Hartmut Wagner

Alt und Allein

Ödipus Lustig erwachte kurz um fünf Uhr morgens. Eine Stunde später lärmten die

Müllmänner durch die herunter gekommene Straße im Dortmunder Norden nahe beim Borsigplatz. Der unruhige Schlaf starb endgültig.

In dem sehr renovierungsbedürftigen Mehrfamilienhaus aus der Gründerzeit wohnten überwiegend ausländische Familien, türkische, bulgarische, rumänische, sonst außer Ödipus nur zwei alte Frauen, Berta, die aufgeschwemmte Säuferin, und lnge, eine Messin,

Sie sammelte alles, was ihr in die Hände fiel. ln ihrer Parterrewohnung führten schmale Gänge durch Müllberge von einem zum anderen Zimmer. Dass die Mitbewohnerin dürr wie eine Zaunlatte war, half beim Durchqueren des Abfallchaos.

 

Die Mieten lagen anders als die Wohnqualität jenseits von gut und böse. Der Vermieter presste die Bewohner seiner Bruchbuden aus. Das beabsichtigte er fortzusetzen, bis zu einer unumgänglichen Kernsanierung. Dann waren die jetzigen Mieter fällig.

Die neuen Eigentumswohnungen einschließlich eines pompösen Penthauses, wollte er nur „anständigen“, also wohlhabenden Menschen vermieten: Studienrät(inn)en, Ärzt(inn)en, Rechtsanwält(inn)en, solventen Architekt(inn)en und anderer zahlungskräftiger Kundschaft. Der Wandel des Dortmunder Viertels mit schlechtem Ruf zum angesagten Schickimickiquartier mit Edelboutiquen, Sushirestaurants und allem anderen angesagten Konsum- und Speisenfirlefanz geisterte beständig durch seine bizarren Miethaiträume.

Die sehr gemischte Wohngegend bezeichnen die zahlreichen, oft in Personalunion mit den Borussenultras verbundenen Dortmunder jungen und alten Nazis gern als Kleinizmir oder Intemationalistan. Das Viertel kennzeichnen Dönerbuden, Penny, Aldi, Lidl, Shishabars, Sonnenstudios am Existenzminimum, miefige, hochstaplerisch Casinos benannte Spielhöllen, Läden für orientalische Hochzeitsmoden, Seconhandanbieter(inne)n, Gebrauchtautogeschäfte voller schrottreifer Rostlauben, Ramschläden, Kik, Tedi, Woolworth, die üblichen Kioske mit Flaschenbier und dem Lügenblatt „Bild", Hinterhofmoscheen der DITIB, in denen AKP-lmame die undemokratische Steinzeitlehre des Prophetensultans Erdogan verbreiten, und ein abfallreicher Park voller Hundehaufen, in dem Dealer und Fixer um Preise feilschen.

An diesem unfreundlich kalten Novembermorgen des Jahres 2014 fragte sich der 73 jährige Rentner wie so oft an den schlaflosen Frühmorgen zwischen fünf und sieben: „Hat das überhaupt noch irgendeinen Zweck? Ich bin überflüssig, hässlich und alt! Nichts wird besser. Dauernd renne ich zum Zahnarzt oder anderen Doktoren und nachts zig Mal zum Klo. Ich habe einfach überhaupt keine Lust mehr aufzustehen. Was solI's? Niemand ruft mich an. Keiner besucht mich. Ich kann hier liegen und verschimmeln. Wer merkt das schon? Zu dieser vergammelten Sifibude passe ich richtig gut! Und zu Berta und Inge auch! Ich wundere mich nur, dass diese alte Messitante mich noch nicht eingesammelt hat.

Berta soll früher mal schön wie der junge Frühling gewesen sein, schwarze Locken, Augen wie blaue Seen, ein strammes Figürchenl Und jetzt! Ein trauriger Wabbelklops mit fettigem, ungekämmtem Grauhaar, der sich in die Hose kackt und pisst, von oben bis unten bekotzt und nur im Suff sein elendes Glück findet.

