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Real existierender Fahrsteifenwechsel

Aus einer guten Laune heraus beschloss ich im Herbst 2008, spontan meinen Führerschein zu machen. Ich war in diesen Tagen trotz des grauen Herbstwetters gut gelaunt und tatendurstig, was an meiner neuen Freundin lag, und daran, das ich eben 30 geworden war.

In der Fahrschule, die zwischen dem Supermarkt und meiner Wohnung lag, brannte an diesem Abend Licht und so betrat ich den winzigen Raum und meldete ich mich an. Die „Fahrschule Kowalske“ betrieb ihr Geschäft auf unterstem Niveau und entsprechend günstig sollte das Vorhaben werden. Für knappe 1000 Euro, so rechnete man mir vor, sollte es klappen. Die Sperrholzmöbel und der antiquierte Computer erweckten budget-technisch einen glaubwürdigen Eindruck. Damals gab es in dem Kiez zwischen Ostkreuz und Boxhagener Platz noch viele unsanierte Häuser, in so einem hatte sich seit 10 Jahren, dennoch provisorisch, die Fahrschule eingerichtet.

Mittlerweile ist das Haus saniert. Geflickt wie ein fauler Zahn im glänzenden Gebiss der Häuserreihen. Statt Kowalske ist heute ein hippes Lokal für kaltgebrühten Kaffee in den Räumen. Leider konnte die Fahrschule nicht von dem Touristen-Strom profitieren, der das Viertel seit Jahren prägt.

Nach dem Theorieteil, ging es bald auf die Strasse, in einem alten 3er BMW. Im Inneren roch es nach Duftbaum und Angstschweiß, trotzdem ein schönes Auto.

Der Fahrlehrer und Eigentümer der Fahrschule, Herr Kowalske, war über 50 Jahre alt und hatte sein ganzes Leben eine Fahrschule betrieben. Auch schon „früher“, was vor der Wende bedeutete. Er hatte hohen Blutdruck, war ungeduldig mit mir und verstand meine höfliche Art als Streberei.

Nach den ersten Stunden fragte er mich dutzend, ob ich nicht mal ne Stunde bei seinem Kollegen Wendskji nehmen wolle, denn offensichtlich ging ich ihm schrecklich auf die Nerven. Ich hatte Herrn Wendskji bisher für eine Art Hausmeister gehalten. Wenn ich zu den Theoriestunden in die Fahrschule kam, saß Herr Kowalske immer wichtigtuerisch an seinem Computer, während Herr Wendskji schweigend die Stühle aufgestellt hat. Er sagte eigentlich nie etwas und wenn, dann stotterte er auffällig.

Herr Wendskji war um die 70 und klein gewachsen, von hagerer Gestalt. Sein Gesicht war halb angestrengt, halb verfallen. Eine Person die man auf der Strasse nicht nach dem Weg fragen würde, mit der Befürchtung man könne eine unhöfliche Antwort bekommen.

Er trug matte Farben, Kleidung aus dem Supermarkt und eine Schirmmütze von einem Reifenhersteller. Er versprühte die Aura von Starrheit und Resignation. Auf unseren Fahrten referierte er die typischen Klagelieder über den Siegeszug des Kapitalismus und war dadurch so abgelenkt, dass ich meistens ohne Anweisung durch die Gegend rollte. Schon in der ersten Fahrstunde fiel mir auf, dass er oft wie gebannt auf den Kilometeranzeiger des BMW starrte. Ich dachte er würde die Geschwindigkeit prüfen und nahm etwas den Fuß vom Gas. Erst später sollte ich von seiner starken Kurzsichtigkeit erfahren.

Natürlich sah ich auch die Möglichkeiten die sich daraus für mich ergaben - denn wer selber Toleranz einfordern muss, ist oft selbst nicht so streng. Seine Schusseligkeit hatte beispielsweise den Vorteil, dass ich sofort mit den Pflichtstunden beginnen konnte. Außerdem verfuhren wir uns oft, so das ich das Autofahren während der Extra-Kilometern kostenfrei üben konnte.

Als er mich in der dritten Fahrstunde fragte, ob wir schon mal zusammen gefahren sind, wurde es nicht mehr zu leugnen: meine Ausbildung zum Autofahrer hatte anarchische Züge angenommen.

Auf der Fahrt durch das regnerische Ost-Berlin gestand er mir, dass er daheim bei seiner Frau ungern rumsitzen würde. Seine Frau sei trotz ihres Alters noch immer anstrengend, weshalb er seinem ehemaligen Schüler, Rüdiger Kowalske, eben zweimal die Woche aushelfen würde.

„Ich bin schon lang in Rente. Das hab ich mir verdient, was glaubst denn du? Ich hab über 50 Jahre gearbeitet. Also Bitte“. „Fünfzig Jahre“ wiederholte ich erstaunt - mein Fahrlehrer war wirklich nicht mehr der Jüngste. Aber ich war ja auch ein überdurchschnittlich alter Fahrschüler und so gab ich ihm mit allem recht und genoss das erste mal in meinem Leben die Freude am Fahren.

