Niklas Götz

Kopfbahnhof

Endlich war der alte Mann mit dem kleinen, hektisch zappelnden Kind fertig. Es hatte mindestens dreimal seine Puppe auf fremde Personen geworfen und sie dann mit großen Augen angestarrt. Der Reisende quetschte sich an ihnen vorbei nach vorne an den Schalter, blickte gestresst einige Sekunden auf die Armbanduhr und drängte sich ganz nah an die Scheibe.
Die Frau mit den heidelbeerblauen Augen hinter dem fingerdicken Sicherheitsglas brummte eine wenig einladende Begrüßung.
„Guten Tag. Wann fährt der Zug nach Bielefeld ab?“, fragte der Reisende.
Die Frau zwickte ihre auffälligen Augen zusammen und raunte, er solle sich einen von den grauen Faltzetteln holen.
„Aber wegen der Bauarbeiten sind die nicht mehr gültig. Es hieß, am Bahnhof würde ich die neuen Abfahrtszeiten bekommen.“
Langsam wurde die Bahnangestellte säuerlich. Sie schlug ihre Tastatur fünf oder zehn Mal kräftig an, drehte den Bildschirm so, dass Claus ein Wirrwarr von Tabellen sah und fragte ihn, ob er die Abfahrtszeiten erkennen könne.
30 Sekunden Schweigen.
Hinter sich hörte Claus jemanden schnaufen.
Die Heidelbeeraugen starrten ihn emotionslos an.
Das ständige Anrempeln, sowie der Atem eines Fremden in seinem Nacken, erzeugte Unbehagen und verriet ihm, dass man es heute wieder sehr eilig hatte.
„Und wie erfahre ich jetzt, wann ich wo einsteigen muss? In genau vier Stunden muss ich in Bielefeld sein!“
Gereizt entgegnete sie, er solle am Besten auf eine Durchsage warten.
Eine patzige Antwort hätte er vielleicht noch eingesehen. Aber diese Standardphrase ging zu weit.
Das hätte er sich auch selbst denken können.
Sie säuselte es spitzzüngig, mit einem hämisch - ironischen Ton, einer Spur Überlegenheit und Selbstsicherheit, einzig zu dem Zweck, ihn endlich loszuwerden.
Aber was sollte er denn auch von den motivationsfreien Bahnangestellten erwarten?
Claus nahm verärgert sein Gepäck und begab sich in die Infrastrukturhölle.
Sofort wurde er von der geistlosen Masse erfasst. Jeder ging in eine andere Richtung, versperrte den Weg, schubste ihn, änderte sein Ziel. Claus blieb nichts anderes übrig, als sich treiben zu lassen. Immer wieder stolperte er beinahe über Koffer, die seinen Weg unvermittelt kreuzten. Wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn, montags um halb acht, musste er bereit sein, jede Sekunde auszuweichen.
Claus blickte zu einer Uhr an der Wand.

