Niklas Götz

Entropia

Es ist 12:51 Uhr. Die Entfernung vom Zielort beträgt exakt 358,7 Kilometer beziehungsweise 4 Stunden und 47 Minuten ohne Pausen. Er wird noch genau 121,4 Kilometer oder 1 Stunde und 3 Minuten dem Straßenverlauf dieser Autobahn folgen. Es befinden sich noch 23,3 Liter Treibstoff im Tank.
In 212, 6 Kilometern oder in 1 Stunde und 58 Minuten an einer sich genau an diesem Punkt der Route befindenden Tankstelle wird Treibstoff in einer festgelegten Menge nachgefüllt, der Reifendruck überprüft (exakt 325 kPa), die Scheiben nach einem optimierten Schema streifenfrei mit dem im Kofferaum befindlichen Utensilien gereinigt. Zur Wiederherstellung der geistigen Leistungsfähigkeit folgt die Aufnahme von Flüssigkeit und Stärke in Form von Wasser und Bananen. Dies wird begleitet von der Prüfung des elektronischen Postfachs sowie der neusten Entwicklungen in Politik und Wirtschaft. Gegebenenfalls wird dies ergänzst vom Verschicken diverser Nachrichten, Anweisungen, Reaktionen, Aufträge und Beschwerden während eines durchblutungsfördernden Spaziergangs auf einer festgelegten Strecke.

Diese Beschreibung trifft auf jeden Freitag um 12:51 Uhr zu. Für jede Minute der Woche weiß Walter exakt, was er tut. Alles hat eine sinnvolle, geordnete, effiziente Reihenfolge, die sich durch tausendfache Wiederholung des Rituals bewährt hat. Seine ganze Welt strotzt vor Ordnung.

Diese Ordnung spiegelt sich in seiner Umgebung wider. Alles ist in verschiedenen Grautönen gehalten. Es beginnt mit dem von schwarzen Rauten gespickten Schlammgrau seines Anzugs, hinüber zum Steingrau des Lenkrads, dem Metallicgrau der Kühlerhaube, dem Bitumengrau der Autobahn, dem bläulichen Stahlgrau der Leitplanken und dem feuchten Grau des herbstlichen Himmels. Alles in der Farbe in der Ordnung.
Mit genau 130 km/h bewegt sich Walter in seinem bequemen - wie sollte es anders sein – eisenerzgrauen Sitz auf der Mittelspur. Er lauscht dem leisen Rollen der Reifen über den in festen Abständen unebenen Asphalt, das mühsam gegen das ryhtmische Rauschen des Motors ankämpft. Er spürt die Vibrationen am Lenkrad, welche sich über seine Hände in seinen Körper ausbreiten und ihn mit der Maschine eins werden lassen. Er beobachtet die Autos, die sich regelkonform fortbewegen.
Seine Gedanken entfernen sich vom Bedienen des Fahrzeugs und kreisen um die regelmäßigen Aspahltstreifen, die die Straße bilden, den streng aufeinander abfolgenden Drehphasen des Verbrennungsmotors und der eindeutig formulierten und strukturierten Straßenverkehrsordnung.
Die Vorstellungen beruhigen ihn. Alles hat seinen Platz, seine Reihenfolge, seinen Sinn.
Sicherheit durchströmt ihn wie Pflanzen der Saft im Frühling, gibt ihm Kraft und Zuversicht, lässt ihm seine Aufgaben und seine Arbeit machbar erscheinen.

