Tamara Cörper

Julia - Die Antworten in dir

Gibt es irgendwo diese Person?
Ist irgendwo dieser Ort?
Lebe ich ein Leben, welches überhaupt einen Sinn hat?
Ein Alptraum …
Wie es scheint ohne Ausgang …
Und trotzdem versuche ich einen Ausweg zu finden.
Ich habe mich verirrt, doch jetzt …
Will ich finden.
Ich will einen Weg hinaus finden.
Vielleicht sogar einen Weg zu diesem Ort.
Oder dieser Person.

- Aus den Gedanken eines Kronprinzen -


Prolog

SIE
Kennst du das Gefühl beobachtet zu werden? Das Gefühl, dass jemand dich belauscht. Dir nachläuft. Dich bei deinen privatesten Handlungen beschattet.
Ich nicht. Denn ich beobachte. Zu jedem Tag , jeder Stunde bin ich bereit.
Das einzige, das Wesen von meiner Anwesenheit wissen, ist das untrügliche Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Etwas. Ich bin dieses etwas. Meine Ziele umgarne ich mit mentaler Magie. In den meisten Fällen ist es Gedanken lesen. Wenn ich bereits diese Privatsphäre durchschritten habe, werde ich wahrnehmbar. Alle tun das Gefühl als Sinnestäuschung ab. Weil man mich weder sehen, hören noch riechen kann. Doch man kann mich fühlen. Leider haben die Feen und Elfen vergessen sich auf sich auf ihr Innerstes zu verlassen. Gedanken und Gefühle, das für mich offensichtliche, ist steuerbar.
Dreh dich um – und du wirst nichts sehen.
Aber ich bin da.
Ich bin da. Zu jeder Zeit.

Am Anfang …

Vor vielen Jahrhunderten gab es eine mystische Kraft, die auf den Wünschen und Träumen von Kreaturen aller Art basierte. Diese uralte Kraft nannten die Kreaturen Glück. Jene Kraft lag in den Händen einer Beschützerin: Felicia.
Sie brachte den Planeten Elwena und Aluminia, zwei Planeten in der Dimension Veritas, Harmonie und Frieden.
Elwena war bewohnt von Elfen, während auf Aluminia die Feen zu Hause waren. Felicia sorgte für Einklang zwischen den beiden Völkern. Im Laufe der Zeit holte sie zwei ganz besondere Mädchen zu sich: Livia und Amalia. Livia war eine Elfe, Amalia eine Fee. Sie zog die beiden groß, schenkte ihnen magische Fähigkeiten und die Unsterblichkeit. Die beiden wuchsen, wie Schwestern auf, obwohl sie keine waren. Ebenso nannte Felicias die zwei stets ihre Töchter. Doch eines Tages wurde Felicia Opfer eines Anschlags. Keine Spur mochte zum Täter führen.
Dieser Angriff ist Jahrhunderte her, doch löste ihr Tod eine lang andauernde Feindschaft zwischen Elfen und Feen aus, da sich die Abgesandten und auch die Völker gegenseitig beschuldigten Schuld am Tod Felicias zu sein. Aufgrund ihres Ablebens bestieg Amalia den Thron der Feen und Livia den Thron der Elfen. Von Zeit zu Zeit artete die Feindschaft zwischen den Gruppen zu blutigen Kämpfen der Magie aus. Diese wussten Livia und Amalia jedoch immer rechtzeitig zu beenden, bevor es zum Krieg kam, denn sie kannten die jeweils andere Rasse von Geburt an von ihrer Schwester. Verzweifelt versuchten sie den beiden Völkern verständlich zu machen, dass sie nicht viele für die Tat eines einzelnen verantwortlich machen konnten. Abbringen ließen sich die Völker von ihrer Zwietracht allerdings nicht.
218 Jahre nach dem Beginn der Regentschaft der Schwestern entschlossen sich diese selbst Kinder hervorzubringen. Diese Fähigkeit war ihnen von Felicia samt ihrer Unsterblichkeit und anderen Gaben mitgegeben und gelehrt worden. So bekam Amalia einen Sohn namens Karl und Livia drei Kinder: Avian, Lucian und Nicolai. Heute ist jeder der vier Söhne 560 Jahre alt.
Vor 20 Jahren wünschte sich Amalia außerdem eine Tochter.
Sie nannte sie Julia.

FELICIA
Sie wird demnächst eintreffen. Doch ich kann nichts gegen sie tun. Alles in mir sträubt sich ihr etwas anzutun. Lieber bin ich es. Meine Töchter sind stark. Sie schaffen es.
Ein Blick in die Mellontikós versichert mir, dass es ihnen gut gehen wird. Meine Elfen und Feen werden zueinanderfinden. Spätestens die Kinder meiner Lieblinge werden es schaffen. Selbst wenn ihre Geburt in weiter Zukunft liegt, hinterlasse ich ihr dieses spezielle Armband. Ich habe es mit aller Magie belegt, die mir zur Verfügung stand. Das heißt es ist mächtig. Meiner baldigen Mörderin ebenbürtig. Sollte sie es zu weit treiben, wird es sie teuer zu stehen kommen. Amalia wird es ihr geben. Durch dieses Armband hat sie mir ähnliche Kräfte. Wohlgemerkt, solange sie es trägt und vorausgesetzt sie schafft es den Brecher zu finden. Der Brecher ist niemand anderes an, als derjenige der selbstlos ist. Um ihretwillen. In welcher Form es sich äußern wird, lässt sich voraussehen. Doch ab diesem Tag soll sie meine Magie über das Armband bei sich tragen. Es wird keine direkte Magie sein. Die Fähigkeit zu heilen wird sich steigern. Sie wird telepathisch kommunizieren können und einige andere Sachen. Sie wird es schaffen, denn sogar ein Herz aus Stein, kann Stück für Stück von Wasser, im schlimmsten Fall in Form von Tränen, abgetragen werden. Durch ihr Element kann sie jeden heilen. Vielleicht gelingt es ihr auch bei ihr. Ihr Herz aus Eis vermag nur durch Wärme geschmolzen werden. Wärme, die in der zukünftigen Tochter Amalias wohnt.

Die Tür öffnet sich.

1. Kapitel

Viele Jahre nach dem Tod Felicias …

LIA
Das erste was ich höre ist das Klingeln meines Weckers. Als ich einen Blick darauf werfe, blinkt mir in blauen Ziffern die Uhrzeit 7:00 Uhr entgegen. So spät schon? Am liebsten würde ich mich wieder hinlegen doch wenn ich nachher pünktlich sein will, muss ich jetzt aufstehen. Ansonsten blüht mir eine Standpauke von unserer Sekretärin Stritt. Sie ist gewissermaßen der Schuldrache der Somnium, einer Schule für unsterbliche Feen, und somit bei keinem besonders beliebt. Die Somnium beherbergt tatsächlich ausschließlich unsterbliche Feen. Welche Fee unsterblich ist, ist von Geburt an festgelegt. Die Feen, die am dritten Vollmond des Jahrhunderts geboren werden, sind fortan ewig. Das Licht speziell dieses Vollmondes lässt in frisch geborenen Feen den Keim der Ewigkeit, der in jeder Fee zu finden ist, erblühen. Ihre Familie wird unweigerlich mit ihr unsterblich. Diesen Feen, egal ob männlich oder weiblich, steht eine Ausbildung an unserer Schule zu. Pro Jahrhundert sind es ungefähr 10 Feen. Dementsprechend sind wir ziemlich wenige und nach unserer 5 Jahre andauernden Ausbildung, bleibt die Schule die nächsten 95 Jahre geschlossen. Bei meinen Freundinnen war es genau so. Bei mir ist es etwas anders. Ich bin unsterblich, weil es in meiner Familie liegt.
Wie üblich schaue ich vorm Aufstehen einmal auf den Sonnenaufgang.
Auf den Wiesen sammelt sich der morgendliche Nebel. Zum Teil verdeckt er damit den dahinter angrenzenden Lignowald, bildet aber auch einen starken Kontrast zu diesem. Hinter den Bäumen kommt die Morgensonne hervor und taucht damit Schloss Neráida, mein zu Hause, in ein intensives rotorange.
Gerade erhebe ich mich, da stürmt meine werte Zimmernachbarin Mira hinein. „Endlich, es ist soweit. Du wirst schon sehen, du wirst fantastisch aussehen in deinem Kleid.“ Dieses Stück hat sie höchstpersönlich ausgesucht mit der Begründung, dass es meine Augenfarbe perfekt betont. Alles in allem glaube ich mich auf den Abschlussball zu freuen. Er ist eine Art Aufnahmeritual für die unsterblichen Feen in die Gemeinschaft. Dafür müssen wir in den Chroniken der Magie unterschreiben. Das ist die höchste Ehre für eine Fee und unterschreibt man tatsächlich sind alle eingeladenen Gäste hellauf begeistert, denn dieses Ereignis ist für die meisten eine Rarität, da normale Feen im besten Fall 120 Jahre alt werden. Die Familien steigen im Ansehen enorm auf, sobald ihre Söhne oder Töchter einen Abschluss an Somnium haben.
„Na dann, lass uns anfangen.“
Zufrieden betrachte ich mich im Spiegel. Drei volle Stunden hat es gebraucht, damit wir alle samt Makeup, Frisur und Kleidung fertig waren. Das Kleid passt wirklich gut zu mir. Es fließt förmlich zum Boden und ist ein sehr tiefer Blauton. Verziert ist es mit kleinen Strasssteinen, die sich einmal quer über das Kleid ziehen. Sie sehen fast aus wie Sterne auf einem Nachthimmel. Mira hat einfach ein Händchen für so was. Daraufhin betrachte ich meine Freundinnen. Mira trägt ein rötliches Kleid, welches über den Knien endet und sich nach hinten hin bis zum Boden zieht. Es unterstreicht ihre roten Haare perfekt. Eymi ist in violett gekleidet. Die beiden sehen toll aus. „Wahnsinn! Könnt ihr euch vorstellen, dass es heute wir sind die unseren Abschluss machen? “, merke ich begeistert an. „Nein,überhaupt nicht.“, kommt prompt Miras Antwort, Eymi nickt zustimmend. Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Es ist ein aufgedrehtes Aufschreien der beiden. Wir mögen unsterblich sein, wir sind kein bisschen anders als gewöhnliche Feen. Lachend setze ich mich vorsichtig in einen Sessel. Bis zum Ball sind es zwei Stunden.
Die Verleihung der Urkunden beginnt ganz traditionell um 15:00 Uhr. Die Absolventinnen werden einzeln aufgerufen. „ Eymi Citia, bitte.“, ertönt in Stritts üblich strenger Stimme. Ich sehe kaum etwas. In Gedanken verfluche ich die Umstände. Es fällt mir schwer mich auf das Geschehen zu konzentrieren, denn um mich herum stehen zu viele Feen. Kurz darauf vernehme am Klatschen, dass sie die Bühne verlässt. Ich applaudiere auch.
„Julia Neva Lunargéntea.“ Mein Einsatz. Sicheren Schrittes gehe ich auf die Bühne zu und erklimme die Stufen. Vor unserer Direktorin mache ich einen kurzen Knicks und schaue dann wieder auf, mitten in die Menge. Plötzlich nehme ich die erwartenden Blicke der Zuschauer auf mir wahr. Es ist mir unangenehm, doch ich wahre Haltung. Sie erzählt kurz etwas über meine Wasserkräfte und von meinen Gaben, Auren zu sehen und zu spüren. Daraufhin bittet sie mich zur Kanzel, zu den Chroniken der Magie. Ich hebe eine Hand, woraufhin ein Schlüssel erscheint. Gekonnt führe ich den Schlüssel zum Schloss und das Buch blättert auf zu meiner Seite. Links und rechts von mir erscheinen zwei Spiegel. Im Linken erblicke ich mich selbst, in diesem Augenblick. Im Rechten hingegen heißt es, man sehe seinen Seelenverwandten. Ich sehe einen jungen Mann von 25 vielleicht 26 Jahren. Er hat schwarze Haare und grüne Augen. Sein Gesicht ist schmal geschnitten und er lächelt mir freundlich, wenn auch ein wenig schüchtern zu. Seine Gesichtszüge sind schön., schießt e mir durch den Kopf. Er ist schlank und sportlich gebaut. Wen genau sehe ich da? Wer bist du?
„Tritt ruhig näher an den Spiegel“, schlägt Frau Aurora auf meinen hilfesuchenden Blick vor. Ich tue es voller Neugier und berühre die Oberfläche des Spiegels. Er tut es mir gleich, sodass unsere Hände aufeinanderliegen. Aus der Nähe sieht er noch besser aus. Was rede ich … Er sah eben auch schon gut aus.
„Nimm deine Hand vom Spiegel, es könnte sonst unangenehm für ihn werden, weil er dann wahrnimmt, dass jemand von außen einwirkt. Er wird in den nächsten Stunden über eine telepathische Verbindung, die du durch deine Berührung erzeugt hast, das Gefühl haben sich zu jemandem, in dem Fall dir hingezogen zu fühlen.“ Ich folge ihrem Rat, ich will nicht, dass er Schmerzen hat. Ein Schauer durchfährt mich, als ich registriere, dass der Mann ein Elf ist. Zum Glück kann niemand außer mir sein Spiegelbild sehen.
Sein Antlitz verblasst und ich gehe wieder zu den Chroniken. Es erscheint eine Feder, die im Wind leicht umhergewogen wird, doch mein Herz pocht wie wild. Ich nehme die Feder und unterschreibe. Es ist geschafft.
Ich gehe unter tosendem Applaus zügig von der Bühne. Die Zuschauer öffnen sich zu einer Gasse, die mich direkt zu meiner Familie führt. Dort werde ich mit herzlichen Umarmungen begrüßt.

AVIAN
Ich gehe auf und ab. Ich soll heute die jährliche Verhandlung mit den Feen führen. Begehe ich einen Fehler, fällt alles weitere auf mich zurück. Meine Brüder Nico und Lucian sehen mich belustigt an.
„Sei nicht so nervös. Wir haben es auch überlebt.“, tut Lucian meine Aufregung ab. Er hat gut reden. Er macht das fast jedes Jahr. Meine Mutter liegt ja richtig, ich kann mich als Kronprinz dieses Planeten nicht dauerhaft davor drücken. Und dennoch will ich das ganze am liebsten, erneut auf nächstes Jahr verschieben. Allerdings hat jedes Mitglied der königlichen Familie ab dem 100. Lebensjahr die Pflicht dort zu erscheinen. Ich denke an Julia. Sie hat heute ihren Abschlussball. Ich habe sie noch nie gesehen, auch nicht auf Fotos. Die Presse weigert sich auf beiden Planeten strickt Bilder von der jeweils anderen Rasse zu drucken. Und sie besuchen kommt nicht in Frage. Auf Elwena sind Feen und auf Aluminia Elfen nur zu speziellen Anlässen zugelassen. Sie musste das noch nie, weil sie ja erst so jung ist und ich beneide sie darum. Allerdings vernimmt man auch auf Elwena von Zeit zu Zeit Geschichten von ihr. Sie setzt sich angeblich auf Empfängen auf Aluminia für eine Auflockerung des Konfliktzustandes ein. Dafür bewundere ich sie. Sie vertritt etwas, das ich zwar vom Prinzip her unterstütze, ich würde jedoch nie wagen mich öffentlich darüber zu äußern. Von allem anderen bleibt sie noch 80 Jahre verschont. Die Glückliche.
„So kannst du nicht gehen.“, verdeutlicht mir Nico.
Ein Blick an mir herunter untermauert seine Aussage weiter. Eine Jeans und ein T-Shirt sind unangemessen für ein Ereignis wie dieses. Nico steht auf und geht zu meinem großen Wandschrank und wühlt darin herum. Ich hasse diese Eigenschaft von ihm. Da gibt man sich Mühe alles zu falten oder tut es mit einer Zauberformel und er vernichtet mein Werk. Nico kehrt mit einem schwarzen Jackett, dazu passender Hose und einem Hemd in gedecktem Grün zurück.
„Was ist mir der Krawatte?“, frage ich verwirrt.
„Krawatten werden überbewertet.“, lautet Nicos trockener Kommentar.
Lucian lacht. „Und sie sehen albern aus.“, ergänzt er . Er denkt wahrscheinlich an den Ball vor 8 Jahren als ich … egal.
„Danke, Nico“, und verschwinde im Ankleidezimmer. Mitten beim Überstreifen des Hemdes wird mir schwarz vor Augen. Ich habe das Gefühl auseinandergerissen zu werde, als würde ein Teil von mir an einen anderen Ort fortgerissen werden. Ich stolpere gegen die Wand und sinke auf den Boden. Meine Schläfe pocht und ich kriege von jetzt auf gleich heftige Kopfschmerzen. Wer bist du?, hallt eine Frage in mir nach, doch es ist nicht meine eigene, es ist die eines anderen. Ich schlage die Hände vors Gesicht, weil ich vor meinem geistigen Auge mich selbst auf einer Wiese laufen sehe. Ich stehe an einer Art Portal und dahinter steht jemand.
Eine Fee? Aber sie ist … schön. Ihre Haare, blonde Wellen, die an ihrer Taille enden, sind zurückgesteckt. Das Kleid, welches sie trägt reicht bis zum Boden.

Ich berühre ihre Hand. Gleichzeitig spüre ich ein Ziehen in mir zu ihr hin. Mich quälen weiter die unsäglichen Kopfschmerzen.
Doch ich vernehme jeden ihrer Gedanken. Aus der Nähe sieht er noch besser aus. Was rede ich … Er sah eben auch schon gut aus.
Erst als die sie auf der anderen Seite ihre Hand von meiner nimmt und sich entfernt, lassen sie nach. Entkräftet hocke ich auf dem Boden und stütze mich durch meine Arme. Ich schiebe mich an der Wand hoch und finde langsam zu mir zurück. Ich schüttele die letzte Irritation ab und ziehe mich zu Ende an. Minuten später komme heraus und meine nervigen Brüder stehen direkt vor der Tür.
„Endlich siehst du anständig aus.“
Um mir selbst ein Bild zu verschaffen, betrachte ich mich im Spiegel. Vom Schnitt her sitzen die Sachen einwandfrei und auch farblich, passen sie gut zusammen. Das was mich gehörig überrascht ist, dass das Hemd meine Augen exakt die gleiche Farbe haben. Ein dunkleres grün. Meine schwarzen Haare sind frisch gewaschen, sehen aber noch viel zu locker aus für den Anlass. Dagegen muss ich noch was tun. Ich drehe mich weg und setze mich in einen Sessel. „Vergiss nicht zu lächeln.“, ermahnt mich Nico mit einem gütigen Unterton. Ich kann nicht lächeln, nicht nach diesem seltsamen Erlebnis. Es war als würde ich die Person kennen, nur auf andere Art und Weise. Nicht persönlich und nichts über die Person, aber so als wären wir uns vom Charakter und der Seele her ähnlich.
Bis zur Versammlung sind es weniger als zwei Stunden.
Die Zeremonie beginnt ganz traditionell um 17:00 Uhr. Zuerst werden alle Personen namentlich vorgestellt. Amalia und Karl, die ich auch nur vom sehen kenne, fehlen wegen diesem Abschlussball Julias, sie kommen aber um 20:00 Uhr nach.
Sobald mein Name aufgerufen wird, geht das Wort an mich und ich beginne zu sprechen. Ich zähle die zu besprechenden Punkte auf. Nach jedem, der abgehandelt wir, atme ich ein wenig auf. Meine Aufmerksamkeit wird um 19:58 abgelenkt und fällt auf die sich öffnende Tür. Amalia und Karl betreten den Saal. Ich setze meine Rede fort.
Nach weiteren zwei Stunden überkommt mich ein schrecklicher Migräneanfall. Der letzte Punkt wird gerade verhandelt. Von Sekunde zu Sekunde wird dieses „Ziehen“ immer stärker. Es ist das gleiche Gefühl, wie wenn eine geliebte Person in Gefahr ist und man um ihn fürchtet. Oder wie wenn man jemanden sehr vermisst. Was ist mit mir los? Benommen bringe ich die Versammlung zu Ende. Jetzt brauche ich unbedingt frische Luft oder gleich einen Ausritt auf Nero, meinem schwarzen Hengst. Drinnen unterhalten sie sich bestimmt noch bis in die frühen Morgenstunden. Als erstes lege ich in meinen Zimmern das Jackett ab und tausche die Hose gegen eine normale Jeans. Fürs Austauschen des Hemdes bin ich zu hektisch. Ich will nach draußen. Mein Weg führt mich in Richtung Roumpínilichtung. Das Ziehen aber lässt nicht nach, es bleibt. Auch als Nico und Lucian nachkommen.
„Siehst du. Ist doch alles gut gegangen.“, zieht mich Nico auf. Lucian knufft mich freundschaftlich in die Seite.
„Nicht.“, stöhne ich auf. Es tut so weh. Mir wird schlecht, deswegen stütze ich mich auf Lucians Schulter ab, der mir sofort hilft.
Dann vernehmen wir Kampfgeräusche. Nico und Lucian mustern mich besorgt, ihre Blicke zu mir signalisieren aber, dass sie dem nachgehen wollen und die zwei rennen los. Ich folge ihnen so gut es geht.

LIA
Ausgelassen wandern Mira, Eymi und ich über die Wege des Lignowaldes. Wir lachen und haben Spaß. Vor zwei Stunden, als Karl und Mutter zur Versammlung gingen, beschlossen wir, uns von dem lästigen Ball zu entfernen. Danach haben wir uns direkt umgezogen und abgeschminkt. Eymi hat ihre hellbraunen Haare immer noch seitlich geflochten und Mira hat ihre roten zu einem hohen Zopf gebunden. Meine fallen mir offen über die Schultern bis zur Mitte meines Rückens. Seitdem wandern wir umher mit dem Feenpalast als Ziel. Eymis Stimme ist von Heiterkeit erfüllt und sie ist mitten im Redefluss. Sie kann zauberhafte Geschichten erzählen. Ihre grasgrünen Augen strahlen dabei.
„Eymi, erzähl' nochmal von Felicia“, bittet Mira.
„Ich musste sie euch schon so oft erzählen. Ihr kennt sie zur genüge. Außerdem könnt ihr sie in allen möglichen Büchern nachschlagen.“
„Aber bei dir sind die Geschichten viel lebhafter, Eymi.“, setzte nun auch ich mich ein.
„Meinetwegen. Ihr lasst sowieso nicht locker. Also: Vor mehr als 3000 Jahren wurde Veritas vom Chaos verunstaltet, aufgrund der Probleme mit der Magie. In diesen Zeiten wurde aus den unkontrollierten und durcheinandergeratenen Magiequellen eine besondere Kreatur geboren. Eine Wesen, zur Hälfte Fee, zur Hälfte Elfe. Sie war unsterblich, wie die Magie selbst. Sie trug das Glück als ihr Element in sich und überall, wo sie hinkam, verströmte sie ebendies. Sie wuchs zu einer jungen Frau heran und wurde schließlich erwachsen. Eltern hatte sie keine, sie war ein Kind der Magie. So musste sie sich ihren eigenen Weg ohne Hilfe suchen. Sie lernte ihre Kräfte zu beherrschen und mit dieser Kontrolle wuchs auch ihr Stärke an sich. Im Alter von 109 Jahren, körperlich aber immer noch 35, ihr persönlich erwähltes Alter, um aufzuhören zu altern, wähnte sie sich am Ziel ihrer Ausbildung. Sie irrte. Zu diesem Zeitpunkt spitzte sich die Lage zu und die Situation erforderte eine Person, die direkt mit der Magie zu tun hatte. Felicia. Sie erfuhr von ihrer Bestimmung und stellte sich ihr. Nach vielen Kämpfen, gelang es ihr die Magie zu ordnen und die heutige Systematik der Magie herzustellen. Diese galt nicht für sie, da sie beide Wesen zugleich vertrat. Außerdem wohnte uralte, mächtige Magie in ihr, wie in keinem anderem. Sie war zu nahezu allem fähig. Aus Dank und Bewunderung krönten die Feen und Elfen sie zu ihrer Königin. Sie sorgte über Jahrhunderte für Frieden. Irgendwann aber sehnte sich Felicia nach Gesellschaft, nach einer echten Familie. So nahm sie zwei Mädchen auf. Amalia, eine Fee, und Livia, eine Elfe. Sie gab ihnen Teile der mächtigen Magie in sich, was auch die beiden sehr begabt werden ließ. Weitere glückliche Jahrhunderte danach mussten Elwena und Aluminia einen schweren Schlag einstecken. Ihre geliebte Königin war ermordet worden. Selbst nach unendlichem Suchen, fand! en sie d en Täter nicht. Das Rätsel, wie es dem Täter gelungen war ein unsterbliches Wesen Felicias Rangs umzubringen blieb ebenfalls ungelöst. Die beiden Töchter waren ebenso am Boden zerstört, doch einigten sie sich, dass Amalia den Thron der Feen besteigen und Livia fortan die Krone der Elfen tragen sollte. Auch sie sehnten sich nach und nach nach Kindern. Amalia brachte zuerst Karl hervor und 540 Jahre später vor 20 Jahren Julia. Livia bekam drei Söhne.“
„Feststeht, dass wir von heute Abend an Somnium-Absolventinnen sind und als unsterbliche Wesen unsere Kräfte zum Schutz der Feen einsetzen sollen.“, redet Mira dazwischen.
Wir sind vorm Palast angekommen. Hier verabschieden wir uns. Ich sehe ihnen nach und als sie nicht mehr erkennbar sind, will ich hineingehen. Doch jemand packt mich am Handgelenk. Ich reiße mich los, nur um beim zurückstolpern direkt in seine Arme zu laufen. Er beschwört ein Portal und zieht mich mit sich. Nein, nein, nein!
„Was habe ich dir getan?“, schreie ich diese Gestalten wutentbrannt an.
„Du nicht, aber deine Vorfahren. Du musst wissen die Geschichte meiner Herrin reicht lange zurück. Einst war sie mächtig, doch die Zeiten änderten sich und nun will sie wiedererlangen, was ehemals ihr bestimmt war.“, antwortet er ruhig.
Von wegen seine Bestimmung. Pah! Ich kenne die Geschichten über sie, die Elfen.
„Du bist schlicht eine Verbrecher, der für seine Vergehen seine gerechte Strafe bekam.“
„Nein, ich hatte nicht vor Schmerz oder Zerstörung zu verbreiten.“ Warum bricht er einfach so ab? „Zumindest nicht mehr als nötig ist.“, bringt er seinen Satz zu Ende. Dabei stiehlt sich ein bösartiges Grinsen auf sein Gesicht.
„Hör zu: Ich war zwar damals nicht beim Kampf anwesend, allerdings gibt es genug Zeugen, die von den Taten berichten. Ich will nicht gegen dich kämpfen, versteh das! Ergib dich und Mutter wird dir bestimmt verzeihen!“, versuche ich ihn zu besänftigen, aber das prallt an ihm ab. Stattdessen kehrt der altbekannte Zorn in ihn ein.
„Ich hätte diese Situation gern vermieden, aber ich habe das Gefühl wir beide wurden bereits als Feinde geboren. Um dich zu lehren, dass du es niemals wieder wagen sollst, mir zu widersprechen, sollen sich deine Freundinnen von jetzt an bei einem Blick in dein Gesicht immer daran erinnern, dass es einen hohen Preis kosten kann, wenn man es wagt mich herauszufordern. Wappne dich dasselbe Schicksal zu erleiden, wie diese nutzlose Welt!“
Ruckartig werde ich rücklings gegen die Wand geschleudert. Jeglicher Versuch mich zu wehren scheitert. Er ist mir haushoch überlegen und tritt auf mich ein. Deshalb tue ich das einzige, was mir bleibt, um nicht verrückt vor Schmerzen zu werden: Ich schirme mein Gesicht mit den Armen ab und schreie. Übrig bleibt nur ein Krächzen. „Lass mich in Ruhe.“, wimmere ich wegen der Schmerzen.
„Sag mal hörst du schlecht? Sie hat dich aufgefordert sie in Ruhe zu lassen und das tun wir auch.“, hallt eine kräftige Stimme wieder. Ich schlage die Augen auf und erkenne in der Dunkelheit drei Männer. Einer von ihnen folgt den anderen beiden dicht. Er zögert kurz und rennt auf mich zu und nimmt meine Hand in seine. „Ganz ruhig, wir lassen dich nicht im Stich.“ Mit diesen Worten verschwimmt meine Sicht. Ich verliere nur kurz das Bewusstsein.
Mein Angreifer sammelt zuckende Energie zwischen seinen Händen. „Geht beiseite! Ich habe den Auftrag sie zu töten.“
„Ein wehrloses Mädchen? Das wissen wir zu verhindern.“ Ich bin nicht wehrlos. Ich stehe auf und erschaffe magisches Eis. Es trifft den Angreifer an der Schulter. Dann lösen sich mit einem lauten Knall Blitze aus seinen Händen. Entsetzt bin ich kurz davor wieder zusammenzubrechen, doch jemand hält mich auf den Beinen.
„Bring sie in Sicherheit!“, und ich werde fortgerissen. Dann geht alles ganz schnell.

