Samuel Braun

So weit die Sterne uns tragen

„Hör mal“, wisperte er, „wie die Vögel noch zwitschern, bevor sie fortziehen.“ Dabei griff er vorsichtig nach ihrem Arm. Sie zuckte. Seine Hand zog sich langsam wieder zurück. „Nein, bitte“, hörte sie sich da leise flüstern, „bitte lass nicht los.“ Niemals... So gingen sie Hand in Hand weiter am Bach entlang, der sich von oben durch den Wald schlängelte. Rotes und braunes Laub bedeckten den Boden und knirschten unter ihren Fußsohlen bei jedem Schritt den sie taten. Vereinzelt schienen noch die Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne durch die Äste der Baumkronen. Es ist so perfekt... Sie sprachen lange Zeit kein Wort. Doch das brauchten sie auch nicht, denn ihre Blicke füreinander sagten alles. Als sie auf der Bergkuppe ankamen, sahen sie auf eine weitläufige Lichtung. Seine Stimme zitterte: „Das ist mein persönlicher Lieblingsort. Hierhin ziehe ich mich zurück, wenn ich alleine sein will, doch jetzt will ich ihn mit dir teilen.“

Der Wind wehte durch ihr rotbraunes Haar und ließ sie in ihr Gesicht fallen. Er stand ihr gegenüber, legte ihr langsam eine Strähne hinter ihr Ohr und dabei strich seine Hand sanft über ihre Wange. Ihre Blicke trafen sich und sofort spürte sie wieder dieses Kribbeln im Bauch und eine Wärme, die wie Lava durch ihre Venen floss. Er legte nun den Arm um ihre Taille und zog sie an sich heran, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Er sieht so süß aus, wie er sich auf die Lippe beißt... Sie lehnte sich vorsichtig zu ihm hin und er tat es ihr gleich. Beide schlossen die Augen und da war er: ihr erster Kuss! Es war, als würden vor ihren Augen tausend Silvesterraketen grell erleuchten und es fühlte sich an wie fliegen, nur tausendmal besser und sie wollte nie wieder landen. Sanft, gar vorsichtig, tasteten ihre Lippen sich anfangs ab, dann wurden seine Küsse leidenschaftlicher und es war an diesem Punkt, dass sie merkte, sie wollte nur ihn, ihn alleine und niemand anderen. Als sie sich voneinander trennten und langsam ihre Augen öffneten, war ihr Lächeln breiter als das der Sternenhimmel, der sich mittlerweile am Himmel erstreckte.

Glücklich lagen sie nun nebeneinander da, ihre Finger ineinander verschränkt. „Siehst du die Sternschnuppen?“, flüsterte er ihr ins Ohr, „meine Gefühle für dich enden, wenn kein Stern mehr vom Himmel fällt. Auf einem dieser Sterne will ich mit dir fortgetragen werden; bis hinter den Horizont und dann weiter zur Unendlichkeit.“ Sie wusste, dass er es ernst meinte, doch sie wusste auch, so gut wie er, dass er gehen musste. Aber das alles schien jetzt so fern, es war für den Moment ohne Bedeutung. Sie spürte, so weit weg er auch sein würde, er würde immer bei ihr bleiben.

Das war vor genau 2 Jahren. Jetzt sitzt sie im Garten, vor sich ein offenes Fotoalbum. Der raue Wind hat längst alle Blätter von den Bäumen gefegt, leblos und kaputt liegen sie über die Wiese verstreut. Dicke, dunkle Wolken bedecken den Himmel und sie beginnt zu frösteln. Sie guckt sich ihre alten Bilder an, wie glücklich sie war mit ihm, bis zu dem Tag, an dem er gehen musste. Es kam ihr damals vor, als würde ein Teil von ihrem Herzen verkümmern und sie wusste, sie würde nie wieder dieselbe sein. Jetzt bleibt nichts mehr, außer die Erinnerung. Die Erinnerung und eine kalte, stumme Träne, die auf das Foto in ihrer Hand tropft.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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