Heinz Lechner

Wie ich in Sekundenschnelle um Jahre alterte


Das Unfassbare geschah an einem Dienstag; einem unscheinbaren, bedeutungslosen, nicht erwähnenswerten,
langweiligen Dienstag.
Mit flotten, federnden Schritten bewegte ich mich auf die U-Bahn Haltestelle zu. Es war 17 Uhr 20. Ich kam vom
Ort meines Broterwerbes. Obwohl ich einen stressigen Arbeitstag hinter mir hatte, bewegte ich mich sportlich
und voller Elan, - wie es eben meine Art ist.
Die U-Bahn kam pünktlich. Die Sitzplätze waren wie üblich alle belegt, was für mich jedoch unerheblich
ist, da ich nur 3 Stationen fahre um danach zur S-Bahn umzusteigen.Ich ergatterte also einen angenehmen
Stehplatz, direkt an einer Haltestange neben dem sich anschließenden Sitzplatz-Abteil. Es war eben gerade
so voll, daß man noch nicht von Gedränge reden konnte und keindirekter, mir meist unangenehmer
Körperkontakt stattfand.
Nichts deutete darauf hin, dass ich in wenigen Sekunden einen schweren Schicksalsschlag werde hinnehmen
müssen.

Anfangs muss ich erwähnen, dass ich 58 Jahre alt bin. mich geistig aber 20 Jahre jünger fühle wie wohl fast
jeder in meinem Alter und aktiv im Leben stehe, wie man so sagt. Ich bin allem Neuen aufgeschlossen und in
meinem Denken sicher moderner und vorurteilsloser als ein großer Teil Menschen jüngerer Generationen.
Meine Erscheinung ist durchschnittlich, also unauffällig und unscheinbar, aber doch von agiler, wacher Natur
und der Gang aufrecht, forsch und auch von kultivierter Art. Freilich kann es hin und wieder geschehen, dass
ich unbemerkt eine etwas buckelige, gequälte, vom stressigen Leben gezeichnete Haltung einnehme, die sich im
Laufe vieler arbeitsreicher Jahre  eingeschlichen hat, was aber von meiner lieben Frau - sofern gegenwärtig -
sofort erkannt und gerügt wird.
Typisch altersbedingten Verschleiß und Momente der Müdigkeit und Apathie sind natürlich im geringen Maße
vorhanden, - man ist ja kein junger Hüpfer mehr.
Trotz dieser geringen, unvermeidlichen Abnützungserscheinungen kann man aber sagen, ohne mir schmeicheln zu
wollen : ich habe mich gut gehalten! Auch muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich immer wieder von
Mitmenschen bedeutend jünger eingeschätzt werde.
Und gerade deshalb traf mich dieses Ereignis so hart und unvorbereitet. Schlagartig wurde ich mit einer
unbarmherzigen, brutalen Realität konfrontiert, die meiner Lebensfreude einen argen Dämpfer verpassen, und
mein Seelenleben für immer negativ verändern sollte.
Dies geschah so:
nachdem der Fahrer aufgefordert hatte zurückzutreten, schlossen sich die Türen und ich begab mich in meine
Endposition. Der Sitzplatz neben dem ich stand war besetzt von einem jungen Mann, sicher
noch keine 20 Jahre alt, osmanischer oder nahöstlicher Abstammung, gepflegter, sogar vornehmer Natur. Wie mir
erst später bewusst wurde, war er elegant und geschmackvoll in gezwirnter Ware gekleidet. Er trug nicht so
verbrauchte, fleckige Jeans wie ich. Zu meiner Entschuldigung muss ich allerdings erwähnen, dass dieses von
meiner Frau gekaufte Beinkleid extra auf alt getrimmt wurde, weil das besonders schick ist heutzutage, einen
jugendlicher erscheinen lässt und gerade groß angesagt sein soll. Auch meine leicht verschlissene Jeansjacke
erweckt nicht gerade den Eindruck von Vornehmheit und Seriosität. Aber ich fühle mich nun mal wohl in
diesen, ich muss zugeben leicht schmuddeligen Klamotten.
Ich stand also angelehnt an der Rückseite der Sitzbänke und hatte gewohnheitsgemäß mein Smartphone aus der
Tasche geholt um E-Mails zu lesen und auszusortieren.
Plötzlich  bemerkte mich der junge Mann. Er schoss blitzschnell in die Höhe und bot mir seinen Sitzplatz an.
"Bitte" sagte er im unterwürfigsten Ton, einen Diener machend und mit schuldvoller Miene eine
gebückte Haltung annehmend.
