Ingo R. Hesse

Trennungs-Faulheit

Freitag 7:10 Uhr. Irgendwann um 1975 herum. Der Kühlschrank hält vor der Brücke, an deren Geländer gelehnt ich warte. Und an deren Handlauf schon bei einer kurzen Berührung meine Finger fast festgefroren wären.

 

Der „Kühlschrank“, das ist ein VW Bulli. Einer der fünf Mannschaftswagen, mit denen unser Chef seine Mitarbeiter im Kreisgebiet einsammeln lässt. Dieses Exemplar ist im Laufe seines wahrscheinlich über zwanzigjährigen Lebens bei jeder Reparatur von weiteren Teilen der Innenverkleidung befreit worden.

 

Kaltes Blech. So kalt wie das Brückengeländer. Teilweise, in den Innenkanten der Karosserie und an den unteren Rändern der Seitenfenster mit Reif bedeckt. Kalte Plastiksitze undefinierbarer Farbe. Und irgendwo ganz hinten ein Motor, der seit einer Viertelstunde, seit R., unser Chauffeur vom Dienst losgefahren ist, versucht dezente Wärme abzugeben. Eine Wärme die uns, und allen weiteren Einsteigenden sicher gut täte. Wenn denn die Schläuche, die sie in den Innenraum leiten könnten, noch vorhanden wären.

 

Warum tue ich mir das an? Warum suche ich mir nicht einen anderen Job? A., der sehnige, knöcherne Drittes-Reich-Veteran, sitzt in gewohnter Torpedo-Stellung zum Armaturenbrett gebückt und hält den Haltegriff als würde er auf ein feindliches Schiff zusteuern. Kalter Atem wird immer wieder sichtbar. Meine dritte Gauloises für heute Morgen schafft nur eingebildete Abhilfe.

 

Das geschäftige Treiben auf dem Betriebshof, unbezahlte Arbeit, wohl im Gegenzug für die kostenlose Abholung, wärmt mich ein wenig. Die Rüttelplatte, die ich helfe in den Kübel eines Radladers zu stellen, ist so kalt wie das Brückengeländer. Verdammt, wo habe ich nur meine Handschuhe gelassen?

 

9:30 Uhr. Die Nachtkälte hat sich aufgelöst. Inzwischen ist es so warm, dass es sogar regnen oder schneien könnte. Der Himmel stimmt mir zu. Über meiner in der vorigen Woche gekauften warmen Arbeitsweste trage ich aber immer noch die auch in der vorigen Woche gekaufte Regenjacke. Dunkelgrünes Gummi ähnliches Plastik, mit optisch angedeutetem Textilfutter. Ja, darin schwitzt man so, dass man sich genau so gut nass regnen lassen könnte. Aber wenn ich es schaffe, den Moment abzupassen, in dem der Erhalt der trockenen Körperwärme in Abwehr-Schweiß umschlägt, ist das eine wirklich gute Investition.

 

Ich helfe, Bordsteine zu verteilen. Irgendwo im Bauwagen habe ich ein paar alte Arbeitshandschuhe gefunden. An Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand fehlt das Leder. Der raue Beton der Bordsteine hinterlässt erste Spuren und lässt mich sowohl die Kälte, als auch das erste Schwitzen nicht spüren. „6 Kubikmeter Beton!“ befiehlt der Meister unserem LKW Fahrer in die ersten eisigen Regentropfen hinein. OK, also kein „Schlechtwetter“ und nachhause. Noch nicht einmal ein Aufwärmen im Bauwagen. Beton wartet nicht.

 

Doch ich werde abgezogen und freue mich. Kein Dauer-Bücken heute. Unter einer Mauer, einer Grundstückseinfriedung soll ein Wasser-Hausanschluss durchgeführt werden. Doch leider haben die Altvorderen es besonders gut mit dem Split-Fundament gemeint. Es regnet inzwischen in Strömen. Nicht kalt.

 

Aber was ändert das jetzt? Ich habe vergessen, rechtzeitig die Jacke auszuziehen und bin nassgeschwitzt. Die Kapuze hindert mich, mit dem Presslufthammer gezielt unter der Mauer meine Aufgabe zu erfüllen. Ich ziehe die Jacke aus und hänge sie nebenan auf einen der Beton-Zaunpfähle. Dann knie ich mich wieder in den Schlamm und nehme mir wieder einmal vor, mir einen anderen Job zu suchen.

 

Montag 7:40. Meine neue Regenjacke hat am Freitag wohl einem Anlieger dieser urdeutschen Idyll-Wohnstraße recht gut gefallen. Also stehe ich nur mit meiner warmen Weste und einem Stoff-Anorak bekleidet auf dem Betriebshof. Es ist insgesamt wärmer geworden und es regnet. Ich wollte mir doch einen anderen Job suchen, denke ich. „Du bist heute mit dem Radlader auf der Kippe! (Erd-Deponie)!“ Rettung! „Der Aushub von der X.-Baustelle. Das wird wohl ein paar Tage dauern. Der Lader steht schon dort. M. nimmt Dich mit!“

 

Eine Woche Urlaub im Job! Ein Radlader mit einer funktionierenden Heizung. Alle halbe Stunde ein LKW, dessen Ladung ich noch nicht einmal sofort einplanieren muss. Ab und zu ein Schwätzchen mit einem LKW-Fahrer. Und, was hier das beste ist, niemand, der mir etwas vorschreibt oder mich antreibt.

 

Was für ein guter Job!

 

Dienstag 10:30 Die Sonne scheint. Es ist wärmer geworden. Vorhin hat M. mir aus der Metzgerei einen Ring Blutwurst, ein Brötchen und eine Tube Senf mitgebracht. Ich liege in meinem Sitz, die Füße aus dem Fenster gestreckt und lasse es mir schmecken. Gut gelaunt schaue ich über die leicht dampfende, frisch planierte Erde und atme das Gemisch aus Blutwurst und Lehm ein.

 

Warum um Himmels Willen, sollte ich mir einen anderen Job suchen?

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ingo R. Hesse).
Der Beitrag wurde von Ingo R. Hesse auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Abzittern von Herbert Genzmer



Ghostwriter trifft Wunderheiler; In einem rasanten Roman im Roadmovie-Stil geht es um Sexsucht, Internetchats, Gesundheitskult

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wahre Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ingo R. Hesse

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Gott in mir bleibt stumm von Ingo R. Hesse (Autobiografisches)
Hinaus in die Ferne von Karl-Heinz Fricke (Wahre Geschichten)
Johannisfeuer (Kanzfeuerla) von Annie Krug (Kindheit)