Als wäre er von einem Fließband transportiert worden, kam er vor der riesigen Informationstafel zum Stehen.
Es gab eine Uhrzeit für jeden Ort.
Auch für Bielefeld.
Zwei Zeitpunkte waren abgesagt, ein weiterer verspätete sich um eine halbe Stunde.
Sollte sich der Zug nicht weiter verzögern, würde es der Reisende um Haaresbreite schaffen. Auf keinen Fall durfte er diesen Termin verpassen.
Claus hatte bis zur Abfahrt noch rund eineinhalb Stunden zu warten.
Sein Körper entspannte sich.
Gedankenverloren, irritiert davon, nicht in Eile zu sein, wurde er von der Masse weitergetragen.
Er hatte nun zwar Zeit, aber die Zeit hatte trotzdem auch ihn.
Sie hatte ihn fest im Griff.
Wieder kam er überraschend zum Stehen.
Diesmal fragte der Reisende sich, ob die Menschenmasse besser wusste als er selbst, wohin er wollte. Oder wohin er sollte.
Der Kiosk, an dem er ankam, war überfüllt, wie die gesamte graue Halle. Nach langer Zeit, als Claus endlich an der Reihe war, wurde er erneut von einer unfreundlichen, gestressten Person bedient. Nachdem er sich aufgrund geringer Auswahl und großen Hungers ein belegtes Brötchen bestellt hatte, wies sie ihn auf den Preis hin, der natürlich, wie sollte es am Bahnhof anders sein, vollkommen überteuert war.
„Hier. Auf Wiedersehen“, verabschiedete sich Claus, bemüht, freundlich zu klingen.
Er erhielt keine Antwort von der hektischen Verkäuferin.
Schon wurde er weitergeschoben, schaffte es jedoch diesmal, aus dem Menschenstrom zu entfliehen. Der Reisende suchte eine Sitzgelegenheit, um in aller Ruhe seine Brotzeit auszupacken.
Nach einigen Minuten entdeckte er eine beinahe antik anmutende Sitzbank aus dünnen, fichtennadelgrünen Eisenstangen, die das Gefängnisgrau des Bahnhofs durch ihren zweckmäßigen Stil geradezu unterstrich.
Wieder starrte Claus auf die Uhr.
Beim Essen hoffte er kurz darauf, nicht für Salmonellen mitbezahlt zu haben.
Während Claus fünf Minuten später auf dem Weg zum Papierkorb war, fand der Reisende sich mit zu viel Zeit zum Warten ohne eine Beschäftigung.
Einige Zeit lang blickte er auf die Menschen, allesamt auf ein Ziel fixiert, geist- und herzlos, immer auf der Suche nach einer Beschäftigung, wie nutzlos sie auch sei.
Als wären sie maschinell gesteuert.
Dann sah er sich die abstoßend karge Bahnhofsvorhalle an, die Risse in der Wand, die abblätternde grünlich-gelb verblasste Farbe, die von kranken Tauben bevölkerten Mauervorsprünge, die Verkaufsstände und zu guter Letzt die blinden, schmutzigen Fenster und die verschmierten Türen, die die Menschen in diesem Verkehrsgefängnis einsperrten.
Beherrscht wurde dieser Mikrokosmos von der Uhr, die jedem sagte, wann er wo zu sein hatte.
Unvermittelt wurde er angesprochen.
Claus antwortete zuerst nicht. Er blickte den Mann an, hatte überhaupt nicht wahrgenommen, was er zu ihm sagte. Noch ehe er ihn ganz erfassen konnte, murmelte dieser irgendetwas, das Claus nur schlecht verstand, und hetzte weiter. Anscheinend hatte er keine Zeit.
Er schaute wieder auf die Uhr.
Dann fragte er sich, warum er das immer tat.
Nie konnte er nicht in Eile sein. Immer stand er unter Druck. Selbst dann, wenn er genug Zeit hatte.
Aber warum?
Warum versklavte er sich selbst? Warum gab er sich dem Zeitdiktat hin? Welchen Sinn hatte es, das Leben dadurch zu beschleunigen? Warum verkürzte er seine knappe Zeit noch einmal? Sollte er nicht sein Leben bestimmen, anstatt es durch die Zeit bestimmen zu lassen?
Seit Claus sich erinnern konnte, war er nicht Herr über seine eigene Person.
Immer war etwas anderes das Ziel seiner Taten, nie er selbst.
Er hatte den Zweck seines Daseins falsch verstanden.

Eine Durchsage unterbrach seine Gedanken. Der Zug nach Bielefeld fuhr nun doch rechtzeitig ab.
Claus hatte zwar die Idee, sein Leben gleich zu verändern, doch stattdessen wollte er erst einmal an der Konferenz teilnehmen.
Für Veränderungen hätte er später noch genug Zeit.
Wieder wurde der Reisende durch den Bahnhof gespült, durch die enge, niedrige und unheimlich düstere Unterführung, deren Geruch die Stimmung der Leute förmlich betonte.
Sie wirkte wie das Maul eines Ungeheuers, das die Leute durch einen Sog verschlang.
Über die Treppe gelangte er zum Bahngleis, wo nur wenige Menschen standen.
Die plötzliche grelle Sonne brannte in seinen Augen, die Luft war ungeahnt frisch.
Claus fühlte sich, als wäre er nach Jahren in der Unterwelt aus einem Verlies befreit worden.
In seiner Nähe war ein überfüllter Gepäckwagen. Der alte Mann vom Schalter stand dahinter und sprach zu dem Kind, das Claus aber nicht sehen konnte, weil es hinter dem Gepäck stand.
Der Lautsprecher verkündete in seinem monoton - geistlosen Ton die Ankunft des Zuges, auf den er nun schon so lange wartete. Wenig überraschend schloss sich daran die Warnung an, man solle hinter die weiße Linie treten, was eigentlich nie jemand tat.
Ihn überkam wieder das Verlangen, auf die Uhr zu starren.
Er bekämpfte es, in dem er auf den glänzenden Schein des sich annähernden Zuges blickte.
An der Grenze seines Blickfelds sah Claus eine schnelle Bewegung. Markerschütternde Schreie erfüllten seine Umgebung.
Der alte Mann, der sich gerade noch wenige Meter vor ihm mit dem Kind unterhielt, beugte sich nun aufgeregt über die Bahnsteigkante.
Claus wurde bewusst, dass das Kind auf die Schienen gefallen sein musste. Ohne zu denken, rannte er zum Unglücksort. Er schaute sich nicht um, verschwendete keine Zeit, sondern sprang einfach ins Gleisbett.

Er sah noch die Puppe auf den Schienen und hörte den Zug auf ihn zurasen.
Im Fall blieb für Claus die Zeit stehen.
Dann schlug sein Kopf auf den braunen Stahl auf.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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