"He - der spinnt wohl," dachte ich im allerersten Moment.
Ich blickte um mich. Hatte er tatsächlich mich gemeint? Das kann nicht sein. Ich sah nach links, nach rechts
und hinter mich, in der Annahme, es stünde vielleicht ein altes, kränkelndes Mütterlein in meiner
unmittelbaren Nähe oder ein anderer Hilfe suchender Zweibeiner. Aber nein, er blickte nur mich an,
eindringlich und fordernd  und sein "Bitte" hatte etwas flehendes und doch auch gleichzeitig etwas
Befehlshabendes und Unabänderliches an sich.
"Meinen sie mich"? fragte ich ihn noch amüsiert, mir ein Grinsen nicht verkneifen zu können, im
Glauben, unmöglich der Adressat dieses Wortes "Bitte" sein zu können. Aber tief im Innersten hatte
ich doch sofort kapiert, dass dieser Augenblick, von dessen Erscheinung jeder Mensch meines Alters wusste und
allzeit in panische Angst davor lebte, nun gekommen war. Diese lächerliche Frage blieb also unbeantwortet.
Denn natürlich ignorierte er sie, weil wir beide wussten, dass sie unangebracht war und nur spöttisch
belächelt werden konnte.
Er wiederholte dieses Wort etwas eindringlicher als beim ersten Male und
ich fühlte, dass es eine Beleidigung für ihn gewesen wäre, hätte ich sein gut gemeintes, edles Angebot
ausgeschlagen. Er hätte es als tiefe Kränkung empfunden und mich möglicherweise sogar mit einem Schwall
unflätiger Beschimpfungen überhäuft.
Vollkommen überrumpelt nahm ich Platz, ich glaube - nein, im Nachhinein muss ich sagen: ich weiß es -  er
hat mich vorsichtig am Arm genommen um mich beim Hinsetzen zu unterstützen. Er hatte Angst ich könnte
irgendwo anstoßen oder mir wehtun. Und gerade dass war nachträglich betrachtet die größte Demütigung für
mich. Nun fiel mir auf, was für eine brave, anständige, geradezu ritterliche Erscheinung dieser Mensch war.
Ein junger Mann, dem Charaktereigenschaften wie Bösartigkeit, Neid, Hass, Missgunst u.s.w. etwas völlig
Fremdes sein musste.
"Das ist doch nicht nötig" stotterte ich verdattert. Ich war völlig perplex und unfähig diese
Situation geistig zu verarbeiten. Wie paralysiert nahm ich Platz und in meinem Schädel setzte, während ich
zu begreifen begann, ein leises Pfeifen ein als hätte ich soeben eine schallende Ohrfeige erhalten.
Nach dem ersten Schreck wollte ich entrüstet wieder aufstehen, "wie kommt denn der dazu, mir seinen
Platz anzubieten. Was bildete er sich ein ?" dachte ich, aber der Typ drückte mich sanft aber kräftig
genug zurück auf die warme, weiche, seniorenfreundliche Sitzbank, wohlwissend, dass alte Leute manchmal aus
Stolz und Eitelkeit Hilfe nur widerwillig annehmen.
Schlagartig wurden alle Menschen im Abteil auf mich aufmerksam und ich gewann den Eindruck, von allen hier
angeglotzt und innerlich ausgelacht zu werden. Mir wurde plötzlich ganz heiß. Ich bemerkte, dass mich einige
Menschen abschätzig - von oben herab wie ich meine - ansahen, voller Geringschätzung oder auch gespieltem
Mitleid. Als wäre man ertappt worden bei Irgendetwas. In manchen Augenpaaren entdeckte ich diesen typischen
Blick wenn man einen behinderten Menschen - unbeabsichtigt zumeist - anblickt.
Der arme alte Mann!
Ich wollte hinausschreien: "mir fehlt nichts! Ich fühle mich wohl! Ich bin JUNG! Ich könnte aufspringen
wenn ich wollte und umherspringen -  hier in der U-Bahn!"
Aber ich tat es nicht. Ich hatte Hemmungen. Stattdessen kauerte ich in armseliger, gekrümmter
Haltung wie ein Häufchen Elend auf dem unangenehm warmen, mir nicht zustehendem Sitzplatz und grübelte, was
den jungen Mann bewogen haben könnte, mir seinen Platz zu überlassen. Ausgerechnet mir! An seinem rasselnden
Atem, seinem pfeifenden Schnaufen, seiner senilen Aura hatte er sofort erkannt, - ohne ihn überhaupt erblickt
zu haben - dass ein alter Mann hinter seinem Rücken eingestiegen war und eine Sitzgelegenheit benötigte! Die