Über die gemeinsamen Stunden entwickelte sich eine friedliche Koexistenz, eine zaghafte deutsch-deutsche Freundschaft. Oder Hassliebe, je nach Verkehrslage.

Einmal sagte er: „Egal was die anderen in der Schule über dich sagen – ich hab nichts gegen dich.“ Ich zog daraus den Schluss, dass mich mittlerweile nicht nur Kowalske dick hatte, sondern auch seine Freundin, die neuerdings die Theoriestunden leitete. Seit der neue Projektor angeschafftwurde, war Kowalkse dazu nicht mehr willens. Auch seine Berufslaufbahn neigte sich zur Rente.

Da ich in dieser Zeit viel beschäftigt war, streckte sich meine Ausbildung bis weit in das darauf folgende Jahr. Wir fuhren nun manchmal zu einem Haus in Marienfelde, ein flaches Gebäude das mittlerweile von den neuen Bewohnern saniert wurde. Nur das kaputte Kopfsteinpflaster davor ist geblieben. Hier in diesem Haus sei er aufgewachsen. Ich hatte das Gefühl den Alterungsprozess direkt mitverfolgen zu können. Neuerdings trug er auch ein Hörgerät – ein stark veraltetes Modell. Ich sah die opaken Falten an seinem Kinn und wunderte mich, wieso sie mir erst so spät aufgefallen waren. Oder lag es an den warmen Temperaturen, dass mein Fahrlehrer neuerdings so faltig war? Herr Wendskji erzählte immer weniger und ließ sich an einem kleinen Kiosk in Lichtenberg absetzen, um dort mit irgendwem einen Kaffee zu trinken. Ich wartete im Auto und beobachtete die Menschen, die durch die Strassen der ehemaligen DDR liefen. Keine 15 km weiter erwachte gerade ein neuer Stadtteil, eine neue Generation, während hier noch nichts nach Aufschwung aussah. Braune Fassaden, ein Laden für 99Cent Produkte und junge Familien mit Kampfhund und Bierflasche.

Es war vielleicht die achte gemeinsame Stunde, da brachte Herr Wendskji eine Plastiktüte aus dem Baummarkt mit, in der befand sich einen zusätzlicher Rückspiegel. Durch den Spiegel musste er sich kaum bewegen, um den nachfolgenden Verkehr zu sehen. Der Saugnapf des Spiegels wollte aber nicht an der Windschutzscheibe halten. So ärgerte sich Herr Wendskji, schnallte sich ab und ich überquerte hastig die Kreuzung an der Landsberger Allee. Noch schärfer als sonst schimpfte er über den „Schrott aus Amerika“. Er benetzte den Saugnapf mit Spucke, vor der er wenig hatte, reinigte die Scheibe mit seinem Stofftaschentuch und bat mich rechts ran zu fahren, da er aus dem Kofferraum ein Reinigungsmittel holen wollte. Nichts jedoch half und so vergingen die 90 Minuten mit einem kontinuierlich runterfallenden Spiegel. Beim rechten Schulterblick konnte ich ihn gut beobachten. Mit schief gerückter Schirmmütze und dem Pullover der etwas aus des der Hose hing. Unangeschnallt aber mit lauernden Augen im Kampf gegen das Kapitalisten-Spielzeug, dass ihn im Baummarkt noch so überzeugt hatte. Gelegentlich stotterte er dazu einen Fluch und er wirkte nun vollends senil auf mich.

Mittlerweile war ich der letzte Schüler von Herrn Wendskji und seine letzte und meine erste praktische Prüfung stand an. Ein heißer Sommer setzte ein und die letzten Übungsstunden waren für Herrn Wendskji sichtlich sehr anstrengend. Er war es nun, der Termine verschob. Als wir für die Nachtfahrt bis 22:00 Uhr warten sollten, wurde er bald müde und beschloss schon um 19:00 Uhr  loszufahren. In Berlin ist es im Juni um 19:00 Uhr noch längst nicht Nacht. Ich war der Überzeugung, dass er im vergangenen Herbst noch nicht so gehandelt hätte. Seine Art war doch immer so pünktlich und akkurat gewesen?

Die Tage wurden heißer und heißer und während wir durch die Schluchten der Plattenbauten rollten, machten wir aus, dass ich mich zur Prüfung anmelden würde. Am nächsten Tag rief mich Herr Wendskji an, es war das erste mal das er mich persönlich anrief und nicht über „Die Schule“ kommunizierte. Er fragte mich, ob ich die Prüfung nicht verschieben wollte und lieber noch ein paar Übungsstunden machen wollte. Es sei so heiß draußen, eine Prüfung sei bei dem Wetter eh schon halb vermasselt. Ich könne mir doch, nur zum Beispiel, Kopfschmerzen beim Arzt attestieren lassen und die Prüfung würde kostenfrei verschoben - also rein theoretisch. Doch ich wollte nicht verschieben, schließlich war der Termin präzise getaktet. Ich wollte eine Woche drauf mit meiner neuen Freundin in den Urlaub fahren.

