Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 10

Der Verleger Hugo Durand war ratlos. Immer wieder hatte er an der Haustür seines Autors vergebens geklingelt, an die Fenster geklopft. Von Moreau keine Spur. War es die falsche Adresse? Nein, an der Rezeption hatte man ihm bestätigt, Didier Moreau würde im Bungalow Nr. 28 wohnen. Er habe sich keineswegs abgemeldet, noch sei er vorzeitig abgereist. Durand erkundigte sich im Bistro, in der Brasserie, am Kiosk nach Didier. Keine näheren Hinweise. Er sprach Passanten auf der Straße an, zeigte ihnen den Artikel mit dem Foto von Moreau, doch keine Spur. Mit einsetzender Dämmerung war dann eines offensichtlich, im Ferienhaus von Moreau brannte auf jeden Fall Licht. Da mußte etwas passiert sein. Er begab sich erneut zur Rezeption, um die Adresse der nächsten Gendarmerie in Erfahrung zu bringen. Jetzt mußte die Polizei eingeschaltet werden. Der Rezeptionist war so freundlich, gleich die Telefonnummer der Gendarmerie Nationale in Lége zu wählen und übergab ihm den Hoerer. Verleger Durand schilderte kurz die Situation, äußerte seine Befürchtungen und bat um Hilfe. In gut 15 Minuten würde eine Streife der Polizei in die Anlage kommen.

Durand bedankte sich bei der Gendarmerie, beim Rezeptionisten und wartete auf das Eintreffen der Polizei. Er bekam mit, daß an der Rezeption auch Deutsch gesprochen wurde. Vielleicht würde man diesen Service noch benoetigen. Wenige Minuten später fuhr ein Renault der Gendarmerie vor und zwei Officiers betraten den Empfang. Durand stellte sich vor und berichtete noch einmal von der Lage. Natürlich erwähnte er, wer Didier Moreau sei; machte auf die momentane Popularität aufmerksam; äußerte sein Gefühl, das ihm sage, irgendetwas sei hier passiert, zumal im Haus Licht brenne. Die drei gingen zum nahegelegenen Bungalow und da es bereits dunkler geworden war, konnten alle deutlich das Licht im Haus sehen. Die Polizisten klingelten, klopfen, leuchteten mit Taschenlampen durch die Fenster, konnten aber, bis auf eine leichte Unordnung, keine weiteren Auffälligkeiten entdecken. Von Didier fehlte weiterhin jegliches Lebenszeichen.

Die Offiziere wollten sich als nächstes in der Nachbarschaft nach Beobachtungen, irgendwelchen Auffälligkeiten etc. erkundigen. Durand berichtete von seinem Versuch, der an der Sprachbarriere leider gescheitert war und so wurde eine deutschsprechende Person vom Empfang um Hilfe gebeten. In den beiden Häusern zwischen der Brasserie und dem Bungalow von Moreau gab es keine weiterführenden Beobachtungen. In dem Ferienhaus rechts daneben oeffnete jene Frau den Polizisten, mit der Durand schon zuvor das Gespräch versucht hatte. Doch jetzt, mit Übersetzerin, waren die Antworten eventuell ergiebiger.

Und siehe da, Frau Drescher aus dem norddeutschen Uelzen war eine zuverlässige Nachbarin, ihr war offensichtlich nichts, aber auch rein gar nichts entgangen. Der Gendarm kam mit seinen Notizen kaum den sprudelnden Informationen hinterher. Zum Glück brachten die Momente der Übersetzung etwas Ruhe in den Fluß. Also, so Frau Drescher, das Nachbarhaus sei ja wohl ein Taubenschlag. Ein permanentes Kommen und Gehen. Der Mieter habe laufend im Bistro und in der Brasserie verkehrt, aber das sei ja seine Privatangelegenheit. Doch die vielen Besucher, - sie betonte männliche Besucher - das ginge nun entschieden zu weit, würde die ganze gepflegte Anlage hier in Verruf bringen. Ob sie das etwas konkretisieren koenne? Und ob. Kaum sei der Mieter eingezogen, da habe er – das muß aber unter uns bleiben - schon den ersten jungen Mann angeschleppt. Am nächsten Morgen Verabschiedung mit großem Hallo auf der Straße. Wie das zu verstehen sei? Geschrien und gedroht habe der junge Mann, er würde sich das nicht gefallen lassen, das werde er noch bereuen, das ließe er sich nicht bieten usw. Das war ja wohl eindeutig eine Drohnung. Dann, ein / zwei Tage später, geht der kleine, also der Lockenkopf – sie wolle ja nichts gesagt haben - aus Haus Nr. 45 bei unserem Nachbarn ein und aus. Woher sie wisse, das der „Lockenkopf“ in Haus Nr. 45 wohne? Sie habe ihren Mann einmal hinterhergeschickt. Man will doch wissen, was hier gespielt wird.

