Klaus Stoll

Die verschwundene Bibliothek in Alexandria

Die verschwundene Bibliothek in Alexandria

So bunt wie das Leben sind die Farben und Schattierungen dessen, an das die Menschen glauben. Ein Inuit in Grönland glaubt an seine Naturgötter, ein Bewohner der Kalahari-Wüste glaubt an seine Tiergötter. Dem in Robbenfellen gekleideten Menschen im Eismeer wird nicht warm ums Herz, wenn er einem Löwen seine Referenz erweisen sollte, der nur mit einem Lendenschurz würde sehr kalte Füße bekommen, wenn er einen Totempfahl anbeten müsste.

Da aber, wo zwei oder mehrere Glaubensvorstellungen neben einander leben, kommt es leider des oft zu teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Geschichte der Menschheit ist voll von Grausamkeiten nach dem Motto: „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel sein“, wie meine Großmutter sagte, als sie am Ende des letzten Weltkrieges von den Gräueln der Nazis erfuhr.

Gerade in diesen Wochen haben wir von religionsbasierten Gräueln von Islamisten gegen unschuldige koptische Kirchgänger in Alexandria gehört und gesehen. Dieser Konflikt hat eine gewisse Tradition: Im Jahr 1911 wurde der  von den Engländern ernannte Ministerpräsident Ägyptens, Boutros Ghali, ein Kopte und Großvater des ehemaligen UN-Generalsekretärs, Boutros Boutros Ghali, von muslimischen Fanatikern ermordet.

Ein gewisser Ibn Dukmak schrieb vor langer Zeit:

Wenn ein Mann morgens eine Pilgerfahrt um Alexandria herum unternimmt, so bereitet Gott für ihn eine goldene Krone, besetzt mit Perlen, parfümiert mit Moschus und Kampfer, eine Krone, die von Ost bis West leuchtet

Als ich Ende 1959 sechs Monate in Alexandria verbrachte, war es mit dem Parfüm und dem Moschus nicht mehr so toll. Ich musste auf dem Weg in den Hafen oft an den Gerbereien vorbeifahren und dann hieß es trotz sengender Hitze: Fenster zu! Aber die Schönheit der großen Plätze und der Corniche am Meer waren geblieben oder sogar neu entstanden. Spurlos verschwunden aber waren die berühmten Gestalten der Antike. Alexander d. Große, der die Stadt 332 v. Chr. gegründet hatte und sein Diadochen-Nachfolger Ptolemäus I Soter waren weg, Ptolemäus II, der eines der sieben Weltwunder, den Leuchtturm, vierhundert Fuß hoch, erbaut hatte, waren weg. Cleopatra, Elisabeth Taylor, Antony, Cäsar, alle waren verschwunden. Aber sie hatten eine Stadt hinterlassen, die drei Jahrhunderte lang das Zentrum der westlichen Welt war.  Nicht einfach verschwunden, sondern von Gamal Abd el Nasser im Verfolg seiner Arabisierungs-Maßnahmen in den 60’er Jahren des vorigen Jahrhunderts einfach vertrieben, waren die Griechen und Italiener, seit undenklichen Zeiten Bewohner, Handeltreibende und Industrielle Alexandrias. Ich habe die Letzten noch „erwischt“, die mit den herrlichen Kaffeehäusern, in denen man Köstlichkeiten wie Baba o’ Rhum“ und Schokoladen-Eclairs bekam. Immer noch präsent hingegen waren die Kutschen, mit denen ich morgens ins Büro fuhr. So wie etliche aussahen, stammten diese mindestens noch aus Cäsars Zeiten. Das galt auch für die Pferde. Es kam bei Regen schon mal vor, dass ein Gaul ausrutschte und auf dem Bauch landete. Dann schlug der Kutscher so lange auf das arme Vieh ein, bis es wieder ais seinen Bein stand.

