Engelbert Blabsreiter

Die Uhr

Steve war erst seit wenigen Wochen verheiratet, als er in die Stadt fuhr um für das neue Wohnzimmer eine schöne Uhr zu besorgen. Es sollte ein besonders schönes Exemplar sein und mit einem harmonischen Klang ausgestattet. Der elende Krieg war vorbei und die Menschen suchten wieder nach den Dingen, die sie in den Wirren des Krieges verloren hatten. Seine Frau wusste nichts von dem Vorhaben, denn er wollte sie mit einer besonders schönen Wanduhr überraschen.

So betrat er ein neu eröffnetes Uhrengeschäft in der Stadt. Die Wände darin waren mit zahlreichen Wanduhren bedeckt und die Auswahl war für die Nachkriegszeit schon ungewöhnlich groß. Trotzdem hatte Steve sich sehr schnell für eine schöne Wanduhr mit Fichtenholz-Korpus und Klarlack entschieden. Es war einfach genau das, was er sich unter einer schönen Wohnzimmeruhr vorgestellt hatte. Ein vergoldetes rundes Pendel bewegte sich in elegantem Schwung von einer Seite zur anderen und zwei vergoldete schwere Gewichte konnten mit zwei Ketten hochgezogen werden, damit die Uhr und das Läutwerk in Gang blieben. Die vergoldeten römischen Ziffern waren sehr elegant und auch die Zeiger passten exakt zum Design des Zifferblattes. Der Halbstundenton den die Uhr verbreitete war ein harmonisches "Ding Dong" und der Stundenton wiederholte sich je nach vollendeter Stunde. Die Uhr schlug damit um 12 Uhr 12 mal "Ding Dong“. Es war Liebe auf den ersten Blick und so war ihm die Entscheidung ganz leicht gefallen, auch wenn sie für seine Verhältnisse einen gewissen Luxus darstellte.

Als er die Uhr voller Stolz seiner Frau zeigte, schaute sie ihn mit großen Augen an und meinte, dass ihnen das Gebimmle sicher bald auf die Nerven gehen würde und er sollte die Uhr doch bitte gegen eine Uhr ohne Läutwerk umtauschen. Steve erfüllte seiner Frau eigentlich immer jeden nur erdenklichen Wunsch, aber in dieser Sache blieb er hart und hielt an dieser Wohnzimmeruhr fest. Es war einfach die perfekte Uhr für ihn und an das Läutwerk würde sich seine Frau schon gewöhnen.

Und so war es dann auch. Obwohl die Schläge der Uhr ganz leise auch noch bis in das darüber liegende Schlafzimmer zu hören waren, wurde die Uhr ein fester Bestandteil des Hauses. Außerdem wusste jeder, der in der Nacht nicht schlafen konnte, wie spät es war und musste nicht auf die Uhr schauen. Da war nur ein kleiner Makel den die Uhr hatte, der leider erst nach dem Hochziehen der Gewichte, für Uhrwerk und Läutwerk zum Vorschein kam. Es war nämlich nicht möglich die Uhr aufzuziehen, ohne die Position der Uhr zu verändern. Schon eine geringe Veränderung hatte zur Folge, dass sich das Pendel nicht mehr gleichmäßig von einer Richtung zur anderen bewegte.

Kurz nach dem Aufziehen blieb sie dann stehen. Nur mit einigen speziellen Tricks konnte die Uhr daran gehindert werden, kurz danach stehen zu bleiben. Dies gelang nur Steve. Seine Frau und die anderen Mitglieder der Familie waren erfolglos in der Bemühung, die Uhr wieder in Gang zu bringen. Für Steve war es kein Problem und außerdem… es war ja seine geliebte Wanduhr und irgendwie schien die Bewegung des Pendels sowie auch der warme Klang des Läutwerks nur für ihn zu sein. Er sah ihr gerne zu und lauschte dem sanften Ticken des Uhrwerks.

Die Zeit verging wie im Flug und die Uhr begleitete Steve und seine Familie über all die Jahre seines Lebens. Die Geburt seiner Kinder, die zahlreichen gemeinsamen Abende im Wohnzimmer und im Kreis der Familie. Im Lauf der Jahre wurden viele Teile des Wohnzimmers erneuert, tapeziert, Böden verlegt, Couch-Garnituren ausgetauscht, ein Tisch und ein Wohnzimmerschrank gekauft. Die Uhr jedoch blieb unberührt von diesen Veränderungen. Sie war ein fester Bestandteil seines Lebens geworden. Auch als seine Frau nach 30 Jahren gerne ein Modell mit neuerem Design wollte, hielt er an der Uhr fest.

