Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 13

Die beiden Officiers klingelten noch einmal, klopften kräftig gegen die Tür mit dem kleinen Namensschild „Jean Bodin“. Langsam, ja vorsichtig  wurde geoeffnet und vor ihnen stand, nur mit einer knappen, bunten Unterhose bekleidet, ein wohl sehr müder, recht verschlafen wirkender junger Mann. Jean Bodin? Was ist? Wer sind Sie? Was wollen Sie? Wir sind von der Gendarmerie in Lége und müssen mit Ihnen sprechen. Sie zeigten kurz ihre Ausweise: Pascal Dudois, Jean Monet – Officiers de Gendarmerie de Nationale. Bodin warf einen gelangweilten Blick darauf. Das geht jetzt nicht, ich habe einen Freund zu Besuch. Einen Freund? Ja, sagte ich doch, einen Freund. Keinen Freier, Kunden? Was soll das heißen? Das es da wohl kleine Unterschiede gibt, oder? Was wollen Sie? Machen Sie es kurz? Geht es um den Job? Ich habe nichts geklaut. Das interessiert uns nicht. Was interessiert Sie dann? Zum Beispiel, was Sie in den Nächten von Freitag auf Samstag bzw. von Montag auf Dienstag gemacht haben? Woher soll ich das wissen. Entschuldigen Sie, aber ich bin müde und moechte jetzt schlafen. Sie werden doch wohl noch wissen, wo Sie sich aufgehalten haben? Monsieur Bodin, entweder Sie beantworten jetzt unsere Frage, oder Sie kommen mit uns zur Gendarmerie?

In diesem Moment trat mit eiligen Schritten hinter Jean Bodin ein kräftiger Mann auf, der sich gerade noch das Oberhemd in die Hose stopfte. Zerzauste Haare. Bedrohung? Dudois griff schon zu seiner Waffe, doch der Fremde bat, die Ruhe zu bewahren. Er habe vielleicht richtig gehoert, die beiden Herren seien von der Polizei? Und mit wem hat die Gendarmerie es zu tun? Der Fremde wollte in die Tasche greifen; wurde vom Polizisten zur Ruhe ermahnt. Er sei ein Kollege. Ebenfalls von der Polizei und dann zeigte er sofort seinen Ausweis: „Lieutenant de Police“. Während die drei Beamten miteinander sprachen, stand Jean Bodin gähnend und gelangweilt daneben. Der Lieutenant konnte schließlich bestätigen, die entsprechende Nacht von Montag auf Dienstag mit Jean hier in dieser Wohnung verbracht zu haben. Also hatte Jean Bodin dafür ein Alibi. Zu dem anderen Zeitpunkt koenne er keine Aussagen machen.

Bodin meinte sich dann zu erinnern, am Freitag bei einem Freund in Cap Ferret gewesen zu sein. Einem Freund? Ja. Stimmt, wir haben Ihre Fingerabdrücke in der Wohnung des angeblichen Freundes gefunden. Warum er beim Verlassen lautstark gedroht habe, interessierte die Officiers? Ach, der Typ wollte nicht bezahlen, hat mich vor die Tür gesetzt. Dann wäre das auch soweit geklärt. Die beiden Polizisten notierten sich noch die Ausweisdaten des Kollegen und wiesen ihn abschließen darauf hin, daß er ja wissen würde, was für Konsequenzen eine Falschaussage mit sich bringen würde. Natürlich sei ihm das bekannt, klar. Er bat seine Kollegen, jetzt etwas leiser sprechend, um ein wenig Diskretion bezüglich dieser Begegnung, er habe schließlich .... Oui, oui,  schon Verstanden. Au revoir.

Dudois und Monet verständigten unverzüglich über Funk den Commissaire. Es sah auch hier nach Fehlanzeige aus. Sie wollten, daß keine Zeit verloren ginge. Legrand hatte schon eine Rückmeldung aus Paris erhalten. Moreau war offensichtlich seit über einer Woche nicht mehr in seiner Wohnung gewesen. Auch dort gab es in der Nachbarschaft so eine Frau Drescher. Er würde jetzt Kontakt mit der Direction centrale de la police judiciaire (DCPJ) aufnehmen, um die Information für die abendlichen Nachrichten zu veranlassen und um ein Hilfeersuchen an die deutsche Polizei bezüglich des Fahrzeugs mit OG-Kennzeichen zu starten. Die beiden Kollegen von der Gendarmerie begaben sich zurück nach Cap Ferret.

Zu den 20-Uhr-Nachrichten saßen die drei Polizisten in Bungalow Nr. 28 zusammen vor dem Bildschirm. Gleich die zweite Meldung bei France2 brachte die gewünschten Informationen. Didier Moreau, der bekannte Schriftsteller, dessen neuer Roman in diesen Tagen für großes Interesse in den Medien sorgt, werde vermißt. Es wurde ein Foto von Moreau gezeigt, ein brauchbares, aktuelles, ein sehr gutes sogar. Der Autor sei seit Montagabend nicht mehr gesehen worden. Wer irgendwelche Hinweise auf den Aufenthalt von Monsieur Moreau geben koenne, moege bitte umgehend die nächste Polizei oder die eingeblendete Telefonummer anrufen. Im Zusammenhang mit dieser Meldung  koennte ein dunkelgrüner Opel Record Caravan stehen. Das Fahrzeug trage ein deutsches Kennzeichen mit den Buchstaben OG beginnend. Auch hier koennten entsprechenden Hinweise an die noch einmal eingeblendete Telefonnummer gegeben werden. Andererseits würde jede Polizeidienststelle eine diesbezügliche Meldung entgegennehmen.

