Wolfgang Küssner

Das Rauschen des Meeres - Teil 16

Ein Phantom-Jäger donnerte im Tiefflug über das Waldgebiet Rammersweier an der Durlacher Straße bei Offenburg. Die Spannung stieg auf beiden Seiten des Rheins. Das Resultat ließ nicht lange auf sich warten: Sechs wärmestrahlende Objekte; die dazugehoerigen Koordinaten. Die Zahl Sechs war einfach perfekt – der entführte Schriftsteller Didier Moreau, die Täter Thorwald Hansen und die Hägerle-Brüder, sowie die beiden „Pilzsammler“. Das Kommando lautete: Zugriff und Befreiung des Entführten!

Der Ring der Straßensperren wurde kleiner gezogen. Das exakte Waldgebiet von den beiden Hundertschaften umstellt. Es gab auf dem Areal offensichtlich eine Holzhütte, die als Unterschlupf, als Versteck diente. Das würde auch den Hintergrund auf dem letzten Foto vom Entführten erklären. Die beiden „Pilzsammler“ bekamen Anweisung, sich diesem Unterstand normal bis leicht auffällig zu nähern, kreativ zu werden und moeglichst zwei der Täter aus dem Versteck ins Freie zu locken. Sie sollten sich aber auf keinen Fall als Kripobeamte zu erkennen geben. Los! Aufbruch! Viel Erfolg!

Als die beiden „Pilzsammler“ sich der Hütte näherten, entdeckten sie unter Sträuchern leicht versteckt einen dunkelgrünen Opel mit Kennzeichen OG-TH 33. Das paßte bestens. Sie inszenierten einen kleinen, dann leicht lauter werdenden Streit über die Frage, welche Richtung sie denn nun wohl einschlagen müßten, um wieder zur Durlacher Straße zu gelangen. Und siehe da, das Spiel funktionierte. Aus der Hütte kam eine Person und forderte beide auf, schnellstens das Areal zu verlassen, ansonsten würde es unangenehm für sie werden. Sie spielten ihr Theater weiter. Sie würden ja gerne gehen wollen, wenn sie nur wüßten, in welche Richtung. Sie hätten Pilze gesammelt – und ja, in ihren Koerben lagen tatsächlich ein paar Exemplare – und wollten jetzt zurück. Der eine von ihnen würde jene Richtung, der andere die genau entgegengesetzte bevorzugen. Er kenne sich hier doch sicherlich aus und koenne helfen. Und tatsächlich gab der Entführer einen Hinweis, den nun aber beide „Pilzsammler“ immer lauter werdend anzweifelten. Und die Tür zum Unterstand oeffnete sich ein zweites Mal und ein weiterer Entführer trat ins Freie und auf die drei – man moechte fast sagen – Streithähne zu. Und genau in diesem Moment, er wollte gerade zum warnenden Ruf ansetzten:  „Scheiße! Das ist hier doch eine Falle!“ schlug die GSG-9 zu.

Je zwei Elitekämpfer schnappten sich die beiden Täter vor der Hütte, warfen sie auf den Boden und legten ihnen Handschellen an. Das waren Sekundenbruchteile. Vier Spezialisten stürmten die Unterkunft, kamen keine Minute später mit einem der Täter (die Hände auf dem Rücken gefesselt) und dann mit dem Schriftsteller heraus. Andere Kräfte dieser Sondereinheit sicherten das Areal,  hielten nach moeglichen weiteren Personen Ausschau. „Ja, das war eine Falle und das Spiel ist aus.“ Diese Aktion war für die Nazi-Terroristen offentlichlich eine, wenn nicht gar um mehrere Nummern zu groß.

Didier Moreau war von der Befreiungsaktion total überrascht, aber glücklich. Und so wie es den Anschein hatte, auch unversehrt. Doch diese Frage verbindlich zu beantworten, sollte dann doch den Ärzten vorbehalten bleiben. Der rechtzeitig an den Ort des Geschehens beorderte Rettungswagen mit Notarzt brachte den Schriftsteller auf Wunsch der Direction central ins Hospital L´elsau Hospitals Academics De Strasbourg zur Untersuchung.

Der Commissaire Pierre Legrand hatte in den zurückliegenden  Stunden seinen Kollegen in Strasbourg mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Seine Arbeit war getan. Nicht ganz, denn er fühlte sich noch verpflichtet, den Verleger Durand über den Ausgang der Entführung in kurzen Worten in Kenntnis zu setzen. Als dieser von der Befreiung erfuhr, hoerte, daß sein Autor unversehrt sei und nach Cap Ferret zurückkehren moechte; äußerte er seine Absicht, sofort ein Auto zum Hospital zu schicken und Didier Moreau dort abzuholen und an den Urlaubsort zu bringen.