Inge war früher eine einflussreiche Dortmunder Journalistin! Dann hat sie ihr Ehemann betrogen, dieser aalglatte Versicherungsfritze. Das hat sie nicht verkraftet! Könnte mir nie passieren, Messi aus Liebeskummer, nee! Schon weil ich in der Schule immer aufgepasst habe. Vor allem bei Deutschlehrer Penno! Der hat uns in der Oberstufe mitgeteilt: ,Für ein Mädchen oder eine Frau aus dem Fenster springen? Nein, nein, nein! Das lohnt sich nicht!

Wenn unbedingt, dann höchstens aus einem zu ebener Erde! Es gibt so viele junge und alte Damen! Da wird jeder von euch schon was finden! Außerdem, Kuchen essen, verreisen, lesen, mit dem Fahrrad fahren, Fußball spielen, das ist doch auch schon was! Es gibt so viel zu tun und auch zu lassen. Die ganze Welt steht offen. Was mumıelst du dahinten Lustig? ,Ficken ist gesund!?' Weißt du überhaupt, was das ist? Aber natürlich nur, wenn man vorher gewisse Schutzmaßnahmen ergreift! Ich habe jetzt das Alles dir zuliebe überhört. Mit Syphilis ist jedoch genauso wenig zu spaßen wie mit verfrühtem Kindersegen.

Doch im Übrigen stimmt es: Sterblichkeit,Tod, Furcht und Zittern, Not und Unglückvergessen Menschin und Mensch am leichtesten beim Ficken, Vögeln, Raspeln, Rammeln oder wie ihr das sonst nennt.

Literatur, Malerei, Theater, Kinos, Philosophie, das ganze Leben und unsere Erde sind voll davon. Die Milliarden Menschen hat keineswegs der Klapperstorch gebracht. Ihr habt zumindest ein Mal euren Vätern Spaß gemacht. Wie das bei euren Müttern war? Das

wissen die allein. Und jetzt wieder zurück zum Faust: ,Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren, ist ehrenvoll und bringt Gewinn.' und ,Ihr Mann ist tot. Er lässt Sie grüßen! Wer hat das wo gesagt und welche inhaltlichen Fragen kommen da zum Ausdruck. Kann mir das der Herr Lustig oder ein anderer Schlaukopf vielleicht mitteiIen?'

Der Penno wusste einfach alles über Faust I und II. Und jede Stunde bei ihm hat Spaß gemacht. Das war ein Typ! In seinem grünen Ledermantel zog er über den Schulhof und an seiner Zigarette, wenn er Aufsicht hatte. Sein Kopf unter dem schütteren Blondhaar hatte etwas Fischiges. Wegen des vorspringenden Kinnes und der verrauchten Grauhaut sah er aus wie ein weiser Hecht.

Beugte Penno sich während einer Arbeit hilfreich zu mir herunter, roch ich kalten Zigarettenrauch und Deutschlehrer, einen der besten, und ich hatte immer ziemlich gute.

Doch sein Ende! Fürchterlich! In der Zeit nach der Pensionierung wollte er einen Faustkommentar, den Faustkommentar schlechthin, schreiben. Ein Standardwerk!

Pflichtlektüre aller Germanistikstudenten und -professoren! Das war des Lehrers größter Traum.

Auf späteren Klassentreffen erfuhr ich dann: Er wurde leider niemals wahr, warum auch immer. Der Mann schaute in seinen letzten Tagen und Jahren zu tief und zu lange in zu viele Gläser.

Ach Penno, das lohnt doch nicht, aus Lebensüberdruss zu saufen! Da gibt es doch so vieles andere: Kuchenessen, Fahrradfahren! Ficken, Bumsen, Rammeln, dass die Schwarte kracht! Doch nein, als alter Knacker und verheiratet mit einer alten Frau! Was bleibt da noch? Was bleibt da noch? Was bleibt da noch?

