Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 12

Stephane hatte sehr detailliert erzählt, schließlich wollte er alles tun, um seine große Liebe moeglichst schnell wieder in den Arm nehmen zu koennen. Ein paar Dinge blieben dem Polizisten gegenüber natürlich unerwähnt. Der Commissaire hatte ein paar kleine, nebensächliche Fragen. Der „Lockenkopf“ hatte mit dem Verschwinden von Moreau nichts zu tun. Warum er nicht schon gestern gekommen sei, wollte Legrand noch wissen. Doch er konnte nachvollziehbar darlegen, daß er erstens vom Besuch des Verlegers wußte und bei den Gesprächen nicht stoeren wollte und zweitens war er ja Montag deutlich später als vereinbart nach Hause gekommen, mußte dafür ein wenig büßen.

Beide konnten sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Wie es nun weitergehen würde, interessierte Stephane natürlich sehr. Der Commissaire sicherte ihm zu, sobald er nähere Informationen habe, würde er sich bei ihm melden. Und – ob er seine Badehose mitnehmen dürfe? Nein, das ginge noch nicht, aber in wenigen Tagen, nach Abschluß der Ermittlungen, würde er sie ohne Frage zurückbekommen. Es klingelte erneut an der Tür. Commisssaire Legrande bedankte sich für die Kooperation und – vor der Tür warte weitere Arbeit. Sie würden sich sehen. Salut.

Richtig, vor der Tür standen die beiden Gendarmen, zurück vom Strand, vom Gespräch mit Ingo Drescher. Viel war nicht dabei herausgekommen, aber das Auto sei kein BMW, sondern ein alter Opel Record Caravan in dunkelgrüner Farbe und vermutlich mit einem deutschen Kennzeichen mit OG beginnend ausgestattet. Wunderbar. Damit gab es ein weiteres Mosaiksteinchen auf dem Weg zum Gesamt-Bild.

Die drei Polizisten setzten sich zu einer kurzen Besprechung zusammen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Folgende Fragen stellten sich: 1. Koennte es sein, daß Stephanes Vater interveniert habe, um dem Verhalten seines Sohnes ein Ende zu bereiten? 2. Koennten die Dreschers für das Verschwinden von Moreau veranwortlich sein? Ein schwuler Nachbarn scheint nicht zu ihrem Ideal zu zählen. 3. Was war mit dem angeblichen jungen Mann, der laut und drohend das Haus verlassen hatte? 4. Hatten die Fingerabdrücke ein Resultat gebracht? 5. Vielleicht abwegig: Koennte der Verleger doch hinter dem Verschwinden stehen, um einen Marketing-Gag für das neue Buch zu haben? 6. Wo ist das Auto von Moreau? 7. Ist Moreau vielleicht einfach mit seinem oder einem anderen Auto in die Pariser Wohnung gefahren? Fragen über Fragen. Und wie steht es um die Antworten?

Und nicht vergessen – 8. Was hat es mit dem dunkelbrünen Opel Record Caravan auf sich? Es koennte da einen Zusammenhang geben, denn seit dem Verschwinden von Moreau hat auch niemand mehr das Auto gesehen.

Zunächst war es wohl ratsam, mit der Zentrale zu telefonieren, ob die Fingerabdrücke etwas ergeben hatten. Commissaire Legrand griff zum Telefon und siehe da, ja, es waren Fingerabdrücke von mehreren Personen in der Wohnung zu finden gewesen. Das gerade installierte neue automatische System zur Indentifizierung von Fingerabdrücken habe allerdings nur in einem Fall zu einem Resultat geführt: Ganz eindeutig hat ein Jean Bodin, 23 Jahre alt, mal als Kellner arbeitend, meistens als Stricher aktiv, Spuren in der Wohnung hinterlassen. Wenn die in der Datei gespeicherten Informationen noch stimmten, so arbeitet Bodin in der „Bar du Soleil“ in Arcachon und wohne gleich hinterm Bahnhof in der Rue Georges Meran Nr. 14. Das koennte der junge Mann sein, der sich lautstark von Moreau verabschiedet hatte. Zwei der Fragen wären also fast beantwortet.

Monsieur Martin, also Stephanes Vater als Täter zu sehen, hielt der Commissaire für ziemlich abwegig. Der Sohn hatte einen überzeugenden Eindruck von Zustimmung, Akzeptanz, vermittelt. Er hatte nur eine Abmachung nicht eingehalten und wurde dafür leicht bestraft. Ein ganz normales Procedere. Und die Dreschers schieden wohl auch aus. So kleinbürgerlich, spießig -  die würden sich eher ins Hemd machen, als eine Straftat, dazu noch eine so schwerwiegende, zu begehen. Non, non.

