Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 11

Durand hatte die ganze Nacht nicht schlafen koennen. Wie auch? Hatte er irgendetwas falsch gemacht, mußte er sich gar Vorwürfe machen? War es ein Fehler, den Schriftsteller am Urlaubsort aufzusuchen? Diverse Überlegungen plagten ihn. Und als ihm morgens, gerade im Sessel sitzend, die Augen zugefallen waren, klingelte es an der Tür. Er schreckte hoch. Didier? Doch beim Oeffnen der Tür stand der Commissaire von gestern vor ihm, entschuldigte sich für die frühe Stoerung. Auf dem Schreibtisch von Moreau habe man einen Text entdeckt und wollten ihn nun bitten, einen Blick darauf zu werfen, denn er würde sicherlich die Schrift seines Autors sofort erkennen.

Durand warf einen Blick auf das Papier und las: Mon petit chéri / ... Blicke trafen sich und hielten fest, was Hände nicht fassen konnten... Dein junges, offenes, zartes Gesicht, der süße Mund... dunkler Lockenkopf... Deine nackte, gebräunte Haut, nur die kleine, rote Hose... mit den Konturen / Ich träumte von dir bei Tag und Nacht / von Nähe und Zärtlichkeiten /... Nie fand ich dich liegen im Dünensand / nahe den rauschenden Wellen... So fuhr ich denn in Schmerzen fort .... Mein Lockenkopf / mon petit chéri. (Skizze August 84 D.M.)

Keine Frage, das ist eindeutig seine Handschrift, wenn auch nicht sein üblicher Stil. Da die Nachbarin einen Lockenkopf erwähnte, stelle sich die Frage, ob Herr Moreau vielleicht schwul sei. Das koenne die Ermittlungen, zumal man an die drohenden Worte eines anderen jungen Mannes denken müsse, eventuell in eine bestimmte Richtung lenken und beschleunigen. Didier hatte nie seine sexuellen Präferenzen verschwiegen, verheimlicht. Er stand zu seiner Sexualität und lebte sie nicht nur hinter verschlossenen Türen; so die Antwort des Verlegers an die Polizisten. Man habe in der Wohnung mehere Fingerabdrücke nehmen koennen. Der Kollege der Spurensicherung sei damit jetzt in die Gendarmierie Nationale gefahren, um diese zu überprüfen. Vielleicht sei eine Spur dabei. Solange sei Geduld gefordert. Das hieße aber nicht, daß sie untätig sein würden. Ein Gespräch mit Herrn Drescher stand an und dann ein Besuch bei „Lockenkopf“.

Die drei Polizeibeamten goennten sich ein kleines, stärkendes Frühstück im nahen Bistro und besprachen ihr weiteres Vorgehen. Die beiden Officiers sollten sich anschließend die Dolmetscherin aus der Rezeption schnappen und Herrn Drescher aufsuchen, er, der Commissaire würde sich noch einmal in der Wohnung Nr. 28 umschauen, mit dem Bureau telefonieren und dann den kleinen „Lockenkopf“ aufsuchen.

Herr Drescher wurde – fast schon erwartungsgemäß - nicht in seinem Bungalow angetroffen. Seine Frau hatte offensichtlich schon hinter dem Fenster gestanden, denn ohne klingeln zu müssen, wurde den Polizisten die Tür geoeffnet. Nein, Ingo, also ihr Mann, sei schon am Strand. Vermutlich zur Beobachtung der anderen Gäste? Natürlich nicht. Heute seien die Wellen hoch, das Rauschen des Meeres koenne man bis hier hoeren, da kann schnell etwas passieren. Wie sie denn ihren Mann dort erkennen koennten, wollten die Gendarmen noch wissen. Nun, Sandalen, knielange Socken, kurze Hose, kariertes Hemd, Schlägermütze, etwas untersetzt, kleiner Bauch und - und - mit einem Fernrohr ausgestattet. Hatten sie eine andere Beschreibung erwartet? Also, auf zum Strand.

