Wolfgang Küssner

Einunddreißig Kilo + Handgepäck

Kleinanzeigen auf einem sogenannten Internet-Marktplatz fanden Käufer für kleinere Literatur-Sammlungen, für Kunstgegenstände wie Gemälde, Plastiken, Skulpturen. Allerdings war es dort nicht moeglich, die Figur eines griechischen Satyrs aus Bronze zu offerieren. Solche Gegenstände seien mit der Marktpolitik des Betreibers nicht im Einklang. Warum, das wurde nicht gesagt. Es läßt sich denken: Ein Satyr wird in der Regel nicht nur mit einer Panfloete in der Hand, sondern mit einem erigierten Penis dargestellt, galten sie in der Mythologie doch als das männliche Prinzip gegenüber den Nymphen. Und ein Steigerungswinkel von über 90 Grad ist vermutlich jugendgefährdend. Gut, das so etwas im Internet nicht zu finden ist.

Waren die Kleinanzeigen ansonsten relativ erfolgreich, so erwies sich eine andere Vermarktungsform gebrauchter Gegenstände als totaler Flopp: Flohmärkte. Helmut G. hatte noch die 80er Jahre in Erinnerung, wo es ein Spaß war, Freude bereitete, an Sonntagen einen Flohmarkt zu besuchen, durch die Stände mit Antiquitäten und Kunst, mit Ramsch und Kitsch zu bummeln, etwas total Ausgefallenes zu entdecken. Die Schnäppchen-Kultur, die „Geiz-ist-geil“-Mentalität hatte mit den Jahren offensichtlich auf diesen Märkten überdeutliche Spuren hinterlassen. Ramsch und Krempel, wohin das Auge sah und kaum jemand war bereit, auch nur einen Euro für etwas Wertigeres zu zahlen. Zwei oder drei Versuche hatte Helmut unternommen; es waren unterm Strich lange, stressige Tage fernab von Spaß, von einem kleinen monetären Ertrag ganz zu schweigen.

Seine überwiegend klassische Musikbibliothek hatte Helmut in mühsamer Kleinarbeit neu formatiert und auf einem tragbaren, digitalen Abspielgerät gespeichert. Nahezu 10.000 Tracks mit ca. 120 Gigabyte Volumen waren dort für künftigen Musikkonsum abgelegt. Einige CDs fanden als Geschenk dankbare Abnehmer, andere wanderten in den Schredder des nächsten Recycling-Hofes. Bücher konnten nur noch teilweise verkauft werden, der technische Fortschritt in Form des Internets hatte seine Spuren hinterlassen. Second-Hand-Händler sichteten die von Helmut G. in Kisten angekarrten, angebotenen Bücher und unterteilten sie   in zwei Gruppen: Wiederverkaufsbares und Unverkäufliches. Zur letzteren Gruppe zählten Woerterbücher, Nachschlagewerke, Lexika. Das Internet hatte sie für den Markt wertlos gemacht. Man kann – so Helmut – Bücher nicht in den Müll werfen, das kommt doch einem Verbrennen gleich. Also verschenkte er diese Bände an die Händler für Werbezwecke vor dem Geschäft.

Mittels Ringordner, Klarsichthüllen, auf A-4-Seiten gedruckten Fotos, offerierte Helmut im Kollegenkreis Gegenstände seines Haushaltes, die er gegen Käufergebot abgeben wollte. Und siehe da, die Mitarbeiter entdeckten Dinge, die sie gebrauchen konnten und nun für billiges Geld erwarben. Den Inhalt seines recht großen Kleiderschranks hatte er schon durch diverse Fahrten zur Altkleidersammlung reduziert. Etliche Sommerklamotten waren nach dem letzten Urlaub bereits in Thailand verblieben.

Mit dem installierten Outlook-Countdown rückte sichtbar der letzte Arbeitstag näher und näher. Leider war vier Wochen vor dem beruflichen Finale immer noch kein Käufer für die Wohnung  gefunden. Das koennte eng werden. Helmut G. überlegte bereits, den Abflug zu verschieben bzw. zur Unterzeichnung eines Kaufvertrages nach old Germany zurückzukommen. Doch der Makler nahm Druck aus der Lage, in dem er Helmut erklärte, sollte sich kein Kaufinteressent in dem Zeitfenster entscheiden, so würde der Makler selbst die Wohnung kaufen wollen. Zu dem eventuellen Kaufpreis äußerte sich der Vermittler allerdings nicht. Ein Schelm,... aber das wäre jetzt eine unnoetige Wiederholung. Doch dann gab es den Käufer, das Geld zur Finanzierung war bewilligt, der Kauf-Vertrag unterschrieben. Keine vier Wochen bis zum Abflug. Was mit dem Geld machen? Doch das ist eine andere Geschichte.

Es war auf den unterschiedlichsten Verkaufskanälen fast ein Ding der Unmoeglichkeit  gewesen, Designer-Moebel aus Helmuts Wohnung zu verkaufen. Wie hieß es bei der Anschaffung so schoen: Designer-Moebel seien die Antiquitäten von morgen. Dieses Morgen war offensichtlich noch nicht gekommen. Aber: Der Käufer der Immobilie zeigte sich an der Übernahme diverser Stücke interessiert. Er bekam den günstigen Zuschlag.

