Wolfgang Küssner

Einunddreißig Kilo

Hamlet beginnt seinen Monolog mit den weltbekannten Worten: „Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage“; er denkt über seine Scheu vor entschlossenem Handeln nach. Ums Handeln geht es auch in dieser Geschichte, wobei Shakespeare bei der Überschrift wohl formuliert hätte: „Meter oder Gramm; das ist hier die Frage“. Doch hier geht es weder um Meter oder Kilometer, noch um Gramm, sondern einfach um Kilogramm. Übrigens, die groeßte europäische Goldmünze, der Wiener „Big Phil“ wiegt 31 Kilo, bei einem Wert von über einer Millionen. Im März 2014 schmuggelte ein Duo 31 Kilo Heroin im Gastank eines BMW über die Grenze Bulgarien-Türkei. Marktwert weit über 1,5 Millionen Euro. Aber das sind Geschichten, die ein andermal erzählt werden koennten. Unser Hamlet denkt ans „Schlafen! Vielleicht auch träumen!.... Was in dem Schlaf für Träume kommen moegen, wenn wir die irdische Verstrickung loesten...“, selbst vom “Ruhstand” ist die Rede. Das ist für diese Abhandlung schon treffender.

Schoener, bequemer, breiter, teurer, groeßer, ruhiger, schneller, reicher, leichter, ergiebiger, exklusiver und all die vielen anderen Adjektive im Komparativ bestimmen über weite Strecken unser Leben. Immer wieder geht es um „mehr“ und um „haben“, um „mehr haben“. Mein Auto, mein Haus, mein Baum, mein Pferd, meine Yacht, mein, mein.... Diese Geschichte will nun nicht vom Haben und Streben nach Mehr erzählen, sondern vom Loslassen, Trennen, vom Abschiednehmen und der daraus resultierenden Leichtigkeit des Seins; von Aufbruch, von Start und Neubeginn. Befürchtungen, es koennte jetzt trockene Philosophie kommen, sind total unbegründet. Doch mit einer konkreten Sichtweise der Welt haben diese Zeilen schon zu tun, die hier über ein paar Wochen im Leben des Helmut G. zu lesen sind.

Zugegeben, es sind nicht x-beliebige Wochen, von denen jetzt erzählt werden soll, sondern von einer Zeit voller Veränderungen und Aufbruch, von Einschnitt und Neustart, wird berichtet. Ohne großes eigenes Zutun war Helmut G. im Laufe seiner Berufsjahre  zum ältesten Mitarbeiter avanciert. Die Firmen-Philosophie (nun also doch? Nee, nur wenige Worte – versprochen!) war immer wieder von „hipp and young“ geprägt, was mehrmals zur Senkung des Altersdurchschnitts der Belegschaft durch Abfindungen für ältere Kollegen führte. Wie der Zufall es wollte, waren die neuen, jungen, einzustellenden Mitarbeiter deutlich kostengünstiger, was in anderen Bilanzwerten einen Niederschlag fand. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt. Den älteren Kollegen, den in Bälde Ausscheidenden, wurde schließlich mehr Lebensqualität in Form von Freizeit ermoeglicht. Das Zwerchfell moechte vibrieren, lachen. Ein Schelm... – aber das hatten wir ja schon.

Auch in dem hier beschriebenen Jahr, hatte das internationale Headquarter in den USA eine entsprechende Vorgabe an die regional operierenden Companies herausgegeben. Da Helmut G. der älteste war, stand sein Name an erster Position jener Datei, die die zu „Entsorgenden“ auflistete. Eine große Überraschung war es für ihn nicht, denn er saß teilweise selbst mit am Tisch nachfolgender  Entscheidungen. Als es nun konkret wurde – in sechs Monaten sollte definitiv sein letzter Arbeitstag sein – wurde auch Helmut G. konkret und begann zu planen. Anders als Hamlet, zoegerte er nicht, er war entschlossen.

Die Israeliten hatten sich vor vielen Jahren mit dem Auszug aus Ägypten von der Sklaverei des Pharaos befreit. Komischer Gedanke an dieser Stelle, oder? Natürlich war Helmut G. kein Sklave, doch wenn neue Ziele im Unternehmen nach hoeheren Umsätzen, nach groeßeren Profiten formuliert wurden, fühlte nicht nur er sich an Filmszenen erinnert, in denen auf den Galeeren die Schlagzahl erhoeht wurde. Moses und sein Volk hatten damals Glück, denn als sie das Rote Meer erreichten, zog dieses sich zurück und ermoeglichte ihnen somit eine Passage trockenen Fußes. Zu Fuß nach Thailand, das stand für Helmut nicht an. Da suchte er schon eine schnellere Alternative. Weder per pedes noch Mercedes. Aber der Weg dorthin war jetzt geebnet.

