Peter Kröger

Die letzten sieben Minuten des Dichters Clemens Baumann

 

 

 

1. Minute

An allen Orten ärgert mich vor allem das Ungenaue. Mit dem Flüchtigen an sich kann ich leben, das absichtlich Ungenaue hingegen erschüttert mich und versetzt mich in eine Stimmung tiefster Niedergeschlagenheit und hilfloser Wut. Konfrontiert mit der ärgsten Variante des Ungenauen, nämlich dem heimtückischen absichtlich Ungenauen um Haaresbreite, muss ich sogar augenblicklich das Weite suchen, da es sich in diesem Fall nicht nur um ungenau Geäußertes sondern ausnahmslos um ungenau Gemeintes und in Wahrheit gänzlich Gegenteiliges und oft genug Infames und Niederträchtiges handelt. Setzte ich mich diesem Treiben länger als, sagen wir, eine Minute aus, ist meine Nachtruhe bedroht, auf die ich so sehr angewiesen bin. Acht Stunden Schlaf sind die Voraussetzung für ein Leben in Wachsamkeit.

 

2. Minute

Heute habe ich mit dem Königspudel Bolle einen langen Spaziergang unternommen. Ich habe an meine Jugend gedacht, Verena das Frühstück bereitet und in einem Buch über Schalentiere geblättert, das ich gekauft habe, als ich mich einmal unwohl fühlte. Ich habe vom Balkon gewunken, als Verena zu einer Bekannten aufgebrochen istvon der sie bald zurückkehren wird. Ich habe im Wohnzimmer die Rheinische Sinfonie von Robert Schumann gehört und wie immer leise mitgesummt. Danach habe ich eine kleine Ewigkeit im herrlichen Schmöker In Stahlgewittern von Ernst Jünger gelesen. Sodann schälte ich vier große Kartoffeln, kochte sie und erhitzte erneut ein paniertes und von Verena am Vortag wegen einer von mir übersehenen Schnitzelabneigung nicht angerührtes Wiener Schnitzel in geschmolzener Butter auf der Pfanne. Obwohl ich dann eingeschlafen bin, war ich doch auf der Hut. Noch lebe ich. Es ist immer so: Ein kleines Geräusch nur, und ich öffne die Augen, noch bevor der treue Bolle sie öffnet, aber natürlich belle ich nicht, wie auch Ernst Jünger nie gebellt hat und Verena bis zum heutigen Tage nicht bellt sondern höchstens kreischt, und zwar meinetwegen, obwohl ihr manchmal nach Bellen ist, wie sie mir neulich sagte oder vielmehr gestand. Ein starkes Stück. Ich sagte es ihr.

 

3. Minute

Mein Mittagsschlaf ist um Punkt fünfzehn Uhr neun beendet und ich stelle mir wie immer eine Frage, die mich lang oder kurz beschäftigen wird. Heute ist die Frage: Lohnt sich das Leben? Das wird ein kurzes Nachdenken. Ich fühle es: Es lohnt sich allemal. Das Leben ist da, in all seiner Vielfalt und stupenden Wirklichkeit. Nicht kneifen, man soll nicht kneifen, das Leben lohnt sich, wieder und wieder lohnt es sich, der Mehrwert des Lebens ergibt sich aus der Anhäufung des Genauen in Wort und Tat. Schlag auf Schlag türmt sich der Mehrwert himmelwärts. Es lohnt, was genau ist. Und was hinabreicht zur Gewissheit von uns selbst. Vielleicht hat Ernst Jünger doch gebellt. Bolle schaut mich an. Ich weiß. Jeder Frage geht ein Fragen voran. Und jedem Wort ein Fischen im Wind. Das Telefon klingelt. Es wird für Verena sein. Und Verena ist fort. Bei einer Bekannten. Aber sie kehrt gleich zurück.

 

4. Minute

Wer sich traut, gewinnt. Daher passt Verena, in diese Welt. Sie traut sich. Sie hat große Brüste und zieht sich enge Blusen und Röcke an. Sie weiß alles und spricht darüber. Sie hasst Wiener Schnitzel und macht daraus keinen Hehl. Sie begehrt, was sie will. Sie träumt von einem Auto mit offenem Verdeck, obwohl sie Zugluft verabscheut. Sie redet lustig und lehrreich über Affen und ihre Schrullen, wie sie sich ausdrückt. Liebt Bolle abgöttisch, wenn sie ihn sieht und nennt ihn einen Bruder. Sie will so alt werden wie Ernst Jünger, den sie nicht liest. Gleich wenn sie heimkommt, will sie Speisen vorfinden, die ich ihr zubereitet haben würde mit Bedacht. Gestern ohrfeigte sie mich ungeduldig und nannte es Liebesbeweis. Sie zeigte mir ihre Brüste wie jeden Abend und schlief ein. Ich lag wach. Am Morgen weckte sie mich mit Affengeschichten.