Im Augenwinkel irritiert Walter eine Abweichung.
Etwas Unerwartetes. Etwas Verstörendes. Etwas Unregelmäßiges.
Von links überholte ihn ein Wagen mit einer weintraubenroten Karroserie. Sofort fielen ihm die dezenten Schlangenlinien auf, die er mit aufheulenden Motor auf der Überholspur fuhr. Lichthupen animierten die Kraftfahrzeuge vor ihm, auf die Mittelspur zu wechseln. Mit schwankendem Auskosten der Breite des Fahrstreifens schlängelt sich der Sportwagen auf der Überholspur mit kritischer Geschwindigkeit gen Horizont. Es war unübersehbar, dass nicht mit der Zurechnungsfähigkeit des Fahrers zu rechnen und jederzeit ein Zwischenfall zu erwarten ist, sodass die bisherigen Nutzer dieses Fahrstreifens ihr Heil in der Flucht suchen und rechts einscheren. Die ausgewichenen Fahrzeuge trauten sich nicht mehr auf die Überholspur.
Wie bei einem Schattentheater war die Wut der Fahrer durch die Heckscheibe auf der Leinwand der Windschutzscheibe zu sehen. Wie eine Pflugschar mit großer Gewalt Gräben in die Erde schlägt, so kann man kilometerweit sehen, dass der weintraubenrote Wagen die linke Spur freiräumt. Wie ein Fischschwarm, der von einem Hai bedroht wird, drängen sich die Fahrer auf die rechten Spuren.
Der Zwischenfall hat Spuren hinterlassen. Die Fahrzeuge waren nicht mehr gleichmäßig auf der Strecke wie Wasser auf dem Boden eines Gefäßes, sondern häuften sich wie ein dicker Brei. Ebenso floss der Verkehr nun auch, sodass Walter bremsen musste. Dies wiederum würde ja seine Fahrzeit verlängern und seine Planung ad absurdum führen – ein inakzeptabler Zustand.
Walter überlegt, ob er seine Planung oder seine Vorgehensweise ändern sollte. Aufgrund des Umstandes, dass er jede Minute der Woche eingeplant hat, bleibt ihm, sofern er nicht in Konflikt mit dem Ordnungsprinzip seiner Zeit geraten will, einzig die Möglichkeit, entgegen seiner Gewohnheit auf die kürzlich frei gewordene linke Spur zu wechseln und so seine Zielgeschwindigkeit von 130 km/h beizubehalten.
Genau dies tut er.

Es fühlt bedrohlich an, mit seiner festen Gewohnheit, einem Ritual zu brechen. Seit Jahren fährt er Mittelspur, dort kennt er sich aus, kann einschätzen, ob jemand auf seine Fahrbahn wechseln möchte. Hier ist er orientierungslos. Auch wenn sich die Situation noch so ähneln mag, auch wenn es kaum eine Änderung der Herausfordungen gibt, auch wenn es so einfach scheint – es ist nicht dasselbe. Ohne Orientierung und Struktur ist Walter verletzlich.
Er achtet auf jedes Detail dieses neuen Moments, aus Angst, etwas falsches zu tun. Unsicherheit überkommt ihn, etwas zu übersehen, einen Fehler zu begehen.
Unbekanntes ist gefährlich. Was man nicht kennt, kann man nicht einplanen. Was man nicht einplanen kann, darauf ist man nicht vorbereitet. Worauf man nicht vorbereitet ist, darauf kann man nicht reagieren.
Panik druchfährt Walter, lässt sein Blut überkochen. Er, der er immer souverän jede an ihn herangetragene Aufgabe löst, fühlt sich mit einem Mal überfordert. Die einfache Frage, ob das rechts vor ihm fahrende Auto gleich auf seine Seite wechseln wird, ohne zu blicken, überfordert ihn. Seine Fuß wechselt ständig panisch von Gas zu Bremse und zurück. Sein Motor scheint ihm plötzlich ungleichmäßig zu klingen, der Asphalt unprofessionell ausgebessert, die Straßenmarkierungen wirken abgenutzt. Unvermittelt fielen ihm die bunten Farben auf, die die Karossieren der einzelnen Autos haben: giftgrün, neongelb, johannisbeerrot, brombeerblau. Die Farben spiegeln sich auch auf seiner Motorhaube wieder, beschmutzen sie, vielleicht sogar entweihen...

Dunkle Gedanken ertränken Walters Geist. Er ist nicht mehr auf dem gewohnten, den geordnetem Weg. Hier war fremdes, feindliches Gebiet. Jederzeit könnte etwas geschehen, dass er nicht bedacht hat. Es gibt nur einen Weg – er musste zurück in sicheres Gebiet. Der Plan war zweitrangig, hier fühlte er sich nicht wohl. Er musste zurück auf die Mittelspur, den sicheren Hafen. Aber wie?
Durch das Geschehen vor wenigen Minuten herrschte noch Chaos. Die ersten Fahrer trauten sich wieder auf die Überholspur, während jedoch die meisten noch darauf verharren. Kaum eine Lücke tut sich auf. Walter ist gefangen.

Dieser Zustand machte ihn noch unsicherer. Normalerweise plant er immer Auswege ein. Doch hier war er nun wohl oder übel mit dem Ungewohnten konfrontiert. Walter versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Er zwingt sich trotz seiner betäubenden Panik weiter zu beschleunigen, um den Zeitplan einzuhalten. Um zusätzlich an Sicherheit zu gewinnen, versucht er, in der Ferne zu erkennen, ob sich der Verkehr vielleicht bald etwas entspannt. Doch stattdessen sieht er, dass das feuchte Grau, welches vor Kurzem noch den Himmel in beruhigender Gleichmäßigkeit bedeckte, durch einen in zahlreichen Farben schillernden Regenbogen überstrahlt wird. Direkt über der Autobahn ergießt sich ein Schauer und macht es unmöglich, zu erkennen, was nur wenige Kilometer weiter bergab vor sich geht.