Kleiner Rückblick: Helmut hatte sich vor vielen Jahren bei einem Urlaub in Thailand verliebt, und erste Ideen, seinen Lebensabend später dort zu verbringen, verdichteten sich, nahmen mit der Zeit mehr und mehr Gestalt an. Anfängliche Befürchtungen, Zweifel, durch ein nebuloeses Sicherheitsdenken verursacht, mußten zunächst überwunden werden. Alles aufgeben, was er sich für das Alter geschaffen hatte? Viele Fragen wollten geklärt werden. Doch der Reiz des Neuen war groß, war groeßer. Mit diesen Vorstellungen ging er gedanklich schwanger und als im Unternehmen dann die Zeichen auf vorzeitiges Ausscheiden final gestellt waren, war der Moment der „Geburt“ gekommen.

Wer sich mit offenen Augen und Ohren in Thailand aufhält, macht die Bekanntschaft mit dem Buddhismus. Häufig kommt auch noch die Nase ins Spiel, wenn Räucherstäbchen ihren Duft vom Wind verbreiten lassen. Der Buddhismus, Religion und Philosophie gleichzeitig, zeigt dem Menschen unter anderem auf, wie er Leid überwinden kann. Nicht „haben“ und „mehr“ führen zu einem wohligen Dasein, sie vergroeßern das Leid. Das Loslassen befreit vom Ballast. Wer losläßt, hat ploetzlich beide Hände frei, kann sich selbst bewegen, nicht den über die Jahre angesammelten Kram des täglichen Alltags. Mit dieser Idee hatte Helmut G. sich schon früh anfreunden koennen und schnell gelernt, Loslassen ist deutlich zufriedenstellender, als das Jagen nach dem „Mehr“. Mein, mein und nochmals mein – es geht nur um materielle Güter. Und was ist mit „mein Leben“? Helmut hatte immer weniger  Probleme damit, sich von Dingen, Sammlungen etc. zu trennen.

Versicherungen und GEZ, Telefon und Internet, Zeitungen und anderes mußten – teilweise begründet – gekündigt werden. Die Aufloesung der Eigentumswohnung war zu organisieren, der Verkauf mittels Makler mußte angegangen werden. Die künftige Krankenversicherung, die Leistungen der Rentenkasse, Bank-Konten und Vollmachten waren zu klären. Doch als erstes richtete sich Helmut G. im Outlook einen Countdown ein. Das einst täglich gekürzte Zentimetermaß schien ihm nicht mehr zeitgemäß zu sein, auch ein bisschen militärisch belastet. Und ein Ticket wurde gebucht: Abflug eine Woche nach dem letzten Arbeitstag. Hamlet hätte vielleicht geträumt, Helmut hat gehandelt. Doch bis zum Abflug war noch viel zu erledigen.

Der Makler hatte aus Erfahrung abgeraten, die Wohnung – wie von Helmut zunächst angedacht – moebliert zu offerieren. Das würde nur einengen und verteuern. Die Immobilie ging online. Da meldete sich ein Nachbar, der altersbedingt sein Haus aufgeben, etwas kleineres für den Lebensabend suchte. Es meldete sich ein Unternehmer, der Ausschau nach einem Quartier für seinen Sohn während der Zeit des Studiums hielt. Dann interessierten sich  zwei Bänker, die Kapitalanlage betreiben wollten, wohl ahnend, wie sich die Zinsen entwicklen würden; eine Lehrerin, die in die Großstadt versetzt wurde. Alle Interessenten wollten natürlich den Grund des Verkaufs dieser attraktiven Wohnung, mit Blick auf den großen Strom, mit sonniger Terrasse von mittags bis Sonnen-Untergang, erfahren. Helmut war ehrlich und lieferte mit seiner Erklärung zusätzlichen Gesprächsstoff. Allerdings loeste seine Begründung bei den Interessenten auch einen Reflex aus: Abwarten! Nach dem Motto: Der muß in den nächsten Wochen verkaufen, das kann also nur billiger werden! Und so machten einige potentielle Käufer mehrere Termine für die Besichtung der Wohnung, trafen aber keine Entscheidung.

Helmut hatte die Zwischenzeit genutzt, um immer wieder Freunde und gute Bekannte einzuladen; sie sollten Ausschau halten, ob sie etwas für ihren eigenen Haushalt gebrauchen koennten. Auf diesem Weg verließen einige Gegenstände die Wohnung. Und so, wie sich ein Eichhoernchen mühsam nährt, verlor seine Wohnung nur sehr langsam an über viele Jahre angehäuftes Inventar. Es mußten zusätzliche Maßnahmen her.

 

Fortsetzung: Einunddreißig Kilo + Handgepäck

November 2016

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