 

5. Minute

Vor allem glaube ich, dass sich das Ungenaue fügen muss, auch das Infame, sogar der Mensch, irgendwann fügt er sich. Die Schalentiere zeigen große Gelassenheit. Was also ist der Mensch? Nicht mal ein Tier. Aber ich mag den Menschen, wie er herumschlurft und sich räuspert, wie er durchs Meinungsdickicht irrt und fündig wird. Dann sagt er Sätze wie: Lobet den Biber, schmiedend türmt Holz er zu Heimat, die keinem gehört. Dieser Satz strotzt vor Genauem. Und er versöhnt. Er ist von Clemens Baumann. Clemens Baumann bin ich. Überaus Baumann, Messdiener meiner selbst, wie das trompetende Verena-Tier es sieht. Ich habe nie verstanden, was sie meint. Aber der Bibersatz ist aus meinem Buch der tausend Fügungen. Verena belächelt es. Aber sie liest darin. Darum passt sie in diese Welt. Darum erzählt sie Affengeschichten.

 

6. Minute

Ich will, ich will, ich will. Das Tier muss, aber der Mensch will. So heißt es. Und doch: Ernst Jünger musste und wollte. Zu wollen, was geboten ist, das ist das Glück. Wieder winke ich vom Balkon, wieder lese ich in den Stahlgewittern, einige Worte genügen, ich kraule das Hundetier, ich höre ein paar Takte Schumann, seine Kreisleriana diesmal, den Seelenbetörer und anerkenne den Wert der Kartoffel und die Zartheit des aufgewärmten Kalbsschnitzels und stehe im Zimmer und denke nach und denke: Von Murmeltieren trennt uns der Winterschlaf. Und wieder fand ein makelloser Satz seinen Niederschlag im Buch der tausend Fügungen. Das Genaue, es lebt. Streife ich mit Bolle umher, will ich ein Hund sein. Sehe ich zum Himmel, will ich Wolke sein. Schließ ich die Augen, will ich für mich sein. Sehe ich Affen, die nahen Verwandten, wird alles gut. Dann ist Verena nicht fern. Und Niedertracht ein Fremd-, wenn überhaupt ein Fremdwort nur.

 

7. Minute

Und heute geh' ich fort. Ich, Clemens Baumann, also ich, ich steh im Wort. Das Leben -, nicht immer kann es sein, nicht überall. Es lohnt, aber es endet. Und plötzlich weiß ich: Was ganz wie ein Gedicht klingt, ist der Tod.

Und ein Balkon ist ein Balkon, hoch oben. Ein Biber ist ein Biber, die Heimat, die keinem gehört. Acht Stunden Schlaf. Das Murmeltier den ganzen Winter gar. Das gilt's zu schlagen. Den Sommer auch. Das Ungenaue ärgert maßlos. Gleich nicht mehr. Und doch und grad aus diesem kühlen Grunde ergreife ich Besitz von Clemens Baumann, Wortverkoster, harrend, Greif unter Menschen, Tier unter Tieren, und, ja, erhebe mich. Verena schreibe ich ein frohes Lebewohl. Sie kommt gleich heim, ich seh' sie schon und kennt mich lebend noch. Bolle schaut auf und zum Geländer. Das kluge Tier.---

 

 

Verena liest:

 

Jetzt stoß' ich an mit Mutter Erde/

auf dass es werde.

 

Genau und ohne Niedertracht/

Haarbreit' wird's Nacht.

 

 

 

[Zeitungsnotiz: Der Lyriker und Aphoristiker Clemens Baumann kam am 11.11. 2021 bei einem Sturz vom Balkon seiner Wohnung in Berlin-Westend unter ungeklärten Umständen ums Leben. Er wurde auf dem Waldfriedhof Heerstraße unter reger Anteilnahme der Berliner Kulturszene beigesetzt. Baumann soll seit Langem unter einer unheilbaren Krankheit gelitten haben und befand sich in psychiatrischer Behandlung. Der vielfach für sein Opus magnum Buch der Tausend Fügungen Ausgezeichnete hinterlässt Ehefrau Verena und Königspudel Bolle. Baumanns neuestes Werk Meine letzten sieben Minuten erscheint am Donnerstag im Biber Verlag, 5 Seiten, 0,35€]

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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