Am Tag der Prüfung war es noch heißer als an den Wochen zuvor. Die Hitze stand zwischen den Gewerbehöfen und den großen Bauten auf der anderen Seite des Parkplatzes. Die DEKRA-Fahne hing schlaff in der Sonne.

Die erste Frage des Prüfers war, ob das Auto eine Klimaanlage hat – hatte es nicht. Ich lächelte entschuldigend und versuchte mit meinem weißen Hemd, meiner adretten Frisur und guter Stimmung eine Atmosphäre der Sicherheit zu erzeugen. So hatte ich es mir im Vorfeld vorgenommen. Herr Wendskji begrüßte den 30 Jahre jüngeren Mitarbeiter der DEKRA. Sie kannten sich, haben sich lange nicht gesehen. Der Prüfer mache unterschwellig eine Bemerkung über das hohe Alter von „Bruno“, wie er ihn nannte. Doch wegen des Wetters war er zu ungeduldig, um die gestotterte Antwort sich ausdehnen zu lassen.

Unvermittelt wandte er sich mir zu wollte und wollte mein Wissen zum Thema Handbremse prüfen. Was ich wohl machen würde, wenn ich in Bayern am Berg parken müsste. Die Geburtsstadt, die er im meinem Ausweis gelesen hatte, schien ihn zu diesem Kommentar zu inspirieren. Er konnte ja nicht wissen, dass es in Gräfelfing praktisch keine Berge gibt. Aber so war eben seine Art, eher ungemütlich. Vermutlich auch seine Amtlichkeit und Unbestechlichkeit zu demonstrieren. Dennoch versuchte ich möglichst gute Stimmung zu verbreiten. Herr Wendskji wollte sich dieser Strategie offensichtlich nicht anschließen. Noch bevor es richtig los ging, erfuhr der Prüfer vom frühen Tod eines ehemaligen Kollegen. Es trat Stille ein, als ich ordnungsgemäß blinkend vom DEKRA Hof rollte. Während der Fahrt fiel meinem Lehrer, der mir doch eigentlich psychologisch beistehen sollte, nicht viel mehr ein, als bitter festzustellen, das die Wende nun tatsächlich schon 20 Jahre her ist. Der Prüfer wollte sich auf keinen Fall auf ein ostalgisch angehauchtes Gespräch einlassen. Er sah sich eher als Wende-Gewinner und wollte sich nicht mit Herrn Wendskji’s Schicksal gemein machen. Besonders wenn ein Wessi mit im Auto sitzt.

So wurde viel geschwiegen. Minuten in denen sich der Prüfer gut auf meine Fahrtüchtigkeit konzentrieren konnte. Ich mache einen Fehler, keinen Prüfungsrelevanten, sondern ich überging eine seiner spontanen Richtungsanweisungen. Obwohl ich von meinen Internet-Recherchen wusste, dass das kein Grund zum Durchfallen ist, machte mich das Schimpfen des Prüfers doch unruhig. Herr Wendskji schwieg und schaute leicht verträumt aus dem Fenster. Vielleicht spürte er, dass dies die letzte Prüfungs-Fahrt seines Lebens sein würde. Die Fahrt ging schleppend weiter, ich hoch konzentriert. Als wir an einer roten Ampel hielten, wurde es im Auto so heiß, das der Prüfer begann, die Unterlagen wie einen Fächer zu benutzen. Vor uns tauchte ein großer silberner Wagen auf - genau das Modell mit dem ich in der nächsten Woche mit meiner Freundin nach Schweden zu fahren gedachte. Ich wurde ruhig.

Als wieder etwas Fahrtwind in den Wagen strömte, machte der Prüfer ein treffendes Kommentar: ich würde fahren wie eine alte Großmutter. Ich drücke etwas aufs Gas und mache die Fahrt durch zusätzlichen Fahrtwind erträglicher.

Als sei es eine unangenehme Pflicht mir zu gratulieren, schüttelte der Prüfer meine Hände. Kurz und knapp regelt er ein paar Formalitäten mit Herrn Wendskji, um dann möglichst schnell in seinen klimatisierten Audi zu steigen und ins Wochenende abzuhauen.

So stiegen wir wieder in den alten BMW. Es war das erste mal das ich Herr Wendskji fahren sah. Ich war überglücklich und wollte eigentlich nur so schnell wie möglich aus dem Auto raus und meiner Freundin Grünes Licht geben. Unsere Reise würde stattfinden. Herr Wendskji ließ sich nicht von meiner Laune anstecken, wirkte eher etwas enttäuscht. Er zeigte seine Zuneigung erneut mit einem zweifelhaften Kompliment. Er sei der einzige in der Schule, der noch nie Probleme mit mir hatte. Er schlug vor, mit mir auf den Erfolg anzustoßen. Irgendwann im Herbst, wenn es nicht mehr so heiß ist. „Ich würde mich freuen“ sage ich und bedankte mich mit einem kräftigen Händedruck. An einer roten Ampel irgendwo in Weissensee sprang ich aus dem Auto und sah Herrn Wendskji nie wieder.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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