Hans Fritz

Zeit als Ware


Das Amtsgericht Runkelbeuren hat einen in der Geschichte der Justiz bis dato ebenso kuriosen wie einzigartigen Fall zu verhandeln.

Kläger ist der Unternehmer Detlev Warenreich. Beklagenswerter Angeklagter ist der Beamte Karl Justus Sitzenfleisch, von Warenreich beschuldigt, ihm das kostbarste Gut seiner Branche, nämlich Zeit, gestohlen zu haben.

"Ja, Frau Vorsitzende, meine Damen und Herren", ergreift der Staatsanwalt das Wort, "Zeit ist nun einmal kostbar, das heisst, sie ist etwas wert, ist wertvoll, kostet etwas, ist also auch kostenmässig erfassbar, käuflich und verkäuflich, im Sinne des Gesetzes also durchaus eine Handelsware." Die Zuhörerschaft schwankt zwischen Anerkennen und strikter Ablehnung solcher mit Weisheit, aber auch Vehemenz, aufgestellten Thesen. Doch bald pendelt sich die allgemeine Meinung im grauen Feld der Ratlosigkeit ein. "Und eine jede Ware," fährt der wackere Jurist fort, "ist natürlicherweise stehlbar, so auch die Zeit. Jemandem die Zeit stehlen, sei es dem lieben Gott, sei es einem Unternehmer, ist nicht nur eine blasse wie blosse Redensart. Der Tagedieb sollte deshalb im Vokabular unserer Rechtsprechung ein in des Wortes wahrstem Sinne berechtigtes Dasein führen. Nun, Frau Vorsitzende, meine Damen und Herren, der Beschuldigte hat, nach unserer Auffassung, den Tatbestand des Zeitdiebstahls ohne jeden Zweifel einwandfrei erfüllt und ist somit mit einer den Tatumständen angemessenen Strafe zu belegen."

Doch wie ist es überhaupt zur Anklage gekommen, was ist die Vorgeschichte jenes bis zu diesem Augenblick noch mutmasslichen Verbrechens?

Herr Warenreich wollte wegen einer Grundstücksangelegenheit bei der Landesbauaufsichtsbehörde, kurz LABAB, vorsprechen, hatte, wenn auch kurzfristig, einen Termin bekommen, und zwar für Freitag Morgen 8.30 Uhr. Als gegen 9.20 Uhr ihn Sitzenfleischs Sekretärin mit einem ebenso überzeugen wie gewinnen wollenden Lächeln um weitere 20 Minuten zu vertrösten suchte, neigte sich die Geduld des Geschäftsmanns ihrem Ende zu und er fasste zwei Entschlüsse: Erstens, sofort die LABAB zu verlassen. Zweitens, den Herrn Sitzenfleisch des Zeitdiebstahls zu bezichtigen und zu verklagen.

Als ein Mann der Tat, wie es sich für einen rechtschaffenen Unternehmer gehört, setzte Warenreich beide Entschlüsse umgehend in die Tat um. Auf dem Weg zu seinem Anwalt spielte er mit dem Gedanken, für in jener verlorenen Zeit nicht getätigte Geschäfte eine saftige Entschädigungssumme zu veranschlagen.

Sein Rechtsbeistand hat ihm Mut gemacht und krönt nun im Gerichtssaal sein ohnehin schon glänzendes Plädoyer mit einem "redde temporem"- Geben Sie meinem Mandanten seine Zeit zurück!" Damit erntet er Anerkennung auf Seiten der Justiz und erweckt beim Publikum den Eindruck, mit seinem Latein noch lange nicht am Ende zu sein.