Wollte Didier überhaupt zurück an den Ort seiner Entführung? Nicht an diesen Ort, aber an den Ort seiner jungen Liebe. Er wollte moeglichst schnell seinen Lockenkopf wieder sehen, seinen „sweet little sixteen“, seinen Stephane wieder kräftig in die Arme schließen. Die Gendarmerie riet allerdings dazu, einen anderen Bungalow zu wählen und würde für die kommenden Tage einen Wachmann in zivil als Sicherheit abstellen. Bungalow Nr. 28 war ab sofort wieder freigegeben.

Didier hatte alles nahezu unversehrt überstanden.  Als er im Auto Richtung Cap Ferret saß, kamen ersten Ideen, aus dem Erlebten eine Geschichte zu schreiben. Es war Didiers Art, Probleme zu bewältigen, zu verarbeiten, er mußte sich textlich, intellektuell damit auseinandersetzen. Die nächtliche Fahrt ließ ihn schnell einschlafen und als er die Augen oeffnete, waren sie in der Nähe von Bordeaux. Das Ziel zum Greifen nah.

Durand hatte vor Ort bereits alles arrangiert. Das neue Domizil angemietet, den Bungalow Nr. 28 räumen lassen und als der Wagen in die Anlage fuhr, stand auch schon ein Polizist vor der neuen Ferienwohnung. Doch wo war Stephane? Das Haus Nr. 45 wirkte leer. Abgereist? Die Rücksprache an der Rezeption brachte Klarheit: Die Familie sei gestern nach Lyon zurückgekehrt. Keine Nachricht für ihn hinterlassen? Nein. Kein Zettel, kein Hinweis im Briefkasten des bisherigen Bungalows? Nichts. Sollte nur die Erinnerung bleiben und die kleine, jetzt in Plastik verpackte, rote Badehose? An der Rezeption hatte man natürlich die Lyoner Adresse. Doch zunächst blieb Didier nur das Dahinfliegen der Gedanken, das Rauschen des Meeres.

 

An die Leserinnen und Leser:

Drei Dinge scheinen für einen Krimi irgendwie wichtig zu sein: Die Spannung, mindestens eine Leiche und das Nachwort. Auf die Leiche – der Leser weiß es jetzt – wurde verzichtet, es floß nicht einmal Blut. Ob es dennoch spannend war, wird ein jeder selbst beurteilen. Ja und was das Nachwort betrifft: Hier ist es.

Der heute googelnde, twitternde, chattende, postende, mailende, surfende Internet- und Technik-Nutzer sei daran erinnert, dieser Krimi spielt im Jahr 1984. Am 3. August 1984 – also fast zur gleichen Zeit dieser Geschichte – wurde in Deutschland die erste Mail empfangen; das www (world wide web) startete 1989; Ende der 80er-Jahre wurde ein Mobilfunknetz aufgebaut. Erste mobile Geräte wogen mit Akku bis zu 2 Kilogramm. Soviel zum besseren Verständnis, zum Hintergrund einer aus heutiger Sicht vielleicht vorsintflutlich anmutenden Kommunikation im Krimi. Warum dann aber 1984? Berechtigte Frage. Zufall? Oder doch nicht ganz? Im Laufe der Entstehung und bei diversen Recherchen stellte sich heraus, der Autor dieses Krimis hatte sich 1983 und 1984 genau von dieser Region am Atlantik faszinieren lassen. Das ist aber auch schon das einzig Autobiographische.

Die Landschaften, die Orte, die Straßen in diesem Krimi sind real. Die historischen Ereignisse haben stattgefunden, die Geste der Versoehung von Verdun wurde aus dramaturgischen Gründen etwas vorgezogen, verliert damit sicherlich nicht an Bedeutung. Die Personen dieses Romans sind Produkt der Schwingungen meiner Synapsen, reine Fantasie. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, mit Ereignissen wären also rein zufällig. Bis heute haben allerdings Rechtsextremisten und ihr Umfeld – das ist jetzt wieder nüchterne Realität – Probleme mit Menschen die anders denken, aussehen, sprechen, glauben, handeln, lieben.

Wolfgang Küssner

Oktober 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.10.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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