Au, was ein Mist! Mein linker Arm! Den packt ein Schmerz. Die Schulter und sogar die Hand. Das trifft mich immer öfter in der letzten Zeit. Vielleicht sollte ich mal zum Arzt gehen? Nein, nein! Es reicht der Zahnklempner. Vor drei Monaten vier Stunden da! Für eine simple Brücke. Da bohrte er und bohrte. Dann schließlich nähte er und nähte, nähte, nähte. Und ich musste aufs Klo, ganz schnell pinkeln. lmmer schlimmer quälte mich das.Und was das alles kostet!?

Doch er? Er nähte, sprach: ,Gleich piekst es etwas. Tut aber gar nicht weh.“

Der einzige Trost die junge Zahnarzthelferin. ,Ist alles in Ordnung Herr Lustig?', fragte sie mit besorgter Feenstimme und beugte sich ein wenig vor. Ich spürte eine warme, zarte Hüfte und Duft nach Jugend, Leben. Ah, tat das gut in dieser Folterwüstenei! Ein Folterer braucht nur einen Zahnarztstuhl und Schrauben, Bohrer und so weiter.

Au, sakra! Der verfluchte Arm! lch stehe jetzt auf und gehe ein Bisschen hin und her. Das hat mir bisher immer noch geholfen.“

Lustig hob mühsam seinen Rumpf, drehte den Hintern, langsam, langsam und schwang die Beine wacklig auf den Fußboden. Dann stemmte er beide Hände auf den Bettrand und stand auf. Er ging im Zimmer auf und ab. Dabei grübelte vor sich hin: „Schon mein Vomame! Der Vater fand ihn toll, ein Verehrer des alten Sophokles! Und dann noch Lustig! Das passt zu Ödipus wie rot zu blau und grün! Ja, ja, der alte Nazispruch, noch in den Fünfzigern modern: ,Rot und blau! Pollacksfrau! Rot und blau und grün! Pollackenkostüml'

Andere Naziweisheiten waren ebenfalls noch aktuell. ln der Grundschule schallte es gelegentlich braun aus Lehrermund: ,Jetzt aber schleunigst Ruhe! Wir sind hier doch nicht in einer Judenschule!' Doch mein Alter nannte mich Ödipus und das bei diesem Nachnamen. Ödipus, der den Vater ermordete und die eigene Mutter schwängerte. Ja, ganz besonders lustig ist das wohl. .

Ähnlich wie unser Leben: Anfangs am Rock von Oma, Mutter, Tanten, Schwestern warm geborgen: Was ein süßes Kind! Ein richtig holder Knabe!

Am Ende aber, Sabber aus dem Mund und in der Hose Pisse, braune Streifen! lm ganzen Körper Schmerzen, Schwäche, dumpfes Umvermögen, Atemnot und Todesangst. Du stinkst nach Greis. Und in der Nacht und morgens, ein Arm, den Panzer überrollen oder Kettensägen malträtieren und Atemnot und Todesangst. Und überall Gespenster, böse Geister um dein Bett! Die Namen, einige wenige, die kennst du noch. Die meisten hast du längst vergessen, wie fast alles. Vergangenheit, Schlamm, gestaltlos, breiig, ganz weit weg, so weit. Du warst ein anderer, durch und durch jung und stark und hoffnungsvoll!

Da, jetzt schon wieder! Dieser Schmerz. Er sticht mit scharfen Messern in den Arm und beißt mit spitzen, bösen Zähnen zu. Muss ich sterben? Schon mehr als eine halbe Stunde lauf ich auf und ab. Ein Herzschlag oder Schlaganfall? Oh, Pest und Cholera! Doch endlich! Langsam wird es besser.

Und ja, ich selbst, dem Namen nach ein Ödipus der Gegenwart, besuchte einst im

Bochumer Schauspielhaus Sophokles und Ödipus, den alten, wahren, dramatischen und tragischen. Ein Freund mit Doppelabonnement, dessen Lebensgefährtin an diesem Abend verhindert war, hatte mich zum Sophoklesstück „Ödipus auf Kolonos“ eingeladen!

Ein überaus hervorragendes Sprechschauspiel, ganz ohne viel Theater und Klimbim, traf nach mehr als zweitausend Jahren mein Herz vor allem mit den Worten: ,Klage nicht, das Unglück verschont keinen !'

