Paul Theobald

Die „Rätsch“ vom Altenheim

Sie saß immer auf ihrem Rollator vor dem Eingang des Altenheimes und hatte die Augen geschlossen. Aber sie schlief nicht, denn sie wollte alles mitbekommen, was erzählt wurde. Sie war schwerhörig und ihre Augen waren getrübt. Sie erzählte alles, was sie gehört und vor allem wie sie es verstanden hatte. War eine Sache für sie nicht interessant genug, dann machte sie es, indem sie irgendetwas dazu erfand. Hatte sie es oft genug erzählt, dann war sie felsenfest davon überzeugt, dass es so war. Alle Bewohner/innen des Altenheimes wussten, wer die „Rätsch“ war. Sie hatte natürlich einen richtigen Namen. Aber diesen hatten alle Personen vergessen, weil sie nur die „Rätsch“ genannt wurde. Böse Zungen behaupteten, dass zur Mittagszeit die „Rätsch“ im Heimradio ihre Nachrichten vorlesen würde. In jedem Zimmer gab es einen Lautsprecher, über den man das Heimradio hören konnte. Die Heiminsassen konnten sich bestimmte Musik wünschen und dann wurde der Wunschtitel gespielt. Die „Rätsch“ wünschte sich immer das Lied von Willy Schneider: „Man müsste nochmal zwanzig sein“, was Herr Wunderschön immer damit kommentierte: „Dann wäre es hier überhaupt nicht mehr auszuhalten!“ Das Altenheim hatte den Namen Kunterbunt und so ging es in diesem auch zu.
Eines Tages saß die „Rätsch“ wieder vor dem Altenheim. Ein Mann kam mehrmals, mit Taschen bepackt, in dieses, so dass die „Rätsch“ meinte, dass der Herr ein neuer Heimbewohner ist. Aber an diesem Tage war die Ehefrau des Mannes ins Altenheim gebracht worden, weil sie ein Pflegefall und der Ehemann mit der Pflege überfordert war. Er brachte die Sachen, die seine Ehefrau brauchte, ins Altenheim. Die „Rätsch“ sagte zu ihm: „Sind Sie ein neuer Heimbewohner?“ Der Herr hatte es eilig und antwortete deshalb: „Ja, Zimmer 302!“ Die „Rätsch“ war von dieser Antwort überrascht, denn sie hatte Zimmer 202 gehört. Aber wenn der Herr im Zimmer 202 untergebracht war, musste Frau Seltenfröhlich verstorben sein, denn diese wohnte in dem Zimmer. Die „Rätsch“ hatte sie schon mehrere Tage nicht mehr gesehen. Als ihre beste Freundin, Frau Windig, vom Besuch des Wochenmarktes zurückgekommen war, sagte die „Rätsch“ zu ihr: „Hast du schon gehört? Die Frau Seltenfröhlich ist gestorben. Ihr Zimmer wurde schon mit einem neuen Heimbewohner belegt.“ Frau Windig antwortete darauf: „Das ging aber schnell. Wann ist die Beerdigung? Wir müssen uns bei der Hausverwaltung erkundigen!“
Frau Seltenfröhlich war für einige Wochen zu ihrer Tochter gefahren, hatte aber vergessen, sich bei der Heimleitung abzumelden. So wusste diese nicht, dass Frau Seltenfröhlich sich nicht im Hause aufhielt. Als Frau Windig bei der Hausverwaltung fragte, wann die Beerdigung von Frau Seltenfröhlich ist, wusste diese nichts und auch der Heimleiter konnte keine Auskunft geben. „Da müssen wir einmal nachsehen, was mit Frau Seltenfröhlich los ist, denn seit einigen Tagen haben wir sie nicht mehr gesehen!“ sagte er.
Der Heimleiter öffnete mit einem Schlüssel, mit dem er in jedes Zimmer kommen konnte, wenn es notwendig war, die Tür des Zimmers 202. Frau Seltenfröhlich war nicht da und es gab keinen Hinweis, wo sie sich aufhält. Der Heimleiter fragte das Heimpersonal und den Heimbeirat. Niemand konnte Auskunft geben, wo Frau Seltenfröhlich ist. So blieb dem Heimleiter nichts anderes übrig, auch die Heimbewohner/innen darüber zu informieren und diese zu bitten, im Haus nach der Frau Seltenfröhlich zu suchen.
