Helmut Wurm

Sokrates und die 4 Hauptformen von Erziehungsstilen


Sokrates leitet ein kleines Symposium über den richtigen Erziehungsstil. Die Teilnehmer-zahl ist begrenzt, noch mehr die Anzahl der Vertreter der unterschiedlichen Erziehungsstile. Nur 4 Haupterziehungsstile sind vorgesehen.

Vorausgegangen war ein heftiger Streit während einer öffentlichen Diskussion über die Labilität und das Schlingern über Leitziele allgemein in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft und Politik. Es wurde während dieser Diskussion den deutschen Parteien, Politikern und Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft vorgeworfen, sie hätten gar keine festen Zielorientierungen mehr, sondern wären zu einer Phase des Probierens neuer Ideen übergegangen, in der einfach mal ausprobiert werden solle, was geschehe und welche Nutzen und Schäden entstünden, wenn man dieses oder jenes Leitziel oder Gutmenschen-projekt einfach mal erprobe. Man könne dann ja eventuell nach 1 bis 2 Generationen wieder zurück rudern, abschaffen, sich umorientieren, Bewährtes wieder einführen... Es wurden damals als Beispiele die Inklusion in den Schulen, die Gesamtschule für alle, die verbindliche Ganztagesschule, das G-12-Abitur, die Anhebung der Leistungsnoten... angeführt.

Sokrates möchte diesen Vorwurf auch in der Pädagogik verfolgen, sich aber in seinem Symposium auf einen kleinen Kreis von möglichen Erziehungsformen beschränken. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass wenige, aber klare Positionen leichter eine Entscheidung erlauben als eine Vielfalt von Angeboten, die nur verwirrt. So hat er nur 4 Vertreter von 4 Hauptpositionen in der Erziehungsstil-Diskussion eingeladen. Abschließend möchte er das Wichtige der Erziehungsvorschläge aus seiner Sicht vorstellen und eine Empfehlung für ein ausgewogenes Handeln in der realen Erziehung geben.

Sokrates bittet als ersten den Vertreter eines sehr modernen Erziehungsstiles zu reden und seine Position vorzustellen. Der Betreffende führt aus:

1. Die freiheitliche Erziehung/antiautoritäre Erziehung

Der Vertreter: Wir Vertreter der antiautoritären Erziehung gehen von 2 psychologischen Erfahrungen aus: dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass er, vor allem in der Jugend, eine sehr empfindsame Seele hat.

Wie die Forscher des 17. bis 19. Jahrhunderts immer wieder bestätigten waren die meisten Naturvölker zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung friedfertige, freundliche Menschen. Diebstahl, Verbrechen, dem Mitmenschen Schaden zufügen usw., war bei ihnen unbekannt. Erst durch die Berührung mit der europäischen Zivilisation wurden die in einem glücklichen Urzustand lebenden Menschen aus ihrer traditionellen glücklichen kulturellen Bahn geworfen, wurden verunsichert, wurden zu Diebstahl und sonstigen Verbrechen verleitet. Deshalb müssen wir uns in unserer Erziehung diese früheren Naturvölker wieder zum Vorbild nehmen. "Zurück zur Natur" heißt unser Wahlspruch.

Und wenn wir untersuchen, weshalb diese Naturvölker früher so freundlich, friedlich und ehrlich waren, findet man als Grund die damalige Kindererziehung. Die Kinder wurden eigentlich gar nicht erzogen. Sie wuchsen frei und unbelastet von Verhaltensvorschriften auf. Der ihnen zur Verfügung stehende Naturraum war so groß, dass sie bei ihren Spielen niemanden belästigten und keinen schädigten. Gefiel einem der Kinder das Spiel der einen Gruppe nicht, ging es ein Stück weiter weg in die freie Natur und beschäftigte sich anders. So musste sich keiner fügen lernen und die Möglichkeit war eingeschränkt, andere Kinder in Gruppen um sich zu sammeln und ihnen zu befehlen.

Es gab keine Vorschriften, keine festen Verhaltensnormen und keine feste Lern- und Freizeitphasen. Die Erwachsenen versuchten lediglich durch ihr Vorbild auf die Kinder einzuwirken. Denn forderten sie von den Kindern feste Verhaltensnormen, wichen diese in die Wildnis aus, was den Eltern mehr Sorge bereitete, als die Beachtung der Anweisungen Nutzen gebracht hätte. Und weil kein Kind sich dauerhaft über einen anderen Menschen ärgern musste, wurde jedes auf seine Weise hilfsbereit, freundlich und mitmenschlich.

