Andreas van Appeldorn

Sylvesterfeuerwerk in Paris


 
  In der Nähe des imposanten, übermächtigen Eiffelturms steht ein kleines Karussell.
Bunte Holzpferdchen drehen unermüdlich im Kreis.
Kinder lachen, schreien und winken.
Vergügte Eltern, die ihnen zusehen, winken zurück.
Ein betrunkener Straßenmusikant unterhält sich aufgeregt mit einem Charlie Chaplin Pantomimen.
Menschenmassen in stetiger, ameisenhafter Bewegung – von Termin zu Termin und von einer Sehenswürdigkeit zur anderen – drängen vorwärts.

  Am Ufer der Seine ankern Hausboote.
Bouquinisten sitzen abwartend auf ihren Klappstühlen.
Über drei Kilometer des Nord- und Südufers hinweg erstreckt sich ihr Sortiment (ca. 300.000 Bücher), das sie auf den Mauerwehren zwischen Pont Marie und Louvre – entlang des Quai de Tournelle und des Quai Voltaire – anbieten.
Neugierig spazieren wir entlang grüner Verkaufsstände, die vollgestopft sind, mit:
Antiken Büchern, Comics, historischen Zeitungen, Stichen und Postkarten, Reklameillustrationen, Bildern, Landkarten, Katalogen und allerlei ausgemustertem Ramsch.
Unverhofft entdecke ich ein Tim und Struppi-Comic ('Tintin in the Kongo' von 1987), welches in Deutschland mindestens 400 Euro wert ist. Ich handele es auf 180 Euro herunter und du erstehst wenig später eine Erstausgabe von Louis Desgraves; 'L’ile d’Oleron'.
Auf dieser malerischen Atlantikinsel, die durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist, hatten wir letztes Jahr einen Teil unserer Südfrankreichküstenrundfahrt verbracht.
   In der Metro sitzt ein Clochard auf einer seiner fünf aneinandergeketteten Blechkisten, die er zwischen den Abteilen ausgebreitet hat. Die Untergrundbahn rast von Station zu Station und er frühstückt in aller Seelenruhe; Baguette, Käse, Croissant, dazu eine Flasche Rotwein. 
Den 'König der Nichtsesshaften' umgibt eine Aura innerer Ruhe und Gelassenheit.
Falls Kontrolleure kommen sollten, wird er diesen unkonventionell in Beschlag genommenen Platz mit Sicherheit räumen müssen.
Um so bemerkenswerter empfinde ich seine Gleichmut.
  Am Place Vendôme – einem der königlichen Plätze von Paris, dessen Herrlichkeit und Pracht mit all seinen luxuriösen Boutiquen und Spitzen-Hotels (z.b. das 'Ritz') einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlässt – laufen streng blickende Soldaten mit geölten Maschinengewehren Patrouille.
Unvermittelt werden wir an den Terroranschlag, der drei Tage zuvor auf das Redaktionsbüro von 'Charlie Hebdo' ausgeübt wurde, erinnert und von dem wir zu diesem Zeitpunkt nur eine Viertelstunde Fußmarsch entfernt gewesen waren.
„Der Teufel ist ein Eichhörnchen, das plötzlich überall auftauchen kann“, hattest Du zu mir gesagt.
In ganz Paris sind seit diesem Anschlag Solidarität bekundende Schilder zu sehen, worauf steht:
Je suis Charlie (Ich bin Charlie).
  Die Cathédrale Notre-Dame verschluckt Christen und andere Religionen; spuckt sie wieder aus.
Eine verwahrloste Frau steht gedankenverloren an einer zugigen Ecke und raucht.
  Touristen, teilweise gekleidet wie Hippies, irren auf dem unzulänglich ausgeschilderten Gelände des Gräberlabyrinth des Cimetière du Père Lachaise auf der Suche nach 'Jim Morrisons' (Sänger Doors) Gedenkstätte (Ostfriedhof, 6. Division, 2. Reihe, Grab 5), die sich heutzutage als ungepflegtes, ziemlich armseliges Grab entpuppt, umher.