Die „Rätsch“ sagte nun: „Ich habe es gewusst, die Frau Seltenfröhlich ist verstorben. Wir müssen nach ihrer Leiche suchen!“
Bei den Heimbewohner/inne/n regte sich die Fantasie, was der Frau Seltenfröhlich alles zugestoßen sein konnte. So war ein Heimbewohner der Ansicht, dass sie in den Kamin gefallen ist. Früher gab es im Altenheim eine Ofenheizung. „Diese Zeiten sind schon lange vorbei, aber der Kamin ist noch vorhanden. Wir müssen diesen nur unten öffnen und dann kommt sie dort heraus“ sagte er.
Eine andere Mitbewohnerin gab zu bedenken, dass Frau Seltenfröhlich ihr immer erzählt habe, sie würde gerne einmal die Bembel einer Glocke sein. „Es müsse doch schön sein“, habe sie zu ihr gesagt, „frei hin und her zu schwingen“. Das Altenheim hatte eine Kapelle und einen Glockenturm, weil sich die Heimbewohner wünschten, dass zum Gottesdienst eine Glocke läutet. „Man müsse einmal im Glockenturm nachsehen, ob sich die gesuchte Frau ihren Wunsch erfüllt hat“ war ihr Ratschlag.
Zu jener Zeit fand im Altenheim eine Kleidersammlung für Bethel statt. Und so meinte ein Heiminsasse: „Man habe sich einen Scherz erlaubt und Frau Seltenfröhlich in einen Kleidersack für die Kleidersammlung eingepackt. Wir müssen jetzt in der Rumpelkammer in allen Kleidersäcken nachsehen!“
Allerlei Spekulationen schossen ins Kraut. Schließlich meinte Frau Lahm: „Die ist schon unter der Erde! - Nur wir wissen nichts davon!“ Und Frau Kopfweh meinte danach: „Um 24.00 Uhr ist Geister-stunde. Da spukt sie als Geist im Haus herum. Wir müssen sie einfangen. Wer legt sich um Mitternacht auf die Lauer?“
Alle gutgemeinten Ratschläge halfen nicht. Frau Seltenfröhlich wurde nicht gefunden, so dass der Heimleiter den Entschluss fasste, die Polizei zu verständigen. Gerade als er zum Telefonhörer griff und die Nummer 110 wählen wollte, kam Frau Seltenfröhlich die Eingangstür des Altenheimes herein. Die Heimbewohner/innen, die dort gesessen haben, riefen: „Da ist sie ja wieder!“
Frau Seltenfröhlich wunderte sich, denn einen so schönen Empfang wurde ihr noch nie bereitet, wenn sie von dem Besuch bei ihrer Tochter ins Altenheim zurückgekommen war. Natürlich wurde sie darüber informiert, was geschehen war und jede/r Heimbewohner/in schilderte ihr, wie er/sie bei der Suche geholfen bzw. welchen Ratschlag er/sie gegeben hatte. Und die „Rätsch“ sagte: „Ich hab’s ja gleich gewusst, dass der Frau Seltenfröhlich nichts passiert und sie noch am Leben ist! Warum hat niemand auf mich gehört?“ Aber ihre beste Freundin, Frau Windig, antwortete darauf: „Aber gestern wolltest du noch zu ihrer Beerdigung gehen!“
Nur Frau Aal meinte: „Ach Gott, was für eine Blamage! Wie wird unser Altenheim ins Gerede kommen, wenn die Bevölkerung der Stadt Frankenthal (Pfalz) erfährt, was passiert ist!“ Aber Frau Blees, die als Angestellte in der Verwaltung tätig und der gute Geist des Altenheimes war und für jeden ein aufmunterndes Wort übrig hatte, sagte daraufhin: „Wir sind ein fürsorgliches Altenheim. Wir suchen auch nach einer Leiche, die es gar nicht gibt!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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