Paul Theobald

Was man als Inhaberin eines Kioskes alles erleben kann

In der Stadt Frankenthal (Pfalz) gab es früher am Wormser Tor ein Kiosk, das von Frau Sauer betrieben wurde. Der Kiosk hatte einen sehr guten Ruf, weil die Inhaberin darauf achtete, dass jeden Tag frische Ware angeboten wurde. In der 1950er Jahren, gingen die Arbeiter von KSB, Albert und KKK noch frühmorgens ab 5.00 Uhr zur Arbeit. Frau Sauer hatte deshalb schon früh geöffnet. Dort konnten die Arbeiter noch einen Kaffee trinken oder ein Frühstück zu sich nehmen.
Doch eines Morgens kam frühmorgens ein kleines Mädchen zu Frau Sauer. Das Mädchen war aufgewacht und hatte festgestellt, dass sein Hund Struppi nicht mehr da war. So machte sich es auf die Suche. Als sie sah, dass Frau Sauer schon das Kiosk geöffnet hatte, ging es in dieses hinein und fragte: „Ist mein Struppi hier?“ Frau Sauer antwortete: „Nein, aber warum suchst du ihn bei mir?“ Geh‘ nach Hause. Dein Struppi kommt bestimmt wieder!“ Das Mädchen sagte darauf: „Ich dachte, dass mein Struppi hier sein könnte. Vielleicht wollte er sich aufwärmen, denn draußen ist es kalt.“ Frau Sauer gefiel das Verhalten des Kindes und so sagte sie zu ihm: „Weil du so brav warst, bekommst du von mir eine Tafel Schokolade.“ Das Mädchen hatte sich mittlerweile im Kiosk umgesehen und festgestellt, dass es bei Frau Sauer viele Süßigkeiten gab. Und so antwortete es: „Zu dir kommt aber oft der Nikolaus, weil du so viele gute Sachen hast. Wenn er wieder zu dir kommt, dann sage ihm doch, dass er auch mir etwas mitbringen soll. Ich komme jetzt jeden Tag zu dir, um abzuholen, was mir der Nikolaus gebracht hat!“
Das kleine Mädchen war vor einigen Minuten gegangen, als der erste Stammkunde zu Frau Sauer kam, der sie jeden Morgen aufsuchte, bevor er zur Arbeit ging. Frau Sauer war für ihn die Person, bei der er sein Herz ausschütten konnte und so sprach er: „Ich verstehe nicht, warum mich meine Anneliese verlassen hat. Ich liebe sie doch noch immer! Ich weiß gar nicht, was ich ohne sie machen soll!“ Frau Sauer sagte darauf: „Und warum hast du jeden Tag deine Frau geschlagen, wenn du sie so liebst?“ Er antwortete: „Wenn sie nur wieder zu mir zurück kommt! Wie kann ich erreichen, dass sie es tut?“ Frau Sauer wusste Rat: „Du musst so viele Geschenke deiner Frau geben, so oft du sie geschlagen hast. Und bei jedem Geschenk, das du ihr gibst, musst du singen: „Anneliese, ach Anneliese, warum bist du böse auf mich?“ „Ich werde schon heute Abend damit anfangen!“ sprach er und machte sich davon.
Mittlerweile war es 6.30 Uhr geworden und der Frau Sauer wurde frisches Obst und Gemüse angeliefert. Deshalb achtete sie nicht so genau darauf, wer ihr Kiosk betrat, zumal sie sofort anfing, die gelieferte Ware in die verschiedenen Kisten zu sortieren. Als sie mit dieser Arbeit fertig war, hatte ihr ein Kunde einen Zettel an die Kasse geklebt und darauf stand: „Ich bezahle, wenn ich wieder vorbeikomme! Auf Wiedersehen!“ Die gute Laune von Frau Sauer war im Nu verflogen.
Mittlerweile kamen die ersten Arbeiter, die auf dem Nachhauseweg von ihrer Nachtschicht waren. Es kam eine angeheiterte Gruppe von vier Mann. Diese hatte im Werk den Geburtstag eines Kollegen gefeiert und wollten die Feier bei Frau Sauer fortsetzen. Bei Frau Sauer konnte man hinter dem Kiosk auch noch ein Bierchen trinken. Diese Gruppe hatte kein Geld. Aber einer von ihnen hatte schon längere Zeit ein Auge auf Frau Sauer geworfen und sich Gedanken darüber gemacht, sie zu fragen, ob sie ihn heiraten wolle. Nur alleine hatte er sich dazu nicht getraut. Aber jetzt, im Kreis seiner Kollegen, hatte er Mut bekommen und so fragte er Frau Sauer: „Wollen Sie meine Frau werden? Von meinen Arbeitskollegen bekommt jeder einen Schnaps und ein Bier!“ Frau Sauer hatte bisher noch nicht den Richtigen gefunden und hätte nichts dagegen gehabt, einen Mann zu bekommen, der ihr beim Betrieb des Kioskes behilflich gewesen wäre. Aber einen, der ihr bester Kunde gewesen wäre, brauchte sie nicht und so schimpfte sie: „Macht, dass ihr davonkommt!“ Und ein Arbeitskollege sagte zu dem Freier: „Du wolltest doch eine liebe Frau und keinen Hausdrachen!“
Kaum waren sie gegangen, kam die Polizei. Sie suchten einen Ausbrecher aus dem Frankenthaler Gefängnis, das sich damals noch in der Innenstadt im Neumayerring, in der heutigen Emil-Rosenberg-Straße und der Marktstraße, heute Welschgasse, befand. Sie erklärten der Frau Sauer, dass der Ausbrecher in die Westliche Ringstraße geflüchtet sei. Deshalb nahmen sie an, dass Frau Sauer ihn gesehen haben könnte. Das hätte Frau Sauer noch gefehlt, dass sich die Polizei bei ihr eine Weile aufgehalten hätte und deshalb keine Kunden gekommen wären. Aber sie hatte Glück. Gerade als die Polizisten Frau Sauer fragen wollten, ob sie den Ausbrecher gesehen habe, rannte dieser am Kiosk vorbei und die Polizisten hinter ihm her.
Nun war es 7.35 Uhr geworden. Die ersten Schulkinder gingen auf ihrem Weg in die Pestalozzi- oder Schillerschule an dem Kiosk vorbei. Bei Frau Sauer befand sich am Straßenrand eine Wasserpumpe. Dort konnte man frisches Wasser trinken. So kamen einige Schulkinder zu ihr und baten um ein Glas. Doch als das Glas mit Wasser gefüllt war, holten sie eine Tüte Brause mit Waldmeistergeschmack aus einem Schulranzen heraus. Jetzt schimpfte Frau Sauer: „Das habe ich gerne! Sich von mir das Glas geben lassen und die Brause woanders kaufen!“
Und nach 3 Stunden Arbeit dachte Frau Sauer: Jetzt habe ich schon einige Kunden gehabt, aber nichts verkauft. Hoffentlich geht das den ganzen Tag nicht so weiter.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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