Jetzt hieß es, eine Firma zu finden, die Hausräumungen bis zum besenreinen Zustand als ihr Geschäftsmodell betrachtet. Zwei per Mail angeschriebene Unternehmen reagierten gar nicht, waren telefonisch nicht erreichbar, ignorierten den Anrufbeantworter. Waren ihnen die Besen ausgegangen? Hatten sie zuviel zu tun? Oder waren sie nicht gerade das, was man normalerweise als serioes bezeichnen würde? Ein drittes zeigte Interesse und bat zwecks Ermittlung der Kosten ganz simpel um ein paar Fotos von der zu räumenden Wohnung. Für 600 Euro – so dann die schnelle Antwort - wollten sie die Wohnung übergabefähig räumen. Also bekamen sie nach einer Terminvereinbarung den Zuschlag. Für die Zeit nach der Räumung bis zum Abflug in die künftige Heimat buchte Martin ein günstiges Hotel unweit vom Arbeitsplatz.

Zu dem vereinbarten Termin rückte das Räumkommando an. Alles wurde nochmals fotografiert, dokumentiert. Verträge und Vereinbarungen über Entsorgung etc. zur Unterzeichnung vorgelegt. Und um es gleich zu sagen, aus den anfänglichen 600 Euro wurde eine Rechnung von annähernd 2.500 Euro, die jeden Schritt der Mitarbeiter, allerdings auch jede Zigarettenpause, in Rechnung stellten. Davon war in den Verträgen nichts zu lesen gewesen. Das konnte Helmut natürlich nicht akzeptieren. Massive Kürzung – keine Widersprüche! Soviel zum Thema „serioes“.

Und mit seinem letzten Hab und Gut – verpackt in zwei Taschen und einem Koffer - wechselte Helmut ins zuvor reservierte Hotel. Die am jeweiligen Tag getragene Kleidung wurde am folgenden  in einem Müllcontainer entsorgt. Das praktizierte er 10 Tage lang so. Jetzt noch Wäsche machen? Ex und hopp, das hatte Helmut doch so oft in seinem Leben als ideales Lebensprinzip hoeren müssen. Nur den Propagandisten dieses Verhaltens ging es um Profitsteigerung dank Neukauf, dem entzog sich Helmut G. mit seinem jetzigen Ex-und-Hopp-Prozedere natürlich total.

Mit einunddreißig Kilo an Goldbarren, dürfte der Besitzer zu einem kleinen Schwergewicht zählen; mit 31 Kilogramm Koerpergewicht wäre ein Erwachsener allerdings ein Leichtgewicht in lebens-bedrohlichem Zustand. Bei 31 Kilo Reisegepäck verlangen viele Fluggesellschaften einen Zuschlag und wer mit einunddreißig Kilog einen Umzug durchführt, der hat sich offensichtlich auf das Wesentliche konzentriert. Helmut G. hatte genau das getan.

Nachdem er einen groeßeren Geldbetrag von der Bank am Tag der Abreise abgehoben, und diesen gegenüber dem Zoll am Flughafen mit WOHER und WOFÜR erklärt hatte, stand er am Check-In-Schalter und das Gewicht seines Koffers zeigte auf der digitalen Anzeige 31,0 Kilogramm. Da er bei der Fluggesellschaft recht guter Kunde war, hatte er keine Gebühren für Übergewicht zu entrichten. Außerdem hatte er sich für diesen finalen Flug ein Ticket in der Business-Class gegoennt. Das Gepäck war somit im Limit. Der Koffer verschwand auf dem Laufband. Und Helmut ging mit Bordkarte und Handgepäck durch die Sicherheitskontrolle und vor dort weiter in die Lounge.

Es würde für Helmut der wohl vorerst letzte graue, neblige, kühle, regnerische Novembertag sein. Als sein Flug nach Frankfurt aufgerufen wurde, ließ er folglich den Schal, die wärmende Mütze an der Garderobe der Lounge einfach hängen. Nein, das war kein Vergessen, das war bewußtes Handeln. Ähnlich verhielt er sich dann in Frankfurt, als gut 3 Stunden später der Langstreckenflug zum Boarding angezeigt wurde. Die gefütterte Winterjacke ließ er an der Garderobe zurück. Handschuhe steckten in den Taschen. Das würde er jetzt nicht mehr benoetigen. Er verabschiedete sich nicht einmal von der zurückgelassenen Kleidung, schaute nach vorn, in die Wärme, in die Zukunft. Während der Koffer bereits in einem Container verstaut den Platz im Laderaum des Fliegers gefunden hatte, schlenderte Helmut mit seinem Handgepäck zum Boarding-Counter und verschwand aus seiner alten Heimat. Mit einem Glas Champagner in seiner Hand, verabschiedete sich Helmut G. von old Germany. Tschüß, tschüß und good bye. Up, up and away mit einunddreißig Kilo + Handgepäck.

 

November 2016

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