AVIAN
Mit einem Ruck ziehe ich sie an mich und verschwinde hinter dem nächsten Häuserblock. Die Kampfgeräusche werden vom flachen Atem des Mädchens gedämpft. Wie kann sie derart schnell außer Puste sein, wo doch Ausdauer eine der Elfenstärken ist? Einerlei. Ich bringe sie auf Abstand von mir und halte sie nur noch an den Schultern. Sie wurde getroffen, das muss behandelt werden, aber wer weiß, welche Wunden ihr dieser Angreifer noch zugefügt hat. Von oben an blicke ich an ihr herunter. Sie trägt eine weiße Hose und ein T-Shirt dazu. Ihr Gesicht wirkt müde, aber wird durch ihre blauen Augen abgerundet. An mehreren Stellen ist ihre Kleidung rot verfärbt. Ein besonders großer Fleck prangt auf ihrem T-Shirt auf Schulterhöhe.Verflucht, er hat sie schrecklich zugerichtet. Könnten Elfen nur wie Feen jemanden heilen …
Plötzlich geht sie einen Schritt zurück. Sie starrt auf meine Ohren. Na und? Spitz. Wie bei jedem Elf. Merkwürdiges Ding! In diesem Moment beschleicht mich das Gefühl, dass sie viel weniger Elfe ist, als wir dachten. Um zu sehen, ob ich recht habe, gehe ich auf sie zu. Sie bewegt sich mehrere Schritte nach hinten. Diese Art von „Fangen spielen“, lasse ich mir wenige Male gefallen, bevor ich auf sie zuschnelle. „Stell dich nicht so an!“ Sie zuckt zusammen, aufhalten lasse ich mich von ihrer Reaktion jedoch nicht und nachdem ich ihr Haar zurückstreiche, bestätigt ein Blick auf ihre Ohren, meine Befürchtung. Sie ist tatsächlich eine Fee. Eine, der ich gerade das Leben gerettet habe und eine, deretwegen meine Brüder immer noch mit einem Fremden kämpfen. Meine Finger zittern und ich kann es kaum glauben. Auch wenn ich bisher kaum einen wirklichen Unterschied zwischen unseren beiden Völkern feststellen konnte, so bin ich im Augenblick eben doch der Kronprinz, der sein eigenes Volk und deren oberste Regel bricht: Gib dich nie mit einer Fee ab. Eine so klare Regel habe ich in den gesamten, letzten 560 Jahren nicht missachtet. Und auf einmal! Dann fokussiere ich mich wieder auf sie. Irgendwie hat sie es geschafft unbemerkt vor mir zurückzuweichen. Sie mustert mich, dabei müht sie sich ziemlich offensichtlich, die Lage unter Kontrolle zu halten. Meinetwegen kann sie die auch sofort haben, sie muss nur ihr eigenes Gefühlschaos unter Kontrolle bringen und ihre Schauergeschichten über Elfen vergessen. Unkontrolliert wankt sie ein paar Schritte nach hinten, dabei stolpert sie über eine Baumwurzel. Geübt fange ich sie ab und hindere sie an einem Sturz. Gleichzeitig werde ich wegen der Tatsache, dass ich ihr erneut helfe, nervös. Man! Ich muss mich selbst erst einmal unter Kontrolle behalten. Sie ist wunderschön, atemberaubend und doch … sieht sie nicht aus, wie eine Elfe. Etwas stört. Na, s! ie ist j a auch keine. Und viel schöner. Völlig in Gedanken versunken merke ich nicht, dass ich sie immer noch im Arm halte. Ich wache erst auf, als sie sich von selbst aus meinem Griff windet und mich ziemlich hart nach hinten schubst. „Spinnst du?“, zischt sie mir giftig zu. Mit dieser entschiedenen Reaktion, hätte ich nicht gerechnet, da bekomme ich plötzlich eine heftige Ohrfeige.
„Spinnst du?“, äffe ich ihren Tonfall nach und reibe mir die Wange. Sie kann ordentlich zuschlagen, wenn sie will. Wütend dreht sie sich um und will davonstapfen. Natürlich! Sie ist es! Dieses Mädchen hinter dem Portal! Sie sieht fast, wie eine Elfe aus. Von hinten. Ihre Haare sind hübsch., schießt es mir durch den Kopf, doch ich schüttele den Gedanken ab und kriege sie noch rechtzeitig am Handgelenk zu fassen und ziehe sie zurück.
„Darf ich fragen, wohin es gehen soll?“
„Ich laufe, wohin ich will.“, versucht sie mich abzuwimmeln. So schnell wird sie mich nicht los.
„Ich spreche dir nicht deine Selbstständigkeit ab.“
„Dann hätten wir das geklärt.“
„Was geklärt?“, frage diesmal ich verdutzt.
„Dass ich ein eigenständiges Lebewesen bin.“
„Und die Laufrichtung muss ich dir trotzdem zeigen.“
„Bei Gestalten, wie dir, bevorzuge ich die Richtung „weg“.“ Also … also …
„Ich bin keine Gestalt.“
„Stimmt, du bist viel schlimmer. Du bist ein Elf.“ Dabei sieht sie auf meine Ohren.
„Was guckst du so?“
„Entschuldige, meine Augen sind offen.“
„Leider übersiehst du die Gefahren vor dir.“
„Ich wünschte, ich würde dich übersehen.“
„Damit du meinen Anblick nicht ertragen musst, drehst du dich um und und fällst hin?“
„Zum Beispiel. Generell alles, was meine Bewegungsrichtung „weg“ eben unterstützt.“
„Weg von dem Elfen, der dir mehrmals geholfen hat, kann auch falsch sein.“
„Woher weiß ich, dass du anders bist?“
„Hör zu: Weder ich noch meine Brüder wollen dir etwas Böses. Ich verspreche dir, ich werde dir nichts tun, das hatte ich ohnehin nie vor, auch wenn du eine Fee bist.“ Egal was passiert, wenn sie dorthin zurückgeht, bringt sie sich und ebenso uns sinnlos in Gefahr. Das kann ich, egal ob nun Fee oder Elfe, nicht zulassen. Überhaupt scheint es ihr wieder besser zu gehen.
„Es gibt keine Garantie für den Wahrheitsgehalt deiner Worte.“
„Ich habe dir geholfen. Obwohl du eine Fee bist.“
Sie verengt kaum merklich ihre Augen und scheint darüber nachzudenken, ob ich es ernst meine. Ihr Blick wandert an mir herunter, bevor sie mir wieder ins Gesicht schaut. Sie blickt mir in die Augen, während ihr Pupillen sich leicht weiten und scheint mir dabei bis tief in Seele schauen zu können. Wobei sie „sieht“ nicht, sie scheint etwas zu erspüren. Was macht sie? Gehört das zu diesen Gaben von Feen?
„Gut, ich vertraue dir.“, flüstert sie. Eine Fee! Und sie vertraut mir! Weil ich ihr geholfen habe. Ich habe einer Fee geholfen. Das wäre in meinem Volk Hochverrat. Ich habe es dennoch getan, weil ich in ihr letztendlich auch nur ein lebendes Wesen sehe. Und, weil sie das unangenehme Gefühl in mir vertreibt.
„Bruderherz, wo seid ihr?“, schallt die Stimme meines Bruders Lucian durch die Häuser.
„Wir sind hier drüben.“
„Alles klar.“, kommentiert er ihre und meine Reaktion belustigt, als er uns schließlich entdeckt.
Kopfschüttelnd stelle ich mich vor sie. Er soll bloß nicht auf den Gedanken kommen zu hinterfragen, was sie ist. Er würde sich nur unnötig aufregen. Ich kenne ihn.
„Bist du etwa ihr neuer Retter? Keine Sorge, niemand nimmt sie dir weg, aber ich wüsste gerne, wer sie ist und, was sie über diesen Fremden weiß.“, kündigt er an und klopft mir auf die Schulter. Wenn er wüsste! Er legt eine Hand auf ihren Rücken und will sie zu einer Bank führen. „Nein!“, reagiere ich alarmiert. Sie weiß nicht, wer wir sind., suche ich telepathisch eine Ausrede für meine heftige Reaktion.
Ja und? Wir sind eben die Elfenprinzen., antwortet mir Nico in Gedanken.
Lucian quittiert meine Reaktion mit einem Schulterzucken. Sie setzt sich auf eine Bank, während wir uns vor ihr auf den Boden setzten.
„Also Mädchen, hast du eine Idee, wieso dieser Mann dich, nun wie er sagte, töten wollte? Und …“, setzt Lucian an
„Das „Mädchen“ hat auch einen Namen und die Antwort lautet: nein.“, unterbricht sie spöttisch.
„Gut. Wie heißt du?“, endet er zwinkernd. Dieser … Noch nicht mal hier und jetzt,kann er aufhören sich so zu benehmen, wie … wie er sich eben benimmt. In mir tobt es. Der Gedanke, dass ich weiß, was sie ist, lässt mich unruhig werden. Zu viel Verantwortung lastet auf meinen Schultern, für die ich mich im Zweifelsfall erklären muss. Und das will ich nicht. Das bin ich nicht.
„Meine Name ist Julia. Jetzt wüsste ich gerne, wer ihr seid.“
„Natürlich willst du das wissen. Also meine Name ist Lucian. Der, der dich von diesem Wahnsinnigen weggebracht hat, ist Avian. Der links von mir heißt Nicolai, aber wir nennen ihn Nico, kannst du auch machen. Wir sind Brüder.“, erklärt er locker im Schneidersitz.
„Aber sag mal, bist du überhaupt eine Elfe?“ Geschockt blicke ich zu ihm, dann besorgt zu ihr, schaue schließlich aber betreten zu Boden, weil ich genau weiß, was folgen wird.
„Wusstest du davon, Avian?“, fragt mich Nico ohne Umschweife. Völlig überrumpelt stammele ich nur wirres Zeug. Ich riskiere allen ernstes das Vertrauen meiner Brüder, wegen dem Vertrauen einer Fee in mich. „Nein“ zu behaupten, wäre eine Lüge. Also entscheide ich mich für die Wahrheit. Aber sie ist die aus dem Portal …
Na und?, ermahne ich mich selbst.
Lucian ist aufgestanden, hat die Arme verschränkt. „Ja oder nein?“
„Ja.“, sage ich und setze mich über meine Eigenart, in solchen Situationen einfach alles geschehen zu lassen, hinweg.
Er ballt seine Hände zu Fäusten. „Super. Auf Elwena treiben sich auf einmal Feen rum, locken Angreifer an und mein Bruder hintergeht mich kurzerhand. Wie kommst du dazu, Fee?“
„Ich wurde angegriffen und anscheinend hat mich dieser mysteriöse Fremde hierher teleportiert. Ach, war er nicht eigentlich ein Elf?“, antwortet sie schnippisch
„Untersteh' dich frech zu werden! Du bist uns im Zweifelsfall hilflos ausgeliefert.“, fährt er sie drohend an.
„Ich denke nicht daran mich von dir, einem Elf, verängstigen zu lassen.“, giftet sie zurück. Riskant in der Stimmung in der er gerade ist. Der Graben zwischen ihm und Feen wiegt schwer seitdem eine Fee ihm vor 100 Jahren große Gefühle angeblich nur vorgespielt hat. Details hält er geheim, er spricht generell nicht viel über sie. Feststeht, dass er seit diesem Ereignis beim Wort „Fee“ sofort gereizt ist. Allerdings nur oberflächlich. Ich als sein Bruder sehe, dass seine Augen, wenn er nach außen hin wütend ist, von Trauer und Verzweiflung verschleiert sind.
Er fixiert sie. „Du bist nicht anders, als alle Feen. Berechnend und hinterlistig.“
„Und du bist, wie jeder Elf – so wahnsinnig liebenswürdig und freundlich! Es könnte bloß sein, dass wir uns beide irren, nicht wahr?“
„Ich irre mich nie.“
„Ich wäre mir da nicht so sicher, es könnte sein, dass auch das ein Trugschluss ist.“
„Für eine so klein geratene Fee bist du ziemlich aufsässig.“ So klein ist sie nun auch nicht. Gut, sie ist etwas mehr, als einen Kopf kleiner, als wir, aber da ist doch nichts bei.
„Wenigstens leiden Feen nicht unter Größenwahn. Und jetzt solltest du deinen Mund halten.“
„Ich denk' nicht dran!“
„Du denkst sowieso nie.“
Er sammelt seine Magie zwischen den Händen. Von hinten greife ich seine Schulter und hole ihn schwungvoll aus seiner Position. Er hat kein Recht, ihr Angst zu machen, nur weil sie eine Fee ist. Infolge meines Tempos rollen wir über den Rasen.
„Wag' es nicht, das wieder zu tun!“, fauche ich ihn an. Manchmal muss man ihm klarmachen, wer das sagen hat. In diesem Fall bin ich es. Mutter hat mich zum Kronprinzen gemacht. Punkt. Teilweise vergisst er das und spielt den großen Helden. Obgleich Mutter uns alle gleich liebt, hält sie mich für am geeignetsten.
„Was hat dieses Kind mit dir gemacht? Du warst ja schon immer verweichlicht in Hinsicht auf Feen, aber wie du sie hier verteidigst ist unmöglich!“
Ohne weiter auf seinen Vorwurf einzugehen, springe ich auf. Ihm ist hoffentlich klar, was ich meine und lässt sie jetzt in Frieden. Anscheinend irre ich mich, denn in der nächsten Sekunde schubst er mich, aber es gelingt mir den Schwung auszugleichen.
„Komm runter!“, stelle ich fest.
Nico steht indessen auf. Offensichtlich denkt er, dass die Situation eskaliert. Lucians Faust trifft mich völlig unvermittelt.
„LUCIAN!“, schreit Nico, „Bist du noch ganz dicht?“
Meine Hand wandert zu meiner schmerzenden Wange. Er hat mich ziemlich stark getroffen. Unglücklicherweise ist es dieselbe, wie die, die vorhin Julia getroffen hat.
„Das machst du nicht nochmal, sonst vergesse ich mich.“, warne ich ihn mit harter Stimme.
„Nein, das wirst du nicht. Geht auseinander. SOFORT! Sich vor meinen Augen verprügeln und mir davon erzählen, wie abscheulich Feen seien, Lucian.“ Wir beide sehen sie entgeistert an. „Habt ihr mich nicht verstanden? Geht. Auseinander. Ich bin die Feenprinzessin, da fürchte ich mich bestimmt nicht vor den Elfenprinzen.“ Spätestens jetzt sind wir drei vollkommen perplex. Sie. Ihr Name ist Julia. Wie die Feenprinzessin. Tochter Amalias. Wir sind weder im Blut verwandt, noch kennen wir sie. Dennoch ist Mutter zusammen mit Amalia aufgewachsen, als wäre sie ihre Schwester. Felicia schenkte Mutter und Amalia größere Macht, als anderen Feen und Elfen zur Verfügung stand. Leider ist diese höhere Magie in der nächsten Generation, also uns, verloren gegangen.
„Warum sagst du das denn nicht gleich?“, fragt Nico
„Weil ich eigentlich nicht vorhatte in Gegenwart von strenggenommen Fremden, meine Identität preiszugeben.“
Lucian schaltet sich ein. „Woher wissen wir, dass du die Wahrheit sagst?“ Interessant. Er könnte recht haben. Wieder kritisch sehen wir drei zu ihr. Ich weiß nicht, ob meine Brüder es ebenfalls sehen, aber in ihren Augen liegt Ratlosigkeit.
„Also eine Lügnerin dazu.“, unterbricht Lucian die Stille.
„Ich bin keine Lügnerin, hörst du?“
„Ich höre dich sehr gut, vergiss die Elfenohren nicht. Aber ich sehe ebenfalls ganz wunderbar und du siehst nach einer Fee aus.“
„Hat einer von euch was Scharfes dabei?“ Wie bitte? Lucian reagiert natürlich sofort.
„Klar. Immer. Wozu?“
„Selten so gelacht. Ich mein's ernst.“, gibt sie zurück. Nicht schlecht. Sie liest seine Emotionen richtig.
„Lepída“, flüstert Nico und in seinen Händen entsteht ein … Ich schlucke. Er macht Ernst. Dolch.
„Wenn du tatsächlich etwas überzeugendes vorzuweisen hast, dann tu dir keinen Zwang an.“ Damit wirft er ihr den Dolch zu. Spinnt er? Sie sieht in die Luft und kann ihn in der Dunkelheit wahrscheinlich nicht ausmachen. Sie wartet ab und geht einen Schritt rückwärts, bevor sie irgendeine Art Zauber wirkt und ihn sich in der Luft ausbreiten lässt. Der Flug des Dolchs wird langsamer. Um ihn herum sammeln sich kleine Eiszapfen. Dann fällt mir auf warum. Sie hat … irgendwie hat irgendetwas gefrieren lassen. Wahrscheinlich die Fee des Wassers. Nach ein paar Sekunden hält sie ihn in der Hand und wendet ihn darin. Plötzlich setzt sie den Dolch auf der Mitte ihres Unterarms an und atmet ein. „Hier ist euer Beweis.“ Dann sticht sie einmal zu, woraufhin Blut aus der Wunde strömt. Ich bin augenblicklich an ihrer Seite und nehme ihr Handgelenk.
„Du dummes Kind!“, entfährt es mir. Wie sollen wir den Schnitt so schnell behandeln? Oder jemanden dafür finden? Sie will ihre Hand wegreißen, aber ich halte sie fest. „Spätestens jetzt hast du bewiesen, dass Feen nicht mehr alle Tassen im Schrank haben.“
„Doch haben sie. Aber nur kaputte.“, entgegnet sie frech. Völlig verdattert von ihrer Reaktion drehe ich den Kopf zur Seite. Nicht zu fassen. Ich habe nie mit einer Elfe gesprochen, die so dreist war.
Obwohl ich muss mich korrigieren, sie ist keine Elfe.
„Trotzdem hast du eine Verletzung und … “, ich will darauf deuten, doch … da ist schlicht nichts. Alles heile. Keine Wunde. Sie entzieht mir nun doch ihre Hand und wendet demonstrativ ihren Arm.
„Das haben deine Elfenaugen noch nicht gesehen, wie?“ Sie lacht auf.
Lucian sieht das anders. „Ja und? Trotzdem bist du eine Fee. Auf Elwena. Meinem Planeten.“
„Deinem Planeten, sicher doch. Krieg dich ein!“, falle ich ihm ins Wort.
„Es stimmt Lucian. Lass sie in Ruhe. Setzen wir uns wieder und Julia erzählt uns was genau passiert ist.“, beruhigt er uns beide. Wir setzten uns widerwillig, bei Lucian ist es die angestaute Wut, die ihn sträuben lässt, bei mir hingegen das Ziehen, das mich zwingt mich zu setzen. Es legt sich, sobald sie beginnt zu erzählen.


2. Kapitel

AVIAN
Ich wälze mich in meinem Bett umher. Das Ziehen bringt mich noch um den Verstand. Seit beinahe zehn Stunden quält es mich. Lucian hat kein Wort mehr mit mir geredet. Das betrübt mich umso mehr. Und dann auch noch sie. Hoffentlich überstehe ich diese Nacht.

LIA
Ich merke, dass er keinen Schlaf findet. Die telepathische Verbindung spüre ich erst seit wenigen Minuten. Wer ist der Fremde im Spiegel? Ich hätte möglicherweise einen der Elfenprinzen fragen können. Auf der anderen Seite, woher sollen sie alle Elfen mit Aussehen und Namen kennen? Eine telepathische Verbindung ist mir neu. Feen sind normalerweise nicht dazu fähig. Wann kriegt der andere meine Gedanken mit, wann nicht? Erreicht ihn so etwas wie ein Lied? Vorsichtig summe ich ein Schlaflied. Es ist uralt. Besonders die zweite und dritte Zeile sind wunderschön.

Mein Stern wacht über dir, was immer auch geschieht.
Nun schlafe ein auf das die Nacht vorüberzieht.

AVIAN
Ich höre ihr Summen. Es ist ein Gute-Nacht-Lied der Feen. Der Titel ist mir unbekannt Ich danke ihr für das Lied. Unter ihrem nachklingenden Summen, schlafe ich ein.
Gegen 4:00 Uhr weckt mich das „Ziehen“ aufs neue.

LIA
Meine Bettdecke ist zerwühlt ich bin fertig mit den Nerven. Das Gefühl, gleich dem Gefühl eine geliebte Person verloren zu haben, erfüllt mich seit einer halben Stunde und mein Magen krampft sich zusammen. Mutter muss diese telepathische Verbindung abbrechen. Aber ihre persönlichen Räume sind so weit von meinen entfernt. Karls liegen näher. Er könnte ihr Bescheid sagen. Also setze meine Füße auf den Boden. Das Ziehen lässt nicht nach und zwingt mich langsamer zu gehen. Auf leisen Sohlen komme ich auf den Flur. Mit jedem Schritt nehmen die Schmerzen zu, sodass ich nur bis zur Hälfte meines Weges komme. Hier bin ich gezwungen mich gegen die Wand zu lehnen. Das Gefühl bemächtigt sich meiner und ich kauere mich auf den Boden. Ich will es abschütteln, loswerden. Woher kommt das?

AVIAN
Ihr geht es so wie mir vorhin. Mit dem Unterschied,dass ich es weiß und sie wusste es nicht. Dementsprechend bin ich verpflichtet ihr zu helfen. Sie ist auf Aluminia zu Hause. Elfen dürfen den Feenplaneten außerhalb der Konferenzen oder ähnlichem nicht betreten. Das kümmert mich nicht. Ich stehe auf, ziehe mir etwas über und gehe zur Tilemetaforá, um mich in den Schlosshof von Aluminia zu teleportieren.
Dank meiner Elfenaugen sehe ich sie schon vom Anfang des Flures, trotz der Nacht. Genauso einen verzweifelten Anblick, hätte ich vorhin bestimmt auch in meinem Ankleidezimmer abgegeben. Ohne zu zögern gehe ich auf sie zu und hocke mich neben sie. „Tut es sehr weh? Soll ich dir helfen?“ Ich kenne sie am Ende kaum. Wenn sie in mir nur einen Elfen sieht und mich verabscheut, dann habe ich kein Recht sie nochmal zu aufzusuchen.
„Wer … E-egal, ja.“ Ich hebe sie in meine Arme und möchte sie auf ihr Zimmer bringen. Es muss das mit der offenen Tür sein. Mir fällt ihr Gewicht kaum zur Last, das zugegeben nicht hoch sein kann, dennoch ist sie total verkrampft, entweder aufgrund der Schmerzen oder wegen der Anwesenheit eines Elfs. In ihren Räumen lege ich sie aufs Bett und ziehe mich zurück. Unschlüssig bleibe ich stehen und warte, dass sie etwas sagt. „Wie heißt du? Wer bist du?“ Merkt sie nicht, dass ich es bin? Sie muss mich doch erkennen. Da geht mir ein Licht auf. Sie konnte mich vor sechs Stunden wahrscheinlich nur schemenhaft sehen. Getroffen habe ich sie auch noch nie, weil sie erst 20 ist und deshalb auf keinem der elwenischen Empfänge erscheinen musste. Fotos druckt die Presse keine von jeweils Feen beziehungsweise Elfen. Sie weiß gar nicht, wie ich aussehe. Und auch jetzt ist es dunkel. Feen haben keine schärferen Augen. Ich möchte ihr gerade sagen, wer ich bin, als sie wieder etwas sagt. „Mach das Licht bitte an.“ In ihrer Stimme liegt ein flehender Unterton. Ob sie mich als Prinz Avian überhaupt mit dem Ziehen in Verbindung bringt? Wenn ja, soll sie keinen Elfen vor Augen sehen, wenn sie an mich denkt. Um niemanden zu wecken, flüstere ich nur.
„Ich will nicht, dass du falsche Sachen von mir denkst.“
„Ich weiß, dass du ein Elf bist und ich weiß auch wie du aussiehst. Ich habe dich im Spiegel gesehen. Aber ich habe keinen blassen Schimmer wer du bist, wie du heißt. “ Im Spiegel? War das dieses Portal, das ich aus der Ferne beobachtet habe? Solche interdimensionalen Handlungen zwischen der Gegenwart und der Spiegelwelt sind selten, aber möglich. Sie beeinflussen das Hier und Jetzt der Person, der in der Spiegelwelt begegnet wurde unmittelbar. Kommt es überdies zu Berührungen ist kommt es zu Folgen wie … einer stunden- bis tagelangen telepathischen Verbindung zwischen dem Wirkendem, in dem Fall sie, und dem, auf den in der Spiegelwelt eingewirkt wird, diesmal ich.
„Du weißt es?“
„Ja. Also bitte, sag mir deinen Namen.“ Wieso ist ihr mein Name so wichtig? Das Ziehen wird in nächster Zeit abflauen und sie wird nichts mehr davon spüren können. Es ist ein rein mechanischer Vorgang, gesteuert von äußerst mächtiger Magie aus der Spiegelwelt, die es verursacht. Das hat nichts mit Gefühlen zu tun.
Im nächsten Moment höre ich Schritte. Am Ende des Ganges. Hier in der Stille, fallen sie mir wegen meiner Elfenohren sofort auf.
„Es kommt jemand. Wo kann ich hin?“
„Du … du darfst noch nicht gehen. Sonst kriegt derjenige sofort mit, dass es mir schlecht geht. Dieses grauenvolle Ziehen ist gerade erst verschwunden.“
„Wohin?“
„Komm her.“ Sie deutet auf die linke Seite des Bettes, welche von der Tür aus nicht einsehbar ist. Vorausgesetzt er öffnet sie bloß einen Spalt. Weil mir für alles andere zu wenig Zeit bleibt, husche ich an die Stelle und sie hält mir ihre Hand hin.
„Was ist?“,frage ich nach.
„Dann wird es schwächer.“ Ich verstehe. So war es auch bei mir. Ich schließe meine Augen. Ich brauche sie nicht um mich ausreichend zu orientieren und im Zweifelsfall verhindert eine freie Sicht nicht, dass ich entdeckt werde.
Die angelehnte Tür wird geöffnet. Ich gebe keinen Laut von mir und sie atmet gleichmäßig. Ist das tatsächlich wegen mir? Ich hatte noch keine Erfahrungen mit der Spiegelwelt und ihren Auswirkungen. Aus welchem Grund hat Julia mich in dieser Welt aufgesucht? Sollte ich ihr sagen, wer ich bin oder lieber warten bis die Verbindung abbricht und sie danach im Ungewissen lassen?

KARL
Ich zögere, als ich über die Schwelle treten will. Das unbestimmte Gefühl, dass hier irgend etwas nicht stimmt, liegt in der Luft – etwas fremdes, etwas dass ich in dieser Form noch nie empfunden habe.
Was soll denn schon sein?, rüge ich mich selbst. Die Tür des Palastes ist intakt, keine Anzeichen dass irgendjemand eingebrochen ist. Energisch versuche ich, den unheimlichen Gedanken, dass sich jemand, oder besser etwas in meinem zu Hause befindet, das nicht hier hingehört, abzuschütteln, aber es will mir nicht gelingen... Ich stoße die Tür weiter auf. Meine erste Gabe, Energien zu spüren, schlägt Alarm. Hier ist jemand. Ganz sicher. Nur wer? Es gibt eine simple Erklärung weit weg von jeder Magie, bestimmt. Vor Lias Balkon wiegen sich die Bäume im Wind. Die Unsicherheit vor dem Unbekannten lässt mich zappeln. Ist da ein Schatten hinter dem Bett? Ich bin es gewohnt zu sehen und auf Farbe und Licht zu reagieren. Wird mir diese Fähigkeit genommen, werde ich unsicher und auch meine Phantasie spielt mir dann einen Streich und gaukelt mir Dinge vor, die es so gar nicht gibt. Wenn man das Element Licht in sich trägt, kein Wunder, dass ich mich ungern im Dunkel aufhalte. Auf der anderen Seite will ich Lia nicht durch das Licht wecken.Helene würde mich jetzt in den Arm nehmen und mich beruhigen. Ihre Haare sind genauso schwarz, wie der gesamte Raum. Sie würde mir Mut machen. Meine Helene. Sie gehörte zu den Feen, die vor 100 Jahren in den Chroniken unterschrieben haben. Ich lernte sie vor 60 Jahren, bis ich mich bei dem Gedanken an eine Nachtwanderung im Kreis meiner Freunde, feige zurückzog. Es war so peinlich, besonders vor ihr. Ich, damals 500 Jahre alt, versteckte mich in meinen hell erleuchteten Zimmern.

„Karl. Wovor hast du solche Angst?“, fragt mich die Stimme, die ich mir den ganzen Tag anhören könnte. Leider weiß sie das nicht. Ich habe Angst vor der Dunkelheit und Angst davor, dass sie mich für einen Feigling hält. Bei meiner übertriebenen Reaktion. Was soll sie schon denken?
„Ich … “ Sie kommt neben mich und schließt die Augen. Sie verströmt ihre Heilmagie, die mich sofort entspannen lässt. Innere Heilungen gehören zur Königsdisziplin der Feenmagie. Das habe ich alles selbst gelernt vor, ich schlucke, 440 Jahren. Sie ist gerade mal, ich schlucke wieder, 60 Jahre alt. Sie hält weiterhin die Augen geschlossen,aber ich weiß auch so, wie ihre dunkelbraunen Augen aussehen. Doch dann schlägt sie die Augen auf und ertappt mich bei meinen Tagträumen. Ihr helles, klingendes Lachen erfüllt den Raum und mich auch.
„Sag mal, hast du dich hierher verkrochen, weil du Angst hast oder, weil du wolltest, dass ich zu dir komme?“ Beides? Möglicherweise? Mir gewünscht mit ihr alleine zu sein, habe ich mir auf jeden Fall. „Also?“, hakt sie amüsiert nach und beugt sich dabei vor. Ihr Gesichtsausdruck gleicht dem eines Kindes, das Geburtstag hat. Sie sieht so losgelöst aus, wenn sie fröhlich ist. Sie streicht meine blonden Haare aus meinem Gesicht und lässt ihre Hand in ihnen ruhen. Ich löse meine verkrampften Arme von meinen angewinkelten Knien und lege eine Hand auf ihre. Als meine Hand ihre berührt, macht mein Herz einen winzigen Freudensprung. Wärme durchflutet meinen Körper. Ich sehe ihr in die Augen, ich weiß, dass ich sie liebe. Ich will, dass es niemals aufhört. Genau wie sie neige ich mich leicht nach vorne. Mein Blick wandert zu ihrem Mund. Nur einmal … Ohne weiter zu fragen küsse ich sie. Ich bin naiv, dass weiß ich, allerdings nicht dumm. Ich habe sie von Anfang an geliebt. In jeder Nacht durchstrich sie meine Träume und jedes Mal stellte ich beim Aufwachen ernüchtert fest, dass es nur ein Traum war.
Ohne Vorwarnung unterbricht sie den Kuss. Sie entfernt sich von meinen zitternden Lippen und sieht mich an. „Wir müssen zu den anderen. Kommst du nun mit oder nicht?“, fährt sie mich in hartem Tonfall an. Sie steht auf und geht zur Tür. „Was ist?“, zerstückelt sie meinen Stolz weiter. Mein Stolz, sowieso schon angekratzt durch meine Angst vor der Dunkelheit, wird von ihr endgültig zerstört durch ihre Abweisung.
„Es tut mir leid. Es kam p-plötzlich über mich.“, versuche ich mich aus der unangenehmen Situation zu befreien. Prima, jetzt bist du offiziell der Perverse, der eine 440 Jahre jüngere Frau, ohne zu fragen, küsst.
„Es kam über dich? Nicht dein Ernst, oder? Das hat was mit Gefühlen zu tun!“
„Eben, Gefühle und die kann ich beim besten Willen nicht verhindern, wenn du mich ansiehst.“
„Wenn ich dich ansehe?“
„Du hast es passieren lassen. Du weißt, dass ich dich niemals am Gehen gehindert hätte.“
„Das ist ja gerade das Problem. Ich wollte es, aber für dich bin ich nur irgendeine Fee, die naiv genug ist zu glauben, du würdest etwas für sie empfinden. Ich sage nur „Es kam über mich“.“, bricht es aus ihr heraus.
„Du bist nicht naiv.“, stelle ich verdutzt fest. Hat sie gesagt: „Ich wollte es.“?
„Dankeschön, Eure königliche Hoheit mit der Angst vor Dunkelheit.“, spottet sie.
„Nenn' mich nicht so.“
„Ihr werdet mit jedem Wort einfühlsamer.“
„Und du mit jedem unausstehlicher, Helene. Lass das!“
Sie hebt abwehrend die Hände. „Schon gut. Du vielleicht dann auch?“
„Ja.“, murre ich. Nicht wieder die Kontrolle verlieren, ermahne ich mich.
„Kommst du mit?“
„Ich kann nicht, ich t-traue mich n-nicht.“
„Wie auch andere Dinge nicht.“
„Nur weil ich älter bin, heißt das nicht, dass ich keine Ängste habe.“
„Älter. Natürlich. Wir reden von inzwischen 500 Lebensjahren. Wovor „fürchtest“ du dich denn noch?“
„Ich habe vor so vielem Angst: Angst vor einer schlechten Nachricht, Angst ausgelacht zu werden, Angst vor Schmerzen, Angst um meine Freunde, meine Familie, mich selbst, Angst vor einem zu langen Leben, Angst vor dem Blick der sagt: Es ist vorbei und Angst vor meinen Ängsten. Allem voran meine Angst vor Dunkelheit.“
„Du vergisst: Ein „richtiger“ Prinz hat keine Schwächen.“
„Dann bin ich wohl kein würdiger Prinz, mag sein.“
„Definierst du dich tatsächlich über Ideale anderer?“
„Ja. Nein. Ich weiß es nicht.“
„Für den Fall: Ich werde zu keiner Zeit, wie das süße, kleine Feenmädchen sein.“
„Dafür bist du nicht gemacht, stimmt. Aber genau deswegen li..., mag ich dich.“
„Kannst du wenigstens einmal aussprechen, was du denkst?“
„Meinetwegen“, druckse ich herum.
„Weiter?“
Du kannst es ihr sagen. Es ist fast zu leicht. „Ich bin möglicherweise in dich verliebt.“ Nicht ganz. Genervt schüttelt sie den Kopf. Sag es ihr. Die Stille ist erdrückend.
„Ich … Liebe dich.“, bringe ich es hervor.
„Endlich.“, seufzt sie erleichtert auf. Sie kommt auf mich zu und nimmt meine Hand. „Du bist immer so verklemmt in dieser Hinsicht.“ Erst schaue ich auf unsere ineinander geschlungenen Hände und dann zu ihr.
„Nur wenn ich nicht sicher bin, wie jemand reagiert.“, verteidige ich mich.
„Ach du.“ Sie quittiert ihre Bemerkung mit einem Wuscheln durch meine Frisur. Kurz zucke ich zurück und will, dass sie aufhört, aber schließlich lasse ich es zu.
„Sag ich doch: total verklemmt. Es sind Haare. Nicht mehr.“
„Ich bin nicht verklemmt, du, du … “
„Ich, ich?“ Ich ziehe sie näher zu mir. „Nicht mit mir, meine Liebe.“ Spielerisch hebe ich ihr Kinn an und küsse sie zum zweiten Mal.

Ich wünschte sie wäre hier. Bleiben tut mir nur mein Schwesterchen. „Schläfst du?“, frage ich in der Hoffnung, dass Lia antwortet. Doch es kommt nichts. Was dachte ich mir um 4:00 Uhr nachts? Also muss ich alleine mit meiner Angst fertig werden. Ein letzter kontrollierender Blick über ihr Zimmer, bringt auch keine neue Erkenntnis. Es ist alles ruhig. Ich muss mich getäuscht haben, denn hier ist nichts.
Ich atme tief ein. „Schlaf' gut und träum' schön.“

AVIAN
Meine Güte! Das war knapp. Ich befreie mich aus meiner kauernden Position und blinzele gegen die Müdigkeit an. Julia richtet sich auf und gähnt hinter vorgehaltener Hand.
„Hast du eine Idee, wie ich nach Hause komme?“
„Du kannst die Tilemetaforá verwenden.“
„Wo ist sie denn?“
„Gleich nebenan.“, gibt sie mir Auskunft. „Was hat es mit dem „Ziehen“auf sich?“
„Es ist ein vorläufiges Phänomen aus der Spiegelwelt. Es endet in ein paar Stunden.“
„Stunden? Kann ja heiter werden.“
„Du sagst es.“ Zwischen uns entsteht eine unangenehme Stille. Ich kenne sie nur sehr flüchtig und sie mich im Prinzip gar nicht, weil sie nicht weiß, dass ich niemand anderes als Avian bin. Sie durchbricht das eisige Schweigen zuerst. „Soll ich dir die Tilemetaforá zeigen?“ Sie weiß nicht, dass ich sie selbst öfters verwende. „Gerne.“, ich hätte ablehnen sollen. Sie kommt aus dem Bett, aber sowie ihre Füße den Boden berühren, gerät sie ins Schwanken. Ich komme ihr zur Hilfe und sie stützt sich auf meine Schulter. Ich helfe ihr zum weiß nicht wie vielten Mal heute Abend, trotzdem helfe ich ihr erneut. „Komm, es bringt nichts, wenn du nachdem ich weg bin nicht mehr alleine in deine Zimmer zurückkommst. Beschreib' mir einfach den Weg.“, schlage ich lächelnd vor. Sie ist hübsch und mir gefällt ihre Art. Sie wird es sowieso nicht sehen. Damit führe ich sie zu ihrem Sofa und sie setzt sich. Mit ihren Händen stützt sie sich auf die Kante, den Blick zum Boden gerichtet. „Sie ist hinter der weißen Tür.“ Ich mustere sie besorgt. Sie ist von der telepathischen Verbindung geschwächt. Eine Fee kann nicht mit so etwas umgehen. Elfen schon. Ich kann sie mit ein bisschen Geschick zum müde werden bringen. Dabei kann ich sie aber nicht steuern, sondern nur, wie soll ich es ausdrücken? Unterstützen.
„Ich kann dir helfen. Wenn du willst.“
„Das wäre … gut.“
„Na dann, komm.“ Sie steht auf und ich halte ihr meinen Arm hin. Sie nimmt ihn sofort als Stütze und kann sich mit Mühe auf den Beinen halten. Ihre Schritte sind unsicher, sodass ich mir für einen Moment überlege, was ich tun kann. Mir fällt nichts vertretbares ein, also belasse ich es dabei. Sie schnappt sich die Decke und verkriecht sich darunter. Daraufhin nehme ich ihre rechte Hand in meine, damit der Zauber möglichst wirksam ist. „Kourasménos“ Ihr Geist sträubt sich gegen die Wirkung meines Zaubers, das merke ich deutlich. Niemand mag es manipuliert zu werden, aber es ist nötig, damit sie einen ruhigen Schlaf hat und nicht vor der Kraftwirkung der Spiegelwelt wachgehalten wird. Es kostet mich viel Kraft, um sie dazu zu bringen, der Wirkung nachzugeben. Nach ein paar Minuten stillen Kampfes schläft sie ein. Verausgabt lasse ich ihre Hand los. Ein so kleiner, manipulierender Zauber kostet mich selbst nach Jahrhunderten der Übung immense Kraftreserven. Größere, längere oder wirksamere Manipulationen kriege ich nicht hin. Das bedeutet nicht, dass meine anderen Kräfte auch so eingeschränkt sind.
Ich teleportiere mich über die Tilemetaforá nach Hause.