Ich zitiere aus dem Buch Alexandria – Fata Morgana von Joachim Sartorius:

Als die Dynastie der Ptolemäer endete, mit dem Sieg von Caesar Augustus über Antonius und dem Tod Kleopatras im Jahre 30 v. Chr., war Alexandria zur ersten wirklichen Weltstadt herangewachsen, eine opulente multikulturelle Metropole mit rund 600.000 Einwohnern. Wir müssen uns vor Augen halten, dass das westliche Europa - nach dem Untergang des imperialen Roms ¸ein urbanes Leben von einem solchen Ausmaß erst wieder im 18. Jahrhundert hervorbrachte, als London oder Paris eine ähnliche Größe erreichten. Der von den Ptolemäern erbauten Stadt gelang eine Symbiose pharaonischer Kultur und der klassischen Traditionen Griechenlands. Die Beschreibung einer Dionysos-Prozession durch das Alexandria des 3. Jahrhunderts v. Chr. ist uns erhalten geblieben: ihr gehörten ein einhundertachtzig Fuß langer goldener Phallus, 2000 Stiere mit vergoldeten Hörnern und eine von Elefanten getragene Statue des Dionysos in purpurnem Mantel mit einer goldenen Krone aus Lorbeer- und Weinblättern an. Auch in dem berühmten in Alexandria spielenden Dialog von Theokrit »Die Syrakuserinnen am Adonisfest« wird die Pracht und Quirligkeit der Stadt ganz anschaulich, dazu der Leuchtturm und die Genusssucht ihrer Einwohner, die Dion Chrysostomos in seiner berühmten Rede an die Alexandriner geißelte.

Die überwältigende Leistung von Ptolemaios 1. Soter und seinen Erben war die Große Bibliothek, die im Museion, dem neben dem Palast liegenden Zentrum für die Künste und Wissenschaften, lag. Die Ptolemäer waren rabiate Bibliophile. Ihr Verlangen nach Büchern muss unstillbar gewesen sein. Der italienische Historiker Luis Canfora beschreibt, dass jedes Schiff, das im Hafen von Alexandria anlegte, alle an Bord befindlichen Manuskripte abgeben musste, damit sie im Museion kopiert wurden. Die Alexandriner gaben dann die Kopie zurück und behielten das Original. Für die Bibliothek des Aristoteles bezahlten sie ein Vermögen. Zweiundsiebzig jüdische Gelehrte mussten in zweiundsiebzig Tagen die Torah übersetzen und schufen so die Septuaginta, die älteste Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische. Sie sammelten buddhistische Texte aus Indien und ein angeblich aus zwei Millionen Zeilen bestehendes Werk über die Lehre des Zoroaster. Schließlich zählte die Bibliothek 490.000 Schriftrollen (mit Duplikaten 700.000), und im benachbarten Serapis wurden weitere 42.000 Schriftrollen gehortet. Man stelle sich vor: Die im 14. Jahrhundert größte Bibliothek Europas, die Sorbonne in Paris, umfasste gerade mal 17.000 Bände.

Die Große Bibliothek war nicht nur ein Wissensspeicher, nicht nur ein gewaltiges Depot an Schriften aus der ganzen damals bekannten Welt, sie war auch ein »Think Tank«, an dem viele Wissenschaftler, Philosophen und Dichter mitwirkten. Euklid schrieb seine berühmten "Elemente“ in Alexandria. Eratostenes, Leiter der Bibliothek von 245 bis 2o4 v. Chr. berechnete als Erster den Umfang der Erde. Der Astronom Aristarchus wusste, fast 800 Jahre vor Kopernikus, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Die Anatomen Herophilus und Erasstratus sezierten im 3. Jahrhundert v. Chr. menschliche Körper und zogen des Schluss, dass das Gehirn das Zentrum des Nervensystems und der Sitz der Intelligenz sei. So wurden viele bahnbrechende Werke der Physik, der Medizin, der Astronomie geschaffen.

Unter Umständen, die bis heute rätselhaft geblieben sind, ging die riesige Bibliothek in einem Brand verloren. Nur Kopien, Fragmente und Zitate in jüngeren Texten überlebten. Auch von der antiken Stadt selbst ist so gut wie nichts auf uns gekommen: eine einzige Säule, die des Pompejus, ein paar unterirdische Grabkammern, Nekropolen in den Außenbezirken, Überreste des Museion im brackigen Hafenwasser. Aber nichts von den weißglänzenden Marmorkolonnaden, die Achilleus Tatios in seinem Roman »Leukippe und Kleitophon« für uns beschrieben hat, nichts vom Pharos, nichts vom Königspalast, nichts aus der schon in der Antike hundertfach begeistert kopierten Stadtbeschreibung des großen Geographen Strabo. »Meterweise«, sagt der französische Archäologe Jean-Yves Empereur, »liegen unter dem modernen Alexandria die Reste der antiken Stadt.