In Erwartung des baldigen Regenschauers und der dadurch noch unberechenbareren Verkehrssituation drängt es Walter noch mehr, auf seine angestammte Fahrbahn zurückzukehren. Doch er weiß genau, dass er, in Panik geraten, seine innere Ordnung verloren hat und deshalb kaum im Stande ist, richtig zu reagieren. Walter versucht, seine Gedanken zu fassen und zu sortieren, bis sie wieder einen Sinn ergeben. Doch kaum, dass er sich auf eine Impression seines Geistes konzentriert, entfleuchen ihm wieder die anderen, als hätten sie einen Drang, sich möglichst weit zu zerstäuben. Jeder Versuch, Ordnung in sich zu bringen, brachte ihn aufgrund des Scheiterns nur noch mehr in Rage, erregt ihn mehr und lässt damit seine Gedanken noch mehr zerstäuben.
Walter sieht nur noch eine Lösung für sein Problem: Er muss sich schnellstmöglich beruhigen.
Das kann er nur erreichen, wenn er endlich auf seine angstammte Spur wechselt.

Der Ordnung willen, welche ihm Sicherheit und Kraft bringt, muss er es wagen. In der gleichen Sekunde, in der er diesen Entschluss fasst, bricht auch der Schauer über diesen Teil der Autobahn ein. Das Chaos von tausenden von Tropfen, die alle ihren eigenen Weg verfolgen, auf etwas auftreffen, in viele tausend weitere in alle Richtungen zerspringen und dann letztendlich am Boden zu einer wesenlose, gleichförmigen, entindividualisierten Masse verwandeln, die ihm die Steuerung seines Fahrzeugs unmöglich machen und ihm seine Augen durch eine weißlich-graue Wand verschleiern lassen, zerstört jede Selbstkontrolle, die er noch hat.

Ohne einen Blinker zu setzen, was er sonst immer getan hätte, zieht er seinen Wagen in die erstbeste Lücke der Mittelspur, die sich auftat, als ein Wagen auf seine Spur wechselte. In einem spontanen Manöver quetschte er sich hinter diesem grell-orangenen Wagen vorbei. Das dadurch ausgelöste Hupkonzert störte ihn nicht. Nichts war wichtiger als die liebgewonnene Ordnung.

Mit einem Mal fiel die gesamte Panik von ihm ab. Alles war wieder wie gewohnt, wie tausendmal wiederholt und strengstens durchgeplant. Wie bei jedem Regen irritierten ihn nicht die unzählberen Tropfen, sondern er erlöste sich von ihnen mit dem Scheibenwischer. Wie der Scheibenwischer den Schmutz und den Regen entfernt, so wischt der Wechsel auf die Mittelspur auch alle Unruhe und Unsicherheit aus Walters Kopf. Er genießt diesen Moment und schließt unweigerlich die Augen, betrachtet seine streng geordneten und logischen Gedanken, die wieder dort angelangst sind, wo sie sollen: das regelmäßige Rollen des Motors, der Fahrtwind an den Außenspiegeln, die Vibration des Lenkrads. Für eine kurze Zeit verehrt er die absolute Ordnung, die ihn und das Universum vereint.

Er erinnert sich an seinen Plan, und seine neu gewonnene Ruhe und Ausgeglichenheit gibt ihm die Kraft, diesen durchsetzen zu wollen. Walter öffnet die Augen, um die Uhrzeit mit der Position in seinem Navigationssystem zu vergleichen und zu überprüfen, ob er langsamer oder schneller fahren müsste.

Als sich seine Augen langsam öffnen, quillt zwischen seine Lieder zuerst ein unscharfer weintraubenroter Fetzen in der Ferne, der jedoch rasch von mehreren grell-roten und orange-blinkenden Lichten überstrahlt wird. Zu spät erkennt er die Situation, zu spät versteht der die Situation, zu unvorbereitet ist er für das absolute Chaos.

Noch ehe er mit seinem Fuß die Bremse niederdrücken kann, ist sein Plan für immer zerstört.
Aus den mit Verstand und Logik zu einem Ganzen zusammengefügten Teilen wird ein vorschöpferisches Chaos.
Mit einem lauten Knall fällt die Ordnung in sich zusammen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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