Wolfgang Küssner

Schnitzeljagd

Die Eltern von Hänsel und Gretel waren so arm, daß sie eines Tages keinen anderen Ausweg mehr sahen, als ihre Kinder im  Wald auszusetzen, sich selbst zu überlassen. Die Kleinen hatten natürlich die Armut und das Ansinnen der Eltern gespürt und sich vorsorglich mit kleinen, weißen Kieselsteinchen eingedeckt, die sie auf dem dunklen Pfad in den Wald unbemerkt fallenließen, um den Weg zurückzufinden. Und so standen sie dann schnell wieder vor ihren staunenden und verzweifelten Eltern. Aber der zweite Versuch, die Kinder loszuwerden, war dann deutlich erfolgreicher. Es ging derart ploetzlich in den Wald, daß Hänsel und Gretel nur schnell eine Scheibe Brot greifen konnten und Krume für Krume fallenließen, in der Hoffnung, so den Weg zurück zu den Eltern zu finden. Das Brot fraßen leider die Voegel und der Rest dieses Märchens ist für diese Zeilen hier nicht weiter von Bedeutung.

Die Witwe Bolte hatte als erste unter den Streichen von Max und Moritz zu leiden. Die beiden frechen Lausbuben fütterten die drei fetten Hühner und den Hahn der taffen Hausfrau mit nahrhaften Koernern, die sie sternfoermig und vier Perlenketten gleich auf dem Boden des Hühnerstalls ausgelegt hatten. Doch die Koerner lagen nicht nur in einer zur Mitte führenden Linie, sie waren auch mit einer ganz dünnen Schnur verbunden. Das Federvieh pickte den Fraß so lange, bis sie sich in der Mitte gegenüberstanden und alle mit der Schnur im Schnabel zu ersticken drohten. Auch an dieser Stelle sei auf den Rest des Streiches verzichtet, er ist hier nicht relevant. Ungeachtet auch der Tatsache, daß Witwe Bolte gleich ein weiteres Mal Opfer der boesen Buben wurde.

Den Heimkehrversuchen der ausgesetzten Kinder, den Streichen der frechen Lausbuben nicht ganz unähnlich, ist die Schnitzeljagd, in einigen Regionen auch Schnipseljagd genannt. Angeblich soll es ein Kinderspiel sein; Zweifel seien angemeldet. Bei solch einer Schnitzeljagd werden von einem oder mehreren Teilnehmern Schnitzel, wohl besser Schnipsel, versteckt, die von einer meist groeßeren Gruppe entdeckt werden müssen, um letztendlich zum Versteck der gesuchten Mitspieler zu führen. Bei der Variante für die älteren (Zweifel Kinderspiel!) müssen anhand von GPS-Daten Verstecke gefunden werden, in denen dann Informationen für den nächsten Schritt zu erhalten wären.

Ob nun Kieselsteinchen oder Brotkrumen, ob nahrhafte Koerner, oder GPS-Daten bzw. Schnitzel (wirklich Schnitzel?) ausgelegt werden, die dahinter stehende Absicht ist eindeutig, es soll eine zielführende Wegstrecke markiert werden. Wie verhält es sich eigentlich mit von Hunden gesetzten Duftmarken? Fallen diese Markierungen auch unter den Begriff „Schnitzeljagd“. Andere Frage: Sind Absatzzahlen, monatliche Umsatzerwartungen, Ziel-Vorgaben einzelner Unternehmen hier auch einzuordnen? Die Erfüllung der Vorgaben haben schon mit Jagd zu tun. Und ob am Ende ein Schnitzel als Belohnung wartet, ist meistens wohl eher den Führungskräften klar.

Apropos Schnitzeljagd: Da gibt es – wie schon angedeutet - natürlich noch eine ganz andere Sichtweise, Definition – die Jagd nach dem Schnitzel, nicht dem Schnipsel. Den Geschwistern Hänsel und Gretel wäre das Schicksal des Aussetzens erspart geblieben, hätten ihre Eltern bei der Jagd nach dem Schnitzel erfolgreicher sein koennen. Wobei Max und Moritz eine gute, kräftige Sättigung vermutlich nicht von ihren listigen Streichen abgehalten hätte.

Wir kennen das Putenschnitzel, das Hähnchenschnitzel, das Fischschnitzel und das Schweineschnitzel und wissen somit, was  da in der Pfanne zwischen Paniermehl brutzelt. Häufig stellt sich die berechtigte Frage, wie schafft es der Koch eigentlich, das Fleisch zwischen das Paniermehl zu bekommen. Doch das wäre jetzt eine andere Geschichte, ein andermal zu erzählen.

Zusätzlich kennen wir eventuell das „Schnitzel Natur“ oder das „Kochkäseschnitzel“ und suchen manchmal das sogenannte „versteckte Schnitzel“. Ja, auch das soll es angeblich geben. Im Internet kennt Chefkoch.de übrigens nach eigenen Angaben 1410 Schnitzel-Rezepte. Das „Schnitzel Hawaii“ läßt die Verwendung von Käse und Ananas vermuten. Doch was steckt bitte sehr hinter Begriffen wie „Wiener Schnitzel“, Berliner, Hamburger, Pariser, Elsässer oder Szegediner Schnitzel? Sind da die Städte oder ihre Bewohner gemeint? Ganz zu schweigen von Bezeichnungen wie „Jägerschnitzel“ oder „Zigeunerschnitzel“.  