Sie sind dankbar für jeden Tipp, der sie ihrem verstorbenen Idol näher bringt.
  Im Musée Picasso Paris läuft ein distinguiert wirkender Mann mit schwarzer Augenklappe ungeduldig und zielstrebig von Kunstwerk zu Kunstwerk.
Er macht mit seinem iPad vor jedem – wirklich jedem – Gemälde ein Selfie.
In Sekundenschnelle hat er sein immer gleiches 'Symphatisches Augenklappengesicht' aufgesetzt und lächelt.
Von soviel zur Schau gestellter Eigenliebe und Geltungssucht bin ich wider Willen fasziniert.
Ich ignoriere Picassos Holzziegen-Skulptur, laufe möglichst unauffällig um die Begrenzung herum, damit ich diesen Bilderbuch-Narziss besser studieren kann.
Er bemerkt mich jedoch und schaut mich mit seinem 'einen Auge' vorwurfsvoll an.
Ich gebe mich harmlos und wende mich sofort der hölzernen Ziegen-Skulptur zu. 
Du bist inzwischen mindestens einen Ausstellungsraum weiter gelaufen.
  Später:
Auf der Île Saint Louis vorm Berthillion stehen wir Schlange für eine 'Peche Melba'.
Pro Portion wird ein halber geschälter Pfirsich in Läuterzucker gedünstet, in einer Sektschale auf Vanilleeis gesetzt, mit Himbeerpüree überzogen und zu guter Letzt mit Schlagsahne und Waffeln dekoriert.
Dieses Eis lässt uns dahinschmelzen und ist so sündhaft teuer; dass es weh tut.
  Im Schatten des Luxor Obelisken (22 m hoch) mit der goldenen Spitze, stehen wir mitten auf der
Place de la Concorde.
Im Reiseführer lese ich, dass der 3000 Jahre alte Pfeiler um 1833 in einem Stück von Luxor nach Paris transportiert wurde und ein Geschenk an die französische Regierung war und das sich auf seinem Sockel Zeichnungen befinden, die den damals beschwerlichen Transport beschreiben.
„Andreas, du bist doch an einem Sonntag um 4:00 Uhr geboren“, sagst Du unvermittelt.
„Stimmt, aber wie kommst du gerade jetzt darauf?“
„Heute ist Sonntag und du stehst gerade auf der IV.“
Belustigt zeigst Du auf den Boden und erst da entdecke ich die vielen Linien und römischen Ziffern.
Der Obelisk ist Teil einer riesigen Sonnenuhr.
An seinem Schatten kann die Zeit abgelesen werden; jede Stunde wandert er eine Zahl weiter.
Schnell trete ich aus dem Schatten heraus, zu Dir und küsse den mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, sinnlichsten Mund, der je eine Auster in Paris ausgeschlürft hat.
Dem Glücklichen schlägt keine Stunde.
  Verzauberte Nacht.
Die Lichter der Bateaux Mouches spiegeln sich auf der bewegten Wasseroberfläche der Seine.
Toulouse-Lautrec geistert im Moulin Rouge umher, trinkt zuviel Absinth und schaut den 'Cancan-Tänzerinnen' lüstern unter die Röcke.
Ein Straßenmaler versucht La Solitude (die Einsamkeit) zu malen; er selbst ist der Einsame.
Pünktlich zum Jahreswechsel stehen wir mit Tausenden anderen auf der Straße.
Dem traditionellen Sylvesterfest unserer Heimatstadt sind wir dieses Jahr entkommen.
Um uns herum fröhliche Menschen, verliebte Paare, ausgelassene Stimmung herrscht.
In dem Dreieck Eiffelturm/Trocadéro, Arc de Triomphe und Place de la Concorde ist am meisten los, hierher kommen gegen Mitternacht tausende Großstädter und Touristen zusammen, um sich eine
Bonne Année ('Frohes Neues') zu wünschen und wir – mittendrin.
Seit Tagen freuen wir uns auf das 'Pariser Feuerwerk'.
  Emmanuel (die 330 Jahre alte und mit 13 Tonnen schwerste, der insgesamt 10 Glocken von 'Notre Dame') schlägt Frankreich mit dominantem, selbstbewusstem Klang ins 'Neue Jahr'.