Vor der Urteilsfindung wird noch ein Sachverständiger aufgeboten, ein ungewöhnlich grosser Mann, der eine riesige Hornbrille trägt. Er erläutert den Begriff 'Zeit' so: "Physikalisch betrachtet ist Zeit die Differenz zwischen Ereignis A und Ereignis A-Strich am Ort B. Denken Sie einmal an die Sekundenzeiger unserer Uhren ..." Dann werden stehende und andere Wellen mit n Schwingungen pro Zeiteinheit heraufbeschworen, ebenso die Bewegungen der Gletscher, die Jahresringe der Bäume, die Wachstumszonen des Schildkrötenpanzers und der Muschelschale und vieles andere mehr aus dem Panoptikum der belebten und unbelebten Natur. Nach einem so tiefschürfenden, zuweilen das heikle Gebiet der Metaphysik streifenden Exkurs sollte sich die Zeit im Denkprozess eines jeden Zuhörers vom faden Abstraktum zum handfesten, leicht fassbaren Begriff gemausert haben. Alles in allem bewegt sich der Sachverständige gänzlich auf der Seite des Klägers, aber ebenso gänzlich auf der Seite des Beschuldigten.

Sitzenfleischs Verteidiger wird es nun schwer haben. In Windeseile sind alle Vorsätze einer gepfefferten, mitreissenden Rede dahingeschwunden. Zur masslosen Enttäuschung seines Mandanten räumt er gar der 'Zeit als Ware' eine von Zeit zu Zeit den gegebenen Umständen entsprechende Daseinsberechtigung ein. "Nehmen wir einmal an, die Zeit sei tatsächlich eine Handelsware, also handelsfähig, sollte man insofern differenzieren, als sie in den Händen verschiedener Menschen eine verschiedene Bedeutung haben mag, wie ja auch das Geld. Die Hundert-Euronote hat in der Hand des Direktors einen anderen ideellen Wert als in der Hand des kleinen Angestellten. Bei sorgfältigem Abwägen der Dimensionen beruflicher Pflichten unserer Kontrahenten ist die Zeit für einen Menschen umso kostbarer, je weniger er frei über sie verfügen kann. Unter diesem Aspekt, Frau Vorsitzende, meine Damen und Herren, ist Herr Warenreich, zeitlich gesehen, flexibler als Herr Sitzenfleisch, der, stets streng termingebunden, mit kurzfristig anberaumten Besprechungen und Sitzungen völlig überfordert wird."

Die beiden Rechtsbeistände liefern sich in den folgenden 42 Minuten ein äusserst heftiges Rededuell um die Frage, wie man zeitliche Flexibilität juristisch zu formulieren habe. Man müsse sehr wohl zwischen einer permanenten und einer temporären zeitlichen Flexibilität unterscheiden, meint schliesslich Warenreichs Anwalt. Im Übrigen sei Herr Sitzenfleisch seiner Einschätzung nach weit mehr zeitlich flexibel als sein Mandant. Er lässt seine Ausführungen in der Maxime gipfeln: "Für einen Unternehmer ist Zeit gleich Geld, für einen Beamten gleich Gnade." Zünftiger Tadel der Vorsitzenden bleibt nicht aus. Sitzenfleischs Anwalt versucht sein Glück in einer Art von Gegenmaxime: "Wollten wir über jeden so genannten Zeitdiebstahl zu Gericht sitzen, wären wir bald ein Volk von Vorbestraften!"

Schliesslich ordnet die Richterin die Vertagung des Strafverfahrens an. Es sollen noch einige Sachverständige aufgeboten und angehört werden. Staatsanwalt und Rechtsanwälte, weniger die Mandanten, zeigen sich zufrieden.

Das Gericht wird noch viele Tage lang tagen und das Urteil noch lange auf sich warten lassen. Über Zeitdiebstahl zu richten braucht es eben eine schöne Weile und, vor allem, viel Zeit!

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Hans Fritz).
Der Beitrag wurde von Hans Fritz auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Payla – Die Goldinsel I von Pierre Heinen



Auf Payla, der lukrativsten Provinz des Königreiches Lotanko, neigt sich der Sommer des Jahres 962 dem Ende entgegen. Die schier unerschöpflichen Goldvorräte der Insel lassen Machthungrige Pläne schmieden und ihre gierigen Klauen ausfahren. Wer den Winter überstehen will, muss um sein Leben kämpfen, wer über die Goldinsel herrschen will, muss in den Krieg ziehen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Satire" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Hans Fritz

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Denkschärfentiefe von Hans Fritz (Skurriles)
Förderverein der Profiteure (FDP) von Norbert Wittke (Satire)
Frankreich sollte ein neuer Anfang sein...Teil.3. von Rüdiger Nazar (Autobiografisches)