Nun hieß es abzuwarten, ob die Meldung eine Resonanz haben würde. Die Nachrichtensendung lief noch, als es an der Tür klingelte. Durand hatte France2 gesehen und wollte wissen, ob sie wirklich der Meinung seien, daß das Fahrzeug etwas mit dem Fall zu tun haben koennte. Das würde dann doch wohl Entführung bedeuten, oder? Wie wird es jetzt weitergehen? Zunächst abwarten. Legrand berichtete noch, man habe mit der deutschen Polizei wegen des Fahrzeugs Kontakt aufgenommen. Sobald wir Näheres wissen, werden wir uns melden. Er moege jetzt bitte gehen. Ist Durand frei von jeglichem Verdacht, daß er detaillierte Informationen über unsere Arbeit erhält, warf Monet in die Runde. Der Verleger war genau in dem Moment aufgetaucht, als der Autor verschwand. Gut, er hatte sich an die Polizei gewandt, aber das koennte auch eine Ablenkung gewesen sein, gab der Polizist zu bedenken.

Gerade hatte Durand das Haus verlassen, als es erneut an der Tür klingelte. Nein, es war nicht Frau Drescher von nebenan, die sich nach dem Preisgeld für sachdienliche Hinweise erkundigen wollte. Vor der Tür stand, mit Tränen in den Augen, ein leicht zitternder, besorgter Stephane. Legrand nahm ihn in den Arm, versuchte ein wenig Trost zu spenden. Der Aufruf im Fernsehen werden mit großer Sicherheit den Weg zu Didier weisen. Bis jetzt gäbe es keinen Grund zur Sorge. Die Polizei sei optimistisch und unternehme alles, um seinen Freund zu finden, und er solle den Kopf nicht hängen lassen, die Hoffnung nicht aufgeben. Wenn wir etwas Neues erfahren, werde er es sofort zu wissen bekommen.

Und kaum war Stephane schweren Herzens wieder gegangen, da ertoente das Telefon. Die Direction (DCPJ) der Kriminalpolizei meldete sich. Es gäbe erste Hinweise bezüglich der Suchmeldung in Sachen Moreau. Wie nicht anders zu erwarten, wollte man ihn zwar zur gleichen Zeit an den unterschiedlichsten Orten in ganz Frankreich gesehen haben. Das war bei jeder Suchmeldung so. Alles für die Tonne. Bis auf einen sehr intressanten Hinweis: Da hat sich jemand gemeldet, der heute früh auf einer Raststätte in der Nähe von Strasbourg einen entsprechenden grünen Wagen gesehen haben will und auf dem hinteren Sitz habe eine Person geschlafen, die mit dem Vermißten Ähnlichkeit habe. Die Kollegen in Strasbourg hätten sich alles notiert, die Raststätte noch einmal aufgesucht, natürlich jetzt, etliche Stunden später, das Fahrzeug nicht mehr gesichtet.

Das koennte passen. Die Strecke vom Cap Ferret kann man in der Zeit zurücklegen, das Kennzeichen OG steht für Ortenaukreis, was früher einmal Offenburg war, und der Weg vom Atlantik, vom Bassin d´Arcachon nach Offenburg führt direkt an Strasbourg vorbei. Eine erste heiße Spur? Aber was sollte das Motiv sein? Entführung? Ohne Forderung durch die Entführer? Doch nur ein Strohfeuer? Wenn jetzt die deutschen Kollegen noch mit Details zum Fahrzeug und seinem Halter kommen würden, dann....

Wenig später meldete sich noch einmal die Direction centrale de la police judiciaire und teilte dem Commissaire Legrand mit, in der Redaktion von „Le Monde“ in Strasbourg sei ein Brief im Postfach gefunden worden, der folgenden deutschen Text beinhaltet: „Sofortiger Stopp der Berichterstattung zum Roman „Tage in Paris“. Schluß mit der Beleidigung der Deutschen Wehrmacht. Dieses Machwerk voller Geschichtsfälschung gehoert verbrannt, aber nicht veroeffentlicht. Das ist Lügenpresse. Entweder der Roman wird sofort vernichtet, oder wir vernichten den Schriftsteller. Als Gutmachung für die Beleidigungen fordern wir eine Million Franc in bar. Moreau ist in unseren Händen. Unternehmen blonder Hans.“ Auf einem beigefügten schlechten Foto war ein hoffentlich nur schlafender Didier Moreau zu sehen.

Fortsetzung Teil 14

September 2016

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Gefahr für Burg Bentheim von Mathias Meyer-Langenhoff



Ein spannendes Buch für Mädchen und Jungen ab 10 Jahre um eine spannende Reise in längst vergangene Zeiten, bei der es manches Abenteuer zu bestehen gilt. Für Kinder ab 10.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krimi" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Hummerbeinchen & Chablis - Teil 3 von Wolfgang Küssner (Krimi)
19“ von Klaus-D. Heid (Krimi)
Heute...Tag des Mannes...pah ! von Rüdiger Nazar (Ernüchterung)