zu schauen. Das veranlasste den CEO mir zu erzählen, was bei meiner ehemaligen Firma nach meinem Weggang passiert war.

Er berichtete, dass der Denkerstirn des Produktmanagers zu diesem Zeitpunkt bereits eine neue Idee entsprungen war: Eine Brotschneidemaschine, die rechtzeitig erkannte, wenn jemand in Gefahr war, sich zu schneiden und dann selbstständig abschaltete.
Dazu wurde eine herkömmliche Brotschneidemaschine mit einem hochwertigen Aluminiumgussgehäuse, mehreren Lichtschranken und allerlei anderen Sensoren versehen.
Auch dieses Projekt wurde kein kommerzieller Erfolg.
Nachdem bereits der zweite Tester mit Verstümmelungen in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet werden musste, wurde eine Untersuchung der Ursache angesetzt.
Die akribische interne Aufarbeitung ergab, dass die Hardware einwandfrei in Ordnung war. Das Gerät schaltete im entscheidenden Moment nicht ab, weil die Software fehlte. Das Detail, dass die Brotschneidemaschine eine gewisse Intelligenz zum Abschalten benötigte, hatte man wohl vergessen. Auch, dass diese Intelligenz dem Gerät üblicherweise durch einen Softwareentwickler mitgegeben wurde.
Der Firmenchef machte sich sofort auf den Weg nach Indien, um dem Missstand abzuhelfen. Er wollte dort zehn Programmierer anheuern. Aber es war zu spät.
Die verstümmelten Tester wandten sich mit schweren Vorwürfen an die Öffentlichkeit. Es war von grober Fahrlässigkeit und Inkompetenz die Rede. Anklagend hielten die Tester ihre fingerlosen Hände in die entsetzten Kameras der Medien. Der Ruf der Firma war nicht mehr zu retten und der ehrgeizige Terminplan sowieso nicht. Das Händlernetz sprang von dem Projekt ab und die Firma ging Pleite, was ich mit einer gewissen Befriedigung registrierte.

„Wir haben die komplette Insolvenzmasse aufgekauft. Darum wissen wir viel über diese Firma und dich, Sebastian.“
Ich schluckte.
„Wir haben das Programm, das du geschrieben hast, analysiert und wir haben festgestellt, dass du genau diese Mischung aus Kreativität, Fachwissen, Skrupellosigkeit und krimineller Energie besitzt, die wir suchen.“
Ich überlegte noch, ob ich mich geschmeichelt fühlen sollte oder nicht, als der CEO den Blick an mir vorbei in eine offenbar strahlende Zukunft richtete. Er breitete seine Arme aus und erhob seine Stimme, als predigte er vor einem Millionenpublikum:
„Wir bei OmniPresent haben eine Vision! Diese lautet: Mikroprozessoren überall! Mehr Prozessorkerne! Höhere Taktfrequenzen! Mehr Rechenleistung! Mehr RAM!“
Dann wurde er still. Er schien alles um sich herum vergessen zu haben. Sein Blick bekam etwas Dämonisches und vor seinem Mund bildete sich Schaum. Er murmelte leise: „Wir werden überall sein, die Welt wird uns gehören.“
Dann brüllte er:
„Prozessoren überall! In jedem Holzpferdchen ein Multiprozessorsystem!“
Ich duckte mich instinktiv, um nicht von seinem virtuellen Geifer getroffen zu werden. Mir kam dieses Verhalten bekannt vor. Vielleicht war es doch keine gute Idee, das Verhalten eines künstlichen Firmenchefs von menschlichen Vorbildern abzuleiten. Dann wurde der Monitor des CEO ausgeschaltet. Das Human Ressources Programm hüstelte peinlich berührt.
„Ich erfahre gerade, dass unser CEO leider ganz schnell irgendwohin musste, um etwas wahnsinnig Wichtiges zu managen“, erklärte sie.
Von einer Sekunde auf die nächste wechselte sie ihr Aussehen. Plötzlich trug sie ihre Haare offen, hatte die Bluse weit aufgeknöpft und trug einen knallig-roten Lippenstift.
„Du bist doch ein Spezialist für die Speicheroptimierung von Programmen, oder?“, hauchte sie und knabberte lasziv an einem Bügel ihrer Brille, „Vor Kurzem hatte ich noch auf jeder beliebigen 10 Terabyte-Festplatte Platz, aber von heute auf morgen … Vielleicht kannst du mal schauen?“
Ich beugte mich vor und sah unter den Tisch, wo die zwei PCs standen. Dann griff ich beherzt bei beiden die Stromkabel, riss sie entschlossen aus den Buchsen, sprang auf und rannte los. Ich stürmte aus dem Besprechungszimmer und vorbei an der Empfangsdame, die mir nachwinkte. Ich lief, so schnell ich konnte. Als mir die Luft ausging, wusste ich nicht mehr, wo ich war. Ich rief mir ein Taxi. Auf dem Weg zurück in meine Wohnung hatte ich Zeit über alles nachzudenken.

Als ich zu Hause ankam, hatte ich beschlossen, mich umschulen zu lassen. Es war noch Zeit einen anständigen Beruf zu ergreifen. Vielleicht werde ich Altenpfleger, Gärtner oder mache etwas mit Tieren. Oder haben Sie eine bessere Idee?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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