Damals war ich gesund, vital, ein Optimist! Nichts konnte mich erschüttern. Doch irgendwie, sehr komisch, wusste ich genau: Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. ,Alle Menschen sind sterblich. Ödipus ist ein Mensch. Also ist Ödipus sterblich.'

Der Syllogismus des Aristoteles! Der Webfehler des Menschenlebens! Wir kommen auf die Welt, um irgendwann zu sterben, bleiben ganz allein im Tod. Welch ein Sadist hat sich das ausgedacht! Jahve, Allahl? Der nackte Aberglaube! Schon eher Hanuman, der Affengott der Hindus!

Uns retten weder Gott noch Kaiser noch Tribun! Unsterblich und gesund und glücklich können wir Menschen uns in Zukunft nur selbst und ganz allein mit Menschenkräften machen. Vernunft, Vernunft, Vernunft! Und Wissenschaft! Toleranz und Solidarität und Internationalität! Und Liebe, Liebe, Liebe! Kreativität und Phantasie! Nicht aggressive Lügenpropheten, keine Götzenl Kein religiöser Wahn und Hass! Kein „ln-Die-Fresse-Hau-Führer"! Nein zu Fanatismus und Gewalt! Leider leben wir noch in der Gegenwartshölle, und Dummheit und Gewalt regieren oft! Deswegen sterbe ich auch bald. Obwohl, der Arm! Jetzt nirgendwo noch Schmerz. Und nicht mehr leben, wäre das. denn schlimm? Alle sind weg. Du lebst in dieser Höhle.

Ja damals, Radikalenerlass und der liebe Willy Brandt. Die haben dich als Lehrer aussortiert. Das konnten sie, doch dich brechen, niemals, nein! Nur Einsamkeit und Schmerzen, das Alter und der Tod, die schaffen das.

Damals, vor vielen, vielen Jahren, Ende der Siebziger, warst du, Ödipus, Stehaufmännchen aus Leidenschaft, bald nach dem Rausschmiss aus dem öffentlichen Dienst Leiter der Dortmunder privaten Fit-Sprachschule. Das sieht man es mal wieder: Wer will, der kann! Ach, vielleicht ist das auch Quatsch!

Allerdings, so mancher saurer, fauler Apfel blieb dir nicht erspart als Chef, jawohl, als Leiter, Führer gar!

Du musstest den leitenden Regierungsschuldirektor reich bewirten und den Grüßaugust markieren, um für das Hinterzimmerinstitut mit viel zu kleinen Klassenzimmern und darin viel zu vielen Schülern die staatliche Anerkennung und schließlich immerhin einen Jahresumsatz von über einer Million DM zu erreichen. Du schlugst dich durch. Den Chef interessierten nur der Gewinn pro Quadratmeter Fläche und ein reich gefülltes Konto.

Pädagogik und Didaktik, böhmische Dörfer, gingen ihm am Arsch vorbei.

Du gewannst den Prozess gegen ein Fuhrunternehmen, das mit einem Lastwagen, die Leuchtreklame über dem Schuleingang zerdeppeıt hatte: „Sprachschule Fit nimmt jeden mitl“

Du kalkuliertest Motivationskurse für Langzeit-Arbeitslose auf Geheiß des Chefs zu total überhöhten Preisen. Machte nichts! Das Arbeitsamt bezahlte dank Herrn Achtens alles.

Der stand auf der Liste, großer Freund der Schule. Sie wuchs und wuchs. Sieben Klassen Deutsch für Spätaussiedler aus Russland! Ein monatlicher Einnahmenblock von 35000 DM. Noch einmal 35000 bezogen ein obskures Berufsförderungswerk und sein Chef Boetgens für nichts, rein gar nichts. Doch die Kontakte seines Leiters zu Hinz und Kunz aus der Verwaltung, ja, die waren Gold wert.

Ich stellte langzeitarbeitslose Lehrer ein, ein ehemaliger katholischer Pfarrer darunter, sehr lieb, doch nicht besonders fähig. Die bezahlte ein Jahr lang das Arbeitsamt und nicht die Schule, freundliche Kostenübernahme durch den Staat und Mehrgewinn für den privaten Wirtschaftssektor.

