Christiane Mielck-Retzdorff

Das Wesentliche

 

 

Winona war ein Wunschkind. Ihre Eltern hatten sich schon zu Beginn ihrer Partnerschaft verständigt, dass sie ein Kind, aber nur eines, haben wollten. Doch zuerst sollten die Rahmenbedingungen stimmen. Die Wohnung musste groß genug, Kita und Schulen in der Nähe sein. Als diese Voraussetzungen erfüllt waren, setzte die Mutter, Helena, die Pille ab und wurde schon bald darauf schwanger.

Die Eltern waren Akademiker in festen Angestelltenverhältnissen. Da deren Eltern geschieden waren, wussten sie, dass eine Eheschließung keinen Einfluss auf den Bestand einer Verbindung hatte, weswegen sie darauf verzichteten. In ihrer Beziehung legten sie Wert auf Gleichberechtigung und finanzielle Unabhängigkeit des einzelnen.

Nach Winonas Geburt, der der Vater natürlich beigewohnte, nahm zuerst die Mutter eine Elternzeit von einem halben Jahr und übergab dann die Fürsorge für das kleine Kind dem Vater für den gleichen Zeitraum. Anschließend war das Mädchen alt genug, um eine Kita zu besuchen, damit die Eltern weiter ihrer Berufstätigkeit nachgehen konnten.

Diese hatten Helena und ihr Mann sorgfältig ausgewählt, denn sie wussten um die Bedeutung frühkindlicher Förderung für das weitere Leben. Winona lernte bereits vor der Grundschule, Englisch und Spanisch zu sprechen. Gesunde, meist vegetarische Nahrung und Sport sollten ihre Leistungsfähigkeit steigern. Ihren Wunsch, ein Instrument zu spielen, lehnten die Eltern jedoch ab, weil so ein Hobby der Tochter nur wertvolle Zeit stehlen würde. Den Urlaub verbrachten sie ausschließlich in Freizeitparks, wo für die Beschäftigung der Kinder gesorgt wurde, damit die Erwachsenen sich erholen konnten.

In ihren ersten Lebensjahren zeigte sich Winona als ein vergnügtes Kind, das gern lachte und spielte. Aber schnell begriff sie, dass ihre Eltern nur zufrieden mit ihr waren, wenn das, was sie tat, einen Sinn erfüllte. Albernheiten oder Kuscheln gehörten nicht dazu. So fühlte sich das Kind ungeliebt und versuchte alles, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu wecken. Das ging oft schief, wodurch sie Unverständnis und Ablehnung erntete. Langsam wurde aus dem fröhlichen Kind ein kleiner Mensch, der begriff, dass er nur Liebe erwarten konnte, wenn er Erwartungen erfüllte.

Auch in der Kita und in der Schule lernte sie, dass Lob und Zuwendung nur bekam, wer ordentlich in der Reihe marschierte. Zusätzlich wurde Winonas Wert offensichtlich von den Erziehern und den Eltern an ihren Leistungen gemessen. Wollte sie also liebevolle Worte oder Berührungen erreichen, musste sie fehlerlos funktionieren. Jeder noch so kleine Misserfolg zog Geringschätzung nach sich.

Wenn sie einmal weinte, weil sie versagt hatte, bekam sie nur zu hören, dass auch schlechte Erfahrungen der Vorbereitung auf das Leben dienten. Trost spendete ihr niemand. Ihre Eltern vertraten die Auffassung, dass Jammern nur ein Zeichen von Schwäche war, die in der Gesellschaft verachtet wurde. Schon früh sollte ein Mensch einsehen, dass sich sein Wert ausschließlich in seiner Leistung gemessen an dem Ertrag maß.

Winona fügte sich in diese Welt der Anforderungen, um wenigstens gelegentlich das Gefühl vermittelt zu bekommen, geliebt zu werden. Aber dann trennten sich ihre Eltern und sie gab sich die Schuld daran. Allein ihre Unfähigkeit hatte Mutter und Vater so sehr belastet, dass sie sich so häufig stritten. Nun wurde sie wie ein Pingpongball zwischen beiden hin und her geworfen und musste versuchen, es beiden recht zu machen. Doch sie wurde das Gefühl nicht los, ein Störfaktor in deren Leben zu sein.

An einem trüben Novembertag saß Winona an ihrem Computer und bereitete sich auf das Abitur vor. Chemische Formel mussten in ihrem Gehirn gespeichert werden. Plötzlich erhielt sie eine Nachricht von ihrem Freund Samuel. Beide waren schon seit einiger Zeit ein Paar, selbst wenn Winonas Mutter ihn ablehnte. Seine Eltern waren eher einfache Leute und er nur mäßig begabt. Schon zweimal hatte er das Klassenziel nicht erreicht und war daher auch älter als seine Freundin.

