Bernhard Pappe

An einem Sonntag im Oktober

Ich lasse das Auto stehen, um den Herbst zu erfahren. Dunkelgraue Wolken wirken wie eine Kriegserklärung. Die ultimative Waffe des zivilisatorischen Menschen bleibt jedoch an seinem Platz in der Abstellkammer – der Regenschirm.

 

Ich muss nicht weit gehen,

um den Herbst zu sehen.

 

Zentimeterdick liegt Laub auf den Straßen. Maschinen versuchen es an langen Arbeitstagen, in ihre dicken Bäuche zu saugen, ordnungsliebende Menschen stopfen es per Hand in Säcke. Wenn der Wind anhebt, schürt er den Zweifel an der Machbarkeit der Aufgabe. Grinsend rollt er den Laubstein des Sisyphos für die Menschen wieder bergab. Ein paar kräftige Windböen und die Karten sind neu gemischt. Heute spielt er lediglich apathisch mit den Blättern an den Bäumen. Die Blätter auf den Straßen rührt er nicht an. Vielleicht schreckt er auch nur vor deren Schwere nach dem letzten Regen zurück. Vielleicht ist der Wind ein Täuscher, der ausspioniert, was sich ihm im nächsten Sturm ergeben könnte, um es zu entführen. Der Wind ist jedoch kein Mensch.

Der Oktober hat sein Gold verloren, seinen imaginären Schatz. Der Tag hat lediglich das Licht gedimmt, hat sich mit einer hellgrauen Patina überzogen. Die Farben sind verblasst und trotzdem da. Auch der Tag ist kein Mensch, der die Prächtigkeit des Oktobers zu verbergen weiß. Vielmehr zieht ein Regengebiet über das Land, dessen Wolken fast die Erde streifen. Das ist wenig prosaisch, aber leider wahr.

Der Herbst schreitet unaufhaltsam voran. Die Augenblicke reißen Kalenderblatt um Kalenderblatt an sich. Sie wenden ebenso die Blätter der Monatskalender. Ich erkenne in diesem Augenblick die Androhung des Novembers. Noch ist es Oktober, noch kann sein Goldlicht in die Welt zurückkehren. Ich komme bei meinem Spaziergang an einem Garten vorüber, aus dem jede Menge pralle Sonnenblumen herübergrüßen. Prachtvolle Blüten drängeln sich zu meinen Füßen durch den Gartenzaum, als wäre der graue Herbsttag ein Albtraum, aus dem man nur aufwachen muss. Ein kleines Paralleluniversum am Rande der Straße. Der Herbsttag zeigt mir sein Gesicht, steht mir Modell und ich honoriere seine Mühen mit Fotos. Die Farben liegen zu meinen Füßen; das Braun, das Grün, das Rot. Manchmal sind sie in einem Blatt vereint. Ich hebe ein Blatt auf, um es nach Hause zu tragen. Es wird in ein Buch gepresst und so bewahrt werden. Als Kind habe ich das häufiger getan. Man darf sich nicht davor fürchten, wie ein Kind zu denken, spontan und gerade heraus.

Wenn der Tag schon grau ist, dann gönne ich mir ein wenig Italiens Sonne in Form eines Spaghettieises. Ein spontaner Einfall. Als ich die Eisdiele wieder verlasse, zeigen die Wolken erste Lücken, die mit Blau gefüllt sind. Das Spaghettieis scheint magische Kräfte zu besitzen. Die Wolken reißen auf, der Tag dimmt das Licht nicht länger, die Farben erhalten ihre Strahlkraft zurück. Ich trete den Rückweg an, die Sonne beleuchtet ihn mir. Ich mache Fotos und kann dennoch nicht in ihnen den Augenblick bewahren. In ein paar Stunden wird das nächste Kalenderblatt der Zeitschwere erliegen. Ich bin froh gestimmt, auch deshalb, weil ich den Mut hatte, den Regenschirm an seinem Stammplatz zu lassen.

Zu Hause angekommen gieße ich den Nachmittag umgehend in Worte. Noch so ein vergeblicher Konservierungsversuch. Mein Dank in diesem Augenblick gilt jenen Augenblicken, die mir diese Erinnerung bescherten.

 

© BPa / 10-2017

Die Geschichte widme ich einem guten Freund, der mich hier treu über die Jahre begleitet hat. Mal war das hintergründig als stiller Leser, mal war es vordergründig mit Fotos und Zeichnungen, die ich benutzen durfte, um ein paar Worte drum herum zu bauen.
Die kleine Geschichte, sie wird einigen Menschen etwas bedeuten. Andere werden sie halt lesen und das war’s. Wieder Andere werden in der Mitte ihr Lesen abbrechen. Im Grunde, wie immer. Es gibt der Worte zu viel.
Bernhard Pappe, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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