Der Regierungsschuldirektor bemerkte selbstverständlich die viel zu kleinenKlassenzimmer und die heiße dicke Luft darin an schwülen Sommertagen.

Du beauftragtest einen Elektromeister mit dem Einbau zweier Ventilatoren in jeder Klasse und beruhigtest den Regierungsherrn aus Schlauberg im Sauerland: ,Ach, Herr Direktor Grüther, mir ist ja klar, die Klassenzimmer sind sehr klein. Doch hier, die Ventilatoren, schaffen schon ein Bisschen Linderung, verbessern zumindest ein klein wenig die Lernatmosphäre, zeigen unsern wirklich guten Willen. Die Schule besuchen ja nicht ohne gute Gründe in jedem Schuljahr immer mehr Schüler.

lm nächsten Sommer, das verspreche ich, ein leidenschaftlicher Pädagoge, da wird alles besser. In den großen Ferien erfolgt ein Um- und Erweiterungsbau großen Stils. Die Baupläne sind fertig. Die neuen Verträge mit unserem Vermieter, dem  Versicherer „Quaxa-Die Risikominimierer“, sind unterzeichnet und die Finanzierung des Projektes durch unsere Bank, die „Deutsche Allrounder-Bank, Ehrlich und Sicher“ steht bombenfest.'

Tja, das war schon widerlich und kaum noch zu ertragen! Doch überleben musste ich auch irgendwie. Ich konnte mich kaum noch im Spiegel ansehen, ohne zu kotzen.

Doch dann, im Winter 1990, da platzte mir dann irgendwann der Kragen. ich saß zum Abendessen mit meinem Chef im Haus Overkamp an der Wittbräuckerstraße vor einer ansehnlichen Fischplatte. Mein Chef, der überall Kommunisten witterte, wollte meinen besten Lehrer, Herrn Gerlich, los werden. Der war gleichzeitig Mitglied der Lehrergewerkschaft GEW und Lehrerratsvorsitzender. Der GEW gehörte und gehöre ich immer noch selbst an. Sie hatte mir bei vielen Rechtsproblemen den besten Anwalt, Dr. Wiese aus Recklinghausen, gestellt. Mein Vorgesetzter Semedra, der von meiner Mitgliedschaft nichts wusste, sprach: ,Den Gerlich, diesen Kommunisten, müssen Sie los werden, unbedingt. Der fordert einen Stundenlohn von 50 Euro! Völlig durchgeknallt! Die

kriegen doch schon 15! Mehr als genug! Und obendrein will er für unsere Angestellten genauso viele Ferientage wie im öffentlichen Dienst! Doch niemals, nein! Und wenn ich diese Schule schließe! Sie gehen nächste Woche Montag zum Herrn Westhälter vom Unternehmerverband und lassen sich beraten, wie Sie den Gerlich am besten loswerden.'

Herr Westhälter, ein schmaler bebrillter Fan seiner Karriere und des Kapitals, riet mir: ,Das ist ganz leicht, diesen Kommunistenstrolch zu feuern. Provozieren Sie ihn! Notfalls beleidigen Sie ihn, bis er ausrastet und Ihnen eine runterhaut bzw. einen Fausthieb versetzt! Sie werden sehen! Das funktioniert wie geschmiert. Dann viel Spaß! Aufwiedersehen! Ich habe noch zu tun! Termine, Termine! Termine!'

Das war zu viel! Ich kündigte und fand nie wieder Arbeit. Freunde und Frauen, auch Verwandte mieden mich mehr und mehr. Schließlich Hartz IV, diese Bruchbude! Das hat man von Moral und Rückgrat!

