Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 14

Wenn sich da niemand einen boesen Spaß erlaubt hatte, mußte die Polizei jetzt wohl von einer Entführung ausgehen. Wie es den Anschein hatte, sogar von einer politisch motivierten Entführung in Zeiten der Versoehnung. „Unternehmen blonder Hans“ weckte zwar Assotiationen in Richtung Elbe, an Hans Albers und seiner „La Paloma“, der weißen Taube, doch in anbetracht der Worte, des Vokabulars von Machwerk und Geschichtsfälschung, von  Lügenpresse  und vernichten, mußte wohl sehr stark von einem rechtsextremistischen, einem rassistischen, nazistischen Hintergrund ausgegangen werden. Ein blonder Hans war einer der Protagonisten ins Moreaus Roman „Tage in Paris“. Da ließ der Name des sogenannten „Unternehmens“ nicht gerade an einen Spaß denken. Eine finale Beurteilung war noch verfrüht, auch wenn alles in diese Richtung deutete. Die Rückmeldung in puncto Fahrzeug mußte noch abgewartet werden.

Und dann meldete sich erneut die Direction centrale aus Paris bei Commissaire Legrand und übermittelte folgende Informationen bzw. Anweisungen. Die beiden Officiers Dudois und Monet sollten bitte den Bungalow Nr. 28 von Didier Moreau versiegeln und dann in die Gendarmerie Nationale nach Lége zurückkehren, sofort die notwenigen Protokolle über den Stand der Ermittlungen fertigen und an die Direction centrale übersenden. Commissaire Legrand moege sich unverzüglich auf den Weg zu seinen Kollegen nach Strasbourg begeben, und diese bei der weiteren Arbeit mit seinen Kenntnissen unterstützen.

Legrand wählte einen, nein zwei kleine Umwege, bevor er sich in sein Auto setzte und nach Strasbourg aufbrach. Der erste Weg führte ihn zu Haus Nr. 45, dem Feriendomizil des Lockenkopfes. Stephane war sofort erwartungsvoll an der Tür und durfte zumindest hoeren, daß man Didier Moreau gefunden habe.  Er moege sich ein wenig in Geduld üben, bis er Didier dann wieder umarmen koenne. Mehr Informationen dürfe Legrand momentan nicht geben, um keine zusätzlichen Gefahrenmomente  zu erzeugen. Was sicherlich im Interesse aller sei. Gern hätte der kleine Lockenkopf mehr erfahren, hatte aber auch für die positiven Andeutungen Verständnis. Ein Lebenszeichen jedenfalls!

Der zweite kleine Umweg führte Legrand ins Haus Nr. 13, dort wo der Verleger Hugo Durand seit Stunden auf eine Nachricht, ein Zeichen wartete. Auch hier durfte Commaissaire Legrande nur Andeutungen machen, nichts Konkretes verkünden. Man habe ein positives Zeichen von Moreau erhalten; die Ermittlungen seien jetzt hier in Cap Ferret abgeschlossen und würden an einem anderen Ort fortgeführt. Der Verleger moege ihm doch bitte seine Telefonummer geben, damit er später final informiert werden koenne. Natürlich hätte auch Durand gerne mehr erfahren, aber ... das ging aus Sicherheitsgründen nicht. Legrand fuhr mit seinem Auto Richtung Strasbourg.

Eine Information der Zentraldirektion hatte er zuvor noch erhalten: Die deutschen Behoerden hatten sich gemeldet, das gesuchte Fahrzeug ausfindig machen koennen. Fahrzeughalter sei ein Thorwald Hansen aus Rammersweier, einem Offenburger Vorort. Das Kennzeichen OG-TH 33 war absolut passend. Hansen war der deutschen Polizei kein Unbekannter (Schändung jüdischer Gräber, Beschmieren jüdischer Denkmäler mit Nazi-Symbolen wie Hakenkreuzen, Hitler-Gruß und Horst-Wessel-Lied auf der Straße, Hassreden u.v.m....). Er war Nachkomme, Verwandter eines hohen SS-Führers im besetzten Frankreich und in der rechtsextremistischen Szene der Bundesrepublik aktiv. Der damalige Vorsitzende dieser unter dem Kürzel NPD auftretenden Rechtsextremisten, mit dem passenden Vornamen Adolf (von Thadden), hatte schon Anfang der 70er Jahre die Nazipartei als „unführbar“ bezeichnet, da immer mehr militante Gruppen sich in ihren Reihen tummelten, unter ihrem Dach ansiedelten. Dieses jetzt hier auftauchende „Unternehmen blonder Hans“ war also ganz offensichtlich eine diese Terrorgruppen. Das sogenannte „Unternehmen“ und der Fahrzeughalter Thorwald Hansen gehoerten zusammen. Alles deutete darauf hin, doch es mußte letzte Klarheit her.

