Helmut Wurm

Kluge Kidnapper fordern für faule Schüler kein Lösegeld

Kluge Kidnapper fordern für faule Schüler kein Lösegeld

Aus meiner Erinnerung an meinen Dienst als Lehrer an einer ... Schule ist mir eine Klasse in Erinnerung geblieben, die dadurch überall negativ auffiel dass sich in ihr mehr oder minder nur auffällig faule und gleichgültige Schüler zusammen gefunden hatten. Ich erinnere mich noch an die ratlosen, ja entsetzten Anrufe von Firmen auf erhaltene Bewerbungsschreiben für Praktika und spätere Lehrstellen. Ein Personalchef meinte sogar sarkastisch, dass nicht einmal ein Kidnapper solche Schüler mitnehmen und sie Briefe mit der Bitte um Lösegeldzahlungen schreiben lassen würde. Denn er würde sich mit einem solchen Fang nur blamieren. Dunkel blieb mir diese Bemerkung in Erinnerung bis zu dem Tag, an dem ein Wandertag angesetzt war.

Ursprünglich war von mir eine Wanderung von F... über den bewaldeten ...Berg und an dem ehemaligen Silberbergwerk in B... vorbei nach N... geplant. Am Tag vorher war nun ein Mann vor der Polizeifahndung in den Wald geflüchtet und Richtung F... und ...Berg entschwunden. Da der Flüchtende bewaffnet war und als Kidnapper schon eine Akte bei der Polizei hatte, rief ich als besorgter Klassenlehrer am Abend vorher die Polizei an und wurde darauf hingewiesen vorsichtig zu sein. Daraufhin beschloss ich, mich mit der besagten Klasse nur soweit von den Häusern der Siedlung F... zu entfernen, dass wir jederzeit in den Schutz von Bewohnern flüchten konnten, falls der Gesuchte tatsächlich einige Schüler kidnappen wollte, um dann freies Geleit und Lösegeld zu erpressen.

Den Schülern gefiel meine Ängstlichkeit aber nicht, denn so faul sie auch waren, so neugierig waren sie an allen besonderen Ereignissen in ihrer Umgebung. Und dazu gehörte bei einigen der besorgniserregende Wunsch, einmal einen echten Kidnapper kennen zu lernen und schlimmstenfalls eventuell von ihm eine Zeitlang gekidnappt zu werden.

Da erinnerte ich mich an den sarkastischen Ausspruch des Personalchefs und gab den Schülern recht, zu besorgt zu sein. Denn falls der Gesuchte tatsächlich einige Schüler während dieser Wanderung als Geiseln genommen hätte, wäre spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem er Schüler zum Schreiben von Lösegeldbriefen gezwungen hätte, wegen der katastrophalen Ausdrucksweise und wegen der vielen Rechtschreibe- und Kommafehler mit ihrer unverzüglichen Freilassung zu rechnen gewesen. Denn kein kaufmännisch denkender Geiselnehmer entführt faule Schiller, für die kein hoher Preis zu erzielen ist. Denn welche Firma und welche Dienststelle ist schon bereit, für die Freilassung solcher Pannen unseres Schulbemühens größere Summen zur Verfügung zu stellen? Diese Enttäuschung und Erfahrung hätte den Geiselnehmer schnell zu der Einsicht einer " Miss-Entführung" geführt und die gekidnappten Schüler laufen lassen. Der Wandertag verlief auch ohne Zwischenfälle. 

Sollte ich als Klassenlehrer, so meinte ich damals, noch einmal vor einer ähnlichen Situation stehen, würde ich mit dieser Klasse sogar durch einen Wald mit einer ganzen Räuberbande marschieren. Heute denke ich etwas anders darüber, aber der Lehrerfrust muss damals bei mir ausgeprägt gewesen sein.

(Aus den Erinnerungen eines ehemaligen Klassenlehrers, Herbst 2017)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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