3. Kapitel

AVIAN
Die telepathische Verbindung ist verschwunden. Als hätte sie nie existiert. Doch loskommen tue ich von ihr nicht. Sie schwirrt durch meinen Kopf. Warum muss ich mich ausgerechnet mit einer Fee verrückt machen? Ich lehne Feen nicht ab, aber es hat keine Zukunft. Schlag sie dir aus dem Kopf!, warne ich mich. Ich kann es mir nicht leisten, ich bin der Elfenprinz. Allein die Tatsache, dass ich ihr geholfen habe, ist undenkbar. Trotz allem möchte ich zu ihr. Sie sehen. Ihre Augen sind so hell. Umrandet von ihren dunklen Wimpern. Ihr zuhören. Es wäre wundervoll.
Ich trete auf den Balkon. Sie ist kleiner, als ich, aber wirkte stark. Vielleicht liegt es Feen im Blut? Diese Art den Kopf abzuwenden, wenn sie genervt sind. Wie bei ihr. Oder ihr Gang. Sie schien zu schweben.
Ihr Planet ist bei uns auf Elwena als abgelegener Stern zu erkennen. Sie ist so weit weg und ich möchte zu ihr. Mit meiner Wunschvorstellung entferne ich mich vom Balkon. Sie ist unerreichbar für mich. Zuerst ist sie eine Fee, ich ein Elf. Zweitens ist sie die Prinzessin und obgleich ich der Prinz bin, sind wir es von unterschiedlichen, verfeindeten Völkern.
Ihr zu Ehren geben die Feen heute einen Ball im Palast. Niemand weiß, wie ich aussehe, außer Karl, Amalia und Julia, wobei sie in mir immer noch nicht Avian sieht, sondern einen fremden Elfen. Sie würde mir keine Probleme bereiten. Karl und Amalia eventuell. Außerdem gäbe es noch meine Ohren. Es gibt eine Möglichkeit sie mittels Zauberformel zu verbergen. Und auf Karl und Amalia könnte ich eine Art „Bann“ legen, sodass sie mich weder sehen noch hören oder besser sie könnten es, wenn sie während des Bannes an mich denken würden. Soll ich? Ich kenne die Antwort bereits. Also gehe ich ohne lange zu grübeln ins Ankleidezimmer und denke über die Kleidung nach. Es ist ein abendlicher Willkommensball für die Feenprinzessin. Im Moment ist es 20:30 Uhr. Ein Frack. Nach der entsprechenden Zeit bin ich zufrieden und verlasse das Zimmer in Richtung Bad. Vor dem Spiegel begutachte ich meine Ohren. „Epiválloun“, versuche ich mein Glück. Es funktioniert. Mit „Synthétoun“ kümmere ich mich um den Rest meines Erscheinungsbildes und kehre ins Hauptzimmer zurück. Der Bann! „Simánei“, lasse ich die Worte flüssig ihre Wirkung entfalten. Ich spüre, dass sie anschlagen. Bleibt der Weg zum zur Tilemetaforá. Ich komme ohne Zwischenfälle an und atme durch. Was mache ich hier? Julia besuchen., antworte ich mir, sodass es fast normal klingt.

LIA
Mira kann es nicht lassen mich eingehend zu prüfen. In vier Minuten muss ich hinaus. Diese acht Zenimeter Absätze machen mich fertig. Die Dinger sind lebensgefährlich. Karl hat mir diesebezüglich angeboten mit seinem Arm zu helfen. Ich habe dankend angenommen, denn ich muss in dem voluminösen Kleid eine längere Treppe hinuntersteigen. Ein letztes Mal umrundet mich Mira, bevor sie und Eymi über einen Seitengang den Raum verlassen. Anstelle von ihnen, kommt mein Bruder hinein und mustert mich von oben bis unten. „Mira hat gute Arbeit geleistet. Zum ersten Mal siehst du … “ Bevor er seinen Satz beenden kann, fliegt ein Schuh, der in Miras engere Auswahl kam, in seine Richtung. Er fängt ihn aus der Luft. Dummes Training. „Solange du dich auf dem Ball besser benimmst.“ Er lacht mich an und ich schmunzele. Ich habe ihn eben lieb. Manchmal ärgert es mich mehr, als es hilfreich ist, aber ohne ihn ist ein Leben im Palast langweilig. Und er versprüht überall gute Laune. Wie sein Element. Genau wie sein Element scheinen auch seine Augen immer zu strahlen. In diesem hellbraunen Ton, fast gold, wie seine blonden, kurzen Haare.
Die Fanfaren spielen die Hymne der Feen. Auf ihr Signal hält mir Karl seinen Arm hin, den ich dankend ergreife. Gemeinsam verlassen wir den Vorraum und treten in den Ballsaal. Er ist gut gefüllt. Langsam balanciere jeden Schritt aus und Karl hält mit seinem Arm gegen mein Ungleichgewicht. Aufgrund des Ballkleides kann ich nicht einschätzen, wo ich genau auftrete. Das erschwert meinen Gang. Trotzdem komme ich unten an.
„Denk an den Tanz.“, witzelt Karl. Er weiß, wie aufwendig dieses Unterfangen für mich sein wird. Er entlässt mich aus seinem Arm. Dankeschön. Am liebsten würde ich mit den Augen rollen, doch ich bremse mich. Nicht hier. Ich schreite durch die Lücke zwischen den anwesenden Feen, die gerade breit genug ist, damit ich mit dem Kleid hindurchgehen kann. Wohin ich sehe und gehe, verneigen sich die Feen vor mir. Mutter hilft mir zu unserem Tisch. Danach hält sie eine kurze Ansprache und eröffnet das Buffet. Es ist eine entspannte Veranstaltung. Ich stehe im Mittelpunkt. Leider. Sobald Karl und Mutter nicht am Tisch sind, beobachte ich das Geschehen, halte mich raus, bis ich hinter mir ein Räuspern höre.

AVIAN
Ich sah sie von weitem, doch jetzt vor ihr zu stehen mit ihrem atemberaubendem Anblick ist etwas anderes. Der Rock des Kleides ist weit und ausladend geschnitten und reich an Verzierungen. Sie trägt silbernen Schmuck, der farblich zu den Details des champagnerfarbenen Kleides passt. Sie geht mir etwas höher, als mein Kinn. Sie muss hohe Absätze tragen, denn an unserem ersten Abend war sie deutlich kleiner. Der obere Teil des Kleides liegt eng an und betont ihre Taille. Mein Magen zieht sich zusammen. Wie gerne würde ich dieses Mädchen, äh, diese Frau umarmen. Statt mich meinem Hoffen auszuliefern, konzentriere ich mich auf ihre freien Schultern. Das Kleid ist ärmellos, ist aber stattdessen am Hals hoch geschlossen, wobei es ab etwas unterhalb des Schlüsselbeins nur noch Spitze ist. Das Kleid betont ihre blonden Haare und scheint, wie für sie gemacht. Ist es ja auch. Das alles registriere ich innerhalb weniger Sekunden, während sie mich überrascht ansieht. Jetzt entdecke ich das Diadem auf ihrem Haar, welches sich in die komplizierte Flechtfrisur eingliedert. Ein sanftes Lächeln umspielt ihren Mund.
„Guten Abend, Eure königliche Hoheit.“, begrüße ich sie, wie es eigentlich verlangt wäre.
„Hallo, Unbekannter. Wärst du so freundlich mir deinen Namen zu verraten?“
„Noch nicht. Sonst werde ich uninteressant, bevor ich einen Tanz mitnehmen kann.“
„Das ist dein Anliegen? Jetzt bin ich enttäuscht.“ Was? Ruhig. Es ist nicht ernst gemeint.
„Bloß nicht. Dürfte ich dennoch fragen, warum du alleine hier am Rand sitzt, während alle anderen tanzen?“
„Nun, meine Schuhe meinen es nicht gut mit mir. Ich glaube, ich würde mich schneller blamieren, als mir lieb ist.“ Da lässt sich was machen.
„Ich bin sicher, du würdest nicht hinfallen. Immerhin wäre ich … “
„Der starke Begleiter. Schon klar, aber ich kann mich selbst beschützen.“, behauptet sie. „Ehrlich.“, setzt sie nach.
„Sicher?“ Meine Gedanken wandern zum letzten Abend. Mehrmals musste ich ihr helfen.
„Überaus sicher.“
„Dann bitte ich Euch hiermit ergebenst um diesen Tanz.“ Bei den Worten bringe ich all meinen Mut auf.
„Möglicherweise.“
„Wie kann ich Euch überzeugen?“
„Sag' mir deinen Namen.“, bittet sie mit absichtlich weinerlicher Stimme.
„Mit Verlaub, ich kann ihn dir nicht sagen.“
„Gut, also ein Kompromiss. Jeder Tanz kostet dich einen Buchstaben, einverstanden?“ Ihr Glück, dass ich unbedingt mit ihr tanzen möchte.
„A wäre wohl der erste.“ Mit den Worten hält sie mir ihre Hand hin. Ich ergreife ihre Fingerspitzen und deute einen Handkuss an. Währenddessen verneige ich mich leicht, schaue ihr aber die ganze Zeit über in die Augen. Zusammen gehen wir auf die Tanzfläche zu. Mit einer Handbewegung bedeutet sie dem Dirigenten ein anderes Lied anzustimmen. Ich verstehe augenblickliche warum, denn das nächste ist mehr im ruhigeren Stil von Elfenmusik. Die Feen passen sich der Musik an und ich habe keine Mühe hineinzufinden. Die Art der Musik ist mir bekannt. Der Tanz geht minutenlang und ich vergesse die Zeit. Sie hat keine Probleme bei dem gleichmäßigem Takt mitzuhalten. Als sie sich langsam unter meinem Arm hindurchdreht, kommt sie mir näher als geplant. Ich zucke kurz zusammen, tanze aber unbeirrt weiter, indem ich sie mit einer weiteren Drehung aus ihrer aktuellen Lage herausdrehe. Sie lächelt mir zu und es steht ihr gut. Sie ist nicht auffällig geschminkt, was mich aufatmen lässt. Sie ist jung, da muss sie sich nicht hinter einer Maske verstecken. Sogar wenn sie älter wäre, hätte sie es nicht nötig.
Das Stück endet kurz darauf. Immer noch durcheinander gehen wir von der Tanzfläche. Jedoch nicht in die vorherige Richtung. Stattdessen gehen wir auf eine Terrasse zu. Was möchte sie dort?
Wir treten durch den Torbogen nach draußen. Sie überholt mich und ich schließe zu ihr auf. In der Mitte kommen wir voreinander zum stehen.
„Willst du mir nicht deinen Namen verraten? Es würde einiges erleichtern.“ Nein, erschweren.
„Es ist besser so.“
„Ich finde ihn heraus, was du auch sagst.“
„Du solltest es nicht versuchen.“
„Ich weiß bereits, dass er mit a beginnt.“
„Mehr nicht.“ Sie schüttelt unmerklich den Kopf und nimmt meine Hand in ihre. Sie wirkt ihre Feenmagie auf mich. Was kann sie im Zweifelsfall bewirken?
„Ich verstehe deine Aura nicht.“
„Meine Aura?“
„Ja, sie ist … wie ein Spiegel zu der Seele eines Lebewesens. Sie reflektiert den Charakter von jemandem, wobei diese grundlegende Aura je nach Stimmung schwanken kann. Deine ist immer, wenn ich sie sehe deiner Augenfarbe gleich.“ Das meint sie.
„Die Augenfarbe von Elfen wird durch ihre Aura hervorgerufen.“, kläre ich sie auf.
„Wie? Haben Elfen wirklich jede Augenfarbe, die auch als Aurenfarbe existiert?“
„So wäre es, aber Elfen sind ruhige Wesen. Ihre „Grundaura“ ist entweder ein grünlicher oder ein bläulicher Ton, dementsprechend sind Elfenaugen niemals braun. Natürlich kann sie sich kurzzeitig verändern ohne, dass sich die Augenfarbe wandelt.“ Braun für Habgier, Missgunst und Arroganz.
„Nicht braun? Schade.“
„Ist es bei Feen anders?“ Nicht wirklich, oder?
„Die Aura von Feen hat nichts mit ihrer Augenfarbe zu tun. Die Augenfarbe wird durch das Element einer Fee bestimmt.“
„Was machen Feen mit zum Beispiel dem Element Feuer? Haben sie rote Augen?“
„Nicht direkt. Bei ihnen wäre es ein bräunliches Kupfer, schätze ich. Es lehnt in irgendeiner Weise an grün, blau, braun oder einem gräulichem Ton davon an.“ Interessant, aber ich würde viel lieber wissen …
„Und du bist Wasser?“, lenke ich mich von meinen Gedanken ab.
„Ja. Weißt du … Grün und blau liegen nicht allzu weit auseinander … “ Ihr Satz verwirrt mich. Ihre Augen. Blau. Meine sind grün. Blau und grün liegen nicht allzu weit auseinander. Sie hat recht. Ich verliere mich in ihren Augen. Sie fährt mit ihrem Daumen die Konturen meiner Hand entlang, was mich unruhig werden lässt. Sie hat zu viel Einfluss auf mich.
„Was genau versuchst du herauszufinden?“, frage ich sie.
„Du wirkst erfahren, siehst aber jung aus. Wie alt bist du?“ Mit der Frage stecke ich in der Klemme. Ich kann unmöglich 560 sagen, denn es gibt keine unsterblichen Elfen außer mir, meinen Brüdern und Mutter. Aufgehört zu altern habe ich durch Mutters Festlegung am Tag meiner Geburt mit 25. Also das.
„Ich bin … “, ich schlucke wegen der unausgesprochenen Lüge. „ … 25.“ Jetzt bin ich soweit. Ich bin an dem Punkt angelangt, an dem ich voll und ganz dem aluminischen Bild eines Elfen entspreche. Ich lüge.
„Ich hätte gedacht, du wärst … “
„Sag' nichts falsches.“, warne ich sie belustigt. Sie nimmt es richtig wahr, was mein Alter angeht. Dennoch ist es eine Frechheit, es einfach auszusprechen. Entspräche es nicht der Wahrheit.
„Ich wollte nicht in Frage stellen, wie alt du bist.“ Sie hebt entschuldigend die Hände. Sie nimmt sich wieder meine rechte Hand und macht mich damit verrückt. Sie entdeckt den Siegelring und dreht meinen Handrücken nach oben.
„Gehört deine Familie zum elwenischen Adel?“ Sie legt den Kopf leicht zur Seite und sieht mich mit offenem Blick an.
„J-ja.“
„Ich habe keine Ahnung von den verschiedenen Familien, aber auf dem guten Stück dürfte es ja stehen.“ Sie konzentriert sich auf den Ring. Und entziffert den winzigen Schriftzug. Διάδοχος.
„Diádochos … “, spricht sie ganz richtig das griechische Wort aus. Es bedeutet Nachfolger oder Kronprinz. Sie kann also die Schrift lesen und es aussprechen. Verstehen müsste sie es logischerweise auch. Voller Angst warte ich auf ihre Reaktion. Schick mich nicht weg., schießt es mir durch den Kopf.
Langsam sieht sie auf und schaut mir in die Augen.
„Kronprinz?“, flüstert sie.
„Ja.“
„Warum hast du das verschwiegen?“ Sie lässt meine Hand los und entfernt sich rückwärts ein paar Schritte.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht wollte ich mal wie ein ganz normaler Erwachsener behandelt werden.“
„Du bist aber kein gewöhnlicher Erwachsener!“ Ich hebe den Kopf und sehe nicht mehr auf die Steinplatten der Terrasse.
„Ja, was bin ich in deinen Augen? Jetzt nachdem du es weißt?“
Sie dreht mir den Rücken zu.
„Du bist 560 Jahre alt! Weißt du wie alt das für mich ist? Hast du eine Ahnung … “ Bevor sie weitersprechen kann, lege ich ihr von hinten eine Hand auf den Mund.
„Geht's noch lauter? Hier zu sein ist für mich brandgefährlich.“
Sie schüttelt den Kopf und ich lasse zu, dass sie wieder reden kann.
„Warum bist du dann gekommen?“ In ihrer Stimme liegt Schmerz.
Es ist Zeit für ein Stück Ehrlichkeit.
„Ich wollte … “ Was soll ich bloß sagen ohne mich zu verraten? „Zu dir. Es hat mich interessiert, wer du bist. Und wie bist du an ein Portal an die Spiegelwelt gekommen?“ Meine Antwort scheint sie zu besänftigen.
„Beim Abschlussball auf der Somnium erscheinen zur gleichen Zeit zwei Spiegel. In dem einen sah ich dich.“
„Wen soll man angeblich in diesen Spiegel sehen?“, hinterfrage ich ihre Aussage.
„In dem einen sich selbst, im anderen … tut mir leid, es geht nicht.“, seufzt sie. Ich weiß im Prinzip nichts Neues. Dass ein Spiegel das Portal ist, ist selbstverständlich. Sie schweigt einen Augenblick und sieht zur Seite. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist typisch für mich, dass ich ausgerechnet an den Elfenprinzen gerate.“ Wie konnte ich etwas anderes glauben?
„Entschuldige, dass ich ohne zu fragen aufgetaucht bin.“ Was soll ich sonst tun?
„Ich, nein, ich meinte, dass ich … “ Sie stammelt wirres Zeug. Sie soll mir sagen, ob sie es akzeptiert, wenn ich hierbleibe, nichts anderes. Ich will keine Ausflüchte.
„Gib dir keine Mühe. Es ist nicht der Rede wert.“ Sie sagt nichts weiter, sondern kommt einen Schritt auf mich zu und legt ihre Hand auf meinen Oberarm.
„Es war nicht abwertend gemeint.“
„Nein?“
„Dafür, dass du 560 bist, bist du schnell zu verunsichern.“
„Andersherum nicht?“ Wo üblicherweise mein Verstand sitzt, befindet sich ein Vakuum. Ich könnte mich verfluchen. Was rede ich für dummes Zeug?
„Kommt drauf an.“ Die Ewigkeit muss lang sein, wenn mir allein dieser Moment unendlich vorkommt.
„Worauf kommt es dir an?“
„Ehrlichkeit. Lüg' mich nie wieder an, einverstanden?“ Sie hat ja recht.
„Natürlich.“
„Gut.“ Anstatt des ernsten Gesichtsausdruckes, schleicht sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.
„Was ist denn?“, frage ich neugierig.
„Es ist alles so verdreht. Schließlich bist du ein Elf, zudem der Prinz und ich die Feenprinzessin. Würde uns jemand erwischen, wären wir geliefert.“
„Niemand wird es herausfinden, versprochen.“
„Und ich vertraue dir.“
„Danke. Ich finde … “ Plötzlich kommt ein junger Mann auf uns zu und legt seine Hände auf Julias Schultern. Er flüstert ihr etwas ins Ohr, woraufhin sich ihre Augen leicht weiten. Mein Magen zieht sich zusammen. Die beiden sind vertraut miteinander. Es klingt kindisch, doch: Ich will auch. Er bemerkt meinen Blick. Sogleich wandern seine Augen zwischen mir und ihr hin und her. Sein nächster Satz wäre für Feenohren nicht hörbar, also legt er es nicht darauf an, dass ich es verstehe, im Gegenteil. Seine Stimme ist selbst für Elfenohren schwer zu identifizieren, dennoch nehme ich jedes Wort wahr.
„Hilfe, Lia, wenn er auf mich losgeht, steh mir bei.“
„Wie bitte?“
„Siehst du es nicht? Der ist total eifersüchtig.“
„Unsinn.“ Wer immer er ist, ich könnte ihn … Sie mustert einen Punkt neben meinem Arm und ihre Pupillen weiten sich. Ich verstehe. Sie beobachtet meine Aura. „Das ist Roy. Er ist ein Mitschüler aus Somnium.“, erklärt sie. Die Worte schmecken mir überhaupt nicht. Ein Mitschüler aus Somnium. Das ich nicht lache. Dieser Mitschüler ist kein Erwachsener. Er ist ein Kind, ein Junge. Er weiß doch gar nicht, wie man mit Julia richtig umgeht. Er verletzt sie bloß. Du hast kein Recht, eifersüchtig zu sein. Deshalb reiche ich ihm wortlos die Hand. Er schlägt ein. Allerdings drücke ich zu fest zu. Er schnappt kaum hörbar nach Luft. So wollte ich es eigentlich nicht, aber ich habe auch nichts dagegen, wenn er vor ihr … sagen wir schlechter dasteht. Wir lösen unsere Hände nach einem Sekundenbruchteil. Ich mag ihn nicht. Er mich nicht. Passt. Julia geht dazwischen. „Er ist ein Sohn von einer der Vertrauten meiner Mutter. Sein Name ist A-a... drian.“ Daraufhin wendet sie sich zu mir um. Ich beobachte, wie er sich, in dem von ihr unbeobachtetem Moment, das Handgelenk reibt. „Könntest du uns alleine lassen?“ Mit drängendem Blick schaut sie zum Torbogen.
„Wie du willst. Bis zum nächsten Mal.“ Ich ringe mir ein Lächeln ab. Damit drehe ich mich weg, doch ich höre ihre Schritte hinter mir. Ich will nicht. Zusehen wie sie sich … Ekelhaft. Ich achte nicht auf ihre Hand, die meine Schulter streift, sondern gehe weiter. Ein bedenkliches Geräusch ruft mich zurück in die Realität. Schuhe klingen ähnlich. Ich wende mich um, nur damit mir Julia in die Arme stolpert. Aus Reflex stütze ich sie an ihren Unterarmen. Was macht diese Fee mit mir? Fragend sehe ich sie an.
„Ähm, ich wollte dich fragen, wann wir uns wiedersehen.“, überspielt sie ihren Ausrutscher.
„Es scheint dir wichtig zu sein, immerhin konntest du es wohl kaum erwarten.“, kommentiere ich ihr Missgeschick.
„Das macht man auf Aluminia so.“, redet sie ungeniert drauflos. „Und?“, fügt sie mit scheinheiliger Stimme hinzu.
„In ein paar Tagen ist auf Elwena eine Pressekonferenz. Mutter hat gefragt, ob du eine Rede halten willst anlässlich deines Abschlusses. Komm doch dorthin.“ Ihr Kommen wäre eine kleine Hilfe den lästigen Vormittag hinter mich zu bringen.
„Mutter und Karl haben mich schon darauf angesprochen. Ich habe ihnen gesagt, ich denke darüber nach. Jetzt weiß ich, wie ich mich entscheide.“
„Wunderbar. Wir sehen uns dort?“
„Einverstanden.“ Ehe etwas anderes dazwischenkommt verlasse ich die Terrasse und gehe in ihre Zimmer zur Tilemetaforá. Erst zu Hause wird mir klar, was ihre Worte bedeuten.
Wir sehen uns. Bald.


4. Kapitel

LIA
Meine Augen drohen mir immer wieder zuzufallen, obwohl ich versuche sie offenzuhalten. Vergeblich. Den Kopf auf meine Hand gestützt, fallen mir für ein paar Sekunde die Augen zu, dann hebe ich meinen Kopf wieder an. Ich darf nicht einschlafen. Ich muss diese elende Rede zu Ende schreiben, aber mir will nichts einfallen, wie ich Elfen und Feen, die morgen gleichermaßen anwesend sein werden, ansprechen soll, worüber ich reden soll. Wenn die anderen Elfen so aggressiv auf mich reagieren, wie Lucian, habe ich ein Problem. Es ist zum verzweifeln. Auf der anderen Seite gibt es da noch Avian, der gar nicht so unfreundlich schien. Seine Aura konnte ich auf dem Ball sehen. Sie war grün. Innerer Frieden, Heilung und Mitgefühl. Eine wunderschöne Farbe. Genauso wie im Spiegel seine Augen. Es ist ein seltsames Gefühl, dass „die beiden“, also der aus dem Spiegel und Avian, ein und dieselbe Person sind. Mein Rücken tut mir vom ständigen sitzen weh und meine Gedanken driften ab, deshalb merke ich nicht, dass jemand in meine Zimmer kommt. Als er eine Hand auf meine Schultern legt, fahre ich zusammen.
„Hör mal auf dich zu stressen. Es wird schon klappen. Glaub mir.“, und erkenne die Stimme meines Bruders.
„Ich kriege das bis morgen nie und nimmer hin.“
„Im Zweifelsfall übernehmen ich oder Mutter das.“
„Kommt nicht in Frage! Alle möglichen Elfen sähen sich bestätigt. Inklusive einiger Feen, die ich kenne, oder?“
„Du bist erst 20. Ich bin einfach der Ansicht, dass du für eine längere Rede noch nicht vorbereitet bist.“
Ich merke, wie mein Körper sich anspannt. „Vorsicht, großer Bruder.“
„Hat da jemand Angst?“
„Da wird jemand gerade aufgebracht.“ Er hebt beschwichtigend die Hände. „Nur kein Streit um diese Uhrzeit. Leg dich besser schlafen. Denn viel schlimmer ist es, wenn du uns morgen vom Podium kippst.“
„Genauso entwürdigend ist es keinen Plan zu haben und rumzustammeln.“
„Aber bei dem einen hast du die Kontrolle, beim anderen nicht.“
„Ich will die Kontrolle. Gute Nacht.“
Kopfschüttelnd geht Karl zur Tür. „Schlaf schön.“. Damit lehnt er die Tür an und lässt mich allein.
Was soll ich bloß tun? Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes nichts. Morgen. Morgen. Beim Bett angekommen schlüpfe ich unter die Decke und sinke in einen traumlosen Schlaf.

Jemand rüttelt mich an der Schulter wach. „Noch nicht, bitte.“
„Du musst aufstehen. Wir kommen zu spät.“ Karl. Schlaftrunken stehe ich auf und laufe benommen zu meinem Schreibtisch.
„Ja, ich komme gleich“, und unterdrücke ein Gähnen.
„Du hast kaum noch Zeit. In 30 Minuten geht die Pressekonferenz auf Elwena los. Wir treffen uns in zwanzig Minuten in der Eingangshalle.“
Ja, ich komme., wiederhole ich in Gedanken, kann aber nur an das leere Blatt auf meinem Schreibtisch denken. Ich bin verloren. In meinem Badezimmer sehe ich dunkle Augenringe meine Augen umrahmen. Insgesamt sehe ich ziemlich übernächtigt aus.
Nach einigen Startproblemen trage ich nun doch einen weißen Blazer mit einer schwarzen Jeans und ebenso schwarzen Wildlederstiefelletten mit beigen fünf Zentimeter hohen Absätzen. Schminken. Und das benötige ich dringend. Ich will nicht, dass Avian mich so sieht. Warum ausgerechnet er? Ich lege ein dezentes Makeup auf und denke nach. Mira sagt immer, dass mir hohe Zöpfe stehen. Ich binde sie mir zusammen und stelle erfreulicherweise fest, dass sie heute schön fallen.
Nach weiteren Flüchen und Minuten später, mache ich mich auf den Weg zu Karl und Mutter.
„Meine Kleine, du siehst unglaublich erschöpft aus.“, ist die Anmerkung meiner Mutter.
„Dankeschön. Jetzt geht's mir besser.“ Mütter können so hilfreich und aufbauend sein. Auf die ist immer Verlass.
„Willst du hierbleiben?“, schaltet sich Karl ein.
„Nein. Ich halte diese Rede.“ Mein Entschluss steht. Aus mir unerfindlichem Grund. Aber ich weiß irgendwie instinktiv, dass alles andere ein Fehler wäre. Mutter teleportiert uns nach Elwena, genauer direkt ins Schloss Elefthería.
Im Vorraum befinden sich keine Leute mehr. 9:50. Zehn Minuten bis zum Beginn. Im Saal selbst sortiere ich meine Gedanken. Von hinten legt mir Karl die Hände auf die Schultern.
„Rede langsam. Und schau im Zweifelsfall zu mir oder Mutter, damit du nicht durch den kritischen Blick einer Elfe verunsichert wirst.“ Ich nicke knapp, denn Livia richtet das Wort ans Publikum.„Es freut mich zu sehen, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind. Heute will ich allerdings ohne Umschweife zu unserem heutigen Ehrengast kommen: der Tochter Amalias, Julia. Wie Sie alle wissen, ist sie eine Fee. Aus diesem Grund wird sie dieses Jahr eventuell nützliche Beiträge zu unserem Treffen leisten können, uns gewissermaßen neue Blickwinkel geben. Ich weiß nicht genau, was uns erwarten wird, aber in Anbetracht ihrer Ausbildung, rechne ich mit etwas respektablen. An dieser Stelle würde ich das Wort auch schon gerne an dich abgeben, Julia.“ „“
Meine Hände sind feucht und mein Herz rast im Tempo meiner Gedanken. Was soll ich denn sagen?
Karl gibt mir einen leichten Stoß nach vorne zu Livia hin. Sobald ich oben stehe, denke ich kurz nach. Das Reden an sich ist kein Problem, wenn ich wüsste, was. Also starte ich so harmlos es geht.„Danke Livia. I-ich m-möchte Sie zu Beginn gerne zu einer kleinen Geschichtsstunde einladen.“ Was sage ich da nur? Geschichtsstunde? Ich könnte sie so ähnlich, wie Eymis Geschichte halten.
„Vor vielen Jahrtausenden herrschte Chaos unter den verschiedenen Magieformen. Sie waren nicht klar zu unterscheiden. Die Wesen wollten zwar keine Unruhen, aber sie hatten ihre Magie nicht unter Kontrolle.
Wasser spülte Erde weg. Wind trug die Erde ab. Die Erde lieferte dem wütendem Feuer keine Basis, doch das Feuer ließ sich nicht mehr durchs Wasser löschen. Und das nur bezogen auf die vier Grundelemente. Ansonsten glichen sie sich untereinander in ihren moralischen Ansichten. Niemand sollte leiden und niemand für etwas bestraft werden , was er nicht getan hat. Das unterstütze eine mutige, junge Frau besonders. Sie trug das Element des Glücks in sich. Erfüllt von ihrem Wunsch kämpfte sie gegen das Durcheinander und mit der Zeit stellte sie Ordnung in der magischen Welt her. Sie unterschied in zwei verschiedene Gruppen von Magie: Feenmagie und Elfenmagie. Bei den Elfen unterschied die junge Frau in Elementarelfen und Genikáelfen. Während die Elementarelfen ein bestimmtes Element der Natur oder eines Gefühls in sich trugen, sind die Genikáelfen mit Hilfe von Zauberformeln allgemein magiefähig. Die Elementarelfen können keine Zauberformeln anwenden und die Genikáelfen sind nicht dazu fähig ein Element, auch nicht mithilfe eines Zauberspruches, zu kontrollieren. Jede Elfe verfügt allerdings über eine einzigartige Begabung und die sogenannten vier Elfenstärken: SETA. Portugiesisch für Pfeil. Dabei steht S für Sinne, E für Emotion, T für Telepathie und A für Ausdauer.
Bei den Feen unterscheidet man in die Feen der vier Jahreszeiten. Sprich Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winterfeen. Je nach dem in welcher Jahreszeit eine Fee geboren wird gestalten sich ihre Gaben. Bei unsterblichen Feen zum Beispiel handelt es sich immer um Frühlingsfeen. Im Frühling geborene Feen weisen Gaben auf, welche etwas mit Gefühlen oder Gedanken zu tun haben. Die zwei individuellen Gaben werden durch Heilmagie und ihr eigenes Element ergänzt. Diese Magie können alle Feen durch Bewegungsabläufe in Kombination mit Gedanken kontrollieren.
Die Ordnung erwies sich als äußerst praktisch. Jeder kannte seine Fähigkeiten. Aus Dank der jungen Frau gegenüber, machten die Feen und Elfen sie zu ihrer Anführerin. Sie regierte das Land mit Güte und Gerechtigkeit. Ganz nach dem ursprünglichen Grundsatz: Niemand sollte leiden und niemand für etwas bestraft werden, was er nicht getan hat. Doch es gab Neider in den Reihen des geeinten Volkes. Sie töteten die Königin hinterrücks und ließen ihr keine Chance. Die schlechte Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf beiden Planeten. Die Feen und Elfen gaben sich gegenseitig die Schuld an ihrem Tod und wurden sich nicht einig. Es schien als sei mit ihrer Königin auch ihr Grundsatz gestorben. Nicht noch einmal wollten die Völker etwas miteinander zu tun haben und grenzten sich voneinander ab. Sie bestraften sich gegenseitig, obwohl sie damit entgegen jedweder Überzeugung ihrer Königin handelten. Während ihres Lebens hatte sie nicht etwa nach Perfektion gestrebt, sondern nach Gleichgewicht. Einer Mischung aus Feen und Elfen. Bis heute haben wir es nicht geschafft die Differenzen unserer Völker beizulegen und uns klarzumachen, dass man nicht alle für die Vergehen einzelner verantwortlich machen kann. Es mag eine Fee oder eine Elfe gewesen sein, die die Königin tötete, aber das liegt nicht darin begründet, was er oder sie war. Leider sind heute viele dieser Meinung und verhindern somit einen endgültigen Frieden. Wir vergessen die Ideale der jungen Frau, wir leugnen eine Wahrheit die sie schon immer kannte: Es gibt keinen Unterschied zwischen Feen und Elfen, nur aufgrund ihrer Magie. Sie sind schlichtweg gleichwertig. Und in der richtigen Konstellation im absoluten Gleichgewicht. Wie die junge Königin, Felicia, halb Elfe, halb Fee.“, beende ich mein Plädoyer.
„Vielen Dank, Julia. Deine Rede war beeindruckend. Gibt es Fragen aus dem Publikum an diese junge Fee?“
Lucian hebt seine Hand. Echt jetzt? „Ja, Lucian?“, nehme ich ihn an die Reihe.
„Wenn du sagst, dass die Elfenstärken sich in SETA zusammenfassen, was bedeutet das für dich?“
„Wofür die einzelnen Buchstaben stehen fand bereits Erwähnung. Übersetzt bedeutet es Pfeil. Gemeint ist der richtungweisende Pfeil, nicht der Pfeil, für dessen Anwendung es einen Bogen braucht. SETA ist also eine Orientierungshilfe. Dabei steht das S für Sinn, für die geschärften fünf Sinne der Elfen. Sinnbildlich steht es für Scharfsinn und Wachsamkeit. Das E für die Emotionen bedeutet, dass Elfen zu ihnen nahestehenden Personen eine enge Verbindung haben und spüren, wenn eine von ihnen in Gefahr ist oder ein besonders emotionale Bitten oder Gedanken an sie haben. Im übertragenem Sinn steht es für das emotionale Wesen einer Elfe. Das T von Telepathie drückt aus, dass Elfen sich mit anderen ihresgleichen in Gedanken unterhalten, in Kontakt treten können, nicht aber ihre Gedanken lesen können. Das Gedankenlesen ist jedoch in engen Beziehungen möglich, wobei es nur erfahrenen Elfen gelingen kann. Diese Gabe versinnbildlicht den Zusammenhalt von Elfen. Das A aus Ausdauer verschafft Elfen nicht nur die Möglichkeit längere Zeit mit einem Umstand auszukommen oder ihnen beim Laufen beispielsweise mehr Ausdauer zu verleihen, sondern steht allegorisch auch für Treue und Flexibilität. Die den Elfen somit zugeschriebenen Eigenschaften Scharfsinn und Wachsamkeit, Einfühlsamkeit und Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt und Treue und Flexibilität sind im heutigen Zeitalter auf eine schwere Probe gestellt und ihnen nicht allgemein gegeben, aber ehemals war es der Leitsatz nach dem „gute“ Elfen handeln sollten und zum Teil auch immer noch tun. Für mich sind Elfen ursprünglich genau das was SETA bedeutet und wenn eine Elfe so handelt, bin ich stets beeindruckt.“
„Ansonsten sind Elfen für dich demnach nicht was sie sein sollten?“, hakt er nach. Mein letzter Satz war unbedacht.
„Nun das einfache Wort SETA haben sich die Elfen selbst auferlegt. Für mich ist es eine willkommene Möglichkeit festzustellen, wie sehr eine Elfe an ihren alten Idealen festhält. Gegen neues habe ich nichts einzuwenden. Ich bin ja auch erst 20.“ Die letzte Bemerkung lockert die Stimmung etwas auf, die Jüngeren verkneifen sich ein Schmunzeln.
„Feen haben kein solches Ideal?“ Hm. Er stellt komplizierte Fragen.
„Feen orientieren sich an den Chroniken der Magie. In ihnen unterzeichnen alle unsterblichen und sichern den Erhalt der Sicherheit von Aluminia. Sie gelten für Feen als Sinnbilder für das, was es anzustreben gilt. Was es anzustreben gilt, ist in den Chroniken niedergeschrieben.“
„Interessant. Für die Sicherheit Aluminias. Sind diese Feen ausschließlich ihresgleichen verpflichtet?“
„Nein. In den Chroniken Magie steht deutlich, dass man „gelobe jedes einzelne Lebewesen mit aller zur Verfügung stehenden Macht zu schützen“.“
„Wen hast du bis jetzt gerettet?“
„Niemanden. Aber so ist es am besten. Wenn es keine akute Gefahr gibt, vor der es jemanden zu beschützen gilt, ist es ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass die heutigen Feen ganze Arbeit leisten.“
„Bist du überhaupt in der Lage dich alleine zu verteidigen?“ Er spielt auf jenen Abend an.
„Das Ziel einer Fee ist es nicht, andere zu übertrumpfen. Es bedeutet sein bestes zu geben für den eigenen Schutz und den der anderen. Arbeitet eine Fee mit anderen zusammen, ist das ihr gutes Recht. Das angestrebte Ziel bleibt ein Kräftegleichgewicht ohne Benachteiligung. Und vergiss nicht: Ich bin auch nur eine Fee. Ich kann tief stürzen, wenn ich falle. Meine Gefühle sind angreifbar. Ich mag unsterblich sein, doch meine Fähigkeiten hören an einem bestimmten Punkt auf. Wie bei jedem.“
„Du fühlst dich im Recht, nicht wahr? Du stufst mich absichtlich herab und milderst meine Fragen.“
„Deine Fragen sind allesamt berechtigt. In unserer aktuellen Lage sind deine Zweifel angebracht. Ich möchte nur ausdrücken, dass wir den Mut aufbringen müssen unsere Ängste zu überwinden und lernen müssen auf ein Gleichgewicht, basierend auf Freundlichkeit und Liebe, mit Frieden als Ergebnis zu vertrauen. Eine Fee ist durchaus in der Lage eine Elfe gernzuhaben und andersherum.“
„Wie weit kann diese „Liebe“ Elfen und Feen bringen?“
„So weit, wie du bereit bist daran zu glauben. Dieser Glaube entspringt aus dir selbst, du bist es der die Dinge verändern kann. Dein Leben bestimmst du.“
„Eine wahre Aussage Julia. An sich wurde schon vieles beantwortet. Gibt es weitere Fragen?“, schaltet sich Livia dazwischen.
Die Hand einer interessiert wirkenden Elfe geht hoch. Mit einem Nicken an sie hat sie die Erlaubnis anzufangen.
„Die Einteilung der Feen in Jahreszeiten. Könntet Ihr diese genauer darlegen?“
„Selbstverständlich. Es ist so, eine Fee ist ein Wesen, welches in enger Verbindung zur Natur steht. Es ist mit der temperaturabhängigen Geschlechtsdetermination von machen Tieren zu vergleichen. Der Begriff Determination geht zurück auf das lateinische Wort determinatio, übersetzt „Abgrenzung“. In anderem Sinn ist es so viel wie eine Bestimmung von etwas, beispielsweise dem Geschlecht. Bei speziell diesem Phänomen hängt das Geschlecht eines Neugeborenen von der herrschenden Außentemperatur ab. So ähnlich verhält es sich bei Feen. Ihre Gaben sind von den Jahreszeiten abhängig. Im Frühling kommt es zu Gaben der Gefühle und Gedanken. Im Sommer zu naturverbundenen, während im Herbst eine Gabe auftritt, welche etwas mit praktischem Nutzen zu tun haben. Im Winter treten Gaben der Ruhe und Regeneration auf.“
Ein älterer Elf, erfahren wirkender Elf hebt sie Hand. Livia tritt einen Schritt beiseite und ich bedeute dem Elf zu beginnen.
„Prinzessin der Feen. Du bist für dein Alter erstaunlich reif in dieser Hinsicht. Ich denke nicht, dass ich zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen würde, da ich dieses Thema anders betrachte. Also sag mir: Hat eine einzige Fee die Stärke für alle zu kämpfen?“
„Ich denke in jedweder Hinsicht wie eine Fee, aber eine Fee denkt nicht in jedweder Hinsicht wie ich. Deshalb kämpfen nicht alle für mich, aber ich kämpfe für alle, ja.“ Nochmals Stille.
Es gibt keine Fragen mehr. Als ich die Bühne verlasse, stürzen sich die Reporter auf mich. Ich beantworte ihnen knapp ihre Fragen, schlage mich aber durch zu meiner Familie.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du gleich so tiefsinnig wirst.“, begrüßt mich Karl.
„Du hast deine Sache sehr gut gemacht.“, lobt mich Mutter hingegen.
„Danke ihr beiden. Ich gehe mich kurz frischmachen.“ Sie winken mir nach und ich biege um die Ecke. Nach einigen Minuten bin ich fertig und möchte zurück in den Saal, doch da steht Avian. Ein Elf. Der mich verwirrt.
Ruhig bleiben. Ich gehe zögernd auf ihn zu. Enttäuscht muss ich feststellen, dass ich selbst mit Absätzen nur etwas unter seiner Kinnhöhe bin.
„D-du hast dich geschickt angestellt. Wie du gegen Lucian gehalten hast war mutig.“, versucht er gelassen zu wirken. Er ist das exakte Gegenteil. Seine Hände verraten ihn, denn er hält sie nicht still. Vermutlich ist es ihm unangenehm sich mit einer Fee zu unterhalten. Augenblicklich fühle ich mich deplatziert und ich neige verlegen meinen Kopf zur Seite.
„Ähm, wenn du das sagst.“ Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. „Ich müsste dir danken. Du hast mich von dem Fremden weggebracht.“

