Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 15

Es ist garantiert wesentlich leichter, einfacher, einen Termin für eine Audienz beim Papst zu bekommen, als von einem V-Mann eine interne Information. Gut, man kann nicht einfach an der Haustür klingeln und ein paar Fragen stellen; die Person muß schließlich geschützt werden, um nicht sofort zu „verbrennen“. Nur drängt sich manchmal in anbetracht des Zoegerns, der Schwerfälligkeit, der Bedenken die Frage auf: Wer schützt hier eigentlich wen? Ist die Kripo der Meinung, wie im konkreten Entführungsfall, endlich eine Antwort bekommen zu haben, so hätte sie die Fakten auch in den eigenen Unterlagen entdecken koennen.

Thorwald Hansen war, bei fast sämtlichen  Auffälligkeiten, den Straftaten, von den beiden Brüdern Klaus und Reiner Häberle begleitet gewesen. Sie waren ein eingespieltes Team, verhalfen sich gern gegenseitig zum Alibi, verbreiteten haarsträubende Erklärungen, Entlastungsversuche, um dem Anderen damit zu helfen. Bildeten diese drei Rechtsextremisten das mit der Entführung aktive „Unternehmen blonder Hans“? Eigentlich waren sie mit so großkalibrigen Straftaten bisher noch nicht auffällig geworden, wäre so etwas mindestens eine Nummer zu groß gewesen. Andererseits koennen terroristische Aktivitäten durchaus neue Qualitäten annehmen. Für die Kripo war schon auffällig, daß weder Hansen, noch die Häberle-Brüder in ihren Wohnungen angetroffen werden konnten und alle drei vom gleichen Zeitpunkt an nicht mehr gesehen wurden. Lediglich die neugierige Frau Drescher meinte, in dem Auto drei Personen ausgemacht zu haben. Hansen und das Häberle-Duo?

Es muß doch auch hier irgendwo einen gesprächigen Nachbarn, einen Bewohner geben, der irgendetwas gesehen hat, einen Hinweis bieten kann. Also hieß es für einige Kripokollegen weiter Kleinarbeit zu leisten und von Tür zu Tür zu pilgern. Ohne bisher eine Bestätigung zu haben, wurde der Eindruck immer stärker, die drei Neonazis steckten hinter der Entführung des Schriftstellers. Die Rechtsextremisten veranstalteten doch gern Geländespiele, Wehrübungen und ähnlich militante Aktionen. Da muß es doch einen Platz geben, den auch ein paar andere Bürger kannten. Warum hatte die Polizei keine diesbezüglichen Informationen vorliegen, keine klaren Fakten?

Offenburg liegt im Mittleren Schwarzwald, ist von viel Wald umgeben. Und in Hansens umfangreicher Akte fand sich eine Notiz über Schüsse im nahen Rammersweierer Wald. War das ihr Trainingscamp? Wäre sehr geschmackvoll von den Nazis, dort heute Kampfübungen abzuhalten, wo am 27. November 1944 zunächst drei Franzoesinnen durch Genickschuß von der Gestapo ermordet und 9 Tage später, 11 Familienväter brutal erschossen wurden. Denkmäler erinnern an diese Greueltaten. Die Kripo schickte ein paar unauffällige „Pilzsammler“ in das Waldgebiet an der Durlacher Straße. Vielleicht machen sie ja auf dem den Entführern vertrautem Terrain eine Entdeckung.

Ansonsten hieß es auf eine Resonanz auf die heute geschalteten Kleinanzeigen zu warten. Sie waren offensichtlich gedruckt und auch nicht übersehen worden, denn ein paar Neugierige wollten sowohl in Strasbourg als auch in Offenburg wissen, was denn mit dem „blonden Hans“ sei. Vielleicht waren die Täter bei diesen Telefonaten schon mit von der Partie, sozusagen als Testballon. Die Fangschaltungen zeigten und registrierten die Nummern der anrufenden Personen. Mit einem anderen Programm konnten die jeweiligen Standorte der Telefone ermittelt werden. Doch das war alles noch zu vage. Da musste ein deutlicheres Zeichen von den Entführern gegeben werden. Aus Rammersweier war jedenfalls nicht angerufen worden, aus keiner Telefonzelle, keinem Betrieb, keiner Wohnung.