Wo ihr Mann jetzt sei, wollte der Officier Monet von Frau Drescher wissen. Er habe sich bereits schlafen gelegt, denn tagsüber halte er sich die ganze Zeit am Strand auf, um die anderen Gäste zu beobachten. Äh,ist ja bei den Wellen ganz schoen riskant hier. Ja, und seit letzten Sonntag fährt permanent ein Auto vor dem Haus langsam auf und ab. Da kann einem Angst und Bange werden. Da sie das Fahrzeug mehrfach gesehen habe, wären Details sicherlich zu nennen, Marke, Farbe, Kennzeichen, Insassen? Bei diesen relevanten Dingen mußte Frau Drescher leider passen. Deutsches Kennzeichen, da sei sie sich noch sicher, und drei Personen. Es koennte ein MBW gewesen sein, aber ein älteres Modell hätte ihr Mann gemeint. Die Gendarmen bedankten sich, würden eventuell noch einmal zurückkommen, sollten weitere Fragen auftauchen. Ob es denn eine Prämie für die Aufklärung gebe? Jetzt war für die Polizisten die Zeit gekommen, besser schnell das Haus zu verlassen. Merci Madame. Au Revoir.

Die beiden Officiers de Gendarmerie bedankten sich bei der Dolmetscherin und bei Durand für die bisherige Unterstützung. Sie würden jetzt kurz mit ihrem Chef Rücksprache halten und das weitere Vorgehen festlegen. Wo man Durand erreichen koenne? Als die Rezeptionistin diese Worte hoerte, bot sie den Bungalow Nr. 13 an, der für 3 Tage unbewohnt sei. Das war für den Verleger unter den gegebenen Umständen ideal. Er nahm das Angebot sofort an und zog ein.

Das etwas anstregende Gespräch mir Frau Drescher hatte ein paar Anhaltspunkte gegeben: Da war offensichtlich ein Besucher, der mit Drohungen das Haus verlassen hatte; da war der – wie sie es nannte – „Lockenkopf“ von Haus Nr. 45; und da war das Auto mit deutschem Kennzeichen, das offensichtlich auffallend oft auf der Straße gesichtet wurde. Das von Moreau angemietete Haus  war vermutlich überstürzt, zumindest unaufgeräumt verlassen worden. Es wäre wohl ratsam, den Bungalow etwas genauer unter die Lupe zu nehmen; nach Fingerabdrücken, anderen Indizien Ausschau zu halten, die zur Klärung beitragen koennten. Ein Commissaire de police judiciaire – der deutschen Kripo entsprechend – wurde in die Ferienanlage zur Unterstützung der beiden Gendarmen beordert. Der Beamte der Kripo brachte einen Kollegen der Spurensicherung und einen Durchsuchungstitel für das von Moreau angemietete Haus mit und ließ sich an der Rezeption den Ersatzschlüssel aushändigen.

Während Durand in seiner Villa unruhig auf und ab ging, eine Zigarette nach der anderen rauchte, an Konsequenzen dachte, aber nicht denken mochte; begannen die Polizeibeamten mit ihrer Arbeit. Alle Zeichen deuteten auf einen außerplanmäßigen Aufbruch hin. Kampfspuren, die auf einen Überfall hinweisen koennten, gab es nicht. Entführung? Bisher hatte sich niemand gemeldet. Es hieß, moeglichst viele Fingerabdrücke zu sammeln, die dann hoffentlich weiterführend waren, eventuelle andere Spuren zu sichern, die zur Aufklärung beitragen koennten. Wie zum Beispiel die kleine rote Badehose, die im Wohnzimmer vor dem Sofa auf dem Boden lag. Sie kam sofort in eine Plastiktüte. Was war das für ein Text, der da auf dem Schreibtisch lag? Nach einer langen Nacht schickte ein neuer Tag seine ersten Sonnenstrahlen.

Fortsetzung Teil 11

September 2016

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