AVIAN
Ich weiß nicht, was ich auf ihren Dank antworten könnte. Ohnehin bin ich viel zu nervös. Dass ich unsicher bin, merke ich vor allem daran, dass ich ständig meine Ohrspitzen berühre. Typisch für Elfen.
„Keine Ursache.“, überwinde ich mich nun doch.
„Naja, es war nicht selbstverständlich. Ich bin ich in den Augen der Elfen eine minderwertige Fee.“
„Minderwertig?“, stoße ich leise hervor. Betreten schaue ich kurz zu Boden. Minderwertig.
„J-ja. Was sonst?“ So viel mehr. Das kann ich nicht sagen.
„Ein … “ Sie sieht mich enttäuscht an und senkt den Kopf.
„Siehst du.“
„So meinte ich das nicht. Ich habe nur keine Idee, wie ich es beschreiben soll.“
„Tolle Ausrede.“
„Du … “
„Lass, es ist in Ordnung.“ Ihr müdes Gesicht, verliert bei dem Satz an Farbe und ihre Augen wandern rastlos über den Boden.
„Nein, es ist nicht in Ordnung.Ich wollte dich nicht beleidigen.“
„Siehst du, alles geklärt.“ Sie setzt ein falsches Lächeln auf und spielt die Tapfere.
„Tu' nicht so. Es macht dir sehr wohl zu schaffen, Julia.“
„Oh, sieh an, mein ganzer Name.“ Wie soll ich sie sonst nennen?
„Welchen anderen hast du denn noch?“
„Nenn' mich Lia.“
„Danke.“, sage ich verdutzt.
„Prima. Fangen wir von vorne an.“
„Bitte nicht. Aber womit habe ich das verdient?“
„Du hast mir das Leben gerettet und dich bei mir entschuldigt.“
„Du bist unsterblich. Niemand hätte dich umbringen können.“ Weil ich hätte es verhindert hätte.
„Es gibt Mittel und Wege. Felicia ging es nicht anders. Man braucht nur genügend Macht in Kombination mit Grausamkeit.“ Beim Namen der Mutter meiner Mutter … tolle Ausdrucksweise, aber meine Großmutter ist sie ja ncht wirklich, ziehe ich scharf die Luft ein. Sie sollte nicht so offen heraus darüber sprechen.
„Wie du willst, aber warum wirklich?“ Sie überlegt, bevor sie mich ansieht.
„Alle meine Freunde nennen mich, Lia.“ Freunde? Freunde. Freunde!

LIA
Seine grünen Augen von neulich aus dem Spiegel und sein Blick, der tatsächlich derselbe ist, machen mich unsicher. Er ist viel älter. Weiß viel mehr. Meine 20 Jahre sind nichts im Vergleich zu seinen Lebensjahren. Ich will zu meiner Familie.
„Bleibst du hier oder kommst du mit rein?“, frage ich ihn.
„Nein, nein, geh nur.“, winkt er ab. Er geht nicht weiter auf meinen Spitznamen ein, wofür ich ihm unsagbar dankbar bin. Erklären könnte ich es ohnehin nicht. Er wirft sämtliche Gefühle in mir durcheinander.


5. Kapitel

LUCIAN
„Jetzt sie dir diesen Artikel an, Nico. Er ist von einer Elfe verfasst.“, empöre ich mich.
 
Eine Prinzessin ohne Krone
Gestern früh überzeugte Julia Neva Lunargéntea bei der Pressekonferenz anlässlich der jährlichen Versammlung mit ihrer Rede. Sie berief sich auf SETA, die Chroniken der Magie und sogar Felicia. Dabei sprach sie von Gleichgewicht und Frieden. Woher kommt dieses Wissen für eine Jungfee?
Sie genoss fünf Jahre lang eine einwandfreie Ausbildung an der Somnium. Davor 15 Jahre Erfahrung im Palast. Das alles tritt in diesem einen Auftritt zu Tage. Die sonst eher zurückhaltende Julia, die bisher höchstens Reden auf Aluminia hielt, wagte sich gestern zum ersten Mal auf ein elwenisches Ereignis und sprach ihre Befürchtungen und Hoffnungen an. So verwandelte sie den trüben Anlass innerhalb der Fragerunde mit einem geschickten Schachzug zu ihren Gunsten. Sie gab auf Prinz Lucians und Herr Balivernes' Fragen durchdachte Antworten. Sie bewies Reife ohne sich dabei wie Prinz Lucian auf ihre Krone zu berufen. Ihre Stellung erkennt man an ihrer Art, was sie sagt beweist Größe. Magazine betiteln sie als „Prinzessin der Wahrheit“ oder als „Friedensprinzessin“. Ob an den Behauptungen etwas Wahres ist, bleibt abzuwarten, doch scheint es, als wachse die junge Feenprinzessin zu einer würdigen Nachfolgerin Felicias heran.

„Sie hat es verdient, Lucian. Deine Fragen waren wirklich gemein.“, verteidigt Avian Lia. Lia. Gewöhnen kann ich mich an diesen Spitznamen nicht. Er nennt sie dauernd so, als hätte er an ihrem Namen Gefallen gefunden. „Dieses Mädchen hat dich verzaubert, sage ich dir. Anstatt zu mir zu halten, machst du sie zur Heldin.“
„Manche Elfen teilen anscheinend meine Meinung.“
„Diese eine Journalistin. Der Rest der Medien stellt sich gegen sie.“
„Ein guter Anfang. Keine einzige Elfenreporterin hat in den letzten Jahren eine Fee gelobt.“
„Ein schlechter Anfang. Den wir sofort stoppen müssen.“
„Warum bist du ihr gegenüber so negativ eingestellt?“
„Sie ist eine Fee.“
„Komm schon. Du machst dich lächerlich.“
„Wiedermal wegen einer Fee.“ Das gleiche richtete Alisa an. Mein wunder Punkt. Sie müsste derweil … Gestorben sein. Zu lange ist es her. 99 Jahre. Feen werden maximal 120 Jahre alt. Damals war sie 21, eine Fee und ich ein 461-jähriger Elf.
„Finde dich damit ab.“, kommt von Nicos Seite.
„Lasst mich bloß in Ruhe. Geht.“, brülle ich die beiden an. Verzweifelt trete ich gegen die Wand. Den Schmerz, den es verursacht, begrüße ich allzu gern. Er ist mir eine willkommene Ablenkung von dem Schmerz, den mir Alisa noch heute bereitet. Meine Brüder tauschen Blicke aus und verlassen meine Räume. Ich weiß auch nicht, aus welchem Grund ich jeden von mir stoße, der das Thema Feen zur Sprache bringt. Die Tür fällt leise ins Schloss und nachdem ich ihre Schritte am Ende des Flures verhallen höre, gehe ich zu meiner Kommode. Aus der obersten Schublade hole ich unter ein paar Blättern ein Foto hervor. Es zeigt sie. Sie liegt auf einer Wiese, lacht und streckt die Arme nach mir aus auf dem Bild, weil ich sie von oben unbemerkt fotografiert habe. Einer der wenigen wirklich unbeschwerten Momente mit ihr.

AVIAN
Lucian tut mir leid. Er macht sich mit diesem Mädchen fertig. Sie ist der einzige Grund, warum ihm Feen zuwider sind. Ich liebe meinen Bruder. Ich kann ihn nicht alleine lassen, wenn er uns so rüde wegschickt.
Ich öffne die Tür und sehe ihn vor seiner Kommode stehen. Er hat mir den Rücken zugewandt und betrachtet ein Foto. Ein Foto von ihr. Seine Finger streichen fast zärtlich über das Gesicht auf dem Bild. Ein Zittern durchfährt seinen Körper und er greift sich an die Stirn. Plötzlich zerreißt er das Foto und schleudert es durchs Zimmer. Schockiert weiche ich zurück, spähe aber weiter durch den Türspalt. Dann sehe ich, wie er seine Stirn gegen die Wand lehnt. Gerade will ich anklopfen und so tun als sei ich erst angekommen, da hebt er die Fotohälften auf und fügt sie wieder zusammen. Sein Finger streicht erneut über die Wange des Mädchens. Ich schließe die Tür leise und gehe auf lautlosen Sohlen den Flur hinunter.

LUCIAN
Ich schmeiße die beiden Hälften des Bildes unachtsam in die Schublade zurück und lasse sie zukrachen. Alisa ist an allem Schuld. Dennoch kann ich sie nicht loslassen. Warum vermisse ich sie so sehr? Sie hat mich verraten, ich müsste sie verabscheuen. Aber das tue ich nicht. Ich liebe sie, selbst nach fast 100 Jahren und herben Enttäuschungen.
Julia erinnert mich an sie. Nicht äußerlich, auf gar keinen Fall. Aber sie ist nun mal eine Fee und somit meinem zauberhaften Wesen, das nach Jahrhunderten ähnlichste. Ich bemerkte, welches Wesen Julia ist, nachdem ich ihre Stimme hörte. Feen haben ihre eigenen Klang in der Stimme. Den gleichen hatte Alisa. Sie ist fort. Und auch wenn ich weiß, dass eine Beziehung zu einer sterblichen Fee mein seelischer Untergang gewesen wäre, wäre ich dazu bereit gewesen. Leider äußert sich meine Verzweiflung und Trauer stets in Form von Wut. Es liegt vermutlich in meinem Wesen begründet. Ich trage das Element Feuer in mir, bin ein Elementarelf.
„Lucian“, höre ich die einfühlsame Stimme meiner Mutter. Ich richte mich auf und schaue sie aus geröteten Augen an.
„Gibt's was?“, versuche ich sie loszuwerden. Ich will sie nicht hier haben. Nicht jetzt.
„Ich würde gerne, dass du dich mit Julia unterhältst. Ihr müsst eure Differenzen beilegen, um zu verhindern, dass die Presse euch, wie es ihr passt, auseinandernimmt.“
„Julia? Vergiss es.“, fahre ich sie schroff an.
„Ich weiß, dass du an Alisa denkst. Sie lässt deine Aura verdunkeln.“
Ich grabe meine Hände in die Taschen meiner Jeans. Mutter soll das Zittern nicht sehen. „Ich, ähm …“, sage ich und schlucke.
„Schon gut. Komm her.“, und öffnet ihre Arme. Ich finde mich in den Armen meiner Mutter wieder. Wann ist es soweit gekommen? Wie kann ein 560-jähriger noch tiefer sinken? Mir ist es egal, ich vergesse die Umstände und schlafe nach einer Weile ein. Mit einem hatte Julia recht: Wir mögen unsterblich sein, doch das macht uns nicht über Gefühle erhaben. Wir sind angreifbar.

Ich stehe vorm Spiegel und probiere meine blonden Haare zu bändigen. Sie sind manchmal unerträglich. Wie machen Mädchen das nur mit ihren langen Haaren? Ich bekomme sogar bei meinen kurzen Probleme. Alisa schwirrt mir durch den Kopf. Wenn ich an sie denke, sehe ich ihre blaugrauen Augen und ihr rotes Haar vor meinen Augen. Ihre Haare haben leichte Wellen und reichen bis zu ihren Schultern. Sie ist eher blass, aber sie ist eine Schönheit. Meine Haare stehen mir wirr vom Kopf ab. Meine dunkelblauen Augen sehen unzufrieden aus.
„Es hat keinen Sinn.“, seufze ich laut.
„Findest du? Ich meine du siehst … auf eigene Weise durcheinander aus. Steht dir.“, äußert sich Alisa zu meinem unglücklichen Versuchen. Sie muss sich mit ihrer ersten Gabe teleportiert haben. Bis eben war sie nicht da. Sie legt von hinten ihre Arme um mich. Es ist gefährlich, wenn sie einfach herkommt. „Du solltest mir Bescheid sagen. Schon vergessen?“, necke ich sie. Gegen einen Besuch habe ich nichts einzuwenden, aber vielleicht die Elfen. Sie dreht sich weg und baut Abstand zwischen uns auf. „Ich muss mit dir reden.“ Über was denn? Eine Gefühl ähnlich Übelkeit breitet sich in mir aus.
„Worüber?“ Mehr bringe ich nicht zustande.
„Wir können uns nicht mehr treffen.“
„Aber … Alisa. …“
„Nein. Ich will das nicht. Das musst du akzeptieren.“
„Nein, werde ich nicht. Ich sehe nicht dabei zu, wie du unglücklich wirst.“
„Wenn du mich liebst, lässt du mich in Ruhe.“
„Ist es so falsch, dass ich bei dir sein möchte? Wir stehen das gemeinsam durch, versprochen.“
„Nein, aber …“ Sie lässt den Satz unvollendet und dreht sich zu mir um. Endlich kann ich ihr ins Gesicht sehen. Es ist verdüstert und ihre Augen ruhen traurig auf mir. Völlig aus dem Konzept gehe ich auf und ab.
„Das kannst du mir unmöglich antun. Du bist mir unfassbar wichtig geworden.“
„Und dafür danke ich dir. Doch du musst auch akzeptieren, wenn ich … nichts mehr für dich empfinde.“ Meine wackelige Welt bricht zusammen. Sie darf mir das nicht antun. Nicht sie.
„Bitte, Alisa. Warum?“, versuche ich verzweifelt sie zu erreichen. Sie lässt es kalt.
„Weil ich dich nicht mehr liebe, weil du eben ein Elfe bist.“
„Gerade sagtest du, du würdest mir für meine Ehrlichkeit danken?“
„Um dich nicht zu verletzen.“
„Siehst du, du machst … “
„Genug. Wenn du es gut mit mir meinst, laufe mir nicht nach, suche mich nicht. Lass mich mein Leben leben. Du leb' auch wohl, Lucian.“ Sie entfernt sich mit zügigen Schritten aus meinem Zimmer, aus meinem Leben. Ich will ihr nachlaufen, doch sie erschafft kurzerhand mit ihrer zweiten Gabe, Emotionen in materielle Dinge zu verwandeln, eine Barriere. Ich lege eine Hand darauf und begreife, dass es keinen Sinn hat mich gegen sie zu wehren. In mir zerbricht etwas. Sein Zerbrechen lässt mich emotionslos und leer zurück, wie sie. Ich werde ihren Wunsch respektieren sie nicht zu suchen. Wieso, weiß ich nicht. Wahrscheinlich bin ich dafür im Augenblick, einfach zu schwach.
Doch warum, Alisa, warum?
Weil du eben ein Elf bist …

Danach ... 

ALISA
Ich stürme aus dem Schloss. Lucian, es tut mir so leid. Meine Familie hat mein häufiges Verschwinden bemerkt und mich zur Rede gestellt. Im naiven Glauben sie könnten mich verstehen, erzählte ich ihnen die Wahrheit. Deshalb zwangen sie mich zu ihm zu gehen und zu behaupten ich wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ansonsten würden sie mich an die Wachen verraten und das würde für mich lebenslange Haft bedeuten. Ich bin ihnen egal. Sie haben mich nie richtig geliebt, meine Eltern. Ich hätte ihm die Wahrheit erzählen können, aber meine Mutter hat die Gabe Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Ich blicke zum Palast und am Fenster steht Lucian. Er hält den Kopf gesenkt. Ich hoffe sehr für ihn, dass er sich irgendwann auf jemand neuen einlässt und nicht sich die Schuld für meine Entscheidung gibt. Ich liebe dich, was auch immer geschieht,bis ans Ende meiner Tage, egal was sie über Elfen erzählen. Zu Hause schnappe ich mir ein Stück Papier. Ich fange an zu schreiben, doch ich bringe nichts vernünftiges zustande. Blatt um Blatt wandert in den Müll. Am Ende besteht mein Brief aus wenigen Zeilen.

Lieber Lucian, liebe Feen und Elfen, liebes Mädchen, das du ähnliche Zweifel hast,
Elfen sind nicht gemein und gefährlich. Mein Lucian, mein Elf ist anders. Ich hoffe, dass es in den nächsten Jahrhunderten ein Mädchen geben wird, dass der gleichen Ansicht ist, wie ich, nur stärker als ich ist. Mutiger. Er muss jetzt mutig sein. Für ihn: Sei mutig, ich bin es nicht. Und für die Frau, der es mal so gehen sollte, wie mir: Sei mutig, ich bin es nicht. Verteidige deine Liebe, sie ist im Zweifelsfall, alles was bleibt.

LUCIAN
Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Wieder der gleiche Traum, wenn ich tagsüber an sie denke. Mutter ist derweil gegangen und draußen ist es dunkel geworden, wie in meinem Herz. 5:56 zeigt meine Wanduhr. Einschlafen undenkbar. Deshalb stehe ich auf und gehe nach draußen zu den Ställen. Panasch döst in seiner Box. Ich öffne die Tür und er wird auf mich aufmerksam. Unsere elwenischen Pferde sind anders, als normale. Sie sind emotionaler. „Nur wir zwei, einverstanden?“ Nur langsam komme ich in die Gänge und auch mein Panasch ist noch träge. Avian kann besser reiten. Er jagt problemlos über Felder hinweg und hat dabei eine lupenreine Technik. Ich bin zwar nicht schlecht, aber nicht so gut, wie er. In der Umgebung ist um die frühe Zeit niemand zu erwarten. Ich reite im Schritt durch die Gegend und höre nach einiger Zeit Hufe hinter mir. Sie bewegen sich schnell, es muss Avian sein. Ausgerechnet er. Er hat gehandelt, wie ich damals. Hat einer Fee geholfen. Wohin das führt ist absehbar.
„Sei nicht so störrisch. Bleib stehen.“
„Ich habe dir bereits gesagt, was ich davon halte.“
„Wir sind unterschiedlicher Meinung, aber wir sind trotzdem Brüder, Lucian.“
„Meinst du?“
„Natürlich. Ich möchte dir helfen und dich fragen, warum du hier herumirrst.“
„Es ist wegen ihr.“, gebe ich resigniert zu.
„Willst du mir nicht mal ihren Namen sagen?“
„Alisa“ Was sage ich da? Nur Mutter kennt ihren Namen.
„Edles Wesen?“
„Das bedeutet ihr Name wohl.“
„Ich weiß praktisch nichts über sie. Obwohl wir eigentlich über alles reden. Was ist vor 100 Jahren passiert?“
„99.“
„Dann eben 99 Jahre. Was ist damals geschehen?“ Bitter lache ich auf. Das geht ihn nichts an. Gleichzeitig merke ich, dass mein Enttäuschung gegenüber Alisa, Avian gegenüber in Wut umschlägt. Er kann nichts dafür, aber es macht mich rasend, dass er auf dem Thema beharrt.
„Das geht dich nichts an!“, beschimpfe ich ihn und lasse Panasch antraben.
„Lucian, warte.“, ruft er mir nach und folgt mir. Er hält Panaschs Zügel fest.
„Lass los.“ Ich bin nicht in der Lage ihn wie meinen Bruder zu behandeln, sobald es um sie geht. Da ist zu viel Schmerz.
„Willst du es mir sicher nicht erzählen?“
„Nein“, presse ich hervor. Ich drehe meine Kopf weg. Eine Träne löst sich aus meinem Augenwinkel.
„Weinst du?“, fragt Avian erstaunt.
„Ja, und? Lass mich.“
„Daran ist nichts verwerfliches.“ Auf seinen Kommentar hin presse ich meine Lippen aufeinander und schaue ihn missmutig an. Vor ihm rumheulen wie ein Kind, aber nicht fähig sein sich zu beweisen.
„Findest du. Ich schon.“
„Hör auf, dich selber fertigzumachen.“
„Keine Elfe ist oder wird je in der Lage sein mir zu helfen. Nur Feen können heilen. Und die eine Fee die ich bräuchte, ist längst tot.“, platzt es aus mir heraus. Sterblichkeit ist grausam, wenn man unsterblich ist.

AVIAN
Ich schweige. Das letzte Mal habe ich ihn nach, wie hieß das Mädchen gleich, Alisas Verschwinden weinen sehen. Ich beuge mich zu Panasch.
„Panasch, Lucian geht es schlecht. Folge Nero und mir bitte zum Palast damit Mutter, Nico und ich ihm helfen können.“ Während ich zu ihm spreche, lasse ich alle Kraft meiner Begabung auf ihn zuströmen. Er versteht mich. Brav folgt er mir auf dem Fuß und selbst als Lucian versucht ihn umzulenken, bringt ihm das nur kurz aus dem Konzept, weil ich Panasch im Geist weiter dazu antreibe mir nachzukommen. Auf diese Weise kommen wir vors Schloss. Lucian steigt ab und ich führe unsere Pferde zur Weide. Es wird ein sonniger Tag werden. Drinnen begeben er und ich uns in einen der Gästeräume, weil dort Mutter und Nico warten. Mutter empfängt uns mit einer Umarmung. Nico bleibt sitzen und wirft mir fragende Blicke zu. Ich rolle mit den Augen, um zu verdeutlichen, dass unser werter Bruder wegen ihr aus dem Konzept ist. Er nickt wissend, doch Lucian nimmt es zur Kenntnis. „Du brauchst einen Tapetenwechsel.“, schlägt Nico vor.
„Guter Vorschlag. Ich würde dir zu einem Gespräch mit Lia raten.“, setze ich obendrauf.
„Langsam, ihr beiden. Lasst ihn entscheiden.“, unterbricht uns Mutter.
„Ich will nichts von Feen sehen oder hören.“, knurrt er.
„Es könnte dir helfen dich mit Julia auszusprechen.“ So spricht nur Mutter.
„Jetzt? Es ist viel zu früh. Außerdem möchte ich nicht.“, sagt Lucian unwillig.
„Ich kann dich zu nichts zwingen, Schatz, aber du begehst einen Fehler.“
„Wie du willst. Bevor ich mir noch Dinge anhören muss von euch wie: „Ich bin nicht wütend, nur enttäuscht.“ Trotzdem ist es zu früh.“
„Was meinst du? Es ist schon halb zehn.“
„War ich so lange weg?“, fragt Lucian.
„Ja. Soll ich dich zu ihr bringen?“, schlägt Mutter vor.
„Hm.“, ist Lucians einzige Reaktion, dabei nickt er ansatzweise. Die zwei verlassen den Raum. Ich schaue ihnen nach, besonders ihn behalte ich im Auge. Wehe, er behandelt sie von oben herab.

LIA
Ich wurde von Mutter innerlich darauf vorbereitet, dass Lucian demnächst mal vorbeischauen würde, um mit mir zu reden. Sie sagt es sei eine absolute Ausnahme, um die Presse an lächerlichen Artikeln von wegen Feindschaft zwischen den Königshäusern zu verhindern. Ich bin damit einverstanden. Es macht mir nichts aus ihn kennenzulernen. Es ist lediglich acht Tage her, dass ich aus Somnium zurückkehrte. Meine Koffer stehen noch hinten in der Zimmerecke. Weil ich mich langweile, gehe ich zu dem schwarzen in dem sich meine persönlichen Gegenstände befinden müssten. Ich öffne ihn und werfe einen Blick auf den Inhalt. Jedes einzelne Stück ist mir vertraut. Meine Inspektion stoppt bei einem alten Hefter. Ich nehme ihn heraus und setze mich auf mein Bett. Ich verliere mich in den Aufzeichnungen, die 3 Jahre alt sein müssten. Es ist faszinierend, was man mit Magie bewirken kann.

Lynkas
Raubkatze der Größe eines Luchs', gelbbraunes Fell ohne Streifen oder Punkte, Fleischfresser, scharfe Augen, auch bei Nacht klare Sicht, spitze Ohren,Vorkommen: Elwena, insbesondere der Avriowald, nachtaktiv, aber auch durchaus bereits in den frühen Abendstunden, duldet keine Eindringlinge in seinem Revier, greift diese eventuell an, wenn sie eindringen, wenn es spürt, dass die Wesen nicht von Elwena kommen, natürliche Feinde: keine mehr seit 344 Jahren gesichtet.

Ich gucke von dem Aufgeschriebenem hoch, sobald es klopft und meine Tür aufgeht. Lucian tritt ein. Überrascht lasse ich den Hefter liegen und gehe langsam zu ihm. Sein Gesicht ist gezeichnet von Skepsis. Er mustert mich und meine Zimmer seltsam. Dahinter liegen ein paar weitere Räume. Er muss nicht wissen welche. Ich räuspere mich und begrüße ihn.
„Hallo, Lucian.“
„Hallo, Julia.“
„Was für Avian gilt, gilt auch für dich. Nenne mich ruhig Lia.“, fordere ich ihn mit Restirritation in der Stimme auf.
„Wenn du meinst.“ Er runzelt er die Stirn.
„Das meine ich.“ Allmählich werde ich selbstsicherer. Er soll nicht denken, er könne mich einschüchtern. Ich bin eine Fee. Ich habe meinen Stolz.
„Gut“, kommentiert er.
„Sehr gut“ Ich weiß nicht, was ich stattdessen sagen könnte. Eigentlich gehen wir viel zu förmlich miteinander um.
„Reden wir doch über ein bisschen persönlichere Dinge, als die Anrede. Wie wäre es damit, wie du dich … Mit deinen Brüdern verstehst.“
„Du willst mit mir über meine Familie reden?“
„Wir können auch gerne über ein anderes Thema sprechen, nur sollten wir uns von brisanten Angelegenheiten fernhalten. Was schlägst du vor?“, versuche ich möglichst offen zu klingen.
„Wie wäre es mit dir?“
„Wo soll ich beginnen?“
„Am Anfang?“, fragt er verständnislos.
„Am Anfang gab es … “
„Nicht so weit vorne.“
„Alles gut. Ich mache doch nur Spaß, Lucian“, beruhige ich ihn lachend. Er sieht mich noch verwirrt und fassungslos an. „Bleib locker, Lucian. Lass mich dir etwas zeigen.“ Er starrt mich an und folgt fassungslos meiner Bewegung. Ich gehe eigentlich auf die Tür des Nebenzimmers zu, um zur Tilemetaforá zu gelangen. Dabei fällt mir ein Zettel ins Auge. Er muss mir vorhin aus dem Hefter gefallen sein. Ich hebe ihn auf und möchte ihn in meine Tasche stecken, da fällt mir ein Wort auf dem Stück Papier ins Auge:
Lieber Lucian … steht darauf. „Was ist das?“, frage ich laut. Jetzt ist er wahrscheinlich noch auf mich aufmerksam geworden. Es scheint ein Brief an ihn zu sein. Hat er ihn verloren? Aber hier hinten im Raum war er noch nicht. Ich betrachte kritisch das gute Stück in meinen Händen. Unschlüssig beginne ich ihn zu lesen.

Lieber Lucian, liebe Feen und Elfen, liebes Mädchen, das du ähnliche Zweifel hast,
Elfen sind nicht gemein und gefährlich. Mein Lucian, mein Elf ist anders. Ich hoffe, dass es in den nächsten Jahrhunderten ein Mädchen geben wird, dass der gleichen Ansicht ist, wie ich, nur stärker als ich ist. Mutiger. Er muss jetzt mutig sein. Für ihn: Sei mutig, ich bin es nicht. Und für die Frau, der es mal so gehen sollte, wie mir: Sei mutig, ich bin es nicht. Verteidige deine Liebe, sie ist im Zweifelsfall, alles was bleibt.

