Paul Theobald

Wie ein Fass ohne Boden

Vor 30 Jahren heiratete ein ehemaliger Schulkamerad von mir. Ich war zur Hochzeit eingeladen. Die Braut war rank und schlank, während der Bräutigam schon an Leibesfülle zugelegt hatte. Nach einigen Jahren traf ich die damalige Braut in der Innenstadt. Ich hätte sie nicht erkannt, wenn sie mich nicht angesprochen hätte. Mittlerweile hatte sie den damaligen Bräutigam an Leibesfülle eingeholt, ja sogar noch übertroffen. Danach traf ich den Schulkameraden und er erzählte mir, wie glücklich er ist, was seine Frau alles kann. Zum Schluss sagte er, bevor wir uns verabschiedeten: „Und essen kann sie, wie ein Fass ohne Boden!“ Ich sagte zu ihm: „Das Aussehen hat sie bereits. Du musst nur noch den Boden entfernen!“

 

Ich ging in  eine Kneipe. Dort traf ich einen Arbeitskollegen. Als er mich sah, sagte er: „Komm‘ setz‘ dich zur mir! Wir trinken einen!“  Der Arbeitskollegen war schon sternhagelvoll,  und ich sagte zu ihm: „Du hast doch schon genug.“ Aber er antwortete: „Nein, glaub‘ mir, ich kann trinken wie ein Fass ohne Boden! Als er sich nach einer halben Stunde auf den Heimweg machen wollte, sprach er zu mir: „Ich weiß nicht, wie ich nach Hause kommen soll. Ich werde ein Taxi nehmen.“ Ich sagte zu ihm: „Wärst du ein Fass ohne Boden, könntest du rollen und wenn du ausgelaufen bist, könntest du wieder laufen!“

 

Es war auf dem Strohhutfest in der Stadt Frankenthal (Pfalz). Ich traf einen ehemaligen Sportkameraden. Ich wusste, dass er Unternehmer geworden war und ein Maschinenbauunter-nehmen hatte. Vor einigen Jahren war es schlecht um dieses bestellt. Die Belegschaft musste Lohnkürzungen hinnehmen. Aber nun berichtete er mir stolz: „Ja, vor einigen Jahren waren wir in einer Krise. Wir hatten den Anschluss bei den neuen Technologien verloren und waren deshalb nicht mehr konkurrenzfähig. Aber heute haben wir den modernsten Maschinenpark. Du glaubst ja gar nicht, wie toll die Maschinen laufen: Rund um die Uhr, ohne Unterbrechung, bei voller Höchstleistung.“ Dann machte er eine Pause und sprach weiter: „Nur der Mensch macht da nicht mit! Der wird müde, muss essen und trinken, muss ausruhen, muss eine Pause machen, muss zur Toilette, muss eine Zigarette rauchen. Wir bräuchten einen Menschen, der,  wie die Maschine, rund um die Uhr läuft!“ Ich antwortete ihm: „Ich verstehe, einen Menschen, der,  wie ein Fass ohne Boden zu füllen ist, arbeitet.  Hoffentlich wird es so etwas nie geben!“

 

Ich war auf dem Nachhauseweg, als ich schon in einiger Entfernung einen Bekannten sah, der starr auf ein Blatt Papier schaute. Ich dachte:  Was hat er Wichtiges zu lesen? Er wäre achtlos an mir vorbei gelaufen, wenn ich ihn nicht angesprochen hätte. Er sagte zu mir: „Ich habe dich nicht erkannt. Du  wirst es mir nicht glauben: Ich habe ein sechsstelliges Guthaben auf der Bank. Jetzt kann ich mir etwas leisten! Ich werde ein neues Haus bauen und eine Weltreise machen. Aber von dem Geld kann man nicht genug bekommen! Und wie geht es dir?“ Ich antwortete: „ Ich habe kein Guthaben auf der Bank, sondern mein Konto ist überzogen, ich wohne in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, werde kein neues Haus bauen und auch keine Weltreise machen.“  „Du bist zu bedauern!“ gab er mir als Antwort. „Ich bin zufrieden, wie es ist. Aber du wirst das nicht sein, denn du kannst nicht genug  Geld bekommen. Du bist wie ein Fass ohne Boden!“ entgegnete ich ihm.  „Aber ich kann mir etwas leisten und du nicht. Du bist doch nur ein armer Schlucker!“ war seine Reaktion  und damit verabschiedete er sich.

Es vergingen einige Tage. Ich saß am Frühstückstisch und schlug die Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ auf. Zuerst las ich den Lokalteil und danach die Sportseite. Dann blätterte ich die Zeitung durch, was noch Wichtiges darin stand, als mein Blick zufällig bei den Todesanzeigen hängen blieb. Hatte ich richtig gesehen? Mein Bekannter, mit dem sechsstelligen Bankguthaben, stand in der Zeitung. Ich musste nochmals hinschauen. Tatsächlich, er war verstorben. Und ich dachte: „Von deinem vielen Geld hast du nichts mehr. Deine Erben werden sich freuen!“

 

Die Zeit, die uns zum Leben bleibt, ist kein Fass ohne Boden. Sie ist begrenzt. Nur wissen wir nicht, wann sie abgelaufen ist.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

Und weil ich begriff wie lang und wie kurz der Weg zwischen beiden ist, nahm ich ihn auch wahr und so ist mir heute jeder Schritt es wert eingehalten zu werden, weil hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt und sichtbar wird.

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