Deshalb vertreten wir die unerschütterliche Überzeugung, dass jegliche direkten Erziehungsversuche Kinder nur zu widerspenstigen, launischen unfreundlichen Wesen machen, dass sie dadurch ihre gute Natürlichkeit verlieren. Wir versuchen nur durch gutes Vorbild indirekt zu erziehe Wir antworten und erklären Dinge nur, wenn wir gefragt werden. Sonst drängen wir uns mit keinerlei Belehrungsversuchen auf. Sollen Kinder etwas nicht tun, versuchen wir sie einfach mit etwas anderem abzulenken.

Gelingt das nicht, dann lernt das Kind durch Erfahrung nach dem Motto "durch Schaden wird man klug". Natürlich ist bei dieser Erziehung, die die natürliche Anlage des Kindes unbehindert sich entfallten lassen möchte, die moderne bürgerliche Sauberkeit und Über-Ordnung nicht zu gewährleisten. Aber diese Sauberkeits-Ordnung stellt ja selbst einen Zwang dar. Wir beachten deshalb als Erwachsene selber nur ein unbedingt notwendiges Maß an bürgerlicher Ordnung, um die Kinder nicht durch schwer zu verstehende Vorbilder zu verunsichern. Es gibt ja Billigautos und Billigmöbel, die Kratzer und Dellen vertragen, mit Farbe kann man bemalte Wände wieder übertünchen. Und Kinderkleidung ist bei uns zuerst einmal Spielkleidung zum Schmutzigmachen und nicht dazu da, die Kinder schön herausgeputzt herumzuzeigen. Den übertriebenen bürgerlichen Wohlstand und die modern Über-Sauberkeit müssen wir aus pädagogischen Gründen also ablehnen, weil sie eine der Haupthindernisse für eine richtige freie Kindererziehung sind. Kindergärten, Schulen und Wohnungen mit Kindern im freien Erziehungsstil sehen deshalb zwar nicht so übersauber aus, wie sich die heutige Gesellschaft wünscht, aber in ihnen wachsen bessere Menschen heran als in der bürgerlichen Sauber-Welt.

Die moderne Tiefen-Psychologie hat uns in dieser unserer Auffassung bestätigt. Die Entdeckung des Unterbewussten hat gezeigt, dass der Mensch, besonders der kindliche Mensch, eine sehr feinfühlige, empfindsame Seele hat, die niemals vergisst, was ihr an Schaden angetan wurde. So wie ein Baum, dessen Aste wahrend des Wachstums eingeengt oder beschnitten wurden, nie mehr die Wuchsform erreicht, die er in völlig freier Natur bekommen hätte, so sind seelische Einengungen bei Kindern das ganze Leben hindurch in irgendeiner Form nachweisbar. Deshalb nehmen mit der Zunahme der Erziehungszwänge die Patientenzahlen der Psychotherapeuten zu, während seelisch kranke Menschen bei den Naturvölkern völlig unbekannt waren/sind. Auch deswegen wird, außer wenn es sich um schwere Gefahren für das Kind oder seine Umgebung handelt, von uns keinerlei Verbote, Strenge, Strafen, böse Worte in der Erziehung angewandt. Wir wollen durch unsere Erziehungsmethode dazu beitragen, dass die Menschheit wieder besser wird, besser als ab der Zeit, wo sie den beglückenden Naturzustand verließ. Das ist unsere feste Überzeugung, deren Richtigkeit sich allerdings erst nach Jahrzehnten herausstellen wird. Deswegen sind wir auch nicht bereit, über unsere Überzeugung zu diskutieren. Wer uns zu unordentlich findet, wer sich an unserer angeblichen Gleichgültigkeit gegenüber dem Tun der Kinder stört, wen unsere Kinder stören, wer sich an unseren Kindern stört, der möge sich von uns zurückziehen. Aber wir ziehen uns nicht von den anderen zurück, denn wir vertreten die bessere, richtige Erziehungsauffassung und vertreten sie selbstbewusst. Kompromisse gehen wir deshalb nicht ein. Wir verlangen, dass der Versuch mit unserer Erziehungsform in allen Familien, Schulen, Kindergärten, Jugendgruppen durchgeführt wird. Erst wenn die langjährige Erfahrung zeigt, dass wir uns geirrt haben, sind wir zu Zugeständnissen bereit.