Das Zeichen kam, allerdings nicht per Telefon. Die drei Entführer  wollten wohl nicht in den Fängen einer Schaltung landen. Nein, die kriminellen Überzeugungstäter wählten erneut die Papierform, konkret landete ein weiterer Brief im Postkasten von Le Monde in Strasbourg. Sie trugen sich wohl mit dem Gedanken, weiterhin über die Zeitungen kommunizieren zu koennen. Das geht aber gar nicht. Ersten darf man den Nazi-Terroristen keine solche Plattform bieten, zweitens war es im Interesse der kleinen wie der ganz großen Politik, der Nachbarschaft, das die Entführung –  vor dem Versoehungshintergrund stehend – ohne großes Aufsehen geloest wird. Der neue Brief der Entführer forderte die Polizei auf, die starke Polizeipräsenz im Raum Offenburg zurückzunehmen, um nicht das Leben des „Lügenonkels“ zu gefährden. Ein Foto hatten sie beigelegt, daß Moreau mit verbundenen Augen vor einer Bretterwand sitzend zeigte. „Weitere Informationen folgen. Unternehmen blonder Hans“.

Diese Zeilen gaben der Kripo viele Hinweise für die weitere Arbeit. Die Entführer müssen sich im Raum Offenburg aufhalten, sonst hätten sie die starken Polizeikräfte nicht bemerkt. Vielleicht haben sie sogar vom „Klingelputzen“ der Beamten mitbekommen. Sie ahnen oder wissen offensichtlich, die Kripo ist ihnen auf der Spur, hat eine konkrete Vorstellung von den Entführern. Das koennte sie natürlich nervoes machen. Und zwischen den Zeilen, scheinen sie um ihre „Beute“ zu fürchten. Die Schlußfolgerung für die Polizeikräfte konnte nur lauten, Didier Moreau wird hier – ganz in der Nähe – irgendwo gefangen gehalten.

Ob die „Pilzsammler“ außer Maronen und Fliegenpilzen auch andere Fünde aufzuweisen haben? Gleich wäre die vereinbarte Zeit, für eine Meldung per Funk. Sie müssen von sich aus aktiv werden, damit sie nicht gefährdet würden. Die Kripo Offenburg stimmte sich mit den Commissaires in Strasbourg ab. Die klare Federführung der Aktion lag territorial bedingt bei der Kripo in Offenburg. In Strasbourg stand die Polizei sozusagen Gewehr bei Fuß, um jegliche angeforderte Hilfe leisten zu koennen. Eine Hundertschaft war bereits an der Europabrücke Straßburg-Kehl stationiert worden.

Von Offenburg aus hatte man das Aufklärungsgeschwader 52 der Bundeswehr in Leck um Unterstützung mit einem Phantom F-4F und installierter Wärmebildkamera gebeten. Das Waldgebiet links und rechts der Durlacher Straße mußte abgelichtet werden. Eine Staffel der GSG-9 war bereits zuvor mobilisiert worden und befand sich bereits auf dem Weg nach Rammersweier. Sollten die „Pilzsammler“ eine positive Meldung absetzen, mußte sofort der Zugriff erfolgen. An sämtlichen Ausfahrtstraßen wurden Kontrollen der Polizei eingerichtet; zwei Hundertschaften rollten in ihren Mannschaftswagen Richtung Offenburg und warteten auf die Details für den Einsatz. Der Startschuß koennte fallen.

Zwei Dinge sollten vorab noch realisiert werden: Kurze Anzeigen in den morgigen Tageszeitungen beiderseits der Grenze. Text etwa: „Hans ruf an. Das Moos will los.“ Jetzt mußte noch auf die Meldung der „Pilzsammler“ gewartet werden. Und da machte sich das Funkgerät mit den Worten bemerkbar: „Keine Pfifferlinge im Forst“ und einer genauen Beschreibung, wo sie sich gerade befanden. Wieviel Koerbe anderer Pilze sie schon gesammelt hatten? Die Antwort: „Drei“. Das waren die vereinbarten Texte. D.h. sie waren also fündig geworden, es handelte sich um drei Entführer. Startschuß!

Fortsetzung Teil 16

Oktober 2016

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