Was ist das?, frage ich mich erneut. Er ist nicht nur an Lucian adressiert, aber von wem wurde er geschrieben? Es muss eine Fee gewesen sein, die Lucian ziemlich gut kannte. Wie kann eine Fee ihm so nahe stehen, dass sie solche Zeilen formuliert? Es muss lange her sein, denn die Tinte ist bereits verwischt und das Papier an den Seiten rissig. Lucian schließt zu mir auf.
„Was machst du denn die ganze Zeit?“
„Ich … Nichts.“ Ich verberge den Zettel in meiner Hand, aber er bemerkt es.
„Was ist Lia? Was verheimlichst du?“, zischt er.
„Es geht dich nichts an.“
„Womöglich ja nicht, aber da du sehr bedacht darauf scheinst diese Sache vor mir zu verstecken, werde ich misstrauisch.“
„Kein Grund zur Sorge.“ Ich schlucke mühsam den fahlen Geschmack der Lüge hinunter.
„Sicher?“
„Absolut.“
„Dann kann ich es mir ansehen, oder?“
„Äh, nein. Es ist privat. Aber nicht wichtig. Also für dich.“
„Selbst wenn es nur für dich wichtig ist, interessiert es mich.“
„Nein“, halte ich weiter dagegen. Er schüttelt den Kopf und packt meine Hand. Ohne, dass ich mich wehren kann schnappt er sich den Brief.
„Mit welchem Recht machst du das? Du tust mir weh.“, klage ich und versuche meine Hand zu befreien. Wütend lässt er sie los und ich stolpere nach hinten. Währenddessen entfaltet er den Brief und bekommt sofort große Augen. Mit jeder Zeile, die er liest entgleitet ihm seine Mimik mehr. Am Ende hält er ihn schlaff in der Hand und scheint nachzudenken. Ich behalte ihn zu jeder Sekunde im Augen. Zu Beginn ist er noch verblüfft. Doch dann verdüstert sich seine Aura und sein Blick wandert zu mir.
„Was genau weißt du über die Verfasserin?“, und kommt bedrohlich auf mich zu. Ich weiche vor ihm zurück.
„Rein gar nichts.“
„Woher hast du ihn denn?“ Im Prinzip …
„Gefunden?“
„Du lügst.“
„Nein tue ich nicht.“ Wenige Sekunden später finde ich mich zwischen der Wand und meiner Kommode wieder. Er versperrt mir einen Meter entfernt die Möglichkeit mich zu verdrücken. Panisch schaue ich mich um. Ich suche einen Fluchtweg. Wenn ich über die Kommode zur Tür gelangen könnte.
„Du brauchst es nicht zu versuchen. Ich will dir nichts tun, sondern bloß die Wahrheit hören.“
„Ich habe sie dir gesagt.“
„Du … “
„Nur weil es nicht das ist,was du hören willst,ist es keine Lüge.“
„Wie kannst du es wagen?“
„Die Verfasserin sagt Elfen wären nicht gefährlich, du auch nicht. Sag mir: ist das die Wahrheit?“
„Ich hätte der Schreiberin nie im Leben widersprochen.“, sagt er wie in Trance. Meine Chance. Ich schiebe mich seitlich an ihm vorbei und werde nicht von ihm aufgehalten. Wieder bei sich guckt er zuerst die Kommode an und dann mich.
„Willst du was trinken?“, stelle ich verloren eine Frage in den Raum.
„W-wasser, wäre … Nett.“ Einfacher könnte er es mir nicht machen. Ich muss nicht mal den Raum verlassen, um Wasser zu besorgen. Ich wende mich von ihm ab. Mit kreisenden Handbewegungen erschaffe ich ein Glas. Aus Eis. Um es in seinen Händen nicht schmelzen zu lassen, härte ich es mit einem kleinen Wasserzauber aus. Anschließend lege ich meine Hand auf das Glas und lasse Wasser erscheinen. Ich fülle es zu drei Vierteln auf. Nun drehe ich mich zu ihm, wobei er in Gedanken versunken ist. Woran denkt er denn bei ihm abgewandten Feen? Ich gehe auf ihn zu und halte ihm das Glas hin: „Hier.“ Dabei lächele ich ihm entgegen.
„Wie hast du … ?“
„Ich bin die Fee des Wassers. Kein Wunder, oder?“
„Wasser? Ich habe Feuer.“ Tatsächlich?
„Wen wundert es, dass wir uns nicht verstehen.“ Feuer. Viel zu hitzig und ungezügelt., denke ich abfällig. Wasser ist ruhiger und heilender.
„Dankeschön. Ich habe deinen Gedanken sehr wohl vernommen.“ Aus Versehen. Ich kann nicht auch in Gedanken ruhig bleiben.
„Glaubst du wirklich das ist wegen unserem Element?“, hinterfragt er entgeistert.
„Für mich ist, dass du ein Elf bist, kein Grund dich schlecht zu machen.“
„Du würdest nicht sagen, dass es daran liegt, weil ich eben ein Elf bin?“
„Warum sollte ich?“
„Weil … “
„Richtig, es gibt keinen rationalen Grund.“
„Das heißt, du vertraust mir?“
„Nein, das habe ich bis jetzt nur … , vergiss es. Ich mag gegenüber Elfen nicht verschlossen, sondern möglichst freundlich sein, aber ich baue nicht zu jedem eine emotionale Verbindung auf.“
„Ich verstehe. Also doch, weil ich ein Elf bin.“
„Nein, Lucian. Ich überlege mir nur vor wem ich echte Gefühle zeige. Ich unterdrücke meine Gefühle nicht, aber ich weiß, wann ich im richtigen Umfeld bin.“
„Ich renne seit über 100 Jahren mit dieser Enttäuschung umher und breche nicht in Tränen aus.“
„Über 100 Jahre? Lucian. Warum machst du es dir so schwer? Rede doch mit Livia oder Avian und Nico.“
„Na, ich werde es bestimmt nicht vor dir tun. Danke.“ Damit will er das Zimmer verlassen, aber ich halte ihn an der Schulter zurück. „Warte kurz.“ Ich stelle mir mit geschlossenen Augen eine wirbelnde Energieansammlung vor. Dadurch, dass ich ihn an der Schulter festhalte gelingt es mir diese auf ihn zu übertragen. Innere Heilungen. Sie sind schwierig, aber Gefühle wie Wut oder Trauer, denen keine psychische Erkrankung zu Grunde liegt, schaffe ich. Ich öffne meine Augen und schaue ihn abwartend an. Seine Aura hat sich von rot, welches für Wut steht, in angenehmeres orange verwandelt. Gar nicht mal schlecht der Farbumschlag. Das rötliche ist zwar noch da, aber orangene Auren stehen nicht mehr für Wut, sondern schlimmstenfalls für Apathie und Willensschwäche. Im besten Fall für Ehrgeiz, Mut und bei dem Gedanken an Lucians Art eher unwahrscheinlich, Bedachtsamkeit.
„Wie machst du das?“, fragt mich er mich mit offenem Blick. Deutlich umgänglicher, als noch gerade eben.
„Feen können heilen. Alles weitere ist unwichtig.“
„Und du bist auch sicher, dass du mich nicht eher manipuliert hast?“ Verwundert wandert sein Blick an sich herunter. Was glaubt er zu entdecken?
„Dass das nicht der Fall ist merkst du daran, dass du es für möglich hältst.“ Er wirkt zerstreut. „Es ist wegen des Briefes gewesen, hab' ich recht?“
„Ja, aber ich will nicht … Darüber sprechen.“
„Dann musst du das auch nicht.“
„Denkst du echt ich werde jemals mit einer Fee über meine persönlichen Angelegenheiten reden?“
„Nein, im Augenblick nicht. Aber vielleicht in ein paar Wochen, Monaten, Jahren und so weiter.“
„Wer's glaubt.“, schnaubt er verächtlich.
„Du bist mittendrin dich wieder hineinzusteigern.“
„Na und?“ Allmählich werde ich wütend. Ich gebe ihm eine Möglichkeit nach der anderen normal mit mir zu reden und er blockt alles ab.
„Jetzt wirst du mir mal zuhören: Ich weiß ja nicht, was du in den letzten 560 Jahren gemacht hast, dass du so wenig über Feen weißt, aber ich weiß, dass ich egal ob du nun Fee oder Elfe bist, keine Lust habe meinen Vormittag mit einem sturem, uneinsichtigem Elfen zu verschwenden.“
„Ja, Nachricht angekommen! Du kannst aufhören dich komplett entgegen deinem Erscheinungsbild zu verhalten.“
„Sehr schön. Können wir uns dann endlich normal unterhalten?“
„Wenn's sein muss.“, nuschelt er mehr zu sich, als zu mir.
„Sag' mal ist Avian immer so, wie soll ich sagen, zurückhaltend?“, stelle ich die Frage, die mir seit unserem letzten Zusammentreffen schwer im Magen liegt.
„Nein, mein werter Bruder kann einen ziemlich nerven. Aber er hat den Vorteil, dass die Leute ihn auf den ersten Blick als verständnisvoll und wie du sagtest zurückhaltend empfinden. Meistens stimmt's. Leider.“, antwortet er ohne darüber nachzudenken. Er selbst scheint geschockt von seiner Aussage.
„Du hast auf mich bis zu dem Moment, in dem du entdeckt hast, dass ich eine Fee bin auch nicht gerade kompliziert oder verschlossen gewirkt.“, entgegne ich interessiert. Er kriegt es anscheinend doch hin.
„Ich glaube nicht, dass ich unser Gespräch führen kann ohne die Nerven zu verlieren. Ich sehe in dir einfach immer nur die Fee.“
„Komm von deinen Vorurteilen weg.“
„Ich kann nicht.“
„Avian schafft es auch,warum du nicht?“
„Er war schon immer so drauf. Ich liebe ihn meinen Bruder, aber er treibt mich mit seiner Meinung zur Weißglut.“
„Was du auch immer für Probleme mit mir hast, ich hoffe, du kannst sie eines Tages lösen.“
„Nein. Alisa ist weg. Nur sie könnte das in Ordnung bringen.“, bringt er gepresst hervor.
„Die Treue einer Elfe und die Unsterblichkeit lebt in dir. Personen, die du liebst, kannst du nicht loslassen. Selbst wenn es absolut unrealistisch scheint.“
„Kennst du das Gefühl?“, fragt er hoffnungslos. Seine ganze Körperhaltung ist geschlagen.
„Nein.“ Ich schaue auf, um seine Reaktion mitzubekommen. Er nickt wissend, schüttelt dann aber den Kopf.
„Ich gehe jetzt besser.“ Damit hätte ich nicht gerechnet.
„Wie du willst. Kennst du den Weg?“
„Denke schon.“ Er geht auf die Tür zu.
„Lucian. Waffenstillstand?“ Die Hand auf der Klinke, guckt er mich unschlüssig an.
„Sie hätte es gewollt. Bis, naja, irgendwann.“, verabschiedet er sich. Der Zettel. Er muss ihn mitgenommen haben. Nur woher kam er?

6. Kapitel

LIA
Der Palast kommt in Sicht und ich bin froh darüber. Der Tag mit Eymi und Mira in der Stadt war schön, aber anstrengend. Allerdings kommen noch Avian, Nico und Lucian. Zeit zu durchatmen habe ich kaum. In, ein Blick auf auf die Uhr lässt mich erstarren, fünf Minuten kommen sie. Entnervt seufze ich auf und gehe zum Fluss Glaciem. Die Umgebung ist verlassen, weil es die Zeit ist zu der man normalerweise zu Hause ist. Ich gehe in die Hocke und lasse meine Hand auf dem Eis ruhen. Es ist seltsam und einzigartig zugleich. An der Oberfläche herrscht eine dünne Eisschicht. Sie ist nicht stark genug um auch nur ein Kleinkind zu halten, aber sie ist da. Darunter befindet sich siedend heißes Wasser, weshalb es ungemein gefährlich wäre durch das Eis zu brechen. Wieso er so beschaffen ist? Nun die Eisschicht hat Mutter als Schutz vor dem heißen Wasser errichtet, dennoch ist sie wegen der Hitze des Wasser nur dünn. Die hohen Temperaturen des Wassers kommen von siedend heißen Quellen am Grund. Es ist ein breiter Fluss, welchen man nur über spezielle Brücken überqueren kann. Selbst ich riskiere keine „Mutprobe“, obwohl mich der Fluss, wie jedes andere Gewässer tragen müsste, weil ich eben die Fee des Wassers bin. In diesem Moment mache ich kleine Risse im Eis aus und folge ihrer Spur mit den Augen. Ein kleines Mädchen ist dabei ihren Fuß daraufzusetzen.

AVIAN
Ich kann es nicht erwarten Lia zu sehen. Wir kommen nur bis zum Waldrand. Ich will die Brücke überqueren. Da hält mich Nico zurück. „Warte, Avian. Da hinten ist eine junge Fee. Sie darf uns nicht sehen. Lass uns hierbleiben bis sie weg ist.“ Er meint die 5- vielleicht 6-jährige, die am Flussufer spielt. Lia wirft ihr einen panischen Blick zu , als das Kind ihren Fuß auf das Eis setzt und mehrere Schritte tut. Lia ist längst auf dem Weg zu ihr, als das Eis unter ihr nachgibt. Sie bricht ein und wird von dampfendem Wasser umspült. Was ist mit diesem Wasser los? Lia zögert. Schließlich geht sie ans Ufer und hebt den Fuß. Nein! Lia. Panik macht sich in mir breit und ich will losstürzen, um sie davon abzuhalten. Wer weiß, was der Fluss anrichten kann. Lucian und Nico packen mich an den Schultern und halten mich damit zurück. Sie sollen mich loslassen. „Sie muss selber wissen, ob sie sich in Gefahr bringt.“, weist mich Lucian an. Nico sagt etwas, doch in meinen Ohren rauscht es. Das kleine Mädchen wimmert im Wasser und schlägt um sich. Ihr Anblick tut weh. Auch ihr will ich helfen. Aber meine Brüder umklammern meine Schultern. Was soll ich tun?

LIA
Das Kind leidet. Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt. Ich setzte meine Fuß auf die durchbrochene Wasseroberfläche. Das Wasser trägt mich. Ich komme bei dem strampelnden Mädchen an. Langsam knie ich mich hin und will sie an ihren Schultern hochheben. Doch sie schlägt meine Hand weg, hat Schmerzen, die sie jede Vernunft vergessen lassen. Ich überwinde mich, fasse tief ins Wasser und hole sie heraus. Wo der Fluss meine Haut berührt hat, entwickeln sich Brandblasen, die nicht schlimmer sein könnten. Das Mädchen befindet sich genau auf ihnen und ich unterdrücke mühsam einen Fluch. Unkonzentriert gehe ich ans Ufer, wo ich mich ich ins Gras sinken lasse. Keine Zeit. Meine Heilkräfte suchen die Quelle ihrer Verletzungen und die Verbrennungen gehen zurück. Sofort kehrt Farbe in ihr zierliches Gesicht zurück. Mit schüchternem Lächeln sieht sie mich an.
„Wie heißt du?“, ertönt ihre Kinderstimme. Kurz überlege ich. Ich will nicht, dass sie sofort weiß, wer ich bin. Wie wäre es mit meinem Zweitnamen?
„Mein Name ist Neva. Und du?“
„Ich bin Candela.“
„Candela, wo sind deine Eltern?“
„Ich wohne mit ihnen in dem Haus dort hinten.“ In ein paar hundert Metern mache ich ein Gebäude aus.
„Soll ich dich nach Hause bringen?“
„Sie sind nicht da.“
„Wo denn dann?“
„Sie machen einen Spaziergang.“
„Bis du ihnen etwa davongelaufen?“
„Sie waren ganz langsam und mir war schrecklich langweilig.“
„Das darfst du nicht tun, Candela. Sie machen sich bestimmt Sorgen um dich. Suchen wir sie, einverstanden?“ Sie nickt und ich hebe sie hoch, woraufhin sie ihre Arme um meinen Hals legt.
Sie gähnt leise und ich beginne ein Lied zu singen.

Schließ' deine Augen.
Alles wird gut.
Ich bin für dich auf der Hut.
Nur Mut.

AVIAN
Beim Klang ihres Singens könnte ich dahinschmelzen. Bei ihrem Lächeln noch mehr. Sie wiegt das Mädchen auf ihrem Arm und ich wünschte, ich dürfte sie jemals so umarmen. Als sie eine Viertelstunde später zurückkommt, stehen wir wie vereinbart am Fluss. Lias Augen sind abwesend. Denkt sie an die Rettung des Mädchens? Sie war mutig. Alles richtig gemacht.
„Hallo, ihr drei.“, begrüßt sie uns halbherzig. Was ist mit ihr? Nico sagt auch „Hallo“ und Lucian tut es ihm murrend gleich. Ich schweige. Sehen sie es nicht? Die drei verfallen in ein oberflächliches Gespräch von dem ich kaum Notiz nehme. Eine halbe Stunde später verabschiedet sich Nico freundlich von ihr, wobei Lucian gefasst folgt. Das ist meine Gelegenheit mit ihr zu reden. Beinahe verpasse ich den richtigen Moment, denn sie dreht sich schon um.
„Lia, ist etwas passiert?“, frage ich rechtzeitig.
„Wie? Nein, nein.“ Ungeduldig steht sie, dezent geschminkt, die blonden Haare zum Pferdeschwanz zurückgebunden, vor mir.
„Aber das Mädchen vorhin … “
„Es war meine erste „Rettung“.“, antwortet sie knapp.
„Das ist doch kein Grund betrübt zu sein.“
„Doch, aber davon verstehst du nichts. Hör zu, es ist besser, wenn du und deine Brüder nicht mehr wiederkommen.“ Genervt wippt sie in ihren Turnschuhen auf den Zehenspitzen.
„Nein, Lia. Du handelst im Affekt.“
„Respektiere meinen Wunsch, Avian. Geh zurück nach Elwena. Und komm nicht wieder.“
„Das kannst du nicht ernst meinen.“
„Tue ich. Leb' wohl.“ Sie scheint zu allem bereit.

LIA
Das Mädchen war in Gefahr. Die Anwesenheit von Elfen bedeutet ebenfalls Gefahr. Für mich. Zumindest Avian. Er trifft mich mit seinen verzweifelten Fragen. Die abweisenden Worte bringe ich mühsam hervor. Ich wende mich um, sodass ich mit dem Rücken zu ihm stehe, bevor ich einatme und ihn stehen lasse. Meine Worte sind kaltherzig, aber sie sind alles, was ich ihm gegenüber habe, um mich zu schützen. Vor meinen Gefühlen. Für einen Elfen. Ich will nicht, dass er sie irgendwann entschlüsselt. Ich will nicht, dass er mich für naiv hält. Ich will nicht, dass er mich für ein Kind hält.
Ich bin alles andere. Ich bin eine Fee. Und Feen sind stolz. Immer. Prinzessinnen auch. Und ich bin eine Prinzessin. Ich bin eine Fee. Ich bin mehr, als beides zusammen. Was ich mache, wird respektiert. Denn ich bin eine Fee. Und eine Prinzessin.

7. Kapitel

Vier Wochen später …

LIA
Während Karl und Mutter sich gut gelaunt unterhalten, schweige ich und stochere in meinem Essen. Er lenkt meine Gedanken vom Essen ab. Sogar jetzt geht er mir nicht aus dem Kopf. Aber ich möchte ihn unbedingt sehen. Er ist so … „Hübsch“, schwärme ich. Nein! Habe ich das nur gedacht oder auch gesagt? Unter den Blicken meiner Familie laufe ich bestimmt rot an. Wie peinlich. Ich möchte an Ort und Stelle verschwinden. Gleich folgt die Fragerei. Ich zähle in Gedanken hoch. Ich komme bis acht. Mutter sieht gütig und interessiert zu mir, Karl hingegen amüsiert sich köstlich, wegen meiner Reaktion. „Mir schien ja schon, dass du woanders bist. Jetzt wissen wir es. Wer ist es denn?“, fragt er und lehnt sich dabei leicht vor. Könnte er nicht mal genauso sein, wie vor anderen Personen, die er nicht kennt? Sprich, etwas introvertierter. Wäre praktisch.
Ich kann es ihm nicht sagen. Niemals. „Es ist … “, verlassen die verhängnisvollen Worte meinen Mund. „ … Roy.“ Der Junge aus Somnium mit dem ich mich gut verstehe. Wir sind befreundet, mehr nicht. Karl lächelt anzüglich und vertieft sich wieder ins Gespräch mit Mutter.
Du bist einmalig, Lia. Was träumst du hier rum? Ich muss zu ihm. Auch wenn ich ihn weggeschickt habe. Zügig esse ich den Teller leer und will aufstehen. Eine der Angestellten vereitelt meinen Plan. „Wünscht Ihr noch etwas anderes zu Euch zu nehmen?“ Kurz schaue ich ihr ins Gesicht. Sie müsste Melanie Astéri heißen. „Nein, danke, Frau Astéri. Richten Sie dem Koch doch bitte aus, dass es sehr gut geschmeckt hat.“
„Wo gehst du hin, Schatz?“ Ich schließe die Augen und hoffe, dass sie keine weiteren Fragen stellt.
„Ich gehe in meine Zimmer. Ist das in Ordnung?“
„Selbstverständlich. “ Damit entlässt sie mich mit einem Zwinkern. Sie ist so lieb zu mir und ich lüge sie dreist an. Tolle Tochter! Ich gehe auf mein Zimmer, ehe ich mich über die Tilemetaforá direkt ins Elfenschloss teleportiere. Sehr durchdacht. Wohin soll ich gehen? Die privaten Zimmer sind üblicherweise im Westflügel von elwenischen Schlössern. Ich befinde mich im vorderen Gebäudeteil. Also nach links richten. Vor jedem Gang halte ich an und versuche Auren zu erspüren. Niemand kommt an mir vorbei. Mein Weg führt mich durch verschiedene Gänge. Vor einer weißen Tür stoppe ich, denn dahinter ist jemand. Die Aura ist positiv. Keine Lucian-Gefahr. Die Aura ist etwas in die bläulich bis grüne Richtung. Es könnte zu ihm passen.
Ich will anklopfen, mein Mut verlässt mich. Meine Hände sind feucht. Unruhig gehe ich zur gegenüberliegenden Wand, lehne mich an sie. Was habe ich gedacht? Dass ich einfach hereinspazieren kann? Nachdem ich dermaßen zickig zu ihm war? Nach vier Wochen? Ein Ziehen krampft meinen Magen zusammen. Ich sollte wieder gehen. Auf der anderen Seite war Avian immer offen. Ich nicht. Er hat jeden Grund wütend auf mich zu sein. Ich wünschte ich könnte mit meiner Mutter darüber zu sprechen. Oder wenigstens Karl. Doch sie würden meine Sympathie einem Elfen gegenüber nicht nachvollziehen können. Ich gebe der Schwerkraft nach und sinke mit ihr an der Wand hinab. Mit angewinkelten Knien verharre ich stumm auf dem Boden. Ich schlinge meine Arme um meine Beine und mustere die gleichmäßige, weiße Beschaffenheit des Bodens. Es ist ähnlich sinnlos, wie meine Bemühungen um Avian. Ich habe ihn von mir gestoßen. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Die Tür öffnet sich. Völlig perplex sehe ich ihn an. Er sieht unfassbar gut aus. Und dann ich, wie ich dasitze. Ein Trauerspiel.
Ohne zu zögern kommt er auf mich zu und hockt sich neben mich. Eine warme Hand legt sich auf mein Knie. „Lia. Was ist passiert?“ Ich schlucke. Und nochmal. Was soll ich bloß sagen? Es gibt keine Antwort, die nicht eigenartig klingt.
„N-nichts. Ich wollte nur vorbeischauen.“ Verwundert sieht er mich an.
„Warum klopfst du denn nicht? Du hättest entdeckt werden können.“ Bei dem Wort „entdeckt“ blitzt in seiner Aura unverfälschte Sorge auf.
„Ich weiß nicht.“
„Na, sag schon: Warum kommst du her, Lia? Vor vier Wochen hast du mich abgewiesen.“, fragt er freundlich
„Ich wollte zu d-dir, dich sehen.“ Nun fang ich so an.
„Hm. Hast du es dir anders überlegt?“, und schluckt dabei. Erst jetzt wird mir bewusst, dass er nicht respektvoller hätte reagieren können. Selbst wenn es ihn verletzt hat, hat er meinen Wunsch hingenommen.
„Es war ein Fehler. Ich hab' … dich vermisst.“ Meine Güte. Was soll er denken?
„Es muss dir nicht leid tun. Und du musst dich nicht rechtfertigen.“
„Ich weiß nicht, was ich mir gedacht habe. Wahrscheinlich habe ich gar nicht nachgedacht.“
„Solange alles wieder in Ordnung ist zwischen uns ist … Willst du reinkommen?“
„Ja, gerne.“ Er steht auf und hält mir seine Hand hin. Ich ergreife sie. Er zieht mich sanft, aber sicher in den Stand, sodass ich beinahe nichts weiter tun muss. Ich habe ihn bisher kein einziges Mal umarmt. Kurz scharre ich mit dem Fuß über den Boden. Beim ersten Zusammentreffen der Feen auf Somnium, als wir alle noch 15 waren fällt mir ein. Ich habe Roy sofort ins Herz geschlossen. Da waren keine Vorbehalte, sondern einfach Freundschaft. Bei der ersten Umarmung kam es mir und ihm, zumindest wenn man seiner Aura Glauben schenken darf, wie selbstverständlich vor. Es war letztendlich ja auch nichts besonderes. Nicht anders, als bei jeder Umarmung, die man mit einer guten Freundin teilt. Ich versuche den Gedanken zu verdrängen, während er mich ins Zimmer führt. Als er stehen bleibt und mich ansieht, achte ich nicht auf meine Befürchtungen und umarme ihn. Er erwidert es.
„Es tut mir leid.“ Ich bin mir meines kindischen Verhaltens vor Wochen allzu bewusst.
„Schon vergessen.“
„Also ist alles wieder gut zwischen uns?“
„J-ja.“
Er scheint sich allmählich seiner Situation bewusst zu werden, denn seine Aura ist zu einem tiefen, gräulichen Gelbton geworden. In dieser Kombination steht es für Unschlüssigkeit, Beeinflussbarkeit und Skepsis. Nicht auszuhalten. Dagegen muss ich was unternehmen.
„Kann ich mal?“ Ich will ihm helfen lockerer zu werden. Deshalb gehe ich auf ihn zu und halte beide Hände vor ihn. In ihnen sammele ich Heilenergie. Sowie ich meine Augen aufschlage schimmert seine Aura dunkelgrün. Besser. Viel besser.

AVIAN
Von mir fällt eine Art Last ab. Sobald sie kam wurde ich unsicher, aber jetzt ist da bloß … Die Freude sie wiederzusehen. Wie macht sie das?
„Und? Wie geht’s dir?“, fragt sie mich.
„Gut, dir?“ Woher kommt diese Maß an Sicherheit ihr gegenüber? Ich führe sie zum breiten Sofa.
„Mir auch. Erstaunlich wie offen du bist nach meiner Heilung.“, bemerkt sie glucksend.
„Ja, möglich.“ Es beginnt wieder.
„Bleib entspannt, Avian.“ Sie legt ihre Hand auf meine und zum zweiten Mal durchströmt mich ihre Heilmagie. Es tut unglaublich gut. Sie ist es.
„Danke, Lia.“
Wir unterhalten uns ungezwungen, wobei sie stets darauf achtet, dass mich nicht meine Eigenart überkommt. Nach einiger Zeit scharrt meine Hundedame Collie an der Tür. Ich lasse die Tür mit Hilfe von „Anoichtó“ aufspringen. Sie kommt rein und begutachtet Lia. Curlies wie Collie sehen aluminischen Border Collies ähnlich, sie haben ihren Ursprung ehemals auf Aluminia. Vor vielen Jahrhunderten waren Curlies Feenhunde. Es ist in Vergessenheit geraten. Gut möglich, dass Collie die Verbindung zu Lia spürt. Sie kommt mit wenigen Sätzen auf uns zu. Ich bremse sie kurz vorm Sofa aus. „Collie, langsam, lass Lia Zeit dich kennenzulernen. Lia, das ist Collie.“ Meinem originellem Hund fällt nichts anderes ein, als ihren Kopf zur Seite zu legen und das auch noch in die Richtung ihres Knickohres. „Oh, bist du süß.“, quiekt Lia los. Mädchen! Collie reagiert nicht untypischer. Sie fängt an zu hecheln und legt ihre Pfoten auf Lias Knie. Wie konnte es kommen, dass mein Hund, den ich jahrelang gezähmt habe, ohne weiteres dermaßen zutraulich zu ihr ist? Unfair! „Halte ihr deine Hand hin, dann kann sie dich „kennenlernen“.“, gebe ich ihr einen gut gemeinten Rat. Sie macht es, doch Collie reagiert völlig über. Sie spürt Lias Feengene, ihre Abstammung, denn sie macht es sich leichtfüßig auf ihrem Schoß bequem. „Du bist sooo niedlich.“, übertreibt sie hoffnungslos. Und ich? … bin vergessen. Meine Collie. „Lass Lia in Ruhe. Komm her, Collie.“, und klopfe auf das Polster neben mir, wobei ich mir ein Lachen nicht verkneifen kann. Sie ist im Begriff auf mich zu hören, da entscheidet sie sich anders. Kurzerhand schnuppert sich an Lias Arm, dessen Mundwinkel zucken, bevor sie anfängt zu kichern. „Nicht, bitte.“, fleht sie. Zu spät. Collie ist zu ihrem Hals übergegangen und Lia hält nichts mehr. I! hr helle s, klares Lachen erfüllt den Raum. Sie ist wunderschön, wenn sie lacht. Sie ist immer schön. Ihr Lachen ist schön. Inzwischen liegt sie mit angewinkelten Knien auf dem Sofa und versucht sich von Collie zu befreien. „Sag Bescheid, wenn ich dir helfen soll.“, mache ich ihr amüsiert klar. Ich lache vor mich hin bis von Lia ein von Lachen heiserer „Hilferuf“ kommt. „Genug, ich kann nicht mehr.“ Sie sieht mich aus ihren blauen Augen aus an. Ich beuge mich zu den beiden und will Collie sanft von Lia wegziehen, aber Collie wählt die andere Richtung. Sie reißt mich aus meiner seitlich sitzenden Position und springt über die Lehne hinweg vom Sofa. Ich finde mich seitlich neben Lia liegend wieder. Am Ende meiner Weisheit lache ich weiter, während Lia neben mir mühsam versucht aufzuhören. Atemlos kommt sie zur Ruhe und schlingt ihre Arme wegen dem Lachanfall um ihre Taille. Ich ende mit ihr. Auf unseren Gesichtern liegt immer noch ein kindisches, aber erleichtertes Grinsen. Auf meinen Arm gestützt sehe ich ihr ins Gesicht. „Jetzt sieh dir an in welche Situation uns Collie gebracht hat.“, kommentiert sie glucksend. Sie hat recht. Ich stimme mit ein und wir lachen erneut. Wann war das letzte Mal als ich so gelacht habe? Ich meine wirklich aus ganzem Herzen? Es ist befreiend. Schließlich sieht mich Lia mit unergründlichem Blick an, der mich aus dem Konzept wirft und mich aufgewühlt und unruhig zurücklässt. Flüchtig fahre ich mir durch die Haare. Sie lächelt wissend und ich beginne wieder zu lachen. Ich vergesse sie neben mir und mir wird klar, wie gut ich es habe. All die glücklichen Momente kommen mir ins Gedächtnis. Heute ist einer davon. Lia und ich lachend in einem Raum. Was will ich mehr? Abgelenkt merke ich nicht, dass sie meine Ohren anguckt. „Sie sind ganz anders, als Feenohren.“
„Du bist ganz anders, als jede andere Fee, die ich kenne.“ Ich bekomme ein unbeholfenes Boxen gegen den Oberarm.
„War das gerade der Versuch den Elfenprinzen zu verletzen?“, frage ich sie belustigt.
„Niemals.“
„Sicher?“
„Klar.“ Dabei gibt sie vor nachzudenken, indem sie zur Seite sieht und dann wieder zu mir.
„Wenn du es sagst.“ Ich lächele ihr zu. Sie macht mich glücklich und dafür danke ich ihr.
„Wie könnte ich anders?“
„Gar nicht.“ Ich grinse in mich hinein.
„Ich kann anders. Wenn ich will.“
„ Deine „Drohungen“ machen einem ja richtig Angst.“
„Wenn du … “
„Du redest dich um Kopf und Kragen.“, ziehe ich sie auf.
„Ach, ja? Wenigstens rede ich.“
„Du hast recht. Sonst bist du eher schweigsam. Man muss dich regelrecht zum Sprechen zwingen.“ Ich werde bestimmt nicht zugeben, dass sie mich meint.
„Du bist unmöglich.“ Dabei schüttelt sie schmunzelnd den Kopf.
„Dir ist klar, dass deine Gedanken durch schütteln nicht sortierter werden?“
„Nein, oder?“
„Soll wirklich so sein.“
„Das erzähle ich sofort meinen Freundinnen. Jahrelang haben wir's probiert.“
„Ohne Erfolg, vermute ich?“
„Erstaunlicherweise, ja.“
„Hättest du das gewusst.“
„Tja, ich hätte mir manches erspart.“
„Ach, du Ärmste.“, necke ich sie.
„Ich muss unbedingt bemitleidet werden.“
„Was würde dir denn helfen?“
„Im Moment muss ich wohl mit deiner Collie Vorlieb nehmen.“ Collie.
„Was ist mit mir?“, schlage ich unbedarft vor.
„Ich fürchte, da ist zu viel Verstand in dir drin, der sich was drauf einbilden könnte.“
„Würde ich nicht wagen.“ Oder doch? Doch.
„Wenn du es sagst.“ Einen kurzen Augenblick glaube ich so etwas, wie Zustimmung in ihrer Mimik zu lesen, als die Tür auffliegt. Nico. Nein, nein. Nicht jetzt. Ich habe ihn nicht kommen gehört, weil ich so vertieft war. Toll. Er nimmt sofort wahr, dass ich nicht alleine bin und fragt allen Ernstes: „Störe ich?“ Nein, überhaupt nicht. Wonach sieht's denn aus? Man! Lia richtet sich auf. Ich könnte ihn auseinandernehmen. 1000 Vorwürfe und Flüche würden allzu gerne ihren Weg aus meinem Mund finden, aber ich halte mich zurück solange sie dabei ist. Ich setze mich verärgert auf und gebe mir alle Mühe nicht eingeschnappt zu wirken.
„Lucian ist nicht begeistert von deiner Anwesenheit, Julia. Du solltest besser nach Hause, bevor er irgendetwas anstellt.“, setzt Nico noch einen oben drauf. Nicht nur reinplatzen, sondern gleich wegschicken.
„Lia. nenn' mich Lia.“
„Gern. Trotzdem solltest du besser gehen.“ Meine Augen huschen zwischen den beiden hin und her.
„Danke für die Vorwarnung. Zeigst du mir die Tilemetaforá, Nico?“
„Klar, komm mit. Avian? Siehst du nach Lucian?“
„Wenn's sein muss.“, stimme ich missmutig zu. Lia steht auf. Ich tue es ihr gleich. Sie geht in Richtung Nico. Bevor die zwei den Raum verlassen, lächeln wir uns zu. Aus einem Impuls heraus ziehe ich sie in meine Arme. Gleich darauf geht sie und die Tür schließt sich. Ich muss zu Lucian. Ich sehe in seinen Zimmer nach. Dort ist er nicht.

Nico
Ich ziehe sie durch die Gänge. Ansonsten schweige ich. Ich darf Lucian keinen Anhaltspunkt geben. Er weiß nicht, was er lostritt, wenn sie hier erwischt wird. Schritte. Vier Elfen. „Schnell, hier rüber.“ Ich nehme sie mit mir hinter die Vorhänge. Das reicht nicht. „Aóratos. Bleib ruhig. Ein Unsichtbarkeitszauber.“ Die Wachen passieren uns, also murmele ich „Katestraménos.“
„Was jetzt?“, fragt sie aufgewühlt.
„Du musst alleine weitergehen. Ich suche Lucian. Von hier aus musst du durch die Halle des Vesperum und geradeaus. Kriegst du das hin?“ Sie nickt. „Pass auf dich auf, Lia. Wir sehen uns wieder.“ Sie läuft den Gang hinunter, während ich die entgegengesetzte Richtung einschlage. Hoffentlich geht alles gut.