Sokrates: Das ist eine sehr spezielle selbstbewusste Auffassung von Erziehungsformen und Erziehungszielen, mit der ein Zusammenleben mit Anderserziehenden vermutlich unmöglich sein dürfte... Gehen wir zur nächsten Erziehungsform.

2. Die besorgte, bewahrende Erziehung

Der Vertreter: Wer Jugendliche genauer analysiert, stellt fest, dass sie unsichere, fehler-hafte und unmündiges Wesen sind. Je komplizierter die Kultur wird, desto unsicherer und unmündiger sind Kinder zuerst einmal und desto länger dauert ihr Lernprozess, bis sie sich sicherer fühlen und mit den Dingen und Problemen ihrer Umwelt umgehen können. Sie bedürfen also immer länger der Führung und Betreuung durch Erwachsene. Nicht umsonst ist die Schul- und Studienzeit in den letzten Jahrzehnten immer länger geworden. Und gleichzeitig verweichlicht die moderne Kultur die Kinder immer mehr, so dass sie trotz der modernen Medikamente häufiger erkranken. Es dauert deswegen länger als früher, bis der Erwachsene wirklich mündig, also erwachsen geworden ist.

Das Erwachsenenalter mit 18 Jahren anzusetzen, ist eine rein wahltaktische Entscheidung gewesen. Denn jede Partei hofft, diese noch unmündigen 18-Jährigen möglichst in ihrem Sinne zu beeinflussen und sie zu Wählern zu gewinnen zu können. Erwachsen werden die Menschen heute frühestens erst mit 30 Jahren. Deshalb müssen Eltern und Lehrer die Kinder und Jugendlichen vor Fehlern und Irrtümern bewahren, sie beschützen und leiten, bis die Zeit allmählich herangereift ist, dass die jungen Erwachsenen ihren Lebensweg selbständig gehen können. Kinder und Jugendliche vor Fehlern und Schäden zu bewahren, ist außerdem der schönste Lebenssinn von Eltern und auch von Lehrern. Voraussetzung dafür ist aber, dass Eltern und Lehrer über alles informiert sind, was das Kind betrifft, was das Kind vorhat und plant. Die Erzieher müssen deswegen das Kind nachdrücklich bitten, dass es alles erzählt, was es selber betrifft, damit sich die Erzieher selber um alles mitkümmern, alles mit vorbereiten, bei allem möglichst mit dabei sein können.

Das Kind muss immer das beruhigende Gefühl haben, seine Erzieher sind in der Nähe, nehmen schwierige Entscheidungen ab, entlasten und helfen. Verfrühte Selbständigkeit ist zu vermeiden. Sie verleitet Kinder nur zu trügerischer Sicherheit in ihren Entscheidungen. Zeigen Kinder solche Bestrebungen, muss man ihnen durch Schilderungen von Unfällen, Fehlern und Lebenspannen bei anderen Menschen diese Selbstständigkeits-Bestrebungen unterdrücken, muss man die Kinder/Jugendlichen in ihren Selbständigkeitsbestrebungen verunsichern. Man muss sie darauf hinweisen: "Wenn Du einmal größer bist, dann kannst Du selber entscheiden, jetzt bist Du noch zu jung, alleine durchs Leben zu gehen."

Sind Kinder eingeladen, sollte man sie hinbringen, abholen und möglichst zwischendurch anrufen. Bei Schulfahrten sollte der Koffer für alle möglichen Eventualitäten Vorkehrungen enthalten, damit das Kind beruhigt auf die Reise gehen kann. Man soll es anhalten, täglich von der Reise telefonisch zu berichten. Dem Lehrer sollte man die dringende Ermahnung mitgeben, sich auch wirklich um alle und jedes Kind zu kümmern. Während des Unterrichts muss das Kind jederzeit zum Lehrer gehen können, um ihn etwas zu fragen, um ihm den Fortschritt seiner Hausaufgaben zu zeigen oder um ihm eine Sorge mitzuteilen. Sonst verliert das Kind das Gefühl der Geborgenheit.

Man sollte sich als Eltern aus diesen ernsten Fürsorgepflichten heraus auch nur auf 1 bis höchstens 2 Kinder beschränken. Besser man erzieht 1 bis 2 Kinder richtig, als dass viele Kinder schlecht erzogen werden und zu früh selbständig werden. Aus demselben Grund sind die Schulklassen so klein wie nur möglich zu halten. Bei der Wahl von Kursen sollte das primäre Auswahlkriterium die Kleinheit der Kursgruppe sein. Das ist wie in einem Gartenbaubetrieb. Je länger die Pflanzen behütet im Glashaus wachsen, desto besser entwickeln sie sich später. Deswegen müssen wir sorgfältig beobachten, mit welchen

anderen Erziehungsmethoden unsere Kinder konfrontiert werden. Einflüsse, die unsere Erziehungsziele und Erziehungsform gefährden, können wir nicht dulden. Wir müssen dann sofort sehr energisch aktiv werden.