Zitat Ende.

In den von mir durchforschten Unterlagen zum Untergang der großen Bibliothek bin ich auf Ungereimtheiten gestoßen: In einigen wird berichtet, dass Julius Cäsar 48 v. Chr. den Angriff einer feindlichen Flotte auf den Hafen dadurch abgewandt hat, dass er ihnen brennende Schiffe entgegen sandte. Anschließend stand die Bibliothek in Flammen. Nein, sagen Andere, gebrannt hat nur eine Sendung von ein paar Tausend für den Export bestimmter Schriftrollen in einem Lagerschuppen im Hafen.

Beim 2. Angeklagten handelt es sich um Theophilus, den Patriarchen von Alexandria, der um das Jahr 391 AD den Tempel der Serapis, der lange als Außenstelle der Bibliothek gedient hatte und in der viele Buchrollen lagerten, in eine christliche Kirche umwandelte und dabei viele Rollen vernichtete. Er soll auch Hypatia, Philosophin und angeblich letzte Chefin der Bibliothek  ermordet haben.

Dann eroberten die Moslems im Jahr 641 die Stadt. Der siegreiche General schrieb an Kalif Omar in Mekka, dass er eine große Bibliothek vorgefunden hätte. Die „das ganze Wissen der Welt“ enthielt. Omar antwortete: „Entweder widersprechen die Bücher dem Koran – dann handelt es sich um Gotteslästerungen – oder sie stimmen mit dem Koran überein – dann sind sie überflüssig“ Danach wurden alle Texte zerstört indem man sie als Brennmaterial für die Badehäuser benutzte. Es soll über sechs Monate gedauert haben, bis alles Material verbrannt war. All diese „Tatsachen“ wurden ca. 300 Jahre später von Bischof Gregor Bar Hebraeus aufgeschrieben, der viel Zeit darauf versandte, Grausamkeiten der Moslems anzuprangern.

So, wer hat die Bibliothek nun vernichtet? Plutarch bezichtet Caesar, Edward Gibbons, ein bekennender Atheist, beschuldigt Theophilus und Bischof Gregor macht die Moslems verantwortlich. Alle drei hatten so ihre Vorurteile und müssen als voreingenommen betrachtet werden. Von Markus Antonius heißt es zum Beispiel, dass er Kleopatra über 200.000 Buchrollen geschenkt hat. Das war aber lange nachdem Caesar die böse Tat vollbracht haben soll.

Die eigentliche Tragödie besteht darin, dass im Laufe der Zeiten, wie der arabische General gesagt hat, das „Wissen der Welt“ zerstört wurde. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass in Alexandria vor ein paar Jahren eine neue, prachtvolle, moderne Bibliothek entstanden ist, die sich bemüht, ihren Bestand zu erweitern.

 

Klaus Stoll 2013

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Stoll).
Der Beitrag wurde von Klaus Stoll auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Herzgestöber von Andrea Koßmann



In diesem Buch finden Sie eine Zusammenfassung der schönsten Gedichte, Sprüche und Kurzgeschichten von Andrea Koßmann, welche ihrem Lyrik-Motto "Kopfchaos lüften" entsprungen sind.

Bringen Sie etwas Gefühl mit, wenn Sie in Ihre Werke abtauchen und schließen Sie das Buch letztendlich wieder mit noch viel mehr davon.

Worte der Liebe, aus Liebe geboren, für jedermann.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Spannende Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Stoll

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

In einem Heidedorf - Bericht für Enkel (1945) von Klaus Stoll (Wahre Geschichten)
Das ungeduldige Zündhölzchen von Margit Farwig (Spannende Geschichten)
Zufall ? Vorbestimmung ? autobiographisch ! von Rüdiger Nazar (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)