Und der Arm! Da platzt gerade eine Granatenladung! Ich falle um! Was ist nur mit mir los? Ich liege am Boden! Höre, sehe alles! Doch kann mich nicht bewegen! Kein Bein, keinen Arm, noch nicht einmal den kleinen Finger! Sprechen, rufen alles nicht mehr möglich. Und diese Schmerzen, zucken durch mich durch. Es ist soweit! lch bin erledigt.“

Es begann zu regnen. Die Tropfen trieb ein böiger Wind an die schmutzigen, halbblinden Fensterscheiben. Schwarze Dunkelheit füllte das Zimmer, in dem Lustig bewegungslos auf dem Boden neben seinem Bett lag. Die Türen zur Küche und zum Korridor mit der Eingangstür standen offen. Der Rentner hörte alles, was sich im Treppenhaus abspielte.

Nacheinander trampelten die zwei jüngsten Kinder des Türken Mehmet durchsTreppenhaus zur Schule. Ali, der Benjamin und seine ältere Schwester Aische. Der Erste zählte acht, die Zweite zehn.

Der Älteste Muhammad, mittlerweile zweiundzwanzig, verheiratet und nach Stuttgart gezogen, das intelligenteste unter Mehmets Kindern, bereitete schon vierzehnjährig seinem Vater Kummer. Der Jugendliche sah nicht ein, wieso er jeden Tag spätestens um zehn Uhr abends in der elterlichen Wohnung sein sollte und zeigte auch keine Vorliebe für regelmäßige Moscheebesuche am Freitagabend. Ein paar Mal hatte er schon in der Wohnung Lustigs oder in dem Messimüll lnges übernachtet. So konnte er dem Zorn des väterliche Patriarchen entgehen, wenn er nach zweiundzwanzig Uhr heimkam.

Muhammad hatte seinem zeitweisen Obdachgeber Ödipus einmal mitgeteilt, warum er die Freitagsgebete und -predigten verabscheute: „Ewig diese monotonen Sprüche: 'So sprach der erleuchtete Prophet Mohammed, der vielnamige, allmächtige, allerbarmherzigste, Allah segne ihn und schenke ihm Gesundheit, Reichtum und Ansehen: 'Gebt Euch nicht mit den Ungläubigen und den Juden ab, denn sie verbreiten nur Lügen und wisset, dass die Frauen den Männern als ihre Äcker untertan sind, die sie pflügen und betreten können, wann es ihnen gefällt. Gelobt seien Allah und sein Prophet, allbarmherzig, mächtig, weise und allewig!'

Das ist doch alles Käse! Und dann immer diese Hetze auf die Juden! Fast an jedem Freitag! Nein, nein, nä! Ohne mich! Das kommt mir schon aus den Ohren raus!“ Irgendwann war es Ödipus gelungen den dreizehnjährigen Muhammad und seine Schwester Elif, das zweitälteste der vier Kinder Mehmets, zwei Jahre jünger als der Älteste, für äußerst kleine Monatsbeiträge an der Waldorfschule nahe beim Dortmunder Zoo unterzubringen. Die ersten Türkenkinder auf der Dortmunder Waldorfschule! Doch leider nur ein Zwischenspiel. Bei einer Radtour auf Rügen entwendete der Junge aus einer Bäckerei Blätterteigröllchen, die mit Spinat gefüllt waren. Damit hatte er sich für den unverzüglichen Schulverweis qualifiziert.

Elif, die völlig unschuldige Schwester, meldete Vater Mehmet auch gleich ab.

Es kam noch schlimmer. Bei einem Überfall bewaffneter Räuber auf die Sparkasse am Borsigplatz stand Muhammad zwei Jahre später Schmiere. Ein anderthalbjähriger Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt Siegburg war die Folge. Als Lustig noch ein Auto besaß, fuhr er mit der gesamten Mehmetsippschaft einmal auf Besuch dorthin.

Nach dem Gefängnisaufenthalt verkaufte Muhammad eine Zeit lang Versicherungen. Eine besonders Günstige drehte er seinem Vater an. Der merkte erst ein paar Monate danach, was ihm der Sprössling da aufgeschwatzt hatte. Später reagierte Mehmet im Gepräch mit Ödipus immer gleich ärgerlich, wenn die Rede auf seinen Ältesten kam: „Muhammad böse, sehr böse! Aber nicht böse nur! Muhammad ganz kloppt! So kloppt! Ich das nicht verstehe! Legen eigene Vater rein! Muhammad kloppt! Total kloppt! So kloppt!"