Sokrates: Das ist eine sehr spezielle selbstbewusste Auffassung von Erziehungsformen und Erziehungszielen, mit der ein Zusammenleben mit Anderserziehenden vermutlich unmöglich sein dürfte... Gehen wir zur nächsten Erziehungsform.

3. Die berufsorientierte Erziehung/die wirtschaftsorientierte Erziehung

Der Vertreter: Die Ansprüche, die die Wirtschaft an die Jugendlichen, Erzieher und Schule stellt, sind hoch und vielfältig. Sie lassen sich mit den Worten "Arbeitsbereitschaft, Fleiß, Partnerschaftlichkeit, Erwachsensein und Gehorsam" umschreiben. Lassen Sie mich das begründe. In der Wirtschaft zählt nicht der Mensch, also nicht der Herr Müller oder der Auszubildende Meier, sondern nur die möglichst perfekte Funktion. Die Wirtschaft benötigt den Schweißer X, den Bankkundenberater Y und die Buchhalterin Z. Alle kosten Geld und sollen der Wirtschaft Geld verdienen helfen. Deswegen müssen alle richtig "funktionieren". Jeder Funktionsfehler kostet Geld, weil Kunden davonlaufen oder innerhalb der Mitarbeiter Konflikte entstehen. Weiterhin kostet Berufsausbildung viel Geld, bis zu 30 000 € im Jahr pro Auszubildendem. Je besser der Azubi schon von Elternhaus und Schule "wirtschaftlich"

erzogen ist, desto weniger Geld kostet er, desto lieber wird er genommen. Das ist eine klare Rechnung für die Wirtschaft.

Zuerst einmal sollte deshalb ein Jugendlicher schon möglichst selbständig sein. Wenn er später nicht gerade am Fließband eingesetzt werden will, dann ist jede Stelle in Handwerk, Verwaltung und Dienstleistung mit mehr Konzentration und Fleiß als früher verbunden und erfordert rasche Entschlüsse. Das Tempo der Zeit erlaubt keine zeitraubenden Rückfragen mehr. Jeder muss selbst richtig und schnell entscheiden können. Deshalb müssen Kinder so früh wie möglich zu selbstständiger Entscheidungsfähigkeit erzogen werden.

Die meisten von ihnen arbeiten später innerhalb einer Betriebsgemeinschaft. Da muss man sich anpassen können. Jeder muss sich an jeden anpassen lernen. Der kleinste Konflikt, die kleinste Spannung mit Kollegen verlangsamt das Arbeitstempo des Teams. Teamgeist, partnerschaftliches Verhalten und Anpassungsfähigkeit müssen deswegen von Jugend an geübt werden Man muss lernen mitzumachen, nicht anzuecken. Das erfordert eine gewisse schauspielerische Befähigung. Niemand darf sich merken lassen, wenn ihn etwas an seinen

Kollegen stört. Ehrgeizige Alleingänger sind unerwünscht, weil sie bei ihren Kollegen Neid und Missgunst hervorrufen. Deswegen muss das Kind in Elternhaus und Schule dazu erzogen werden, sich danach zu orientieren, was gerade die anderen wünschen, selbst auf keinen Fall eine Schwäche erkennen zu lassen oder von sich mehr bekannt werden lassen, als unbedingt notwendig ist. Denn das könnte zu Spott und Ablehnung bei anderen führen, was wiederum das Betriebsklima stören würde.

Weiterhin muss ein Berufstätiger sensibel spüren, was sein Chef wünscht und sich dessen Anordnungen schnellstens und bedingungslos fügen. Wer sich nicht fügt, der fliegt. Ein Chef kann Verzögerungen in der Ausführung seiner Anordnungen nicht dulden. Das würde die Produktivität mindern und der Konkurrenz zuarbeiten. Jugendliche müssen deswegen möglichst früh lernen, dass bei einem Machtwort eines Vorgesetzten keinerlei Einwände und persönliche Meinungen am Platze sind. Selbständigkeit hat dann ein Ende.