Schon lange legte Winona keinen Wert mehr auf die Meinung ihrer Mutter, obwohl diese mittlerweile in den Vorstand eines großen Unternehmens aufgestiegen war. Als das Mädchen mit 12 Jahren seine erste Regel bekam, verkündete ihre Mutter, dass sie nun eine Frau sei und sich als Erwachsene fühlen müsse. Damit entband sie sich selbst aller elterlichen Pflichten, die sowieso meistens von Fremden wahrgenommen worden waren.

Ihren Vater hatte Winona schon lange nicht mehr gesehen, denn er lebte und arbeitete In Singapur, wo er eine neue Familie mit einer Asiatin gegründet hatte. Nachdem er diese Verbindung mit Stempel und Siegel eingegangen war, beurteilte die Mutter ihren Ex endgültig als Schwächling. Wie die meisten Männer war er nicht in der Lage, sein Leben unabhängig zu gestalten. Aus Furcht vor Einsamkeit wurden Frauen gekauft, die als Haushälterinnen und Sexsklavinnen nützlich waren.

Winona öffnete die Mail ihres Freundes und las:

„Kannst Du mit diesem bescheuerten Gedicht etwas anfangen?“

Samuel hatte als Hauptfach Deutsche gewählt, weil er hoffte, seine Mutterspreche genug zu beherrschen, um das Abitur zu schaffen. Winona sah ihre Stärken eher in der Mathematik und den Naturwissenschaften, weil diese Fächer weniger Interpretation oder Phantasie erforderten. Ihre Mutter hatte immer gepredigt, dass nur klare Strukturen zum Ziel führten. Aber auch in der deutschen Literatur kannte sich Winona ein wenig aus und widmete sich dem Gedicht, um Samuel helfen zu können.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Dieses Gedicht von Novalis kannte Winona nicht. Und sie musste zugeben, dass auch sie es nicht verstand. Waren nicht Zahlen und Logik das Wichtigste, um die Welt zu verstehen? Warum sollten Singen oder Küssen eine größere Bedeutung haben als Bildung? Was sollte freies Leben bedeuten? Und wenn sie aus dem Fenster schaute, erspähte sie nur das Himmelsgrau, weder Licht noch Schatten. Doch gerade in diesem Moment fiel ein Sonnenstrahl durch die Wolken, malte bizarre Schatten auf den Teppichboden ihres Zimmers.

Winona erschrak ein wenig, ohne zu wissen warum. Sie las nochmal den letzten Satz des Gedichtes. Von welchem Wesen war darin die Rede? Politik oder Moral, die eine Gesellschaft prägten? Monster, Geistern oder Feen? Oder gar dem menschlichen Wesen? Aber was verstand der Dichter darunter? Die junge Frau fragte sich, was sie als ihr Wesen bezeichnen würde. War damit die von der Kirche immer wieder erwähnte Seele gemeint, deren Existenz bisher nicht logisch bewiesen worden war?

Zum ersten Mal in ihrem Leben dachte Winona über sich selbst nach. War sie nicht nur das Ergebnis der Erwartungen und Einflüsse anderer? Worin unterschieden sich ihr Streben und ihre Wünsche von denen der Masse? Die junge Frau machte sich voller erwartungsfroher Neugier auf die Suche nach ihrem Wesen. Und Jahre später fand sie dann auch das gar nicht so geheime Wort.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



Zum wiederholten Mal muss sich die Gymnasiastin Lisa-Marie in einer neuen Schule zurechtfinden. Dabei fällt sie allein durch ihre bescheidene Kleidung und Zurückhaltung auf. Schon bei der ersten Begegnung fühlt sie sich zu ihrem jungen, attraktiven Lehrer, Hendrik von Auental, der einem alten Adelsgeschlecht entstammt, hingezogen. Aber das geht nicht ihr allein so.
Die junge Frau muss gegen Ablehnung und Misstrauen kämpfen. Doch auch der Lehrer sieht sich plötzlich einer bösartigen Anschuldigung ausgesetzt. Trotzdem kommt es zwischen beiden zu einer zarten Annäherung. Dann treibt ein Schicksalsschlag den Mann zurück auf das elterliche Gut, wo ihn nicht nur neue Aufgaben erwarten sondern auch Familientraditionen, die ihn in Ketten legen.

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