LIA
Ich will nicht entdeckt werden. In dem großen Saal ist niemand. Als ich dazu ansetze ihn hinter mir zu lassen, kommen mir aus dem Flur, den ich nehmen müsste, 5 Elfen entgegen. Panisch weiche ich zurück. „Prinz Lucian, wir haben sie.“ Vier von ihnen umkreisen mich, der fünfte ist Lucian. Der steht mit verschränkten Armen siegessicher hinter seinen Wachen. „Sieh an. Du hier. Ich muss dich enttäuschen, wenn du glaubst, dass Mutter dir helfen kann. Sie ist nicht in der Umgebung.“
„Du hast kein Recht mich festzunehmen. Ich bin lediglich auf Elwena. Außerdem, was ist mit unserer Vereinbarung, Lucian?“ Verdammt, ich habe ihm vertraut und lag daneben. So falsch.
„Ich habe es mir eben anderes überlegt. Auf Elwena verstößt du mit deiner Anwesenheit gegen … “
„Unsinn! Kein Gesetz besagt, dass ich nicht auf Elwena sein dürfte. Es ist maximal ein klischeehaftes Verhalten von allen Lebewesen unserer Planeten.“
„Ich mache, was ich will, wann ich es will. Nehmt sie mit!“
„Nein!“ Ich bin eine Fee. Die Prinzessin zudem. Das muss ich mir nicht gefallen lassen. Ich bin genau für so etwas ausgebildet worden. Zwei der Wachen schützen Lucian. Feigling! Die anderen beiden haben sich vor mir aufgebaut. Eine der Elfen schnappt sich meinen Arm. Ich ramme ihm meinen Ellenbogen in die Seite, dem anderem, der ihm helfen will, ergeht es nicht besser. Sie versuchen weiter meine Verteidigung auszubremsen. Kurzzeitig haben sie Erfolg, aber ich bekomme Stück für Stück die Kontrolle. Sie sind schwach und untrainiert. Nie mussten sie sich zur Wehr setzen. Frau Aurora bereitet Feen genau auf Situationen, in denen wir uns oder andere beschützen sollen, vor. Ich vollführe kreisende Handbewegungen und eine Art „Eispfeil“ schießt auf die Wachen zu. Es sind nicht wirklich Pfeile, nur bewegen sie sich wie welche. Ich treffe eine der beiden mich angreifenden Wachen. Die andere stürmt auf mich zu, wobei ich sie mit einer Energiewelle aus Wasser zurückwerfe. Ich wirbele herum. Plötzlich durchfährt mich unerträgliche Hitze. Sie überkommt mich unvorbereitet.
Lucian ist ein Feuerelf., kommt mir die Erkenntnis. Ich stütze mich an der Wand ab, um nicht den Halt zu verlieren. Er lässt die Temperatur weiter ansteigen, indem er seine Hand immer weiter verkrampft. „Ich verspreche dir, das war nicht alles. Hör auf dich so anzustellen, sonst höre ich auch nicht auf. Wenn ich mich nicht irre bist du Wasser, oder? Glaubst du nicht ich wäre stärker als du?“
„Das kann dir egal sein!“ Avian? Seine Aura glüht in hellem Rot. Kein dunkles, angenehmes, sondern leuchtend rot. Unverkennbar für Wut. Er geht drohend auf Lucian zu und ist durch und durch angespannt. Sein Tonfall und seine Körperhaltung lassen keinen Zweifel daran, dass er unsagbar wütend ist.

AVIAN
In mir schürt sich Angst und Wut zugleich. Als ich aus dem Saal Geräusche vernehme, darunter auch Lia, spannen sich sämtliche meiner Muskeln an und die zunehmende Wut lässt mich meine Hände zu Fäusten ballen. Wenn er ihr etwas tut, kann er was erleben! Niemand darf ihr wehtun! Niemand!
Ich will die Tür zum Saal aufreißen, doch sie bleibt verschlossen. Dahinter nehme ich deutliche Kampfgeräusche wahr. „Diafanís“ lässt die die Tür transparent werden. Lia schützt sich vor den Elfenwachen, während Lucian siegessicher von zwei anderen bewacht wird. Ich beobachte kritisch das Geschehen bis Lucian eingreift und Lia sich an der Wand abstützt. Ich will, dass es ihr gut geht. Unbeherrscht versuche ich die Tür aufzubrechen. Ich darf nicht zulassen, dass ihr etwas zustößt. Nach mehrmaligem Rütteln rufe ich die Zauberformel „Spásimo“ aus und die Tür zersplittert unter meiner Stimme. Gerade fragt er sie, ob sie nicht glaube, er sei stärker, als sie. Ich rufe ihm dazwischen. Bin außer mir. Und das kommt selten vor.

LIA
„Bist du etwa auf ihrer Seite?“
„Wenn du es soweit kommen lassen willst!“
„Von mir aus. Ich habe kein Problem mit dir zu kämpfen.“ Die Wachen sind samt mir erstarrt. Passiert das tatsächlich?
„Darauf wollte ich nicht hinaus.“, faucht Avian.
„Alles wegen einer Fee. Dein Ernst?“
„Ja.“
„Du machst dich lächerlich. Dein Verhalten ist demütigend für jede Elfe.“
„Ich werde mich nicht mit dir rumschlagen, Lucian. Das ist mir zu kindisch. Kapierst du es? Wir sind 560 Jahre alt.“
„Spricht das gegen eine Auseinandersetzung?“, provoziert er ihn.
„Du willst nicht, dass ich erst anfange.“ Avian packt Lucian unbarmherzig am Arm und zieht ihn zu sich heran. In Lucians Gesicht kommt für einen Sekundenbruchteil Angst auf, bevor er wieder seinen arroganten Gesichtsausdruck bekommt. Seine Aura verrät ihn. Sie ist dunkelgrau. Angst. Starke Angst.
„Du bist viel zu vorsichtig, um durchzugreifen.“, gibt er vor. Seine Aura erzählt eine andere Geschichte. Sie vibriert vor aufgestauter Angst, die sich zu entladen versucht.
„Ach, ja? Jeder einzelne von Ihnen hört mir genau zu: Diese Frau wird von niemandem, ich wiederhole niemandem, zu keinem Zeitpunkt angerührt. Ich habe, solange Mutter nicht anwesend ist, das Sagen und das ist jedem bewusst, das weiß ich. Wenn einer von Ihnen meint, das nicht respektieren zu müssen, bekommt er es deutlich zu spüren. Besonders betrifft das dich Lucian. Von Ihnen, Wachen, erwarte ich, dass Sie unter Ihren Kollegen verbreiten, dass sie, als meine Vetraute wichtig ist, weil sie uns hilft mit Aluminia zu kommunizieren. Hat das jeder verstanden?“ Schweigen. Lucian wirbelt herum und schubst Avian hart nach hinten.
„Nichts hast du! Ich denke nicht daran dir zu folgen.“
Lucian kommt auf mich zu und reißt mich nach vorne.
„Ich denke nicht daran, diese Verräterin laufen zu lassen.“ Was habe ich ihm getan? Wie von selbst findet meine Hand seine Haare und krallt sich darin fest. Was er kann, kann ich auch. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt bis er meine Hand zu fassen bekommt und sie wegreißt. Er legt zu viel Kraft in seine Bewegung, sodass mein Handgelenk schmerzhaft zur Seite knickt. Der Schmerz durchfährt mich ruckartig und er macht mich wahnsinnig. Dieser Elf! Auch wenn ich weiß, dass ich keine Chance habe, schleudere ich wutentbrannt meine Wassermagie auf ihn. Er fängt sie geschickt ab und reflektiert sie. Sie trifft mich unvermittelt, woraufhin ich nach hinten stolpere, wo mich starke Arme auffangen. Einen Moment erlaube ich mir Luft zu holen. Dann ist Avian schon zu Lucian unterwegs.
„Sie steht unter meinem Schutz. Daran wirst du bis Mutter zurückkommt nichts ändern. Begleitet ihn zu seinen Zimmern.“, herrscht Avian ihn und die Wachen an. Die Wachen gehen zu Lucian und einer von ihnen hält seinen Arm fest. Derjenige wird schmerzhaft von ihm nach hinten geschleudert, wo er auch bleibt. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Dass er so werden kann … Als er auf mich zukommt, schrecke ich zurück. War er nur auf Lucian wütend oder auch auf mich? Er wirkte schon genervt, als Nico reinkam.
„Ich … Lia … Es ging mir nur um Lucian. Mit dir hat das nichts zu tun.“ Übertreib' nicht! Er tut dir nichts. Er ist ungefährlich. Ich komme zur Vernunft und nicke dankend.
„Ohne dich … Er ist Feuer.“
„Ich weiß. Ein weiterer Grund. Willst du nach Hause?“, fragt er sichtlich beruhigt. Seine Aura hat sich wieder zu grün gewandelt. Grün ist die Komplementärfarbe zu rot. Das genaue Gegenteil von Aggressivität.
„Ja.“, antworte ich.

8. Kapitel

AVIAN
Mit der Ausrede, ich wolle die vorgestrigen Ereignisse wiedergutmachen, habe ich Lia eingeladen. Als sie ankommt, unterhalten wir uns kurz. Sie soll bestimmen, was wir machen.
„Wir können nicht nur hier herumsitzen und nichts tun. Auf was hättest du Lust?“, frage ich sie.
„Ich würde gerne etwas von Elwena sehen.“
„Klar. Willst du spazieren gehen?“
„Ja.“ Ihre Augen leuchten fröhlich auf.
„Geh' schon vor, ich hole dir eine Jacke. Ohne wäre es zu kalt in deinen Sachen.“ Draußen ist es kühler geworden.
„Du machst dir zu viele Sorgen. Was soll ich mit einer Jacke, die mir, ich möchte dich nicht beleidigen, … zu groß wäre.“
„Willst du mir sagen, ich wäre zu groß?“
„Du bist mindestens einen Kopf größer, als ich.“ Mindestens. Wenn nicht mehr.
„Ja und?“ Ich lache amüsiert auf.
„Nichts, nichts. Du sieht … annehmbar aus.“ Kurz kaufe ich ihr ihren Kommentar ab, doch es stiehlt sich ein Grinsen auf ihr Gesicht.
„Annehmbar? Du meinst nicht eher, hm, ich weiß nicht … “
„Umwerfend?“, entfährt ihr unkontrolliert. Sie hält sich eine Hand vor den Mund und weicht meinem Blick aus.
„Wenn du es so ausdrücken willst. Gerne.“
„Wollen wir los?“, lenkt sie ungeschickt ab. Ich möchte weiter auf ihr Versehen eingehen, weil es mich brennend interessieren würde, aber entscheide mich dagegen. Ich würde an ihrer Stelle im Boden versinken. Also tue ich ihr den Gefallen.
„Trotzdem hole ich dir eine.“ Ich könnte mir vorstellen, dass es etwas für sich hat, wenn sie in einer übergroßen Jacke versinkt. Wenn ihre Hände nur noch zur Hälfte aus der Jacke gucken … Ich muss mich ablenken. „Wir treffen uns am Eingang.“, sage ich zu ihr, ehe ich den Raum verlasse.

LIA
Immer noch durcheinander von meinem Ausrutscher gehe ich in Richtung Eingang. An der frischen Luft klären sich meine Gedanken und ich lausche den Melodien der Vögel. Ich trete die verbliebenen Stufen hinunter. Es ist wirklich kühl. Gut, in Jeans und T-Shirt ist es zu kalt, aber auf Aluminia reicht es aus.
„Was machst du hier?“ Überraschung. Lucian. Langsam drehe ich mich um. Ich brauche Zeit zum nachdenken.
„Ich warte auf Avian.“
„Hier draußen?“
„Du gehst also in deinen Zimmern spazieren?“ Er schließt zu mir auf und stellt sich mir in den Weg.
„Einen Schritt zu weit.“ Er auch. Zu nah.
„Du kannst mich nicht angreifen.“ Meine Stimme bebt.
„Richtig, aber demütigen.“
„Wie bitte? Lass mich durch.“ Er geht beiseite und ich husche an ihm vorbei. Doch irgendetwas stimmt nicht. Mitten im Laufen gerate ich ins schwanken und der Boden kommt seltsam näher. Bevor ich reagieren kann lande ich hart auf den Knien. Durch den Aufprall schürfe ich mir das eine auf und es schmerzt. Wie hat er das gemacht?
„Nicht alles hat mit Magie zu tun. Kennst du den Begriff „jemandem ein Bein stellen“?“ Er hat mir … Er weiß, was er mir damit antut. Sofort werde ich mir meiner Situation bewusst. Ich knie verletzt vor ihm. Er fängt an zu lachen. Augenblicklich werden die umstehenden Elfen auf uns aufmerksam. Sie nähern sich schaulustig. Haben die nicht mehr alle? Nein. Nicht im Bezug auf ihren Prinzen. Alles, was er tut, halten sie für richtig. Sie stimmen zum Teil mit ein. Das ist demütigend. Mir ist es wahrscheinlich unangenehmer, als sie wissen. Auf Aluminia kann man sich nichts schlimmeres vorstellen, als vor einem Elfen Schwäche zu zeigen, seinen eigenen Stolz zu untergraben. Man sagt, in dieser Situation wäre Felicia getötet worden. Nur wissen sie nichts von meinem wahren Wesen. Dennoch lachen sie.
„Lass mich raten: Deine Begabung ist dich zu blamieren?“, fragt Lucian laut in die Runde. Die Elfen lachen zustimmend. Wirklich lustig. Meine Empörung schlägt in Schmerz um. Wie kann er nur? Er weiß genau, was er mir antut.
Ein kleines Mädchen ist es, welche mir als erste helfen will. Ein kleines Mädchen! Wie müssen die Elfen denken?
„Hast du dir wehgetan?“, fragt sie ahnungslos. Sie ist acht oder neun Jahre alt. Lucian mustert sie abfällig.
„Du gehst. Augenblicklich.“, befiehlt er ihr.
„Du lässt sie in Ruhe, Lucian.“
„Sei still und du Mädchen geh.“ Entnervt hockt er sich vor mich.
„Du wirst mir in der Öffentlichkeit nicht widersprechen. Sonst kannst du was erleben.“
„Du kannst was erleben!“
„Ach ja?“
„Wenn meine Familie hier wäre … “
„Ist sie nicht.“ Ich schaue mich um und sehe, wie sich Avian durch die Elfen drängt. Er wird mir helfen aus dieser Lage herauszukommen. Sicher. Sobald er mich sieht, hält er an. Krampfhaft kralle ich meine Hände in den Boden. Warum hilft er mir nicht?
„Na, na. Nicht traurig sein, Kleines, dass dir dein treuer Prinz nicht hilft.“, zieht Lucian über mich her. „Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest. Ich muss etwas erledigen.“ Na, na … treuer Prinz … Kleines …
Elfen, Elfen, Elfen. Sie nehmen mir nicht meinen Stolz. Niemals. Er tritt auf das glatte Mosaik auf dem Platz. Wenn ich … Man würde es nicht erkennen. Meine Fingerspitzen im Boden verkrampft, findet meine Eismagie einen Ansatzpunkt und ich lasse auf dem zentralen Teil des Mosaiks einen spiegelglatten Eisfilm entstehen. Noch zwei oder drei Schritte und – er rutscht aus. Er fällt der Länge nach hin. Lächelnd stehe ich auf. Ich gehe in seine Richtung und stelle mich neben ihn. Sein Versuch aufzustehen scheitert kläglich, denn unter ihm herrscht immer noch mein Eis.
„Was glaubst du, wer du bist!“, zischt er mir entgegen.
„Es scheint, als haben Elfen zwar geschärfte Sinne, nur keinen für Humor.“, verkünde ich laut genug, damit es alle hören. Sprachlos mustert Avian mich und presst die Lippen aufeinander. Verkneift er sich etwa ein Lachen? Avian bemerkt meine Skepsis und schlägt seine Hand vor den Mund. Tatsächlich. Er unterdrückt ein Belächeln von Lucians Ungeschicklichkeit. Zufrieden gehe ich zurück zum Eingang und werde von den tuschelnden Elfen durchgelassen. Die männlichen Elfen in meinem Alter werfen mir anerkennende Blicke zu. Bin ich eine der ersten Mädchen oder Frauen, je nachdem, die den Elfenprinzen nicht alles durchgehen lässt? Wenn es so ist, dann habe ich alle Elfenmädchen gegen mich aufgebracht. Ihre feindlichen Gesichtsausdrücke treffen mich. Wie können sie so für ihn schwärmen? Er ist nicht besser, als jeder andere Elf. Avian kommt auf mich zu, doch ich verwehre ihm den Blickkontakt, indem ich hineingehe. Er hat mir trotzdem nicht geholfen.
„Lia, warte.“
„Vergiss es.“, spreche ich über meine Schulter. Er kann mir gestohlen bleiben. Ich schlage einen Gang nach dem anderen ein, ohne zu wissen, wohin sie mich führen.
„Wo willst du hin?“
„Weg von dir.“
„Dann kommst du bald nicht mehr weit. Bieg' besser nach links ab, sonst kommst du nicht weiter.“ Ha! Also nach rechts.
„Du kannst dermaßen trotzig und kindisch sein, weißt du? Wenn ich dir einen Rat gebe, ist er ernst gemeint.“ Das stelle ich ernüchtert fest. In zehn bis fünfzehn Metern endet der Flur. Trotzdem gehe ich weiter. „Nun bleib stehen.“ Ich bin gezwungen. Hastig drehe ich mich zu ihm um. „Endlich.“ seufzt er auf.
„Bist du glücklich?“, gifte ich ihn an.
„Solange du nicht lächeln kannst, kann ich … “ Sein Abbrechen macht mich wütend. Anstatt es sympathisch zu finden, werde ich aggressiv.
„Sprich es aus. Mich nicht ernst nehmen? Was weiß ich.“
„Nicht. Ich habe vorhin nichts getan, weil du und ich immer irgendwelche Schwierigkeiten haben. Das ist widersinnig.“
„Weil ich mich lächerlich mache und hinfalle?“
„Nein, ich dachte, weil „man das auf Aluminia so macht“.“ Der Ballabend. Er erinnert sich daran. Ich dachte, es hätte ihm nichts weiter bedeutet.
„Du weißt es noch?“
„Natürlich, Lia. Ich erinnere mich an jeden Moment mit dir.“ Gruselig? Süß? Ich schwanke.
„Hm.“ Geistreich. Er legt seine Hände auf meine Schultern.
„Lass uns losgehen.“

AVIAN
Ich greife die Jacke, die ich für sie geholt hatte von dem Haken, an dem ich sie aufgehangen hatte, nachdem ich sie nicht am Eingang sah. Ich reiche sie ihr, doch sie zögert.
„Normalerweise zieht man sie an.“
„Aber sie ist mir zu groß. Ich sehe da drin bestimmt verloren aus.“ Und niedlich.
„Zieh sie an. Los.“, ermutige ich sie. Sie atmet aus und schlüpft in die Ärmel. Unsicher betrachtet sie ihre herausragenden Fingerspitzen und die Länge der Jacke. Sie dreht sich einmal um sich selbst. Unzufrieden sieht sie mich an und ich muss wieder lachen. Wie aufgeschmissen sie aussieht.
„Siehst du. Sag' ich doch.“
„Keine Widerrede. Du gehst in Jacke oder gar nicht.“ Sie zuckt mit den Schultern, allerdings geht die Bewegung unter.
„Sieht es sehr … ungeschickt aus?“
„Du oder die Jacke?“ Sie sieht böse zu mir.
„Ich mein's ernst. Könntest du dich also über deine Elfenmentalität hinwegsetzen und mir deine ehrliche Meinung sagen?“
„Wenn es unmöglich aussähe, hätte ich es gesagt. Ich lauf' doch auch mit dir rum“
„Und wenn du nichts sagst, was bedeutet das?“, hakt sie nach.
„Du bist ganz schön hartnäckig.“ Ich sehe sie von oben bis unten an, gehe um sie herum und schaue ihr wieder in die Augen. Und sie wird rot. Meinetwegen!, freue ich mich zuerst. Das schlägt jedoch in die ernüchterte Feststellung um, dass sie sich doch nicht so sehr von Elfen unterscheidet. Wie ich es satt habe! Ich kann es nicht mehr sehen. Ich schlucke es hinunter, aber nachfragen kann ich mir nicht verkneifen.
„Warum wirst du rot?“
„Nächstes Mal werd' ich grün.“, gibt sie keck zurück. In der ersten Sekunde kann ich nicht reagieren. Keine Elfe hat je so mit mir gesprochen. Danach besinne ich mich.
„Dann bist du im Wald ausgezeichnet getarnt.“
Ich fasse ihre Hand oder besser die vordersten Fingerspitzen, da ihre Hand ja im Ärmel verschwindet.
Draußen führe ich sie zum kleinen Waldstück. Lia mustert das Geschehen um sich herum. Als sie meinen Blick bemerkt, scheint sie alles andere auszublenden und mich mit ihren blauen Augen anzustrahlen. Ihre Haare fallen offen über ihren Rücken bis sie etwas über ihrer Taille enden. Während sie neben mir spaziert, treffen sie die eifersüchtigen der Mädchen, die Lia wahrscheinlich am liebsten von mir trennen würden.
Doch dann fällt mir auch Lias flehender Ausdruck in den Augen auf. Sie fühlt sich nicht wohl. Ich könnte … mein Kopf und mein Gefühl streiten sich heftig. Viel zu emotionsgesteuert, gebe ich meinem Gefühl nach. Ich lege meinen Arm um ihre Taille und sie sieht überrascht zu mir auf. „Alles gut, Lia. Ich will dir nur helfen.“, mache ich ihr leise verständlich. Sie nimmt es hin und wir gehen weiter. Wobei … Nach ein oder zwei Minuten lehnt sie ihren Kopf an meine Schulter. Aufgewühlt sehe ich zu ihr und merke, wie friedlich sie scheint. Meine Geste verschafft ihr vor den Elfen Respekt. Den sollen sie gefälligst haben. Das dürfen sie spüren. Doch die eifersüchtigen Blicke der weiblichen Elfen haften nach wenigen Minuten erneut auf Lia. Sie macht sich kleiner, als sie ist. Es macht mich wahnsinnig, wie die Elfen sie verunsichern. Kommt in meinen Augen überhaupt noch eine Frau gegen sie an? Wahrscheinlich nicht. Ich denke in Hinsicht auf sie sowieso nicht rational. Jede einzelne von ihnen strafe ich mit einem eindeutigem Blick. Und jede einzelne von ihnen ist sich dessen bewusst.
Drei Elfen stehen mir im Weg, woraufhin ich ihnen ausweichen will.
„Prinz Avian, dürften wir mit Euch über etwas sprechen?“ Ich sehe zu Lia. Sie will nicht alleine gelassen werden.
„Selbstverständlich.“
„Würdet Ihr dann kurz mitkommen?“, fragt mich die älteste der drei. Vielleicht 30 oder 31 Jahre.
„Ich habe keine Geheimnisse vor ihr. Wenn Sie sprechen wollen, machen Sie es vor uns beiden.“
„Es ist gewiss kein Thema, welches ich vor einer anderen Elfe erwähnen sollte.“
„Dann dürfte es kein Problem sein, welches wichtig ist.“ Sie schluckt und tauscht Blicke mit ihren Mitläuferinnen aus.
„Wir denken es ist keine gute Idee, Euch öffentlich mit einem Mädchen zu zeigen. Besonders, wenn sie noch so jung ist.“ 20? Sie ist erwachsen.
„Was sollte dagegen sprechen?“
„Ihr macht Euch nicht beliebt, wenn ihr Euch zu einem Mädchen bekennt.“ Ist Lia nun eine Frau oder ein Mädchen? Ich weiß es nicht.
„Erstens ist sie erwachsen und zweitens habe ich wie jede andere Elfe auch das Recht mir meinen Partner selbst auszusuchen.“
„Natürlich, doch es erfreut Eurer Volk nicht.“
„Ich bin nicht der König Elwenas, nur der Prinz. Ich bin genauso Teil dieses Volkes von dem Sie sprechen, wie Sie.“ Leider. In Anbetracht dessen, wie sie sich aufführt ist es beschämend zugeben zu müssen, ebenfalls eine Elfe zu sein.
„Das Mädchen wird es nicht leicht haben, sobald Ihr sie verlasst.“ Schon wieder Mädchen.
„Danke, dass Sie mich darauf hingewiesen haben.“, beende ich das Gespräch scharf. Was fällt ihr ein? Ich verstärke den Druck um Lias Taille unmerklich und bedeute ihr weiterzugehen. Sie klammert sich an die Jacke, die sie trägt, sodass ihre Hände vollständig verschwinden.
Sowie wir die ersten Bäume erreichen, bricht sie das Schweigen. „Was war das denn?“
„Lass sie reden. Es war immer so. Bisher.“ Erst beim darüber nachdenken wird mir klar, wie sich diese Tatsache in ihren Ohren anhören muss.
„Ja?“ Ja, aber es macht mir nichts aus.
„Man gewöhnt sich dran.“ Ich starre auf meinen Arm, der immer noch um ihr liegt. Nur bei ihr, würde es mir etwas bedeuten. Sie interpretiert meinen Gesichtsausdruck falsch. Ich denke nicht an eine vergangene Elfe.
„Es muss wehtun nicht frei entscheiden zu können. Sie müssten sich für dich freuen, wenn du glücklich bist und eine Elfe der Grund dafür ist. Ich würde mich für dich freuen.“ Sich für mich freuen? Sich für mich freuen, weil ich eine Elfe kennengelernt habe? Sie ist die erste Frau, die so etwas zu mir sagt.
„Es ist grausam. Eigentlich. Du darfst sie nicht falsch verstehen. Es ist eine Art Traumvorstellung für sie. Die erste sein, die von dem Elfenprinzen für die Ewigkeit bestimmt wird.“
„Hast du bis heute jemals wirklich geliebt?“
„Ich liebe meine Familie.“ Sie lächelt.
„Ich meine, die Liebe im klassischeren Sinn.“
„Jaaa … “ Ich lege eine Hand in meinen Nacken. Wie soll ich ihr das jetzt erklären ohne vulgär zu klingen?
„Bitte.“
„Ich hatte genug Beziehungen, um zu wissen, dass es große Probleme mit sich bringt.“
„Genug?“
„Es sind 560 Jahre. Du darfst diese Dauer nicht unterschätzen.“
„Hast du eine von ihnen wirklich geliebt?“
„Am Anfang war es Erfahrung sammeln. Sie waren nicht von Dauer und sie bedeuteten mir nichts. In zeitlichen Abständen kam es zu kürzeren oder längeren Beziehungen. Aber geliebt … Ich hatte jede von ihnen gern. Mochte sie teilweise sehr, wollte, dass es ihnen gut geht, aber von Liebe …“
„Wie hieß die, die du am liebsten hattest?“
„Es ist nicht allzu lange her. Vielleicht acht oder neun Jahre … Ihr Name ist Larina Timia.“
„Empfindest du noch etwas für sie?“, fragt sie mich übermäßig scharf.
„Nein. Sie ist eine sehr gute Freundin, mehr nicht.“
„Das ist der Name der Journalistin, die den lobenden Artikel verfasst hat.“, merkt sie an.
„Wirklich?“
„Natürlich. Du weißt ja gut über sie Bescheid.“
„Nenn' mich leichtfertig in Hinsicht auf Liebe.“
„Weder deine Aura noch deine Augen zeichnen sich durch leichtfertiges Handeln aus.“
„Wie du willst.“ Sie fokussiert meine Ohren.
„Darf ich?“ Dabei deutet sie auf meine Ohren. Elfenohren sind empfindlich. Normalerweise würde man sie nicht anfassen. Auf der anderen Seite ist es ihr neu. Verständlich.
„Meinetwegen.“, erlaube ich ihr zähneknirschend. Sie denkt sich nichts. Ich schon. Für Elfen ist so ein Unterfangen eigenartig. Einfach die Ohren von jemandem anfassen. Sie hört meine Gedanken natürlich nicht und führt ihre Hand zum linken. Als sie es berührt, zucke ich zusammen, lasse sie aber dennoch machen. Nur sie darf das. Ihre Hand ist kurz vor meiner Ohrenspitze, als ich es nicht mehr aushalte und zurückweiche. Es irritiert mich, sogar, wenn sie es tut.
„I-ich wollte nicht … “
„Mir tut es leid. Ich hätte dich vorwarnen müssen.“

Als sie später das Avrioportal durchquert hat, fällt mir auf, dass sie die Jacke wohl doch lieber mag als sie sich eingestehen wollte. Sie hat sie anbehalten. Schmunzelnd drehe ich mich zum gehen um. Es ist gut so. Dann bleibt ihr der heutige Tag vielleicht etwas länger im Gedächtnis.

LIA
Im Laufe der Zeit wurde mir bewusst, dass die Jacke ihm gehört. Ihm. Mit voller Absicht behielt ich sie an. Irgendwie hat diese Erkenntnis sie passender gemacht, auch wenn sie mir hoffnungslos zu groß ist. Ich will zu dieser Journalistin. Jetzt erst recht. Über die Tilemetaforá in meinen Zimmern suche ich ihre Adresse, als Ziel aus. Ich lande im Vorgarten eines kleinen Hauses. Zögernd klopfe ich und eine Frau um die 30 öffnet. Sie hat dunkelbraune Haare, mittelblaue Augen und eine hellblaue Aura.
„Hallo. Kann ich dir behilflich sein?“, fragt sie mich freundlich.
„Ich nehme es an. Ihr Name ist Larina Timia, oder?“
„Ja, bin ich. Kommst du wegen dem Artikel?“
„Ich bin der Artikel.“
„Du bist … ? Verzeiht mir. Ihr seid Prinzessin Julia?“
„Sie müssen mich nicht ihrzen. Das „Du“ ist völlig in Ordnung.“
„Dann möchte ich ebenfalls, dass du mich duzt.“
„Wie du willst.“
„Willst du hineinkommen?“
„Dankeschön.“ Sie führt mich ins Wohnzimmer und verschwindet kurz in der Küche. Mein Blick fällt auf ein Bild. Nicht irgendein Bild. Es zeigt sie und Avian. Er gibt ihr einen Kuss auf die Wange, grinst und sie fotografiert es. Schockiert gehe ich auf das Bild zu und mich überkommt Verzweiflung. Ich werde ihn nie aus diese Weise kennenlernen. Ich nehme den Bilderrahmen in die Hand.
„Er ist dir wichtig, nicht wahr? Seid ihr nicht sogar verwandt?“ Dabei stellt sie zwei Tassen mit Tee auf dem Tisch ab. Er und ich? Verwandt? Gruselige Vorstellung.
„Naja, also wir sind … Unsere Mütter wurden von Felicia aufgezogen, aber es waren nicht Felicias leibliche Kinder. Dennoch nannte sie sie immer ihre Töchter und Mutter und Livia sich Schwestern. Insofern … ja er ist mir wichtig.“ Ich nehme die warme Tasse in die Hand. Es tut gut. Draußen war es auf die Dauer kälter, als ich dachte.
„Anscheinend magst du ihn wirklich.“ Mühsam schlucke ich.
„Ja.“ Hastig stelle ich das Bild weg und halte stattdessen die Tasse in beiden Händen.
„Ich sehe es in deinen Augen. Du siehst nicht erfüllt aus.“
„Wie sollte ich? Ich bin für alle Ewigkeit bestenfalls die Fee, die er manchmal sieht.“ Mein angestauter Kummer der letzten Zeit bricht sich Bahn. Es trifft mich zu wissen, dass sie mit ihm glücklich war.
„Julia, er ist zurückhaltend. Er würde niemals … “ Ihr Blick fällt auf die Jacke und wandert zu den Ärmeln.
Schleunigst stelle ich die Tasse ab und ziehe die Jacke fester um mich.
„Die Jacke ist von ihm.“, stellt sie nüchtern fest.
„Und?“
„Du denkst du wärst ihm egal?“
„Naja.“
„Ein gut gemeinter Rat: Manches, was er denkt und fühlt, äußert er nicht direkt. Lies zwischen den Zeilen.“
„Auf mich wirkt er ziemlich offen.“
„Dann bedeutest du ihm entweder weniger, als nichts oder du veränderst ihn und hast mehr Einfluss auf ihn, als du glaubt. Diese Szene auf dem Bild entstand nach Wochen unserer Beziehung.“
„Nach Monaten? So lange?“ Sie lacht hell auf.
„Nein, wir näherten uns schon viel früher an, aber so losgelöst war er erst nach ein paar Wochen.“
„Wie lange wart ihr ein Paar?“
„Zwei Jahre.“ In diesem Moment klingelt es.
„Wer ist das?“, frage ich alarmiert. Derjenige könnte mich erkennen.
„Ruhig. Es ist meine Mutter. Du musst … “ Konzentriert blickt sich Larina im Zimmer um.
„Bitte, Larina.“
„Hier. Es ist ein Portal zur Spiegelwelt. In ihr kannst du dich problemlos nach Aluminia begeben.“ Sie hält mir einen Handspiegel hin, welchen ich ergreife. „Vielen Dank.“ Damit durchschreite ich den Spiegel und komme auf einer blühenden Wiese an. Darauf bedacht die Blüten nicht zu zertreten suche ich mir einen Weg. In der Spiegelwelt gelten andere Naturgesetze. Von jedem Ort kann man jeden anderen erreichen. Die Bäume werden durch den Feenpalast ersetzt. Die Umrisse der Spieglwelt verblassen. Sie werden ersetzt durch die realen.

Später vorm Schlafengehen schnappe ich mir Avians Jacke und kuschele mich mit ihr unter meine Decke. Sie riecht wundervoll nach ihm. Wenn nur er es wäre … Doch im Augenblick ist sie alles, was ich von ihm habe, denn egal, wie gut wir uns verstehen mögen … Er hat keinem Mädchen je sein Herz geschenkt, ich werde nicht die erste sein. Sein Herz wird mir nie gehören. Ich werde nie zu seinem Herzen gehören, doch solange es geht werde ich mich mit ihm umgeben, denn eins steht fest: Er ist Teil meines Herzens. Längst.