Solcher Gehorsam kann dem Jugendlichen am besten in der Schule beigebracht werden. Die Lehrer sollten sich die Aufgabe der Erziehung zur Selbständigkeit, zu Partnerschaft und zum Gehorsam teilen. So könnte der Sozialkundelehrer Partnerschaftsfähigkeit üben, der Mathematiklehrer Befolgung von Anweisungen, der Sportlehrer Selbständigkeit. Oder zwischen den Eltern könnte eine solche Aufteilung der Erziehung abgesprochen werden, je nach ihrem Naturell. Der Vater lehrt Gehorsam, die Mutter Selbständigkeit.

Und zuletzt muss ein Auszubildender möglichst erwachsen sein oder zumindest so wirken. Jegliche Kindlichkeit und Unreife erschwert die Effektivität der Leistung. Der Azubi muss innerlich so erwachsen sein, dass er weiß, dass nur der Erfolg in der Wirtschaft zählt. Die Wirtschaft braucht keine Träumer und mit verspäteten Jugendproblemen belastete Azubis. Sonst sollte der betreffende Jugendliche sich eben 1 Jahr später um einen Ausbildungsplatz bemühen. Die Wirtschaft ist kein Kindergarten.

Es ist deshalb anzustreben, dass die Entwicklungsphase Kindheit möglichst kurz ist. Das kann man dadurch fördern, dass Kinder am Leben der Erwachsenen möglichst viel Anteil haben, dass sie bei allen Gesprächen der Erwachsenen mit dabei sind, dass alle Probleme der Erwachsenen mit ihnen besprochen werden. So erleben sie Kindheit weniger und werden schneller kleine Erwachsene. Das erleichtert ihnen den Berufseinstieg und den beruflichen Aufstieg. Zusammengefasst: In der berufsorientierten Erziehung ist alles zweckbedingt. Der Jugendliche muss zu einem Menschen herangezogen werden, der in wirtschaftlicher Hinsicht optimal funktioniert. Wir brauchen den perfekten Mitarbeiter, nicht den individuellen Menschen. Darauf muss Erziehung vorbereiten.

Sokrates: Das ist eine sehr spezielle selbstbewusste Auffassung von Erziehungsformen und Erziehungszielen, mit der ein Zusammenleben mit Anderserziehenden vermutlich unmöglich sein dürfte... Gehen wir zur nächsten Erziehungsform.

4. Die autoritäre Erziehung

Der Vertreter: Die Kindheit und Jugend ist dadurch gekennzeichnet, dass jeder Heranwachsende gemäß seiner Anlagen und jeweiligen Wünsche individuell das tun will, was ihm gerade einfällt und behagt. Jeder weiß, dass Kinderspiele oft in Chaos und Streit enden. Rücksichtnahme und sich in eine Gemeinschaft einordnen ist für Kinder nicht angeboren. Dazu fehlen noch die Einsicht und die innere Ruhe. Die hat erst der Erwachsene. Eine gesittete Gesellschaft kann aber keinen Wildwuchs, keine Wildlinge dulden. Jede Kultur und Zivilisationsstufe hat ihre festen Normen. Die müssen einem Kind anerzogen werden. Einsicht darüber kann man von einem Kind noch nicht verlangen. Es muss vieles einfach tun lernen, was es noch nicht versteht und was es auch noch nicht tun möchte. Deshalb muss ein solches gesellschaftlich gewünschtes Verhalten mit Autorität anerzogen werden. Klare Anleitungen, die konsequent durchgesetzt werden, sind in der kindlichen Entwicklungsphase wie ein fester Rahmen, der ungezügelte Eigenwilligkeit und Robinson-Crusoe-Verhalten verhindern. Strenge und eine notwendige Unnahbarkeit gegenüber dem Erzieher unterbinden jede unnütze Diskussion über jeweilige Anordnungen. Gerade weil die menschliche Natur zum Individualismus neigt, müssen die richtigen sozialen Verhaltensformen mit konsequenter Disziplin anerzogen werden.