Wichtige Entscheidungen wurden im Beisein der Uhr getroffen und in all den Jahren hatte sie nie ihren Dienst eingestellt, oder die Uhrzeit nicht präzise angezeigt. Als seine Frau viel zu früh starb und er die Abende ganz alleine im Wohnzimmer verbringen musste, dachte er oft über die Meinungsverschiedenheit mit seiner Frau bezüglich der Uhr nach. Erinnerungen die jetzt besonders schmerzten. Die Uhr tickte unaufhörlich und auch an Steve ging die Zeit nicht ohne Folgen vorüber. Zahlreiche Erkrankungen ließen seinen Gesundheitszustand so verschlechtern, dass er im Wohnzimmer in einem Pflegebett schlafen musste. Der Weg über die steile Treppe ins Obergeschoß wurde ihm zu schwer und auch zu gefährlich.

Jetzt war er seiner geliebten Wanduhr im Wohnzimmer noch näher, aber der Klang des Läutwerks riss ihn immer wieder aus dem Schlaf. So wurde das Läutwerk still gelegt und er konnte nur noch dem Ticken des Uhrwerks lauschen und die Bewegungen des Pendels beobachten.

Nachts lag er oft wach und konnte nicht schlafen. Die Stunden bis zum Morgen waren oft unendlich lang, jedoch allein fühlte er sich dabei nicht. Seine geliebte Uhr begleitete ihn ja dabei.

Eines Tages wurde sein gesundheitlicher Zustand so schlecht, dass er ins Krankenhaus musste. Als ihn die Besatzung des Krankentransportwagens auf die fahrbare Liege legte, warf er noch einmal einen langen sehnsüchtigen Blick auf die Uhr, um sich von ihr zu verabschieden. Er wusste, dass er sie nicht wieder sehen würde.

Wenige Tage später verstarb er dann im Beisein seiner Familie im Krankenhaus. Als sein Sohn von der Klinik zurückkehrte und in das Wohnzimmer ging um den Koffer des Vaters dort abzustellen, fiel ihm auf, dass die Wohnzimmeruhr still stand. Sie zeigte die Stunde in der Steve gestorben war. Das Gewicht, das die Uhr in Bewegung halten sollte war ausreichend hochgezogen und es gab eigentlich keinen Grund warum die Uhr stehen geblieben war. Deshalb zog der Sohn sicherheitshalber das Gewicht ganz hoch um die Uhr wieder in Bewegung zu bringen. Seltsamerweise tickte die Uhr weiter, als ob nichts gewesen wäre. Der Sohn wunderte sich, dass sich die Uhr von ihm in Bewegung setzen ließ. Irgendwie kam ihm das seltsam vor. Das war ihm bisher noch nie gelungen und ausgerechnet in der Stunde in der sein Vater starb war sie stehen geblieben...?

Als er am nächsten Tag wieder in das Wohnzimmer seines Vaters kam, ruhte das Pendel allerdings wieder und es ließ sich nicht mehr dauerhaft in Bewegung bringen. Wie schon die letzten Jahre war dies durch ihn nicht möglich. Obwohl der Sohn die Uhr immer und immer wieder in verschiedene Positionen schob und das Pendel anstieß blieb sie kurz danach stehen.

Er setzte sich dabei kurz in den Stuhl in dem Steve immer saß, um zu beobachten ob die Uhr ihren Dienst weiterhin verrichten würde. Die letzten Wochen und Monate zogen plötzlich wie im Zeitraffer vor seinem geistigen Auge vorüber. Da wurde ihm klar, dass er nicht gegen den Willen der Uhr handeln konnte. Er verstand was die Uhr ihm mitteilen wollte. Sie hatte all die Jahre für Steve gearbeitet und jetzt wo er tot war, wollte sie nicht einfach so weiter ticken. Dass sie sich noch einmal kurz für einen Tag in Bewegung setzen ließ, war das Zeichen, dass es Steve gut ging, dort wo er jetzt war. Dass er gut angekommen war….dort wo man schon auf ihn gewartet hatte. So hatte die Uhr in seinem Sinne noch einen letzten Dienst für ihn verrichten können.

©2017 E.Blabsreiter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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