Ingeborg Henrichs

Die Heimat ist die Heimat

"Ja, weißt du , Sophie, was soll ich dazu sagen?" Die mittlerweile hochbetagte Nachbarin, ich kenne sie seit meiner Kindheit, blickt mich fest an. "Auch nach über siebzig Jahren ist es so, die Heimat ist die Heimat. Wir sind damals geflohen, meine Eltern und die Geschwister und ich. Über vieles aus dieser schweren Zeit möchte ich heute nicht mehr sprechen, doch wir haben es überstanden. Die Pferde habe ich an den Abenden in fremde Scheunen geführt, wo uns ihr dampfender Atem wärmte. Den spüre ich noch heute."
Ihre wachen klaren Augen leuchten auf bei dieser Erinnerung und ich kann sie mir gut vorstellen, das junge Mädchen von einst wird spürbar, ungebrochener Lebenswille, den grausamen Umständen trotzend, ihnen Mut und Tapferkeit entgegensetzend.
Ihre Hände, mittlerweile geschützt von der Pergamenthaut des Alters, scheinbar so zart, ruhen auf dem blütenweißen Damasttischtuch neben der Kaffeetasse. Die blauen Adern auf dem Handrücken -  wie unerschütterliche Flüsse des Lebens - erzählen die Geschichten.
"Ach, wie interessant", antwortet sie freudig auf meine Neuigkeiten, "dein Kollege ist mittlerweile Bürgermeister geworden in der Stadt nahe meinem ehemaligen Heimatdorf. Sieh mal an, so spielt das Leben, ich bin hier, habe ein Zuhause, vielleicht sogar eine neue Heimat gefunden, und andere können nun in Friedenszeiten dahin gehen, von wo wir einst fliehen mussten."
Die gemütliche Kaffeerunde nimmt ihren Lauf, ein munterer Austausch der Alltäglichkeiten. Man freut sich am Zusammensein in vertrauter Umgebung und im aufsteigenden Dampf des frisch nachgeschenkten Kaffees treffen sich unsere Blicke.
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ingeborg Henrichs).
Der Beitrag wurde von Ingeborg Henrichs auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Vom Glück, Großvater zu sein von Fritz Rubin



Spuren meines Lebens / verwehen nicht vergebens, / lieben und geliebt zu werden, / ist das Schönste hier auf Erden, / Spuren meines Lebens / verwehen nicht vergebens. Ich habe das Glück, Großvater zu sein, und dieses Glück genieße ich!

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wie das Leben so spielt" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ingeborg Henrichs

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Rotterdam von Ingeborg Henrichs (Krieg & Frieden)
Socken von Christiane Mielck-Retzdorff (Wie das Leben so spielt)
Die Oberschwester von der Schwarzwaldklinik von Margit Kvarda (Humor)