24:00 Uhr!
Ein bombastisches, bizarres Laser- und Lichterspektakel stiehlt der mit Sternen übersäten 'Letzten Vollmondnacht des alten Jahres' glanzvoll die Show.
Der 'Eiffelturm' wird bunt angestrahlt, er glitzert und funkelt, als sei er mit tausenden Diamanten besetzt.
Es gibt keine Berührungsängste.
Menschen verschiedenster Nationen und Religionen jubeln sich zu oder fallen sich in die Arme.
In diesem Moment sind alle gleich.
Ich komme nicht dazu Dir ein 'Frohes Neues' zu wünschen. 
Ein elegant gekleideter Inder, dem ich zuvor höflich zugelächelt hatte, umarmt mich überschwenglich, küsst mich auf beide Wangen und greift mir an den Hintern, als sei dies, das Normalste der Welt.
Sylvester hin oder her, dieses aufdringliche Verhalten geht mir zu weit, entschieden drücke ich ihn weg von mir.
  Wiederholt schauen wir auf deine alte Armbanduhr.
24:06 Uhr
In nicht enttäuscht werden wollender, infantiler Erwartung blicken wir zum Himmel.
Gleich muss es doch losgehen.
„Das Feuerwerk ist geplatzt“, sagst Du.
Ich will es nicht wahrhaben.
Du siehst mein ungläubiges Gesicht.
„Es ist geplatzt, glaub mir“.
Der Sekundenzeiger läuft unerbittlich weiter...
Wie angewurzelt stehen wir auf dem Asphalt.
Bis Du ein Machtwort sprichst:
„Jetzt erstrecht!“
  Wir trinken die Flasche Champagner, die wir zu Ehren des 'Neuen Jahres' dabei haben, aus und dann überlassen wir uns der Menge, tanzen mit Toulouse-Lautrec auf den Tischen, schauen den Doriss Girls unter die Röcke und der Alkohol fließt in Strömen.
Wir feiern bis in die Puppen und das 'Pariser Nachtleben' hat uns, nachdem wir mehr bewußtlos als müde ins Bett gefallen sind, unsere Sünden verziehen und uns noch im Traume hoch und heilig versichert, dass wir nach 10 'Vater Unser' und einem 'Ave Maria' auch in Zukunft herzlich willkommen seien.
Spätnachmittags befinden uns wieder unter den Lebenden, wenn auch verkatert mit 'Dicken Köpfen'.
Aus dem Radio erfahren wir, dass privates und öffentliches Feuerwerk zu Sylvester (aufgrund von Sozialen Unruhen und erwarteter Ausschreitungen, z.b. in Brand gesteckte Autos, Schäden an historischen Gebäuden usw.) von der französische Regierung strikt verboten ist.
Das  große Feuerwerksspektakel ist ausschließlich für den Quartorze Juilliet (14. July, Französischer Nationalfeiertag) reserviert.
  Zwei Tage später:
Am L’Arc de Triumphe, mitten im Kreisverkehr, fährt uns jemand in dritter Reihe mit seiner Peugeot-Rostlaube den Rückspiegel ab. Er echauffiert sich, fuchtelt wild mit einem Arm in der Luft herum, ballt die Faust und hupt drauflos, als sei er selbstverständlich im Recht.
Du fängst hysterisch an zu schreien.
Ich bin ebenfalls entnervt; fahre aber stur weiter.  
Für Franzosen ist so eine Fahrweise anscheinend normale Härte und auch das alles überblickende Roue de Paris (Riesenrad am 'Place de la Concorde') kümmert dieser leidige Zwischenfall wenig, es dreht sich völlig unbeeindruckt weiter ...

  Wieder in Deutschland. 
Wir sitzen gemütlich auf der Couch, trinken ein Glas Bordeaux.
Du lachst.
Das Foto vor den weißen Mauern von Sacré-Cœur de Montmartre zeigt Dein halbes, abgschnittenes Gesicht am linken unteren Bildrand.




  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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