Der Commissaire wollte als nächstes mit dem Verleger sprechen, die Fahrzeugfrage klären und in Paris eine Streife zu Moreaus Wohnung schicken. Dudois und Monet, die beiden Officiers, sollten sich sofort nach Arcachon auf den Weg machen und das Gespräch mit Jean Bodin suchen. Vielleicht besser in zivil und zunächst unauffällig in der „Bar du Soleil“ an Bodin herantasten, alternativ den Kontakt zu ihm in dessen Wohnung suchen. Sollte es keine Ermittlungsergebnisse geben, würde heute Abend in den TV-Nachrichten die Oeffentlichkeit um Mithilfe gebeten werden. Zuvor werde noch die Suche nach dem deutschen PKW gestartet. Also - auf dann!

Legrand rief zunächst bei seinen Kollegen in Paris an, schilderte die Situation und bat dahingehend um Unterstützung, einen Wagen zur Adresse von Didier Moreau zu schicken und die Lage zu sondieren. Ein schneller Rückruf wäre sehr hilfreich. Dann begab er sich an die Rezeption und wollte wissen, ob jemand etwas über den Verbleib des PKWs vom Gast aus Haus Nr. 28 wußte. Kein Problem, der Wagen stand seit etlichen Tagen auf dem selben Parkplatz vor dem Eingangsgebäude. Das war also auch geklärt. Weiter ging es zu Durand, dem Verleger.

Natürlich hatte der Commissaire keine Neuigkeiten zu bieten, er wollte aber noch einmal mit Durand sprechen. Ob es sein koenne, daß Moreau nach Paris zurückgefahren sein? Oder an einen anderen Ort? Das glaube er nicht, ausserdem habe er schon mehrfach die dortige Telefonnummer gewählt – ohne Erfolg. Didier, also sein Autor, habe von dem Besuch gewußt; sei immer zuverlässig gewesen. Das würde nicht zu Moreau passen. Der Verleger machte einen sehr aufgeloesten Eindruck. Wollte wissen, ob er irgendetwas tun koenne, um zu helfen, die Suche zu unterstützen. Doch andererseits habe er die Befürchtung, daß vor dem Hintergrund der geraden angelaufenen Diskussion um den neuen Roman von Moreau, boese Zungen behaupten koennten, der Verlag habe das Verschwinden als Marketing-Gag inszeniert. Das sei mehr als abwegig und würde letztendlich negative Auswirkungen haben. Non, non.

Wenn er keine Ideen habe, wo sich Moreau aufhalten, wohin er gefahren sein koennte oder was auch immer, dann müsse er sich in Geduld üben, abwarten. Die Polizei würde in der Zwischenheit natürlich aktiv bleiben. Sollte es bis heute Abend keine neuen Erkentnisse geben, so werde man die Oeffentlichkeit informieren und um Mithilfe bitten müssen. Durand nickte mit schwerem Kopf aber voller Verständnis. Und die Frage nach dem eventuellen Gag hatte sich selbst erledigt. Legrand entschuldigte sich und ging, da es noch einiges zu erledigen gebe.

Monet und Dudois hatten sich auf der Gendarmerie in Lége kurz umgezogen und dann in zivil auf den Weg nach Arcachon gemacht. Sie schauten sich zunächst etwas vor der „Bar du Soleil“ um, bevor sie auf der Terrasse Platz nahmen. Ein junger, schwarzhaariger Kellner war nicht auszumachen. Auch innen war keine entsprechende Servicekraft zu sehen. Als ein Ober an ihren Tisch kam, fragten sie direkt nach Jean Bodin. Moment bitte. War er doch anwesend? Ein älterer Herr kam auf sie zu, stellte sich als Geschäftsführer vor und wollte wissen, womit der dienen koenne. Man würde gern seinen Mitarbeiter Jean Bodin sprechen wollen.  Polizei? Ja, von der Gendarmierie Nationale in Lége. Um es kurz zu machen, Jean ist nicht mehr hier beschäftigt. Er hatte letzte Woche Samstag seinen freien Tag und sei seitdem nicht wieder erschienen. Wir haben ihm die Entlassungspapiere nach Hause geschickt. Kann ich sonst etwas für Sie tun? Danke, ein anderes Mal. Es pressiert heute ein wenig. Wir müssen moeglichst schnell Jean Bodin sprechen. Besten Dank für Ihre Auskunft. Die beiden Officiers  begaben sich auf den Weg in die Rue Georges Meran Nr. 14 und klingelten stürmisch.

Fortsetzung Teil 13

September 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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