Bedarf es noch mehr an Klarheit? Das ist doch ein eindeutiges Indiz für Kannibalismus, oder? Jäger sind bekanntlich Menschen mit einer ganz speziellen Lizenz zum Toeten von Tieren. Man mag sie dafür hassen. Aber muß man die Jäger deshalb auch verzehren? Zigeuner sind Menschen, auch wenn wir sie heute Roma und Sinti nennen. Als der Begriff „Schnitzel“ geboren wurde, bezeichnete man diese Migranten noch als Zigeuner. Doch ist das ein Grund zum scheibchenweisen Verzehr dieser Menschen unter einer Broeselkruste?

„Das Wort Schnitzel“, so weiß Wikipedia, „leitet sich als Diminutiv” (eine Verkleinerungsform, also nicht das ganze Schwein, sondern nur ein Teil, eine abgeschnittene Scheibe davon – d.A.) „snitzel vom mittelhochdeutschen Wort sniz für „Schnitt“ ab.“ Dieses  Mittelhochdeutsch wurde etwa in der Zeit von 1050 bis 1350 gesprochen. Waren wir zu der Zeit noch Kannibalen? Und so, wie wir den Begriff „Schnitzel“ heute gebrauchen, ist er allerdings erst im 19. Jahrhundert in Oesterreich entstanden. Das so betitelte „Zigeunerschnitzel“ ist wohl in der Zeit zwischen 1804 und 1867, der Zeit des Kaiserthums Oesterreich kreiiert worden, als die Paprika aus der „Neuen Welt“ in Ungarn sich etablieren konnte. Die Schärfe und die angebliche Zigeunerromantik soll der Schnitte Fleisch den Namen gegeben haben.

Das Fleischgericht hieß ursprünglich „Schnitzel à la zingara“, also nach Art der Zigeuner. Erst die Übersetzung ins Deutsche machte daraus das „Zigeunerschnitzel“. Eine deutsche Kannibalismus-Variante? Von wegen, in ostdeutschen (DDR) Kochbüchern war der diskriminierende, irreführende Begriff unbekannt. Und den Bürgern im Westen der Republik war es in ihrer Fress-Sucht egal,  ob sie nun „à la zingara“ oder „Zigeunerschnitzel“ aßen, ob sie ihre Mägen nach Zigeunerart oder mit panierten Zigeunerscheiben füllten.  Hätte so ein Schnitzel Knochen gehabt, wäre es vielleicht aufgefallen. So galt die Devise: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ ( B. Brecht in „Die Dreigroschenoper“). Das mit dem „Jägerschnitzel“ hätte auch anders laufen koennen, hätten sich die Deutschen beim Essen Zeit gelassen, und das „Schnitzel nach Jägerart“ geordert.

Bedenken, Zweifel melden sich an. Das sind doch alles Märchen, die nur Vertuschen sollen. Zigeunerromantik? Von wegen. Sind die Roma und Sinti nicht permanent und überall vertrieben und verfolgt worden? Jägerlatein? Von wegen. Liegt die Vermutung nicht viel eher auf der Hand, daß hier – im ach so kultivierten Europa, im Land der Dichter und Denker – Kannibalismus praktiziert wurde? Wer die Kinder vor lauter Not in den Wald schickt, der schneidet sich auch vom Jäger und anderen eine Scheibe ab. Heißt eine deutsche, motivierende, disziplinierende Redewendung nicht, man moege „sich von jemandem eine Scheibe abschneiden“?

Uns will man weismachen, es sei ein Kinderspiel (Wikipedia), die Schnitzeljagd. Von wegen! Was ist mit den Wienern, Elsässern, Hamburgern, Parisern? Sind sie alle zum scheibchenweisen und paniertem Verzehr freigegeben? Wir sollte nicht vergessen: War es nicht einst ein Hamburger, der in einem Schnell-Restaurant einer amerikanischen Kette durch eine kleine Unachtsamkeit in die Friteuse geriet und anschließend filettiert dem Burger den Namen gab. Das war der beste Weg, den Betriebsunfall seinerzeit zu vertuschen. Alles nur ein Kinderspiel mit der Schnitzeljagd? Von wegen. Es ist unverändert blutrünstige Realität, die bis in unsere Tage hinein reicht. Unzählige Speisekarten sind der beste Beweis dafür. Bei „Negerküssen“ waren doch auch Korrekturen moeglich. Aber wir betrachten es immer noch als ein Kinderspiel und blasen permanent auf den Hoernern zum großen Halali – zur Schnitzeljagd.

 

März 2017

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Leben zwischen zwei Welten von Helga Eberle



Vom Schwarzwald nach New York
Ein Zeitdokument, Romantik und eine Geschichte starker Frauen.

Das Leben der Schwestern Hanna und Anna
Ehrlich, spannend und berührend.
Das Schicksal von Hanna und Anna nimmt durch den Krieg und danach seinen Lauf. Oberkirch, Offenburg, Rottweil, Freiburg und New-York ist der vorgezeichnete Weg von Hanna.
Der biografische Roman ist nicht nur ein Zeitdokument, sondern er greift auch die Geschehnisse des zweiten Weltkriegs auf und stellt das Werk somit in einen allgemeingeschichtlichen Kontext.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Rauschen des Meeres - Teil 03 von Wolfgang Küssner (Krimi)
Menschen im Hotel V von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Die dritte Person von Norbert Wittke (Glossen)