Ödipus schmerzte allmählich der Rücken. Langsam meldeten sich auch Hunger und Durst. Doch bewegen konnte er sich keinen Millimeter weit. Immerhin hörte er alle Geräusche sehr deutlich und nahm auch die Lichtfetzen aus den Scheinwerfern vorüber gleitender Autos an den Wänden wahr.

Ali und Aische hatten Lustig enttäuscht. Die Kinder drückten manchmal auf die Schelle im Treppenhaus. Dann lachten sie laut, rannten weg und sangen in Sicherheit gut vernehmlich: „Lustig ist das Zigeunerleben!“

Doch heute verzichteten sie auf das Klingelmännchenspiel. Vielleicht wären sie sonst zu spät zur Schule gekommen. Nach dem Schrittegepolter der Türkenkinder blieb es längere Zeit still im Haus. Trotz Schmerzstichen und -schnitten im Brustraum, heftigen Hungers und staubtrockener Kehle. die nach einem Wasserfall verlangte, samt intensiver Druckgefühle auf Schultem und Rücken schlief der Rentner irgendwann ein.

Er träumte. lm Traum zerbiss er eine schmackhafte Bitterschokolade mit ganzen Nüssen. Ein Backenzahn brach ab. Er löste ein Kettenreaktion aus. Nacheinander fielen alle Zähne aus dem Oberkiefer und nicht lange danach fühlte seine Zunge auch im Unterkiefer keinen einzigen Zahn mehr.

Ödipus erwachte, wollte mit der Zunge seine Zähne berühren. Doch sie klebte wie eindicker Lappen in seinem Mund. Jede Anstrengung blieb vergeblich. „Ich bin verloren, wenn mich keiner findet. Schon seit vierzehn Tagen ist hier keiner mehr eingetreten. Und warum sollte sich das ausgerechnet jetzt ändern, wo ich hier halbtot vor mich hin verwese?

Was für eine blödsinnige Vorstellung, die vom barmherzigen allmächtigen Gott! Wäre ich er, sofort gäbe ich mir Gesundheit und Jugend zurück, eine ansehnliche gemütliche Wohnung, ein Bisschen Geld, ausreichend Freizeit und eine angenehme Arbeit. Existiert aber ein Gott, der diese Welt mit all ihren Gemetzeln, den Kindermorden, Krankheiten und Schmerzen, den Todeskämpfen wie meinem, dem elenden Verrecken zig anderer und Millionen Naturkatastrophen zulässt, dann ist er entweder nicht allmächtig oder ein sadistisches Schwein.

Ach, ich bin nur noch ein fast ausgetrockneter Klumpen Fleisch, gedörrt und gepökelt. Steven Hawking, diese unglaublich zähe lntelligenzbestie hat Recht: ,Gott ist nichts als eine vollkommen überflüssige Hypothese', und Karl Marx auch: ,Religion ist Opium des Volks.' Ich ergänze das mit Nietzsche: 'Gott ist tot!', und mit meiner eigenen Ansicht: Und wenn er lebt, ein stinkender Scheißhaufen! Ach, wie ich dieses schleimige Gottgesäusel hasse!

Legte mir doch wenigstens Mehmets süße, kleine Aische ihr kühles Händchen auf die Stirn! Wie schön, blickte sie mich aus ihren dunklen Äuglein an. Und ihre schwarzen Locken und die kleinen Öhrchen! Denke ich an dies fröhliche, spontane, bewegliche und phantasievolle Kind! Ja, dann geht es mir gleich viel besser. Warum schicken die aus den Kindergärten und aus den Anfangsklassen der Schulen eigentlich keine Kinder in die Altenheime oder zu Besuch in Wohnungen alleinstehender Greisinnen und Greise?

Welche Strahlen, Sterne und kleine Sonnen würden dann für Licht und Wärme, Leben, Leben, Leben sorgen!

