Olaf Lüken

Auf den Hund gekommen

Was ist ein Hund ? Ein Hund ist ein geselliger Vierbeiner, der gerne kuschelt und Herrchen wie Frauchen nur ungern von der Seite weicht.

In meiner Stadt riecht es nach Hund. Vom Wind umschmeichelt und vom Wasser gelockt, laufe ich um den Rotter See, ein ehemaliger Baggerteich vor den Toren Troisdorfs gelegen. Köterkot bedeckt Wege und Wiesen, so weit das Auge reicht. Kleine schwarze Häufchen und dicke rote Berge von unterschiedlicher Konsistenz, manche selbstbewusst mitten auf dem Gehweg, manche heimtückisch unter welkem Laub verborgen. Dabei werden Hunde mit der Bereitschaft geboren, Menschen vorbildlich zu finden.
Knapp 5 Millionen Hunde leben in der Republik. Angeblich könnte man mit ihren Exkrementen jährlich einen 70 kilometerlangen Güterzug füllen. Leider koten Hunde nicht in Güterzüge. Sie scheißen überall hin. Und wir tragen die Haufen unter Schuhsohlen an Fahrrad - und Kinderwagen-Reifen weiter. Anständig wäre es von mir nicht, würde ich das deutsche Synonym für "Vierbeiner" auf seine Ausscheidungen begrenzen. Es gibt genügend andere Dinge, die ich an Hunden herzlich wenig leiden kann.
Ihr Fell stinkt, wenn es nass ist. Sie sabbern, hecheln, lecken und schnüffeln überall herum. Kurz: Sie sind unappetitlich. Sie sind im Vergleich zu Katzen schrecklich aufgeregt. Viele bellen, manche beißen und einige tun, entgegen dem Sprichwort, beides. Die meisten sehen komisch aus. Viele haben tränende Augen, dicke Bäuche und können keine Treppen steigen, weil genetische Defekte, die manche Zeitgenossen schön finden, immer weiter gezüchtet werden. Die edelsten Exemplare sind dank einer langen Geschichte familieninterner Fortpflanzung komplett verblödet oder krank - der lebende Beweis dafür, das Reinrassigkeit in der Natur kein Qualifikationsmerkmal ist, auch wenn verstockte Rassisten und Neonazis mit ihren Kampfkötern das Gegenteil behaupten. Zeige mir deinen Hund und ich sage dir, wer du bist. Wenn Hunde schlecht erzogen sind, springen sie freudig Leute an, jagen Jogger, Briefträger oder Kinder. Ich traue ihnen so recht nicht.
Das Schlimmste an ihnen sind jedoch ihre Besitzer. Mein Onkel hat seinen Hund erzogen wie eine Katze - nämlich gar nicht. Manchmal wenn er vor Freude mal wieder auf einer Oma in unserem Viertel herumkauen möchte, hört er auf "Sitz!" Meistens hört er gar nicht. Oft büxt er aus dem Garten und streift durch die Stadt, bis er entweder von aufmerksamen Bürgern ins Tierheim verfrachtet oder von der Feuerwehr zum Onkel gebracht wird. Das kostet ein Heidengeld, was mein Verwandter auch noch schreiend ungerecht findet. Wie könnte ich diese partielle Ungerechtigkeit eines ansonsten verantwortungsbewussten Menschen dem Hund vorwerfen ? Was können Tiere dafür, dass dieses öffentliche Ärgernis mit einem Maß an bürgerlicher Toleranz übergangen wird, das jede menschliche Minderheit vergeblich für sich proklamiert ? Fassungslos erleben Bürger aus anderen Ländern, dass die sprichwörtlich deutsche Reinlichkeit den Umgang mit Exkrementen ihrer vierbeinigen Lieblinge ausnimmt.
Deutsche Bildungsbürgerbewegungen fordern Ampeln oder reißen Genmais aus, aber niemand wehrt sich dagegen, dass ganze Städte mit Ausscheidungen vermint sind.
Rentner verpetzen Falschparker und halten Radfahrern in der Fußgängerzone auch schon mal ihre Krücken in die Speichen. Aber warum lauern sie nicht in den Büschen und pöbeln Mitbürger an, wenn diese ihre Tölen fürs Geschäft in "Gottes freie Natur" dirigieren ?
Viele Hundehalter leben in einem Paralleluniversum, wenn es um ihre Lieblinge geht. Sie schaffen sich Tiere an, die wegen ihrer schönen Augen in 2-Zimmer- Wohnungen leben müssen. Die Höhepunkte des Hundewahns erlebe ich regelmäßig im Privatfernsehen. Menschen laufen dort neben Dackeln mit rosa Schleifchen im Haar, um sie an der Leine über einen Geschicklichkeitsparcour zu führen. Neulich sah ich in der Flimmerkiste eine New Yorkerin, die zwei Königspudel mit edelsteinbesetzten Halsbändern Gassi führte. Aber auch in Merkeldeutschland fühlt sich Fiffi aus Wanne-Eickel gelegentlich etwas matt und braucht eine Akupunktur. Ich frage mich: Welche Krankenkasse kommt dafür auf?
Wider besseres Wissen behaupten Hundemenschen Dinge wie: "Der spielt doch nur" oder: "Der tut nix." Ich habe es zur Genüge erlebt. Wenn Kinder vor größeren Hunden zurückweichen, dann hebt Herrchen den Zeigefinger und sagt: " Die Angst kommt nicht vom Kind, sondern von seinen Eltern." Denn Hundefreunde gehen davon aus, dass ihre Neigung natürlich, wenn nicht gar gottgewollt ist. Heute, wo die Tiere in den meisten Fällen keinerlei praktischen Nutzen haben, schon gar nicht in den größeren Städten, darf man sich aber ruhig einmal daran erinnern, dass die Menschen über Jahrtausende hinweg ziemlich gut ohne Kläffer ausgekommen sind. Trotzdem ist die Parole, der Hund sei der beste Freund des Menschen, nicht tot zu kriegen. Menschen wie ich, die darauf hinweisen, dass ihr bester Freund weder sabbert noch auf Gehwege kotzt, werden mitleidig belächelt. Wahrlich, wir sind auf den Hund gekommen.
(c) Olaf Lüken

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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