Olaf Lüken

Heldin an der Supermarktkasse

Besuch kündigt sich an. Was folgt kennt jeder. Einkaufen, kochen, zubereiten. Ich gehe zum Supermarkt, ziehe den Einkaufswagen heraus und betrete den Discounter. Alles muss schnell gehen. Hier eine Flasche aus dem Regal, da zwei Joghurts aus dem Kühlfach, dort einen Blumenkohl und und und. Dann heißt es Schlange stehen und warten. Schritt für Schritt nähere ich mich dem Kassenbereich. Vor mir legen die Käufer ihre Waren auf das Band, das die Güter ruckweise bis zur Endstation "zahlen, einpacken und gehen" befördert. Neben mir wird eine weitere Kasse eröffnet und ein Teil der Kunden verteilt sich. Gleich bin ich dran, denke ich. Vor mir stehen zwei, hinter mir acht Kunden. "Guten Tag", begrüßt mich kurz und freundlich die Kassiererin, nimmt meine Ware und zieht sie über ein ebenes Glasfenster. Der Rest ist Computersache: "Zahlen" Sie in bar oder mit Ihrer Karte?" "Bar", antworte ich kurz. Dann passiert, was nicht passieren soll und nicht passieren darf: "Ihre Joghurtbecher laufen aus", sagt sie. Oh Gott. Was soll ich tun? Vor mir die Tür, und raus aus dem Haus. Hinter mir acht neugierig gewordene Kunden. Wieder schaut mich die Dame freundlich an und sagt:" Sie können sich gerne zwei neue Becher aus der Kühltheke holen. Ich warte so lange." Ein Blick auf die jetzt gereizte Kundenschar hinter mir beantwortet ihr Angebot. Nein, das mache ich auf keinen Fall. Ich bin verunsichert und feige dazu. Zwei Kinder hinter mir quengeln. Wahrscheinlich sind sie vom Warten müde geworden. Zur Verkäuferin gewandt, sage ich: "Ach, wissen Sie, das mit dem Joghurt ist meine Schuld. Ich habe einfach nicht aufgepasst. Ich nehme die Becher mit - heile oder kaputt - was soll's "Dann hole ich die Joghurtbecher für Sie", sagt die Kassiererin leicht amüsiert, steht auf und geht an den überrascht wirkenden Gesichtern der Anstehenden vorbei zum Kühlregal. Nach einer Minute - gleich einer Ewigkeit - kommt sie zurück und legt stolz zwei unversehrte Becher auf das Band. In ihrem Gesicht erkenne ich ein leicht verschmitztes Sieger-Lächeln. Ich freue mich. Ein Kunde räuspert sich, manche tuscheln, aber keiner zeigt offen seinen Unmut. Ich erlebe eine Angestellte als freundliche, einfühlsame, tatkräftige und mutige Helferin. Manche Menschen glauben an Wunder, an blutende Madonnen, an heilendes Wasser oder an die Kraft der Sterne. Die wirklichen Wunder sind kleiner und auch seltener geworden. Dazu gehört die Fähigkeit, mit dem Herzen zu sehen und aus dem Herzen heraus zu handeln. PS: Mein Erlebnis schrieb ich dem Kölner Stadt-Anzeiger, der meinen Artikel kurze Zeit später publizierte. Die Personalstelle der Kassiererin bekam davon Wind und mahnte die freundliche Helferin nach einem kurzen Gespräch ab. Begründung ? Unerlaubtes Entfernen vom Arbeitsort. So kann es gehen. Olaf Lüken

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Gestatten, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Pedro und bin ein Graupapagei, ja, genau, der mit dem schwarzen Krummschnabel, der weißen Maske, dem grauen Gefieder und den roten Schwanzfedern. Meine drei Freunde Kasimier, genannt »Karl-Karl Kasel«, Grete, genannt »Motte-Maus« oder »Prinzessin«, Peter, genannt »O«, und ich leben seit Dezember 1994 in einem schönen Einfamilienhaus in einem Dorf in der Vorharzregion. Ich habe mir vorgenommen, aus meinem Leben zu berichten, was mir alles so passiert ist, wie mein Tagesablauf ist und war und was mich alles so bewegt.

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