Das ist überhaupt eine überaus gute ldee. Ich will von nun an nur noch an Menschen denken, die mein Herz erfreuten. Die lieben, weichen, sanften, glatten heißen Frauen, an meine Reisen, meine Touren mit dem Rennrad!

Die Fußballspiele, die ich selber spielte, die ich sah, vom BVB, der Nationalmannschaft! Das WM-Tor von Götze/Schürrle 2014 im WM-Endspiel in Brasilien, das vom „Boss“ Helmut Rahn in Bern zum Endstand schon sechzig Jahre früher und das von „Emma“

Emmerich 1966 im Wembley Stadion! Und erst mein eigenes bei der Schulmeisterschaft!

Der lange Rendler steht im Tor. Der Ball tickt halbhoch auf. Ich schnapp ihn mit dem rechten Fuß! Er sitzt im Winkel. Der Lange springt vergebens. Und später dann im Duschraum heult er dicke Tränen wie ein kleines Kind. Und wie ich lachte, lachte, lachte.

Das war nicht recht. ich weiß es wohl. Doch jetzt, in diesem Augenblick, da hilft mir die Erinnerung beim Sterben. Und das ist gut, nein, nicht das Sterben!

Mein schöner Garten, als ich noch mein großes Haus in Berghofen besaß, die Erdbeeren, die Kirschen, Äpfel, Birnen, Sonnenblumen, der Duft des Sommerflieders und all die bunten Schmetterlinge, Kohlweißlinge, Zitronenfalter, Pfauenaugen, große und kleine Füchse.

Ach, all die Feiern, Hochzeiten, Geburtstage, Ostern, Sylvester, Weihnachtstage, jedenfalls jene, die nicht säuerliche Mieseprieme verdarben oder irgendein „lch-Hau-Dir-ln-Die-Fresse-Mann“! Und die netten Tanten, Omas, die hübschen Nichten und Großnichten!

Trotz einiger winziger Unannehmlichkeiten, wie war mein Leben schön!

Kein Krieg! Jedenfalls fast keiner! Die ersten Jahre 1941 bis 1945, da habe ich kaum etwas mitgekriegt! Meine Mutter hat mir erzählt: ,Du hast als Baby immer gelacht auf dem Weg zum Luftschutzkeller und die Bomben wohl als festliches Feuerwerk betrachtet. Alle haben sich ein Bisschen mit dir gefreut. Das tat gut in diesen schrecklichen Zeiten.'

Und dann dein dickes Ding zwischen den kleinen Tittchen Gabys. Sie knirschte mit den Zähnen, freudig erregt und nackt und schwitzig. Du fragtest: 'Ist das nicht eklig, wenn ich spritze?' 'Nein, nein, das ist so warm und cremig! Gib mir mehr, noch mehr, viel mehr, noch mehrl' Ja, du warst sehr oft gesegnet und hast allen Grund ganz vielen Menschen dankbar zu sein. Ach, Tod, du bist schrecklich und entsetzlich ewig! Doch ich, ich scheiß auf Dich! Du kannst mich mal. Ich halte es mit Wilhelm Buschs Vogel. Bloß, ich kann nicht mehr singen!“

 

 

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim

 

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,

Er flattert sehr und kann nicht heim.

Ein schwarzer Kater schleicht herzu,

Die Krallen scharf, die Augen gluh.

Am Baum hinauf und immer höher

Kommt er dem armen Vogel näher.

Der Vogel denkt: Weil das so ist

Und weil mich doch der Kater frißt,

So will ich keine Zeit verlieren,

Will noch ein wenig quinquilieren

Und lustig pfeifen wie zuvor.

Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Ödipus schlief ein. Einmal hörte er noch Rülpser und Kotzgeräusche. Das war Berta. Danach starb er. Fast drei Jahre lang klopfte niemand an. Dann trat im Mai 2017 nach einem Rohrbruch ein Handwerker die Tür ein. Er fand die skelettierten Reste Lustigs. Die „Ruhrnachrichten“ schlagzeilten einen Tag später. „Einsamer Tod in Nordstadt“.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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