9. Kapitel

Einen Tag später …

AVIAN
Ich bin auf dem Weg zu Larina. Ich brauche jemandem zum reden. Jemanden, der nicht Teil meiner Familie ist oder mit ihr zu tun hat. Wir beide sind bis heute gute Freunde. Sehr gute. Als ich klopfe, öffnet sie sofort.
„Schön, dass du kommst.“ Sie umarmt mich und ich erwidere es.
„Find' ich auch..“
„Komm rein.“ Ich folge ihr ins Wohnzimmer und setze mich neben sie.
„Was ist los mit dir?“
„Ich weiß nicht, ob ich dir mit dem Thema kommen kann.“, druckse ich herum.
„Ich kenne dich seit neun Jahren.“ Kurz sehe ich zur Decke.
„Es geht um eine … “
„Elfe?“ Fee.
„Nicht wirklich.“
„Was dann? Du stehst nur in Kontakt mit Elfen, außer … Julia.“ Ihren Namen seufzt sie. Beschämt weiche ich ihren Augen aus. Was soll sie sich denken?
„Sieh mich an.“ Nein.
„Doch.“ Tolle Telepathie! Sie dreht mein Gesicht in ihre Richtung und forscht nach Antworten. Sie kennt mich lange. Sie wird sie finden. Ihr Gesichtsausdruck wird ernst.
„Was hast du?“, frage ich sie offen heraus.
„Du bist in sie verliebt. Nichts anderes. Hab' ich recht?“ Heftig, wie sie es weiß.
„Und wenn es so wäre?“
„Dann beweist du, dass du wahrhaftig Pech hast. Eine Fee? Avian.“
„Ich kann nichts dafür.“
„Ich weiß.“
„Du beanstandest es nicht?“
„Wieso sollte ich?“
„Keine Ahnung. Weil sie eine Fee ist?“
„Du redest Unsinn. Wenn sie diejenige ist, die du … magst.“ Ich bin ein Trampel. Es ist zwar sieben Jahre her, aber es war real. Für sie. Für mich … auch, nur nicht auf diese Weise. Ich habe sie gern, allerdings als eine sehr gute Freundin. Ich lehne mich an ihre Schulter und habe das Gefühl aufatmen zu können. Sie tut meine bedrückte Art nicht ab, wie Lucian. Versucht nicht mir Lia auszutreiben. Sie scheint meine Geste anders zu interpretieren. Sie hakt sich bei mir ein und ich könnte mich wieder ohrfeigen. Ihre Nähe ist mir nicht unangenehm, ich fühle mich wohl.
Ob es noch so sein wird, wenn ich Lia nicht vergessen werde? Ich meine, unbeschwert, unkompliziert und vor allem freundschaftlich? Neben Larinas Reaktion, wie wird Lia reagieren? Nebenbei ist Larina älter geworden. Sie sieht älter aus , als ich, obwohl sie erst 31 ist. Es fällt mir schwer mich in jemand sterblichen hineinzuversetzen. Auf einmal entdecke ich das Bild von uns beiden an der Fotowand. Eine schlimme Befürchtung keimt in mir auf. Ich muss es wissen.
„Larina, bist du über mich hinweg?“ Sag, ja. Bitte.
„Ich könnte nicht.“ Das A aus SETA sei verflucht. Oder zumindest der Teil von Ausdauer, der für Treue steht. Leider trifft diese Treue nur zu Tage, wenn man jemanden wirklich liebt, sodass er bei mir in den letzten Jahrhunderten zu kurz kam. Selbst dann kann man sich darüber hinwegsetzen, wenn einen Wut oder Verzweiflung im Bezug auf diese Liebe beherrschen.
„Du bis 31. Du musst dir jemanden suchen, der dich glücklich macht.“
„Was wenn du dieser jemand bist?“
„Du weißt, dem ist nicht so.“
„Sicher?“ Nicht zu glauben.
„Hör mal, ich bin zurechnungsfähig.“
„Du bist in eine Fee verliebt.“
„Spielst du meine Gefühle gegen mich aus?“
„Nein, ich … “
„Weiter?“
„Nichts.“
„In deinem Artikel schreibst du, Lia wäre eine würdige Nachfolgerin.“
„Nicht für mich!“
„Wie bitte?“ Meine Stimme überschlägt sich. Fassungslos verfolge ich ihre Mimik.
„Deine kleine Fee war letztens hier. Ich musste mir Dinge anhören! Von wegen du wärst so … oder sie wäre so … “
„Kannst du aufhören jeden Satz zu unterbrechen? Was hat sie dir über mich erzählt?“
„Sie hat gefragt, wie man dich am besten loswird. Sie hat genug von dir.“
„Weißt du, was du mir antust?“ Ich schnappe hilflos nach Luft. Warum sollte Lia das tun?
„Solange es dich zur Vernunft bringt. Man, ich habe geschrieben, sie sei eine gute Fee, aber dadurch ist sie lange nicht besser, als eine Elfe.“
„Du meinst, nicht besser als du, oder wie?“
„Ja.“
„Lucian und du sollten sich unterhalten. Ihr habt viel gemeinsam.“
„Er ist zugänglicher. Mache ich vielleicht wirklich.“
„Dann sehen wir uns, wenn du ihn besuchst.“ Ich stehe auf und gehe zur Tür. Als ich sie zuschlagen will, stellt sie ihren Fuß dazwischen.
„Du bist deinem Bruder nicht unähnlich. Ihr bringt es bloß anders zum Ausdruck.“
„Das weiß ich wohl am besten.“
„Offensichtlich nicht. Ihr werdet bei ähnlichen Sachen wütend, aber du greifst keinen damit an.“ Ruhig. Ich will nicht im Streit mit ihr auseinander gehen.
„Wenn du Hilfe brauchst, was auch immer es ist … Die Türen des Palastes stehen dir jederzeit offen. Nur … versuche mir nicht Lia auszureden.“
„Sie ist die Falsche, Avian.“
„Für mich gibt es auf Elwena keine passende Elfe. Alle außer meine Brüder, Mutter und mir sind sterblich. Es ist ein Gerücht, Mutter hätte die Macht Unsterblichkeit zu verleihen. Welche Elfe ich auch lieben würde, es wäre nicht für die Ewigkeit.“
„Livia kann nicht … ?“
„Was glaubst du ist der Grund, dass sie uns durch Magie bekommen hat?“
„Ihr hättet euren Vater irgendwann verloren.“
„Richtig. Und jetzt frage dich, wie es mir mit einer Elfe gehen würde.“
„Du würdest sie verlieren.“
„Ich werde dich verlieren. In nicht viel mehr, als 140 Jahren, bist du weg.“
„Wieso kümmert dich das?“
„Weil du eine unglaublich gute Freundin bist.“
„Es gibt Religionen, die von Wiedergeburt berichten.“ Mühsam unterdrücke ich ein verächtliches Schnauben. Wiedergeburt … Nicht in Veritas. Es würde alles durcheinanderwerfen. Schon allein die Verteilung der Elemente.
„Und? Ich ertrage es nicht jemanden zu verlieren. Habe es nie. Der Tod ist mir fremd, obwohl ich verschiedenste Elfen habe sterben sehen.“
„Du hast es überstanden.“
„Es wird sich wiederholen.“
„Dann wirst du sie an deiner Seite haben.“
„Was meinst du?“
„Sie war nicht hier, um sich über dich zu beklagen.“
„Nein?“ Der hoffnungsvolle Tonfall muss sofort erkennbar sein.
„Nein. Aber wenn sie dich verletzt, bezahlt sie dafür.“
„Richte ich ihr aus.“
„Wunderbar. Wir sehen uns.“
„Natürlich, Larina. Du bist nicht aus der Welt.“

ERIS
Noch ist sie nicht aus der Welt, aber bald. Sie stört meine Pläne. Dafür wird sie bezahlen. Ich warte diesen letzten unbeschwerten Krönungsball Lias ab. Danach werde ich eingreifen.

10. Kapitel

LIA
Die Angestellten wirbeln um mich herum. Frisur, Schuhe, Kleid, Makeup und was weiß ich. Der Krönungsball ist ein grundlegendes Ereignis für die Kinder der königlichen Familie, bei dem man gekrönt wird. Wer hätte das gedacht. Auf jeden Fall dauern die Vorbereitungen bereits Stunden. Was mein Äußeres betrifft. Es werden zahlenmäßig gleich viele Elfen und Feen dort sein. Auch Avian.

AVIAN
Die weiten Türen gehen auf, sobald wir den aluminischen Ballsaal betreten. Mutter ist vor ein paar Minuten eingetroffen, sodass Lucian vor mir und Nico läuft. Doch er ist nicht der einzige, der ein guten Auftritt hinlegt. Die ehemals eng beieinander stehenden Elfen und Feen treten auseinander. Lucian lächelt uns über die Schulter zu mit diesem speziellen „Ich bin so ein toller Typ“-Blick. Nichts ist er! Er ist nicht der Auslöser für die Ehrfurcht der Anwesenden. Lia tritt hervor. Sie ist der Grund. Sie hält alle Blicke auf sich gezogen, während sie auf uns zukommt. Sie strahlt. Nicht im Sinne von Lächeln, sondern sie sieht stolz aus. Dazu hat sie jedes Recht. Sie ist größer, als sonst. Wie hoch die Absätze wohl dieses Mal sind? Meine Frage wird beantwortet, denn sie kommt vor Lucian zum stehen. Mein Bruder und ich sind gleich groß und ihm geht sie bis zur Mitte des Gesichtes. Sie ist tatsächlich nur einen halben Kopf kleiner, als wir. Im Moment. Was sind das für Absätze? Völlig sicher steht sie aufrecht vor Lucian. Wie kriegt sie das hin? Neulich sind acht Zentimeter ein Problem und jetzt steht sie in Schuhen, die wegen ihrer Absatzhöhe, wahrscheinlich als Mordwaffe durchgehen, vor uns.
„Guten Abend, ihr drei. Lucian.“
„Lia.“ Lucian klingt missmutig. Er bemerkt seinen geringen Größenunterschied zu ihr.
„Gibt es etwas, Lucian?“, fragt Lia nach.
„Nicht doch.“ Hier kann er ihr nichts anhaben. Sie ist unter zu vielen ihresgleichen.
„Dich beschäftigt gewiss etwas.“
„Nein.“ Beleidigt geht er an ihr vorbei. Derweil kommt er absichtlich gegen ihre Schulter, wodurch ich befürchte sie könnte hinfallen. Wer weiß, wie hoch die Schuhe sind. Jederzeit bereit sie zu stützen, passe ich auf, doch Lia dreht sich einfach mit ihm mit. Kein Schwanken. Meine Arme sinken nach unten. Dann eben nicht. Nico folgt Lucian. Ich verharre hinter Lia. Sie dreht sich zu mir um und kommt näher zu mir heran. Wie hält sie diesen stabilen Gang aus?
„Na du? Lucian ist ja in bester Stimmung.“ Ihre ersten beiden Worte jagen einen Schauer durch mich. Oder besser die Art, wie sie sie gesagt hat. So vertraut. So normal.
„Er ist nicht gut drauf. Komm ihm lieber nicht zu nah.“ Mir auch nicht. Sonst kann ich für nichts garantieren.
„Habt ihr euch gestritten? Deine Antwort klingt abwesend.“ Egal. Ich spreche sie darauf an.
„Was trägst du für Absätze, Lia? Die Teile müssen hoch sein. Viel zu hoch. Du bist mindestens zwölf bis 13 Zentimeter größer.“
„Und du hast welches Problem?“
„Ich mache mir die ganze Zeit Sorgen, du knickst um. Du … Das ist gemeingefährlich.“ Ein Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht.
„Dann hab' ich heute Abend einen Begleiter, der mir überall hin folgt. Passt.“
„Nimm mich ernst.“
„Wer sagt denn, dass es kein Wunsch von mir ist? Du kannst gut tanzen. Zumindest an diesem einen Abend.“
„Hast du mir gerade ein Kompliment in einer Beleidigung gemacht?“ Viel interessanter: Hat sie mir klar gemacht, sie würde den Abend gerne mit mir verbringen?
„Ja.“
„Du kannst in den Schuhen unmöglich tanzen.“ Sie stolpert über die eigenen Füße. Früher oder später.
„Natürlich, kann ich.“
„Wie soll das gehen?“ Ich weiß nicht weiter. Tanzen ist in dieser Höhe Folter. Dazu das Kleid. All die Schichten! Ich mustere das lindgrüne Kleid. Der ausladende Rock zusammen mit der Länge. In jedem Fall wissen ihre Angestellten, was gut aussieht.
„Übung. Und Magie.“
„Magie?“, frage ich verständnislos. Mein Erstaunen quittiert sie mit einem leisen Lachen.
„Magie. Mutter hat ein wenig nachgeholfen. Ein kleiner Stabilitätszauber und wie soll ich sagen … ein Zauber, der die Schuhe niedriger sein lässt, als sie sind, gleichzeitig aber den alten Effekt bewahrt.“ Gleichgewicht und Entfremdung. Das krieg' ich auch hin.
„Deshalb mache ich mir Sorgen?“
„Sorgen? Avian, du bist süß.“ Ihr Blick wirkt bewegt.
„Süß?“ Süß. Puh! 560 Jahre und ich komme süß rüber.
„Bist du gekränkt? Sü... du weißt, was ich meine.“
„Du!“, weise ich sie lachend zurecht. Sie amüsiert sich auf meine Kosten. Was hatten wir schon? Ein freches Kompliment in einer Beleidigung, das Wort „süß“ war dabei, sie sieht zu, wie ich mir unnötig Gedanken mache und gibt mir dreiste Antworten. Besser, als die Elfen., stelle ich anerkennend fest. Immerhin traut sie sich etwas.
„Ich höre?“, fragt sie. Da fasse ich einen Entschluss. Ich werde sie einfach fragen. Wachsam sehe ich mich um. Die Gäste reden miteinander, beachten uns nicht weiter.
„Ich kann es nicht laut sagen.“
„Ich will es wissen. Bitte.“ Nochmal huschen meine Augen zwischen den Elfen und Feen hin und her. Mit der Hand bedeute ich ihr näher zu kommen.
„Du bist kein gewöhnlicher Dieb. Sprich es aus.“, amüsiert sie sich.
„Komm her.“ Sie folgt meiner Bitte, woraufhin sie direkt vor mir steht, sodass es mich bei jeder anderen abstoßen würde. Nur bin ich es, der diese Situation herbeigeführt hat.
„Also?“
„Meine Frage könnte dreist wirken. Ich will, dass es unter uns bleibt, solltest du es so sehen, wie es wahrscheinlich die Feen interpretieren würden.“
„Die wäre?“ Ihre Stimme ist aufgeregt. Ich ebenfalls. Mutig sein.
„Du musst dir ja einen Partner für den ersten Tanz aussuchen, richtig?“
„Ja. Weiter?“
„Hättest du etwas dagegen einzuwenden, wenn ich derjenige bin?“
„Überhaupt nicht.“ Die Antwort sprudelt aus ihr heraus.
„Du bist dir ziemlich sicher.“
„Tut mir leid.“
„Nein, nicht.“ Zum Unterstreichen meiner Worte hebe ich beschwichtigend die Hände. Sie ergreift sie und verschränkt ihre Finger mit meinen. Ihre Hände passen perfekt zu meinen. Nicht lächerlich zierlich, wie bei Elfenmädchen. Ihre sind zwar nicht groß, aber gerade groß genug, um mir Sicherheit zu geben.
„Danke. Und ja, ich weiß, dass deine Geste kein Aufruf war deine Hände zu nehmen.“ Es ist viel mehr, als ich mir am Anfang hätte vorstellen können. Eine Elfe wirft uns fragende Blicke zu. Viel zu schnell zieht Lia ihre Hände deshalb zurück. Aus der Traum. Doch er wäre ohnehin vorbei gewesen, denn eine hochrangige Fee bittet um Aufmerksamkeit. Jeder reagiert und Julia wird nach vorne gebeten. Die Krönung beginnt. Diese Zeremonie steht jedem aus den Königsfamilien ab dem 20. Lebensjahr und abgeschlossener Magieausbildung zu. Das Diadem, welches Lia trägt reflektiert das Licht der Kronleuchter. Sie sieht wahrlich aus, wie eine Fee. Stolz. Nichts anderes strahlt eine gesunde Fee aus. Ich nehme an, dass es daran liegt, dass es ihnen so schwerfällt sich vor Elfen zu verbeugen oder zu knicksen. Feen kommen kaum zu ihrem eigenen Vorteil damit klar. Ob Lia anders ist? Ob sie zu Demut fähig ist, obwohl ihr ein Leben lang Klischees über Elfen eingeredet wurden?
„Prinzessin Julia von Aluminia, wir haben uns lange Zeit beraten, doch wir sind schließlich einvernehmlich zu dem Entschluss gekommen, dass dies nicht Eure einfache Krönung sein soll. Normalerweise wird, erst nach allen vollzogenen Krönungen der Königskinder entschieden, wer die zukünftige Kronprinzessin oder der zukünftige Kronprinz ist. Bei den Söhnen der Elfenkönigin Livia fiel die Wahl auf Prinz Avian. Bei unserer geliebten Königin, dem Rat und den Vertrauten wurdet Ihr ausgewählt, obgleich Ihr jünger seid. Seid Ihr bereit diese Wahl anzunehmen?“
Lia, als Kronprinzessin der Feen. Es war unter den Elfen eine weitverbreitete Hoffnung. Meine insbesondere. Denn sie als Verhandlungsführerin scheint vielen angenehmer, als Karl.
„Ja, ich freue mich über ihr Vertrauen.“, antwortet Lia.
„Welch Freude. Nun zu Euren Pflichten und Rechten als Kronprinzessin.
Ihr solltet bei jedem Ereignis anwesend sein und dementsprechend eingreifen können. In Eurem Urteil seid Ihr lediglich Eurer Mutter unterstellt nicht länger auch Prinz Karl. In der Abwesenheit von Königin Amalia seid Ihr es, welche Entscheidungen trifft und mit aktuellen Zwischenfällen umgehen muss. Zudem repräsentiert Ihr Aluminia nach innen und außen, sollte das Ereignis nicht wichtig genug sein, damit Königin Amalia erscheinen sollte. Ihr unterstützt Eure Mutter bei Entscheidungen und habt Befehlsmacht über die Wachen und Feen. Wie Ihr davon Gebrauch macht, bleibt Euch überlassen, es sei denn Königin Amalia oder ein Gericht entscheidet Euch zugegen. Dabei seid Ihr stets verpflichtet, das aluminische Gesetz zu beachten und alles erdenkliche für Euer Volk zu unternehmen.“, verkündet die Vertraute. Es klingt viel. In Wahrheit hält es sich in Grenzen. Ich muss es wissen.
„So würde ich die entsprechenden Elfen und Feen bitten vorzutreten.“
Karl ist als erster oben und lächelt Lia beruhigt zu. Vielleicht wollte er nicht Kronprinz sein?
Es folgt eine Fee mit hellbraunen Haaren und strahlend grünen Augen. Sie kann nur die Fee der Natur sein. Eine weitere Fee ergänzt das Schaubild. Ist es nicht Karls Verlobte? Helene? Ihre dunkelbraunen Augen geben mir zu denken. Welches Element hat … Natürlich, die Fee der Erde. Erde meint nicht nur braune Blumenerde, sondern alles ursprüngliche. Wunderschön. Die drei sprechen die gewünschten Sätze und verlassen die Bühne. Jetzt die Elfen. Herr Balivernes, der Elf welcher Lia auf der Pressekonferenz die letzte Frage stellte, ersetzt Karl. Hinter ihm kommt irgendeine adlige Elfe und ausgerechnet Lucian. Mutter hat ihn, nachdem sie von den Ereignissen gehört hat, gewissermaßen dazu gezwungen. Bei ersteren beiden verlaufen die Formalitäten üblich ab. Bei Lucian kommt es zu Problemen. Wie kann er es wagen ihr das auszuschlagen? Er verneint sein Einverständnis. Damit ist er in der Lage die gesamte Feier zu kippen. Unruhiges Gemurmel bricht aus. Lia hebt die Hand und sie verstummen. Was zum ... ?
„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen in mich. Dennoch kann ich Prinz Lucian nicht abtun. Er wird seinen Grund haben.“ Mir bleibt die Luft weg. Lia. Was tut sie? Naja, ihr bleibt strenggenommen keine Wahl. Lucian sieht Lia herausfordernd an. Er will von ihr ein Zeichen der Demut. Definitiv. Lia nimmt es zur Kenntnis und sieht zu Boden. Ein tiefer Atemzug folgt. Sie muss das nicht tun. Ich würde so etwas nie verlangen. Ich will zu ihr , doch es sind zu viele Gäste. Sie soll es nicht machen. Sie sieht auf und ihr Blick zu mir sagt nichts anderes, als „Lass mich nicht im Stich.“ Ihr Ausdruck ist flehentlich. Darauf geht sie einen Schritt zu Lucian und macht einen Hofknicks. Sie wahrt für wenige Sekunden die tiefe Position , ehe sie sich erhebt. Lucian steht wie versteinert da. Er kann ihr sein Vertrauen nun nicht mehr absprechen. Sonst macht er sich zum Gespött. Durch die Glasfront dringt das Abendrot umso deutlicher. Es wird von Lias blonden Haaren gut aufgefangen und lassen sie rötlich scheinen. Ebenfalls ihre Augen sind vom Sonnenuntergang verwaschener. Blaugrau. Lucian stammelt das Einverständnis. Was ist mit ihm los?
Lia hingegen wirkt in sich gekehrt. Ist es so schlimm, vor einem Elf zu knicksen? Mein Bruder verlässt die Bühne und Amalia begibt sich zu ihr. Sie nimmt Lia das Diadem ab und setzt ihr stattdessen eine Krone auf. Die der Feen.
Unglücklich steigt sie die Stufen hinab. Dir ganze Zeit behält sie mich im Auge. Ihre Augen wandern gleichzeitig immer wieder zu einer Tür links. Nachricht angekommen. Ich finde mich in einem unbedeutendem Nebenraum wieder. Sie kommt einige Minuten später nach. An ihrem aufgelöstem Gesichtsausdruck muss ich nichts deuten. Sie kommt zu mir.
„Was machst du für Sachen, Lia?“
„Verschon' mich mit Ratschlägen. Ich brauche jemanden, der mich nicht kritisiert.“
„Du wirst von niemandem kritisiert.“
„Nicht doch. Mein Leben lang wird mir erzählt, benimm dich, sitz' grade, lass sie nicht wissen, was du fühlst. Ich will nicht mehr, Avian, ich kann nicht mehr.“ Ihre Worte werden von heftigem Atmen begleitet.
„Alles gut. Lia. Beruhige dich.“
„Nein, es wird nicht gut.“
„Warum sollte es nicht?“
„Weil ... Ich weiß … Was ich fühle.“
„Sag'.“
„Kannst du mich vielleicht einfach mal in den Arm nehmen? Bitte?“
„Komm her.“ Sie lässt sich von mir umarmen und vergräbt ihr Gesicht an meinem Hals. Was sehen Feen in einem Knicks vor einer Elfe? Es muss bedeutend sein.
„Manchmal wünschte ich, ich könnte deine Gedanken, wie die jeder Elfe verstehen.“ In ihren Kopf sehen und ihr ihre Sorgen und Ängste nehmen.
„Ich bin froh, dass dem nicht so ist.“
„Dein Wunsch ist wichtiger.“
„Wieso habe ich das Gefühl dich eine halbe Ewigkeit zu kennen, Avian?“
„Ich bin alt, aber ich kann es dir nicht beantworten. Mir geht es nicht anders.“ Sie sieht mir problemlos in die Augen.
„Gut.“
„Lia, deine Erziehung soll dich auch schützen. Vor verbalen Angriffen zum Beispiel. Wenn du redegewandt bist, kannst du dich wehren. Generell unterlaufen dir weniger Fehler. Verstehst du?“
„Ja, ich kann es nachvollziehen. Aber du verstehst auch mich, oder?“
„Selbstverständlich. Du lernst noch.“
„Du bist immer so rücksichtsvoll und verständnisvoll.“
„Ich war, wo du bist. Die Selbstzweifel sind mir nicht fremd.“
„Das erinnert mich an ein Lied der Feen.“
„Welches?“ Ich liebe ihren Gesang.
„Du kennst es nicht.“
„Dann lass es mich hören.“
„Sicher?“
„Klar. Fang an.“ Sie räuspert sich.
„Ich geb für dich Acht
Bis du alles richtig machst.
Ich bin für dich da,
Gleich ob fern oder nah.“ Ihr Singen ist im wahrsten Sinne des Wortes Musik in meinen Elfenohren.
„Du kannst gut singen.“
„Danke. Die Stücke des Musikensembles sind auch nicht schlecht.“
„Den Ball hab ich ganz vergessen.“
„Ich auch.“
„Sollten wir nicht zurückgehen?“
„Nein. Noch ein paar Minuten.“
„Du musst dich ja ausgesprochen wohl fühlen.“, amüsiere ich mich.
„Ja, ich fühle mich wohl.“ Ihr Eingeständnis berührt mich tief. Leider meint sie es nur schwesterlich. Wo ich bei Geschwistern bin. Weshalb kümmert sich Karl nicht um seine kleine Schwester?
„Sollte Karl dich nicht aufmuntern, statt mir? Es ist eigentlich seine Aufgabe, als dein großer Bruder.“
„Außer dir gibt es niemanden, vor dem ich keine Geheimnisse habe. Ich denke immer, ich würde sie hintergehen.“
„Mach dir keine Gedanken. Es legt sich.“
„Erzähl' mir keine Geschichten.“
„Ich sage nichts, als die Wahrheit. Wenn du willst, weise ich Lucian darauf hin, dass er dich in Ruhe lassen soll, wenn du verstehst was ich meine.“
„Wäre nett von dir.“
„Kein Problem.“ Ich würde alles für sie tun.
„Wollen wir?“
„Wie Ihr es wünscht, Kronprinzessin.“Sie geht zur Tür und dreht sich nochmal zu mir.
„Komm in fünf Minuten nach.Und ich … ich mag dich. Sehr.“ Bevor ich antworten kann, hat sie den Raum verlassen. Aufregung macht sich in mir breit. Ich darf mir draußen nichts anmerken lassen. Sie hat mir gesagt, dass sie mich mag, mehr nicht.
Als ich hinaustrete sehe ich Lia zusammen mit diesem Roy. Er passt zu ihr. Dabei liegt gerade darin meine Abneigung. Sie entfernt sich von ihm und ich lasse sie in Ruhe. Bis das kleine Orchester anfängt zu spielen. Ein deutliches Zeichen für den ersten Tanz. Lia findet mich und will zu mir. Leider stehen links und rechts von ihr die Feen in der Überzahl. Gerade die Jungen bieten ihr die Hand an. Bei jedem, den sie interessiert mustert gerät meine Überzeugung, sie würde mit mir tanzen, ins Schwanken. Roy tritt hervor und sie bleibt das erste Mal stehen. Nicht ihr Ernst? Freundlich lächelt sie ihm zu, wechselt ein paar Worte, ehe er sich vor ihr verbeugt, um … Wie konnte ich ihr flüchtiges Einverständnis so unumstößlich einstufen? Ein leises Raunen geht durch die Feen, doch Lia erwidert die förmlichen Gesten nicht. Stattdessen nickt sie ihm zu und kommt auf mich zu. Dankeschön, Lia. Danke. Einen heftigeren Laufpass hätte sie ihm nicht geben können. Triumphierend sehe ich zu ihr und sie verkneift sich ein Lächeln. Sie bemerkt meinen Gesichtsausdruck. Schnell versuche ich ihn abzulegen, aber er ist übermächtig. Sie hat ihn vor aller Augen abblitzen lassen. Für mich.
Meine Hand nimmt sie an. Beim Tanz ruht die Aufmerksamkeit auf uns. Doch meine ausschließlich bei ihr.
Dieser Tanz ist Gold und Silber – vermischt zu einem einzigartigem Farbenspiel. Ich drehe sie unter meinem Arm hindurch – und weiß, dass es nicht schöner sein könnte.

Danach … ich komme nicht umhin seinen deprimierten Gesichtsausdruck zu betrachten. Er lehnt an der Wand und trommelt mit den Fingern seiner rechten Hand dagegen. Ich sehe Lia an, meine Augen wandern zwischen ihnen hin und her. Seufzend atme ich aus.
„Lia, geh zu ihm.“
„B-bist du sicher?“
„Ja.“
„In Ordnung. Und du?“
„Ich finde mich zurecht.“
„Klar. Als ob du es schwer hättest eine Elfe zu kriegen.“ Ich schlucke nach ihrem Kommentar. Sie soll das nicht in mir sehen, dennoch tut sie es. Ich habe keinerlei Chance bei ihr.
„Tröste ihn, ihm wurde eben das Herz gebrochen.“ Und damit ist er nicht allein.

LUCIAN
Ich lasse mich aufs Sofa fallen. Lia war wiedermal im Vorteil.
„Wie schafft diese Fee es ständig mich bloßzustellen?“, entfährt es mir wütend. Meine Familie sieht verständnislos zu mir.
„Wovon redest du? Sie hat dir nichts getan.“, entgegnet Avian.
„Aber dir! Das wissen wir.“
„Ja, ja. Treu deinem Grundsatz, ich habe keine sinnvollen Argumente, also verdrehe ich die Tatsachen und verwirre alle.“
„Wenn es doch stimmt! Du hast mit ihr getanzt!“
„Du hast sie zu diesem Knicks gezwungen. Weißt du wie aufgelöst sie war?“
„Das hast du also nach ihrer Krönung gemacht!“
„Ich habe nichts getan, als sie aufzumuntern!“
„Wenn sie dich von sich stößt, wirst du dir wünschen sie niemals kennengelernt zu haben!“
„Nur weil du zu inkompetent warst bei deiner Alisa!“ Einen Schritt zu weit, werter Bruder.
„Sie wird! Mach dich drauf gefasst! Aber weißt du was? Ich werde nicht für dich da sein! Damit musst du alleine klarkommen. Musste ich auch! Oder wen von euch hat es gekümmert?“ Sie tauschen Blicke.
„Wir haben es wieder und wieder versucht.“, macht mir Mutter verständlich.
„Unsinn! Nichts habt ihr. Du auch nicht, Mutter.“
„Du wagst es zu behaupten, dass ich dich unglücklich sehen will?“
„Ja! Du hättest …“
„Sei still, Lucian!“ Ich fahre entsetzt zusammen. Sie wurde nie laut. Das letzte Mal habe ich sie so gehört, als eine Elfe Amalia in Frage gestellt hat. Sie ist die Elfe des Friedens. Das ist nicht sie.
„Ich …“, beginnt sie in einem ruhigeren Ton und sieht Avian an, „ … wünschte, du hättest Alisa nicht verloren, aber wünsche deswegen nicht deinem Bruder dasselbe Schicksal. Sie ist eine bezaubernde, junge Fee. Begegne ihr mit Respekt. Sie ist ein Goldschatz.“
11. Gehe bis zur Wahrheit, aber nicht zu weit

Wenige Tage später …

LIA
Ich denke pausenlos an die letzten Begegnungen mit Lucian. Die versuchte Festnahme, das gestellte Bein, das Anrempeln auf dem Ball, seine Verweigerung der Krönungszustimmung samt seiner schlechten Laune. Er war wie gewandelt seit unserem anfänglichem Gespräch. Ich brauche dringend Erklärungen.

ERIS
Das dumme Kind begreift die Zusammenhänge nicht. Mein Diener sollte sie bei Zeiten töten. Leider kamen ihm die Elfenprinzen dazwischen. Ein Rückschlag in meinem Plan. Wenn diese kleine, süße Fee nur wüsste gegen welchen Gegner sie eigentlich spielt. Es sind nicht die Vorurteile oder Lucian. Doch es hat Zeit bis sie es wissen muss. Noch ist sie zu schwach und ein leicht errungener Sieg ist langweilig. Es ist herrlich anzusehen, wie sich Elfen und Feen gegenseitig hochschaukeln ohne mein Zutun. Julia hat keine Ahnung in welcher Verbindung ich zu ihrer Familie stehe und das seit Jahrtausenden. Felicia verheimlichte meine Existenz. Sie verleugnete ihre … mich. Dass mich das zur Weißglut trieb, ist kein Wunder. Sie hatte alles. Ich als ihr Gegenteil nichts. Bis auf Macht. Und diese werde ich ausweiten bis jeder von der „königlichen“ Familie zu Grunde gerichtet ist. Ich will weder herrschen, noch wahllos Feen oder Elfen töten. Ich bin nie wahllos. Ich weiß, was ich will. Und das ist nicht der Thron. Was würden mir zwei Planeten bringen? Es würde sich sowieso überall Widerstand regen. Nein, ich will die Königsfamilien bluten sehen. Dafür werde ich alles tun. Auch andere töten.
Fürs erste werde ich dem kleinen, wehrlosen Kind einen Besuch abstatten.

Ich teleportiere mich mit einem Gedanken in ihr Zimmer. Sie ist vertieft in ihre Gedanken. Kurz lausche ich ihnen. Sie sind stürmisch und unerfahren. Ich höre auf siegessicher zu lächeln und spreche sie an.
„Habe keine Angst, Julia. Ich bin hier, weil ich eine Freundin von dir bin. Mein Name ist Eris.“ Sie erwidert nichts.
Ich muss ihr Vertrauen gewinnen, doch das könnte schwierig werden. Auf normalem Weg. Mit einer Manipulation ist es kein Hindernis. Ich flüstere ihr die Dinge ein, die ich möchte und sie schüttelt verwirrt den Kopf, bevor sie mich freundlich und offen mustert.
„Ich weiß, ich spüre es.“ Niedlich, wie sie mir meine Manipulation abnimmt und wie überzeugt sie von ihren eigenen schwachen Kräften ist.
„Ich möchte dir im Bezug auf dein Problem etwas zeigen. Nimm meine Hände.“ Bereitwillig fügt sie sich und ich teleportiere uns nach Elwena zu einer alten Gedenkstätte für Felicia. „Sprich kein Wort.“ Damit führe ich sie zu der Statue meines verräterischen Gegenstücks. „Ihr Tod ist schuld an allen Geschehnissen.“ Soweit entspricht es der Wahrheit. „Doch bedenke, Julia: Um jemanden mit ihrer Macht zu vernichten benötigt man ein gleiches Maß an Magie. Dazu sind nur die wichtigsten Wesen fähig, die direkt von der Magie abstammen oder ihr nahe stehen. Keine noch so große Gruppe brächte das nötige Potential mit sich.“ Das war auch in keinster Weise gelogen. Ich stamme direkt von der Magie ab und bin Felicias Fähigkeiten zu allen Zeiten gewachsen gewesen. Die Frage ist nur, welche Schlüsse sie daraus zieht. Hoffentlich die, die gegen ihre Familie sprechen. Dafür sorge ich mit einer erneuten Manipulation. Ich mache ihr weiß, dass ich vertrauenswürdig sei. Manipulationen halten nur an bis der Manipulierte ein echtes von sich ausgehendes Gefühl empfindet, doch wenn ich, wie sehr ich das Wort hasse, Glück habe, bleibt sie auch nach dem Abklingen meines Zaubers davon überzeugt. Mit einem verächtlichem Blick zu der Statue, ziehe ich mich aus ihrem Geist zurück. Ich hole das Pferd von Julia zu uns, damit sie sich fortbewegen kann und verschwinde, wie die letzten Jahrhunderte. Ich werde warten. Warten und beobachten. Und zum richtigen Zeitpunkt werden ich oder mein Diener ohne eigenen Willen, eine Marionette von mir, zuschlagen. Vernichtend.
Mache dich auf einiges gefasst, Kleine. Gleichgewicht meint auch: Wo Licht ist, gibt es auch Schatten.

