Ulla Meyer-Gohr

Ein Psychologe als Tierversteher

Der Job als Hausmeister kam dem Italiener, Enzo Petrelli, sehr gelegen. Konnte er doch mehrere Fakten damit verbinden.
   Erstens wohnte er mietfrei durch den Job,
   Zweitens konnte er Geld sparen,
   Drittens bot sich eine große Chance aus dem Miteinander seines Umfeldes Inspirationen zu sammeln. Das kam seiner
   Studienarbeit, als angehender Psychologe, zu gute.

Durch die offene Haustür drangen intensive Lichtstrahlen der ersten Frühlingsonne. Sie wärmten Petrelli den Rücken,
sodaß sein Wohlbefinden noch gestärkt wurde. Gerade erneuerte er die Hausordnung, am schwarzen Brett, als klagende
Tierlaute an sein Ohr drangen. Abrubt hörte er in seiner Arbeit auf und lauschte. - Sollte etwa jemand sein Haustier quälen ?
Erneut folgten herzzerreißende Klagelaute. Wieder horchte Petrelli in die plötzliche Stille. - Doch diesmal schwieg das Innere
des Hauses sich aus. Unzufrieden schloß Enzo die Haustür.

Die Ungewißheit nagte an seiner Tierliebe und belastete ihn. Wie unter Zwang ertappte Petrelli sich morgens, mittags und
abends einen Kontrollgang durch das Haus zu machen. Am zweiten Tag hatte er Glück.
   " Phyllis,  nicht schon wieder in das Treppenhaus. Inzwischen strapazierst du das ganze Familienleben und wirst zum
 Störfaktor Nr. 1 im ganzen Haus !"
Dieses Gespräch wurde begleitet von einem schluchzenden Mauzen. Inzwischen stand Enzo Petrelli im ersten Stock vor
einer völlig entnervten Mieterin im Morgenmantel. Aufgelöstes Haar stand ihr wie ein blonder Mob vom Kopf. Hektisch griff
sich die Frau an den Mantelkragen, um eine eventuelle Blöße kaschieren zu können.
   " Frau Marelle, was ist los ?"
Die Frau machte eine müde Kopfbewegung, die seitlich nach oben deutete. Enzo folgte ihrem Blick und sah auf dem oberen
Treppenabsatz eine wunderschöne Siamkatze, die sich von einer Seite zur anderen warf. Dann hob sie ihr Hinterteil, dabei
formte sie ihren peitschenden Schwanz zu einem Fragezeichen. Aus einem dunkelbraunem, maskenhaftem Gesicht blickten
zwei schrägstehende, azurblaue Augen und starrten Petrelli an. Dabei zuckte ihr beigefarbenes Fell vor unbefriedigter Lei-
denschaft. Schnell machte sie Petrelli als ankommende Enttäuschung aus. Enzo kam nicht als Erlöser in Frage. Von neuem
schmiß sie sich, noch lauter klagend, von einer Seite zur anderen.
   " Verflixte Inzucht ! - Eine rollige Katze !" Petrelli kratzte sich am Hinterkopf.
   " Wie lange geht das schon Frau Marelle ?"
   " Seit knapp zwei Tagen. So schlimm haben wir uns diesen Zustand nicht vorgestellt. Sie ist unser jüngstes Familienmitglied.
Wir haben Phyllis sehr lieb aber eine Katzenzucht können wir uns nicht vorstellen, " sagte die Frau leise und brach in Tränen
aus. Petrelli ließ ihr eine Verschnaufpause bis sie wieder ansprechbar war.
   " Was gedenken sie zu unternehmen ?"
   " Ich weiß es nicht," sie schüttelte den Kopf
   " Darf ich ihnen einen Vorschlag machen ?"
Frau Marelle sah ihn aus großen blauen Augen an. Enzo nahm die entstandene Pause als Zusage.
   " Ihre junge Katze sollten sie mindesten einmal Junge kriegen lassen. Das wäre gut für sie. Danach könnten sie an eine
Sterilisation denken, wenn  Phyllis bei ihnen bleiben soll. - Das Frau Marelle wäre mein Vorschlag !"
Frau Marelle holte tief Luft.
   " Und woher soll so schnell ein Kater kommen ?"
   " Zwei Straßen weiter wohnt ein Prachtkerl von einem Siamkater. Laden sie ihn zu einem Tete - a -  tete  in ihre Wohnung
ein. - Gern stelle ich mich zur Verfügung, um die Vermittlung zu übernehmen. Ein oder zwei Fotos ihrer bildschönen Phyllis
reichen aus um diese Zusammenführung gelingen zu lassen. - Alles weitere gestalten der Kater und Phyllis selber"
   " Oh, " hauchte die Frau verlegen und eine Röte stieg in ihr übernächtigtes, blasses Gesicht," und sie meinen der Plan
geht auf ?"
   " Warum nicht ?"
   " Das muß ich mit meiner Familie klären. Sollte eine Einigung erfolgen, Herr Petzrelli, stecke ich ihnen eine Umschlag
mit Phyllis Fotos in Ihren Briefkasten. Alles Weitere können sie selbst entscheiden."
   " Das mache ich gerne für sie, wenn nur Phyllis und ihnen geholfen werden kann."

Aus der zärtlichen Li- ai- son wurde " Szenen einer Ehe". Sie fanden sich im Treppenhaus. Der Lieblingsort von Phyllis.
Sie schlugen und sie liebten sich. Ein Geschrei gellte durch das Treppenhaus und ließ alles Lebende erschauern und alles
 Schlafende wach werden. Am nächsten Morgen fand Petrelli ein zurückgelassenens Chaos vor. Tapeten und Fußboden wiesen
Kratzspuren auf. Beigefarbene Katzenhaare rollten in Knäulen über einige Treppen und stiegen, bei kleinen Windbewegungen,
in die Luft auf. Die Mieter machten einen verkaterten Eindruck.- Aber die Tierliebe breitete ein wohlwollendes Tuch über
diese Situation. Es war ja nur ein Ausnahmezustand. Petrelli schluckte diese Widrigkeit und ordnete dieses Chaos unter  Auf-
räumungsarbeiten ein. Ihm war ein Stück nachbarschaftliche Nähe wichtiger. Die Sympathieträger Leo und Phyllis spielten
ein große Rolle dabei. Enzo packte den erschöpften Siamkater Leo in sein Tragekörbchen. Ein Kratzer der nächtlichen Orgie prangte
auf seiner Nase. Ein Andenken der leidenschaftlichen Phyllis.
   " Heilt wieder!" dachte Enzo.
Der Kater moserte nicht einmal als Petrelli ihn aus dem Tragekörbchen auf seine Schlafstelle trug. Leo seufzte nur tief und ließ
ein leises zufriedenes Schnurren hören. Es sollten ein paar Tage vergehen bis Leo wieder der Alte war. Eine neue Angewohnheit legte
er sich zu. Oft saß der Kater auf der Fensterbank und mauzte verträumt vor sich hin. - Konnte Beau Leo Phyllis nicht vergessen ?

Die Katze fand zu ihrer alten Liebenswürdigkeit zurück. Schmuste und schnurrte freundlich mit ihrer Familie. Nur trug sie, ab jetzt,
ihren Kopf etwas höher und schritt anmutig ihre Behausung ab. Das Treppenhaus besuchte sie von dem Zeitpunkt an nie wieder.
Strickte sie ab jetzt Babywäsche als werdende Mutter.



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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