Unübersehbar stand Ingo Drescher aus Uelzen einem Feldherrn gleich am Ende des Holzsteges und beobachtete mit dem Fernrohr vor Augen die anderen Urlauber. Gaffer? Spanner? Was auch immer. Monsieur Drescher? Ja, ja äh - was ist? Wir sind von der Gendarmerie in Lége, hatten gestern bereits mit ihrer Frau gesprochen und würden gern noch ein paar Worte mit ihnen wechseln. Meine Frau hat berichtet. Was wollen sie wissen? Was die Besuche in Haus Nr. 28 betraf, konnte Herr Drescher keine neuen Informationen bieten. Er berief sich weitestgehend auf die Aussagen seiner Frau. Hatte er überhaupt selbst etwas gesehen?  Aber das Auto, das hatte er doch mehrfach auf der Straße fahren sehen, oder? Ja. Nein, das sei kein MBW gewesen, wie seine Frau immer sagen würde, sondern ein alter Opel Record Caravan. Und ganz unauffällig, wie dunkelgrüne Tarnfarbe sei er gewesen. Das Kennzeichen habe er nicht so genau sehen koennen, da seine Augen schon bessere Tage erlebt hätten. Deutsches Nummerschild, da sei er sich sicher, mit OG am Anfang. Mehr koenne er aber nicht sagen. Nun, die Polizei hatte mehr als erhofft  in Erfahrung bringen koennen. Sie wünschten Herrn Drescher noch einen spannenden, ereignisreichen Beobachtungstag am Strand und verabschiedeten sich.

In der Zwischenzeit hatte sich der Commissaire noch einmal in aller Ruhe in der Ferienwohnung von Moreau umgesehen. Im Bett des Verschwundenen schien es stürmisch zugegangen sein, aber für eine Gewalttat im Haus gab es keine Indizien. Alle Fenster und Türen waren geschlossen gewesen, nicht aufgebrochen. Und da das Licht noch brannte, sah es wohl nach einem übereilten Aufbruch aus. Doch warum? Was oder wer war ursächlich dafür? Als der Commissaire gerade zum Telefon greifen wollte, um zu hoeren, ob man in der Gendarmerie schon fündig geworden sei, klingelte es an der Haustür. Waren die beiden Kollegen schon zurück? Er oeffnete und mußte schnell zur Seite treten, sonst wäre ihm der junge Lockenkopf in die Arme gesprungen.

Stephane wirkte im ersten Moment leicht geschockt, nicht Didier sondern diesen fremden Mann vor sich zu haben. Als er sich ein wenig erholt hatte und Worte fand, wollte er wissen, wo Didier sei, was das zu bedeuten habe, was hier vor sich gehen würde?

Der Commissaire stellte sich kurz vor und bat den „Lockenkopf“ mit ihm in die Wohnung zu kommen und Platz zu nehmen. Er moechte sich ein wenig mit ihm unterhalten. Warum? Weshalb? Wo ist Didier? Zunächst wollte der Polizist wissen, wer ihn da gerade stürmisch umarmen wollte? Und Stephane nannte Vor- und Nachname, aus Lyon kommend mit der Familien hier im Urlaub; 16 Jahre alt und – mit Didier befreundet. Ob es vielleicht mehr als „nur“ Freundschaft sei? Wie er das meinen würde, wollte Stephane wissen. Der Commissaire holte eine Plastiktüte mit einer roten Badehose hervor und zeigte sie dem Jungen.

Stephanes Gesicht nahm eine ähnliche Gesichtsfarbe an. Kein Grund sich zu schämen, außerdem sei er kein Kind mehr. Als der Kripobeamte Stephane anschließend das gefundene Fragment eines Gedichts mit dem Titel „Mon petit chéri“ zum Lesen gab, kullerten Tränen über seine Wangen. Ja, sie lieben sich. Doch wo ist Didier? Der Commissaire erklärte ihm, Didier Moreau würde  momentan als vermißt gelten. Seit etwa 24 Stunden gäbe es kein Zeichen von ihm. Stephane moege so gut sein, und von den letzten Tagen mit seinem Freund Didier berichten, vielleicht gäbe es einen Anhaltspunkt. Und „Lockenkopf“ begann zu erzählen.

Fortsetzung Teil 12

September 2016

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