Jungen können die alten Menschen riechen, das Verbrauchte, Erdige, sich der Fäulnis und Zersetzung
Nähernde. Nur aus Respekt vor dem Alter rümpfen sie nicht ihre Nasen, ich weiß dass. So fühlte ich mich
auch plötzlich, alt und müde und froh um diesen Sitzplatz.
Eine wirklich alte Frau mit wirrem Haar die von einfacher Art war und stehen musste, sah mich neidvoll,
geradezu hasserfüllt an und machte leicht kreisende Bewegungen mit dem Mund wie eine kauende Kuh. Ich schloß
daraus, dass sie Speichel in ihrer Mundhöhle sammelte. Wie sehr hätte ich ihr meinen Sitzplatz gegönnt!
Ich fühlte mich wie ein Schuldiger, bekam ein schlechtes Gewissen und machte mir Vorwürfe. Was hatte ich
falsch gemacht? Warum hatte er ausgerechnet MICH ausgesucht? "Vielleicht wäre er auch bei jedem anderen,
der älter als vierzig aussah aufgestanden" redete ich mir kurzzeitig ein. Ich blickte mich erneut um,
die Menschen zu zählen welche mutmaßlich älter als ich waren. Schnell war ich bei der Zahl Sieben. Also -
was stimmt nicht mit mir ?
Ich begann mich zu schämen und fühlte mich gedemütigt. Noch begriff ich nicht, was mir geschehen war. Ich
wollte die brutale Wahrheit nicht erkennen und vermutete eine Schurkerei dahinter oder eine böswillige
Verarsche. Aber wer war dazu fähig ?
Wer gab diesem unwissenden, käuflichen, charakterlosen Jungen den Auftrag mich so bloß zu stellen und was
hat dieser dafür erhalten? Ich redete mir ein, in eine abgekartete Sache geraten zu sein. Oder es war einfach
ein Versehen. Eine Verwechslung vielleicht.
Diese Situation war für mich so absurd, man kann sagen, schon fast kafkaesk, daß ich hoffte, ein eleganter,
geschniegelter, schleimiger Mann würde von hinten auftauchen, mir lachend auf die Schulter klopfen, mit dem
Arm in eine Richtung deuten  und sagen:" Ha,Ha, wir haben sie aber sauber drangekriegt, - da ... schauen
sie : dort hinten ist die Kamera !"
Aber dieser Mann kam nicht.
Niemand beendete dieses grausame Spiel.
Stattdessen, wie ich mich - vom ersten Schock allmählich erholt - umblickte, erkannte ich, daß der Schurke
schon an der Tür stand. Bereit zur Flucht. Verstohlen blickte er in leicht gebeugter Haltung hin und wieder
in meine Richtung. Er erwartete wohl einen freundlichen Blick, eine dankbare Geste meinerseits, aber da hatte
er sich getäuscht. Mit zusammengekniffenen Augen und grimmigem Gesicht fixierte ich ihn.
Man sah ihm das Böse daß in ihm steckte, die Gemeinheit und Verschlagenheit gar nicht an. Ganz im Gegenteil.
Seine Physiognomie war so friedfertig und voller Unschuld, daß ich kaum glauben mochte, was für ein Satan
und abgefeimter Bursche in diesem Körper steckte.Trotzdem war ihm seine schändliche Tat wohl bewusst, denn
man spürte ihm förmlich sein schlechtes Gewissen an.

Mit einem Male erkannte ich es! Es war wie eine plötzliche Einsicht. Man kann es beinahe schon als
„Erleuchtung“ bezeichnen. Mein Hass auf diesen Mann schwand. Ich schämte mich meiner dummen Reaktion,
meines kindlichen Verhaltens, denn es ist ja nur das Unausweichliche geschehen, es ist ja nur der Moment
gekommen, den jeder nicht mehr junge Mensch zu erleiden hat. In meinem Falle leider viel zu früh.
Von jetzt an musste ich all mein Tun und Denken aus einem völlig neuem, mir bisher unbekannten Blickwinkel
heraus betrachten. Ich verspürte den ersten leisen Hauch von Altersweisheit.
Es war also geschehen: ich bin eingetreten in den bemitleidenswerten Kreis der Senioren. Tapfer nahm ich mein
Schicksal an.
Und als ich das letzte Stück meiner Heimfahrt, wie an jedem Werktag, mit meinem Fahrrad - ein Rad mit drei
Gängen - unterwegs war, hatte ich bereits einen Gang zurückgeschaltet - dem Zweiten.


















 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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