Solche autoritär erzogenen Kinder entwickeln nach einiger Zeit auffälligerweise häufig ein ausgeprägtes Gruppengefühl. Es entwickelt sich das Gefühl, kleiner Teil einer erfolgreichen Gruppe zu sein, sie entwickeln teilweise ein ausgesprochenes Elite-Bewusstsein. Das haben autoritäre Politiker und Organisationen in Staat, Militär, Wirtschaft, Sport und auch Kirche immer wieder ausgenutzt. Denn wenn Jugendliche in einer Gruppe autoritär erzogen und dann in einer Gruppierung zusammengefasst werden, werden alle ihnen innewohnenden Kräfte auf ein Ziel hin gebündelt und sie sind von dem gemeinsamen Ziel durchdrungen. Solche autoritären Gruppen sind deswegen anderen Gruppen in der Regel überlegen. Das war und ist das Geheimnis aller militärischen Eliteverbände, der totalitären Kaderverbände, der strengen Mönchsorden, der totalitären Staatssportverbände. Wer autoritäre Erziehung verhindert, beraubt die Menschheit vieler Spitzenleistungsgruppen und auch einer inneren und äußeren Sicherheit.

Und weiterhin wichtig: Viele Strafdelikte werden dort verhindert, wo Menschen in ihrer Jugend in Form einer autoritären Erziehung einen klaren Verhaltenskodex anerzogen bekommen haben. Je weniger begabt Menschen sind, desto mehr benötigen sie einen solchen anerzogenen Verhaltenskodex auch bezüglich Richtig und Falsch, Gut und Böse!. Ein solches Verhalten lässt sich nicht alleine über das Bewusstsein, über die Einsicht erreichen, sondern letztlich nur über das Unterbewusstsein. Und das Unterbewusstsein bedarf einer langen gleichmäßigen autoritären Prägung, einer gewissen Verhaltensdressur. Denn sind wir doch ehrlich! Der Mensch ist nicht von Natur aus gut, sondern egoistisch, aggressiv und bösartig. Nur eine autoritäre Erziehung kann diese Anlagen zähmen. Wer viel Obst ernten will, lässt Obstbäume ja auch nicht wild wachsen, sondern beschneidet die Aste sehr streng. Genau das Gleiche ist bei den Menschen, besonders bei den Kindern notwendig.

Und noch etwas ist wichtig. Autoritäre Erziehung muss immer mit einer gewissen Härte verbunden sein. Denn das Leben ist hart und wird auch trotz aller sozialen Absicherungen nicht ohne Härten für den Einzelnen bleiben. Darauf muss Erziehung vorbereiten. Denn wir Menschen sind in der Kindheit weich und empfindsam und werden erst durch die Härten des Lebens härter im Nehmen. Und glücklicherweise besitzen wir die Fähigkeit, um unsere ursprünglich weiche, kindliche Seele eine immer rauere Haut zu bilden, so wie man durch körperliche Arbeit feste Hände mit Schwielen bekommt. Wer nicht rechtzeitig gegen die Härte des Lebens abgehärtet wird, der wird schwerer mit der Zukunft fertig werden. Das hat die Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland bewiesen. Die Kinder aus verwöhnten Wohlstandsfamilien verkrafteten diese Zeit erheblich schwerer als rau erzogene Kinder. Eine autoritäre Erziehung gibt also einer Gesellschaft klare Leitlinien für das Verhalten und härtet ab, den Lebenskampf besser zu bestehen.

Sokrates: Das ist eine sehr spezielle selbstbewusste Auffassung von Erziehungsformen und Erziehungszielen, mit der ein Zusammenleben mit Anderserziehenden vermutlich unmöglich sein dürfte.

Ich möchte nun meine Meinung zu dem Gehörten sagen. Jeder von Euch vertritt Inhalte, die in bestimmten Situationen und bei bestimmten Jugendlichen teilweise richtig sein können. Man muss sie dann aber ausgewogen für die jeweiligen Situationen auswählen und zeitgebunden anwenden. Aber durch euere Einseitigkeit, Übertreibungen und Fanatismus schafft ihr überall, wo ihr erzieht, Unruhe und Konflikte. Das erschwert jegliche teilweise, zeitgebundene Anwendung von richtigen Teilaspekten.

Jegliche dieser 4 Erziehungsformen, irgendwo eingeführt, wird nach einer Zeit der Probe und Erfahrungen wieder Gegenauffassungen von Erziehung zwangsläufig hervorrufen und so ein Hin und Her von Erziehungszielen zur Folge haben. Aber gerade Erziehung ist für einen solchen Wechsel zu wertvoll. Ich kann deswegen nur dazu aufrufen, pädagogischen Totalismen abzuschwören und zu einer feinfühligen und ausgewogenen, aber auch mutigen Erziehung überzugehen.

(Aufgeschrieben vom discipulus Sokratis, der an diesem kleinen Symposium als stiller Zuhörer teilnahm)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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