Die Direction centrale hatte die deutschen Polizeikräfte schon um Amtshilfe, um Unterstützung ersucht, während Legrand noch in seinem Auto Richtung Strasbourg unterwegs war. Die Kripo in Deutschland hatte sofort einige Kollegen in den Offenburger Ortsteil Rammersweier beordert, doch das Auto war nirgendwo auszumachen, Thorwald Hansen nicht anzutreffen. Das wäre ja auch sehr einfach gewesen, das Auto und den Entführten unter der gemeldeten Adresse zur Schau zu stellen. Nein, diese Nazis wollten eine politische Wirkung erzielen, das Buch sollte noch vor seiner Veroeffentlichung in der Versenkung verschwinden, sie wollten Loesegeld für weitere Terroraktivitäten erpressen.

War das „Unternehmen blonder Hans“ nun professionell oder nicht? Die Meinungen gingen in den Polizeikreisen auseinander. Sie hatten sich als Entführer zu erkennen gegeben, aber keine Forderungen nach Publizierung eines Textes, nach Zeit und Ort der Loesegeldübergabe gestellt. Die Zeilen, die da im Postfach der Zeitung Le Monde lagen, werden – da herrschte eindeutige Übereinstimmung - nicht gedruckt zu lesen sein. Der Kontakt mußte zu den Entführern hergestellt werden. Und das Wichtigste: Man benoetigte ein aktuelles Lebenszeichen vom Entführten. Die franzoesischen Commisaires ließen in kleinen Zeitungsanzeigen wissen, sie würden den „blonden Hans“ suchen und dieser moege sich doch bitte bei dem „Unternehmen“ melden. Darunter eine unscheinbare Telefonnummer , natürlich von der Police judiciaire. Sie waren sich sicher, die Entführer würden die Zeitung genau ansehen, ob ihre Forderung da irgendwo abgedruckt war.

Ähnlich das Vorgehen in Offenburg. Auch hier viele Kleinanzeigen mit ähnlichem Text. In der Hoffnung, einen Anruf, einen Kontakt  zu erzielen. Es lag natürlich auf der Hand, daß bei der Schwere des vorliegenden Verbrechens, entsprechende Fangschaltungen installiert wurden. Die Kripo in Offenburg versuchte das Umfeld von Thorwald Hansen zu ermitteln, Freundeskreis in Erfahrung zu bringen, einen V-Mann in hoeheren Nazi-Rängen zu konsultieren. Wer hatte wann und wo den dunkelgrünen Opel Record Caravan bemerkt? Wer hatte wann mit Hansen Kontakt gehabt, ihn zuletzt gesehen? Vorhandene Unterlagen sichten. Kleinarbeit.

Eine schnell erreichte Hausdurchsuchung bei Thorwald Hansen erbrachte außer vielen Nazi-Utelsilien (Fahnen, Standarden, Orden, Uniformen, Videos voller Reden und Hakenkreuzen) keine brauchbaren Erkenntnisse. Einen kleinen Beleg fanden sie zum Schluß dann doch noch: Eine Landkarte der Region Bordeaux, dem Bassin d´Arcachon und einer handschriftlichen Markierung auf Cap Ferret. Die wohl letzte Klarheit in puncto Täter.

Fortsetzung Teil 15

Oktober 2016

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Sommerzeit - Rosenzeit: Hommage an die Königin der Blüten von Eveline Dächer



Mit einer Hymne auf die Rose überrascht uns die Autorin Eveline Dächer in ihrem neuen Lyrikbändchen. In zarten und feurigen Bildern dichtet sie über eine dunkelrote Rose, die einen bisher unbekannten Duft ausströmt, oder von gelben Rosen, die wie Sonnenschein erstrahlen. Sie erzählt von Rosen, die auf Terrassen, Balkonen und in Gärten blühen, und von einem besonders schönen Rosenstrauß, einem Geschenk des Liebsten, der auf ihrem Lieblingstisch sie täglich erfreut und Sehnsucht schürt. Und da die Rose das Symbol der Liebe schlechthin ist, lässt sie aus deren Blätter eine Liebesstatt entstehen, die duftend weich und zart Zeit und Raum vergessen lässt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krimi" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Quallenqualen - Eine Thailand-Impression von Wolfgang Küssner (Reiseberichte)
19“ von Klaus-D. Heid (Krimi)
Wir wollen den Flutopfern helfen von Margit Farwig (Autobiografisches)