LIA
Geschockt blicke ich auf die nun leere Stelle, wo sie bis eben stand. So unverhofft wie sie kam, ging sie wieder. Nur lässt sie mich viel mehr Fragen und Rätseln zurück, als ich anfangs hatte. Was meint sie mit ihrer Andeutung? Es muss ein Wesen mit mächtiger Magie sein, mächtiger als die einer normalen Fee oder Elfe gemeint sein. Also … Livia und … meine … Mutter. Nein! Ausgeschlossen! Es heißt, sie haben jahrelang getrauert. Feststeht, dass meine Mutter es nicht gewesen sein kann, weil … sie eben meine Mutter ist und niemals etwas derart Grausames tun würde. Bleiben tut nur Livia. Ist ihr das zuzutrauen? Ich kenne sie kaum. Es wäre, naja, möglich. Sie ist sehr mächtig. Aber mächtig genug, um ein Wesen Felicias Rangs zu besiegen? Ihr fehlt die Feenseite, die Felicia geschützt hätte. Stimmen Teile der Geschichten über Elfen? Ich fahre mir nervös durch meine Haare. Es entsteht eine lange Gedankenpause, in der ich hin- und herdrehe, wie es ihr möglich gewesen sein könnte. Ich komme zu keinem zufriedenstellendem Ergebnis. Es bleibt die letzte Ungewissheit, ob das so geschehen sein könnte. Weil sie doch auch ihre Tochter und es fehlte ihr an nichts. Neid? Macht? Die Krone? Was könnte ein logisches Motiv von Livia sein? Sie, ich stutze. Der Abend, an dem mir ihre werten Söhne geholfen haben, kommt mir in den Sinn. Dieser Unbekannte sagt deutlich, er wolle mich töten. Und die drei waren rechtzeitig zur Stelle, um mir zu helfen. Wussten sie davon? Haben sie nur versucht mich vor ihm zu beschützen oder wurden sie angesetzt? Mir schießen Tränen in die Augen. Avian … Er darf nicht eingeweiht sein. Nicht er, der einzige Elf, an dem mir etwas liegt. Livia, Nico und besonders Lucian sind verkraftbar, aber er? Es ist nicht auszuschließen. Sie sind ihre Söhne und kann sie ein solches Geheimnis 560 Jahre lang vor ihren Kindern verbergen? Eher nicht. Oder?! Es w&aum l;re nachvollziehbar, sollte sie ihnen davon berichtet haben. Dann heißt das aber auch, dass ich niemals in Gefahr war, sondern mich genau durch mein Vertrauen zu den dreien in die jetzige Situation reingeritten habe. Ich habe den falschen vertraut. Wer war zum Beispiel der Angreifer? Er hatte das Element Blitze und war ein Elf, konnte jedoch einfach ein Portal heraufbeschwören. Unmöglich. Welches Zwischenwesen wäre er damit? Auf jeden Fall sagte er „seine Herrin“. Livia. Dann kamen die drei, halfen mir, gewannen mein Vertrauen, zuallererst Avian, um … was wollen sie erreichen? Wirklich meinen Tod? Als Warnschuss für Karl und Mutter, dass sie bald folgen würden? Um anschließend auch Macht über Aluminia zu bekommen? Möglich. Aber Avian … Wie konnte er mir das antun? Er wirkt ganz anders. Trotzdem. Mich stört weiterhin die Tatsache, dass Livia allein nicht mächtig genug wäre Felicia zu vernichten. Es bräuchte einen ebenso mächtigen Partner. Amalia, meine eigene Mutter. Zusammen wären sie dazu in der Lage. Von der Magie her. Von der Moral her, keine Ahnung. Es ist die einzige, logische Variante. Als nochmal: Die beiden töten mit vereinten Kräften ihre Mutter aus Neid, damit sie den Thron besteigen können. Anschließend bekommen sie durch ihre Magie Kinder, die nicht aufmucken. 540 Jahre später folge ich. Nur entwickle ich mich nicht wie erwünscht, sondern bin der Ansicht, die Völker müssten sich aussprechen. Sie schicken einen merkwürdigen Diener zu mir, der mich vermeintlich töten soll, lassen aber die drei dazwischen gehen, damit sie mein Vertrauen gewinnen können. Wozu? Um mich loszuwerden, hätte mich der Angreifer nur töten müssen. Vielleicht wollte Mutter es aber noch auf anderem Weg versuchen, mich von meiner Meinung wegzubekommen, indem sie mich die Wahrheit herausfinden lässt. Hör auf in ihr das Gute zu sehen. Sie riski! erte dei n Leben. Ergibt das alles Sinn? Nicht wirklich, finde ich, aber es ist die einzige Option, welche übrig bleibt. Wem kann ich vertrauen? Mira, Eymi, Fee in gewissem Sinne und … Karl?
Mischt mein Bruder in diesem Spiel mit? Bitte nicht. Er wäre der letzte aus meiner Familie, der ehrlich zu mir ist. Ich will die Tatsachen nicht wahrhaben, die ich mir denken kann. Meine Familie war Felicias Unglück, obwohl sie selbst für Glück steht. Aufgelöst schaue ich zu der Statue von Felicia auf und forsche in ihrem Gesicht. Sie ist glücklich dargestellt. Wie auch immer … Ich sitze auf und will in Richtung zu Hause reiten. Soll ich dorthin zurück? Von wollen kann keine Rede sein, bloß von müssen. Ich könnte später von Elwena nach Hause gehen und solange Larina besuchen. Ich kenne ihre Adresse auswendig und weiß auch, wo sie zu finden ist. Eine halbe Stunde Ritt von hier. Und danach durchs Àvrioportal nach Hause.

Wir sind länger unterwegs, als ich annahm. Schließlich stehe ich vor dem kleinen Haus mit Garten. Ich prüfe meinen Zopf, ob er meine Ohren verdeckt und klingele. Lass sie da sein. Eine zierliche Frau um die 60 öffnet die Haustür. Ihre Mutter?
„Guten Abend. Kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Ich wollte zu Larina Tímia.“ Die Frau sieht mich mit schockierten Augen an. Ich würde mich am liebsten in Luft auflösen. Ein fremdes Mädchen platzt am Abend um 18:00 hinein. Der Traum eines jeden Lebewesens.
„Kind, sie ist … “ Von hinten tritt ein Mann in ihrem Alter hinzu und legt ihr eine Hand auf die Schulter, denn sie weint stille Tränen.
„Larina ist vor wenigen Tagen umgekommen, wenn du verstehst, was ich meine. Jetzt geh!“, erklärt er mir im Flüsterton mit eindringlicher Stimme. Nicht zu fassen. Tot? Wegen ihrem Artikel? Das war kein Unfall. Mord. Wer mag es gewesen sein? Etwa eine Person aus meiner Familie? Nickend entferne ich mich von dem Haus und laufe zu Fee. Jeder, der nicht ins System passt, ist dem Tod geweiht. Soviel steht fest. Ich auch? Verängstigt sitze ich auf und steuere das Portal in einiger Entfernung an. Ich muss weg. Weg von diesem Planeten, bevölkert von Elfen.
Sobald ich am Portal ankomme, stelle ich ernüchtert fest, dass es verschlossen ist. Gut, dann gehe ich eben zu Avian und spreche ihn ohne weiteres auf die Vorwürfe an.

AVIAN
Es ist 19:15, da entdecke ich sie. Himmel! Was ist mit ihren Ohren? Wenn sie entdeckt wird, nehmen die Elfen sie auseinander. Ich dränge mich zu ihr durch und nehme sie an der Hand mit zum Palast.
Um mich herum ertönen von den jüngeren Elfen Sätze wie: „Hat die ein Glück …“ und viele weitere. Lia selbst staunt mich an, lässt sich aber mitziehen. Wir durchtreten die Tür und ich schicke kurzerhand die Wachen beiseite. „Was machst du hier unangekündigt, Lia? Legst du es darauf an aufgedeckt zu werden?“, fahre ich sie zu hart an. Sie bringt uns in Gefahr.
„Ich wollte zu Euch, Eure königliche Hoheit.“, formuliert sie schmeichelnd. Seit wann muss sie mich ihrzen? Mit königlicher Hoheit?
Da schalte ich. Hinter uns muss eine Wache getreten sein.
„Vielen Dank. Es stimmt ich habe dich bereits erwartet.“ Als Prinz darf ich sie duzen, auch vor den Wachen. „Komm mit.“, fordere ich sie auf und halte ihr eine Hand hin. Sie ergreift sie. Ich führe sie entlang eines längeren Ganges, auf das uns die Wache gefälligst nicht folgt. Am Ende dieses Ganges betreten wir einen der Aufenthaltsräume. Hier können wir frei reden.
„Sag schon, was gibt’s?“, komme ich gleich zum Punkt. So gestresst, hat sie mich noch nicht erlebt, aber ich muss mich auf anstehenden Ball vorbereiten, der in zwei Stunden anfängt. Mir bleibt ohnehin nur noch wenig Zeit.
„Ich wollte mit dir etwas … klären.“
„Dann beeile dich bitte.“
„Du könntest ruhig freundlicher sein.“
„Ich habe einfach nicht viel Zeit für ein illegales Treffen mit einer Fee.“
„Ach, stehen wir wieder am Anfang, ja? Find' dich damit ab, was ich bin.“
„Du kommst hier nach Elwena, unangemeldet natürlich und sagst mir, was ich zu tun habe?“
„Wenn du es so siehst, ja.“
„Lia.“, stöhne ich genervt auf, weil ich immer gestresster werde. „Das kannst du nicht ernst meinen.“
„Doch das tue ich, nur das du mich nicht ernst nimmst.“
„Du merkst nicht mal, wie du mir die Worte im Mund umdrehst.“
„Ich bin eine Fee. Passt demzufolge zu deinem Bild von mir. “
„Niemand hat gesagt, dass ich so über dich denke.“
„Gerade eben hast du es noch selbst getan.“
„Anscheinend kann man heute nicht mit dir reden.“ Und nicht mit mir. Gib dir mehr Mühe. Sei freundlicher. „Also schön, was willst du besprechen?“
„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Es ist kompliziert. Du weißt doch, dass Felicias Mörder, äh … unentdeckt ist.“ Ja. Was will sie erreichen?
„Worauf willst du hinaus?“ Sie sieht betreten zu Boden. Was meint diese Fee, dieses … ich kann sie nicht beleidigen.
„Ich will wissen, was du darüber weißt. Ich will … “ Was denkt sie sich? Fehlt nur noch, dass sie mir selbst die Tat anhängt.
„Weiter?“ Mal sehen, was sie sagt.
„Ich will die Wahrheit hören!“, fordert sie auf einmal. Tatsächlich. Sie geht davon aus ich wäre in irgendeiner Form an dem Hinterhalt beteiligt.
„Ich weiß nicht mehr, als jeder andere.“, spreche ich das aus, was sie vermutlich nicht hören möchte. Doch es ist die Wahrheit.
„Du lügst! Schon wieder! Wie konnte ich dir und deinen Brüder, jemals vertrauen?“ Ich? Meine Brüder? Was haben wir „getan“, dass sie dermaßen aufbringt?
„Wieso gehst du davon aus, Lia?“ Wenn sie mir so kommt, besteht kein Grund nicht ähnlich unverfroren zu sein.
„Ich habe meine Gründe. Wenigstens bin ich nun bestätigt.“ Inwiefern? Wer hat ihr diesen Schwachsinn von dem ich nicht mal weiß, worin er eigentlich besteht, eingeredet? Ich muss es wissen. Sagen wird sie es mir nicht. Sonst gibt es andere Wege.
„Raus damit. Was siehst du in mir?“ Antworte mir. Ich will sie nicht an eine Lüge verlieren. Sie bedeutet mir zu viel. Gleichzeitig will ich für ehrliche Antworten von ihrer Seite aus keine Zauberformeln anwenden müssen. Dennoch werde ich es tun, sollte sie nicht sagen, was es ist.
„Das geht dich nichts mehr an!“ Lia. Nicht. Aber es muss sein. Ich muss wissen, was geschehen ist, das genaue Erlebnis. Mit ihren Gedankengängen und Handlungen dazu, egal wie weh es tut. Ich weiß, dass ich sie mir dadurch nicht zum Freund mache. Kurz schließe ich die Augen. Es sollte schnell gehen. Ich lange nach ihren Händen. Es trifft sie unvorbereitet, sodass sie keine Gelegenheit hat auszuweichen. Sofort fängt sie an sich entschieden zu wehren. Sie würde sich noch viel mehr aufregen, wenn sie wüsste, was ich vorhabe. Sie tut alle erdenklichen Dinge, die ihr übrigbleiben, doch es ist nutzlos.
„Lass mich los, Avian!“ Ihre Stimme überschlägt sich.
„Lia, beruhige dich. Ich will … “
„Du erlebst dein blaues Wunder, wenn du mich nicht gehen lässt.“
Unwahrscheinlich, dass sie sich befreien kann, denn ich bin erstens stärker als sie und zweitens kann sie sich auch nicht in Hinsicht auf Magie mit mir messen. Wir sind zwar gleich mächtig, aber sie hat weniger Erfahrung bei magischen „Auseinandersetzungen“, sodass ihre Kräfte nicht wie selbstverständlich wirken. Außerdem bräuchte sie ihre Hände. Sie scheint allmählich zu verstehen. Sie hört auf nach mir zu treten. Ich schicke so gut es geht eine telepathische Nachricht an sie. Verzeih mir. Für einen Augenblick füllen sie den Raum und bleiben unbeantwortet, weil sie eine Fee ist. Ihr wird es nicht gefallen. „Myaló apomnimonévmata dílosi.“, kommen mir die entscheidenden Worte über die Lippen. Ob sie sie versteht? Sie kann nichts gegen die Formel ausrichten und ich finde augenblicklich die richtige Erinnerung. Sie zieht an mir vorbei, samt der Gedenkstätte für Felicia, der erscheinenden … Frau, die Lia den tollen Rat gibt und Lias anschließende Gedanken. Wie sie beginnt an meiner Mutter zu zweifeln und schließlich an mir. Intrigantes Wesen, diese verschwindende Frau. Hinterlistig und berechnend. Keine Eigenschaften eines jüngeren Wesens.
Ich habe alles gesehen, was es braucht, nur überzeugt Lia diese Tatsache garantiert nicht vom Gegenteil. Ich verlasse ihren Geist möglichst schonend und lasse sie ohne zu zögern los. Sie baut Abstand zwischen uns auf und zieht sich in den hinteren Teil des Raumes zurück. Sie sucht mit den Augen den Raum ab. Schwer zu sagen, ob nach einem Weg nach draußen oder etwas, das ihr Halt gibt.
„Lia, versteh mich, ich musste … “
„In meinen Erinnerungen herumschnüffeln?“, ergänzt sie. Ihre Stimme bebt vor Angst. Vor mir. Mir. Erfolg auf ganzer Linie, wenn man bedenkt, dass ich sie sehr mag.
„Du hast recht. Ich hatte keine Erlaubnis dazu, aber ich hatte keine Wahl. Du dachtest sonst was von mir.“ Sie lacht bitter auf.
„Dachtest? Denke, wäre passender. Ich bin immer noch meiner Meinung.“
„Ich würde dir niemals etwas tun.“ Niemals. Glaub mir, Lia.
„Hast du allerdings.“ Ja. Leider. Warum muss sie so jung sein? Am Ende bin ich der Böse, wenn ich sie von mir stoße. Die vertrackte Situation nagt an mir. Ich könnte mich ohrfeigen.
„Diese Frau hat dich dazu verleitet so zu denken. Du wärst von allein niemals auf solchen Unsinn gekommen.“
„Du … “ Sie überdenkt ihre Worte. „belügst mich.“ Es ist genug.
„Du vertraust dieser Fremden mehr als mir?“, presse ich hervor.
„Ja!“
„Warum?“
„Weil du eben ein Elf bist.“ Hat sie es wirklich gesagt?
„Ein Elf? Ist das alles?“ Ich ringe um Fassung. Sie ist nicht sie selbst.
„Wohl oder übel.“
„Nein. Lia. Sag' mir: Vertraust du mir?“
„Nicht mehr. Lass mich gehen.“ Eine Mischung aus Wut, Enttäuschung und Verletzung überkommt mich. Ich dachte, sie wäre anders. Ich dachte, sie würde mehr in mir sehen, als einen Elfen. Aber ich werde nicht derjenige sein, der zurückgelassen wird. Wie sie will. „Der Weg zur Tür ist frei. Du kannst jederzeit gehen.“

LIA
Ich kann es nicht glauben, dass er mich wegschickt. Nach allem, was er getan hat. Aber seine Aura ist ehrlich verletzt. Die Fremde hat mir meine Augen geöffnet. Für was? Die Wahrheit? Ist es die Wahrheit?
„Das werde ich.“, bekommt er noch zu hören. Ich drehe mich weg weil ich nicht will, dass er sieht, wie sehr er mich mit seinem Kommentar getroffen hat.
„Unfassbar, du bist jetzt nicht wirklich wütend, oder? Wie kindisch muss man sein. Du willst unbedingt deinen Willen durchsetzten.“, zischt er. Wie bitte? Das kann er haben.
„Weißt du was? Deine heißgeliebte Larina ist gestorben.“, bringe ich aufgewühlt und erschüttert hervor. Ich spüre, dass ich eine Grenze überschritten habe. Seine Aura flackert grell auf, bevor er sich fängt. Er tritt vor mich. Gleichzeitig zieht sich mein Herz zusammen, nur um dann wieder in Splitter zerlegt zu werden. Sein finsterer Gesichtsausdruck spricht Bände. Er glaubt mir nicht. Wie dumm war ich zu glauben, ein Elf, könnte anders sein, als ein … Elf eben. Aber er tritt meine Gefühle mit Füßen. Es stimmt halt, was ich vermutet habe.
„Wie bitte?“, fragt er mich.
„Larina ist tot. Kapier's.“ Warum bin ich so zu ihm? Warum werfe ich ihm die schlechte Nachricht um die Ohren, anstatt sie ihm schonend beizubringen? Er … und sie … Aber nicht …
„Glaubst du es lässt mich kalt?“
„Du hintergehst mich ohne zu zögern. Warum nicht?“ Was ist mit mir los? Panisch suche ich nach einer Antwort, doch mein letzter Gedanke von dem ich weiß er gehörte zu mir, ist die Verwunderung über die Anwesenheit der Fremden, als sie in meinen Zimmern auftauchte.
„Du gehst zu weit, Lia.“
„Du nicht?“
„Nein. Wieso denkst du über mich, als wäre ich ein Monster?“
„Du bist ein Elf. Ein Mörder. Ich verachte dich.“ Die Worte sprudeln aus mir heraus ohne, dass ich sie steuere. Erschrocken schlage ich eine Hand vor den Mund. Woher kommen diese Worte? Das bin nicht ich, aber ich bin es, die sie ausspricht.
„Geh mir aus den Augen!“, fordert er mit eiskalter Stimme. Ich hänge ihm schlimmste Straftaten an und glaube er könnte Ruhe bewahren. Ich stehe regungslos da, weiß nicht, wie ich reagieren soll. Ich kann die Situation umlenken, wenn ich mich entscheide ihm zu vertrauen. Nur ich … kann nicht.
„Wenn du nicht gehst, gehe ich. Ich habe es nämlich nicht nötig mir haltlose Beschuldigungen anzuhören.“

AVIAN
Ich muss diesen Raum verlassen. Sie verlassen. Larinas Tod ist erstickend genug. Dazu ihre Wut … Zu viel. Verachtung. Ihr Satz war wirksam. Er traf mich. Trifft mich. Sie … Ich weiß nicht weiter. Erst schweigt sie zu meinem Kommentar, verzieht keine Miene. Doch dann nimmt sie mich ins Visier.
„Weißt du was, du kannst mich mal!“, blafft sie mich an. Kann sie haben! Ich lasse meine verschränkten Arme fallen und drehe mich um. Zügig gehe ich zur Tür und schlage sie zu.

LIA
Der Schmerz durchzieht meinen ganzen Magen, sticht in mein Herz. Plötzlich ist es mir egal, ob ich erwischt werde. Der Schock lässt meinen Herz, meinen Geist und meinen Körper zu Eis erstarren lassen. Ich denke an meine Zeit an der Somnium, wo noch alles so unbeschwert erschien. Mira, Eymi und ich haben viel gelacht. Und dann vergleiche ich meine frühere Situation mit heute. In einem der elwenischen Zimmer von einem Elfen, den ich liebe. Ich liebe ihn. Ansonsten würde ich nicht so heftig reagieren. Ich kann ihn unmöglich lieben. Das ist mir klar. Aber da ist dieses Gefühl der Wärme, wenn er mir zulächelt. Eine Erinnerung an sein Spiegelbild in der Somnuim wird wachgerufen. Damals oder genauer vor mehreren Wochen, hatte er mich neugierig aus der Spiegelwelt angeblickt. Ich empfand noch nichts für ihn, aber mit der Zeit hat sich von meiner Seite aus mehr entwickelt. Ich wollte ihn nicht zur rechten Zeit gehen lassen, habe ihn zu lange festgehalten. Zu spät begriff ich, dass ich ihm egal war. Niemand sagt, dass das Spiegelbild einen lieben muss. Dessen bin ich mir zu sicher gewesen. Schließlich ließ er mich fallen, wies mich ab. Die Frage ist, ob es an meinen Beschuldigungen liegt oder er diese Dinge wirklich getan hat. Ich muss hier weg. Darf ihn nie wieder sehen. Ich bewege mich auf die Tür zu. Unsicher öffne ich sie und werfe einen Blick auf den leeren Gang. Ich bin kein Teil seines Lebens. Ich interessiere ihn nicht. Doch ich will es nicht wahrhaben. Ich scheine den Verstand verloren zu haben, denn ich laufe los.

Nach meiner heldenhaften Laufeinlage, gelange ich mühsam nach draußen. Völlig außer Atem und mit einer Seele, schwer von Zweifeln, sinke ich auf den Boden. Hier in dieser abgelegenen Ecke bricht für mich eine Welt zusammen. Meine Selbstzweifel zermürben mich. Habe ich den Fehler gemacht? Sind Elfen in der Lage Feen zu lieben? Auf jeden Fall können Feen Elfen lieben. Sind Elfen in der Lage etwas derart schreckliches zu tun? Würde er bei so etwas mitmachen? Ich sehe auf mein Handgelenk. Das Armband zu meinem 16. Geburtstag, das ich niemals ablege, glitzert in der Sonne. Es fängt das Licht gut ein und reflektiert es. Mutter hat es mir geschenkt. Sie sagte, es sei das Lieblingsschmuckstück von Felicia gewesen. So würde ich immer ein Stück Glück bei mir tragen. Es ist falsch. Wieso sitze ich dann hier? Das Glück, was heute auf sich warten lässt, kommt zu einem anderen Zeitpunkt. Gleichgewicht, nicht Perfektion., erinnere ich mich.
Aber gerade jetzt wünsche ich mir nichts anderes, als das ich Glück hätte. Wütend ramme ich meinen Ellenbogen gegen die Hauswand. Schlechte Idee. Schmerzen durchziehen meinen Musikantenknochen und er wird taub. Es bildet sich in Sekundenschnelle ein Bluterguss, der gleich darauf zurückgeht. Meiner Unsterblichkeit sei Dank. Was soll ich nur machen? Ich kann ihm nicht einfach wieder unter die Augen treten ohne mich in Grund und Boden zu schämen.
Fee stupst mich sanft an der Schulter an. Meine goldgelbe Stute mit cremeweißer Mähne. Ihr Farbschlag nennt sich Palominio. Sie ist ein Trakehner. Aluminische Pferde sind eng mit ihrem Reiter verbunden. Ich stehe auf und schlinge meine Arme um ihren Hals. Sie gibt ein entspanntes, weiches Schnauben von sich. Ihre Wärme ist tröstend. Tiere sind ehrlicher, als jede Fee oder Elfe. „Danke, meine Hübsche.“, flüstere ich und lasse meine Wange auf ihrem Fell ruhen.
„Hältst du es für richtig mitten auf Elwena dein Pferd zu streicheln?“ Lucian. Er hat gerade noch gefehlt.
„Lass mich in Ruhe.“
„Ich bin nicht hier, um dich zu ärgern.“
„Ach, nein?“, frage ich ungläubig. Er ist der letzte, bei dem es mich kümmern würde, ob er daran beteiligt ist.
„Nein. Ich weiß, wieso du traurig bist. Avian hat sich daneben benommen. Du allerdings auch und nun schwankst du. “ Ich signalisiere Fee, dass ich weg möchte. Sie reagiert sofort und lässt mich aufsitzen.
„Woher weißt du es?“
„Ihr wart vom Fenster aus nicht zu übersehen.“
„Du beobachtest mich vom Fenster aus?“ Gruselig. Er belächelt meinen Gesichtsausdruck und schaut zu mir herauf.
„Ich habe euch nicht nachspioniert. Ich saß auf Panasch und bin per Zufall an dem Fenster vorbeigeritten. Du hast ihm Vorwürfe gemacht, er hat ergründet woher sie kommen und als er fertig war, seid ihr beide unsicher gewesen, ob ihr richtig liegt. Er hat dich ziemlich unfreundlich weggeschickt. Da wurde ich aufmerksam.“
„Und jetzt findest du keine andere Beschäftigung, als über mich zu spotten? Darauf kann ich verzichten.“ Sein Blick wird ernst.
„Ich würde dich nie mit dieser Art des Kummers aufziehen.“ Kein sarkastischer Unterton ist herauszuhören. Seine Aura ist blau gefärbt. Loyal, kreativ, mitfühlend, liebenswürdig. Aber auch launisch. Seine Worte sind aufrichtig. Trotzdem fühlt es sich falsch an einem Elf zu vertrauen.
„Darf ich fragen aus welchem Grund?“
„Ich war einmal in einer vergleichbaren Situation. Es ging mir dreckig. Er bedeutet dir viel, nicht wahr?“
„Das geht dich nichts an.“ Meine Gedanken gehören mir, meine Handlungen nicht.
„Also, ja. Was empfindest du für ihn?“
„Bei unserem letzten Treffen, warst du ausgesprochen unfreundlich zu mir. Verzeih mir, wenn ich dir das nicht erzähle.“
„Ich kenne das Gefühl, du kannst mir glauben. Mit dem Unterschied, dass du am Leben bist.“ Alisa muss gestorben sein. Es hätte mich interessiert, wer sie ist oder besser war. Sie hätte mir eventuell sagen können, ob meiner Familie zu trauen ist. Sie ist deine Familie, es sollte selbstverständlich sein ihnen zu glauben.
„Und? Bringt mich das weiter?“
„Nein. Das ist es ja. Er hat Macht über dich und deine Gefühle, dabei stehst du unter keinem Zauber.“
Ich antworte nicht. Stattdessen starre ich auf Fees Mähne.
„Kommt es dir vor, als wären seine Worte Schüsse, die direkt auf dein Herz abzielen? Und wie selbstverständlich treffen? Mir taten ihre Worte weh. Sie hatte mich aufgebaut nur um mich umzustoßen.“
„Es fühlt sich an, wie gezielte Messerstiche.“
„Ich kenne es. Ich dachte immer es ginge nur Elfen so.“
„Überhaupt nicht.“
„Anscheinend ist dem nicht so. Ich lag falsch.“
„Ja. Woher weißt du all das?“
„Weil ich dort war, wo du bist.Und ich den Schmerz gespürt habe zu verlieren, wer man ist, wenn man an seinem Umfeld und den Personen, die man liebt zu zweifeln beginnt.“
„Das ist alles? Ein größeres Geheimnis ist es nicht? Mir reicht's.“ Ich lasse Fee loslaufen, da höre ich ihn hinter mir. Was tue ich hier nur?
„Dann verrate ich dir noch was.“ Aus irgendeinem Grund genervt, sehe ich zu ihm.
„Was denn?“
„Du hast mich gerade verletzt.“
„Du?“, ist alles, was rauskommt, so erstaunt bin ich über seinen Satz.
„Ja und nun reite nach Aluminia. Im Àvriobaum befindet sich ein Portal. Ich halte es für dich geöffnet.“ Endlich weg von ihm. Nein! Er sieht unglücklich aus, ich kann nicht gehen. Und tue es dennoch.
„Lia! Ich habe mich unmöglich benommen, aber ich weiß nicht, was man einer Fee sagen muss, damit sie mir verzeiht. Es … es tut mir leid. Alles.“ Er hat sich entschuldigt. Ihm und seinen Brüdern sollte ich vertrauen. Nicht diesem fremden Wesen. Hat sie etwas mit Felicias Tod zu tun? Nicht schon wieder. Ich fasse mir ein Herz und verbanne die Beschuldigungen an die Elfenprinzen aus meinen Gedanken. Sie sind falsch. Ich nicke.
„Entschuldigung angenommen.“, setze ich nach. Ich steige ab und bleibe vor ihm stehen. Er spricht kein Wort. Ich umarme ihn dankbar. Er erwidert sie.
„Bis irgendwann.“, bin ich es diesmal, die sich unzureichend verabschiedet. Wieder sitze ich auf. Als ich schon ein Stück geritten bin, höre ich seinen Gedanken.
Bitte tue meinem Bruder nicht weh.

LUCIAN
Ich beobachte die beiden vom Fenster aus. Panasch steht ruhig da, sodass ich mir um ihn keine Gedanken machen muss. Ich bin per Zufall hier vorbeigekommen. Hellhörig wurde ich, nachdem ich mitkriegte, dass sie sich stritten. In mir keimt die Hoffnung, dass er sie endlich aus seinem Leben verbannt und ich wieder meine Ruhe vor Feen habe.
Ein eisiger Ruck durchfährt mich, sowie ich ihre Antwort höre. „Weil du eben ein Elf bist.“ Alisa. Er antwortet schockiert. Unvermittelt empfinde ich keine Genugtuung wegen meiner Bestätigung, sondern Mitgefühl für ihn. Sie bedeutet ihm viel. Das weiß ich. Für richtig halte ich es nicht, aber ich kann nichts gegen seine Gefühle tun. Innerlich kapituliere ich. Es hat keinen Sinn zu versuchen sie vertreiben zu wollen. Weder von Elwena, noch aus dem Herzen meines Bruders. Es ist Zeit ihm zu helfen. Außer sie vertragen sich gleich wieder. Doch nichts dergleichen geschieht. Stattdessen ist Avian bestürzt, was ich nachvollziehen kann. Ich habe nicht gesehen, was er in ihren Erinnerungen gelesen hat, aber es hat etwas damit zu tun, dass Felicia gestorben ist und wir angeblich daran beteiligt wären. Er schickt sie weg, sie weigert sich. Also geht er. Auch das verstehe ich. Er erträgt die Tatsache nicht, dass das Mädchen, welches er liebt, etwas schlechtes in ihm sieht. Das ist meine Gelegenheit ihnen zu beweisen, dass ich nicht ganz so bin, wie ich anfangs auf Lia reagiert habe.
Bis Lia aus dem Raum flüchtet, warte ich. Einen Moment zögere ich, entscheide mich dann für Lia. Rasche führe ich Panasch zur Weide. Nach ein paar missglückten Versuchen sie zu finden, entdecke ich sie seitlich des Schlosses. Ich rede auf sie ein und sie kommt zur Vernunft. Ich tue das für Avian. Denke ich. Vielleicht achte ich sie mehr, als angenommen.
Ich finde meinen Bruder in seinen Zimmern. Er steht am Fenster und umklammert das Fensterbrett. Seltsam, wie ähnlich sich unsere Situationen sind. Ich klopfe an, wobei er herumfährt. Ich bin nur nicht Lia.
„Lucian, ich will kein Wort davon hören, dass du „es mir von Anfang an gesagt hast“.“ Wieso denken alle ich würde ihre Niederlage genießen? Naja, mein Verhalten war nicht sehr höflich.
„Keine Sorge.“ Kopfschüttelnd setzt er sich aufs Sofa. Ich meine es ernst. Nicht spottend. „Du kannst mir glauben.“ Wirklich. Ganz echt., will ich ihm versichern, doch ich lasse es. Er sieht fertig aus.
„Na dann.“
„Avian.“ Ratlos reibe ich mir übers Gesicht. „Ich bin dein Bruder. Falls es dich interessiert, ich habe mich gerade friedlich mit ihr unterhalten.“ Er sitzt vornübergebeugt und stützt seine Hände auf den Knien.
„Und was willst du tun?“ Was soll ich tun? Was kann ich tun? Das schlimmste: Was muss ich tun? Modalverben seien verflucht!
„Ich weiß nicht. Dir … helfen, zuhören oder so was?“ Ich habe keine Ahnung. Er anscheinend schon, denn er fängt an in unverständlichen Sätzen zu erzählen, die für mich nur teilweise Sinn ergeben. Hilfe!, meldet sich mein Zeitverlust, aufgrund der Tatsache, dass der Ball ansteht. Aber ich diskutiere nicht mit ihm. Für ihn beschränkt sich mein Dasein vorerst auf ein Paar zuhörende Ohren und zwei mitleidvolle Augen. Nach wenigen Minuten endet er. Ich kann nicht anders, als zu seufzen. Er macht dasselbe durch, wie ich. Und er wirkt genauso wütend und doch verzweifelt wegen ihr, wie ich wegen Alisa.
„Lucian, du erzählst es niemandem, ja?“
„Nein. Warum sollte ich euer Geheimnis verraten?“
„Ich … , ach so. Nein es geht nicht um Lia. Es geht um … mich. Ich will nicht, dass jemand weiß, wie ich für sie fühle.“ Nicht mal Nico? Der Gedanke kommt mir aus meiner Irritation heraus völlig unkontrolliert. Er wird ihn hören.
„Es liegt nicht an ihm. Ich komme mir nur so schwach vor, hier alles zu erzählen.“ Wütend tritt er mit der Ferse gegen das Sofa. Er verdeckt mit seinen Händen sein Gesicht und scheint nachzudenken. Ich bin nicht gut mit Gefühlen. Definitiv nicht. Er atmet tief ein. Ich muss es fragen.
„Was bedeutet sie dir? Was siehst du in ihr?“
„Ich … sie ist nur eine Freundin.“
„Das glaubst du doch wohl selbst nicht.“ Mir seine Probleme offenbaren und jetzt alles leugnen.
„Nein.“
„Also?“
„Sie ist das wunderschönste Wesen, das ich jemals gesehen habe. Sie ist wie … meine Fee.“ Ja, ich verstehe, warum er will, dass es unter uns bleibt.
„Such' in der Nähe des Portals nach ihr. Wenn du Glück hast, ist sie noch da.“ Er nickt zaghaft und verlässt seine Zimmer.

LIA
Fee galoppiert über die Wege Elwenas. Das Àvrioportal liegt nicht weit entfernt. Kurz davor verlangsame ich unseren Ritt und steige ab. Wir stehen jetzt vorm Portal. Ein paar Mal hat sie schon eines durchschritten, aber ich möchte sie nicht überfordern. Also nehme ich ihr Zügel in meine Hand und will sie langsam hindurchführen. Sie macht keinerlei Anzeichen, dass ihr das Portal nicht geheuer ist. Auf einmal aber bläht sie die Nüstern und wird unruhig. Augenblicklich lass ich vom Portal ab, lockere meinen Griff um ihre Zügel und rede beruhigend auf sie ein. In gewissem Maße zeigt es Wirkung. Warum kriegt sie Angst? Gibt es auf Elwena magische Kreaturen, die mir nicht bekannt sind? Da vernehme ich leises Fauchen hinter einem der Sträucher. Ein Tier also. Kein Grund zur Sorge, wir müssen lediglich durch das Portal. Ich bleibe gefasst. „Komm, Fee. Nur durch das Portal. Es kann uns nicht folgen.“, rede ich auf sie ein. Sie reagiert gut auf meine Worte und wir gehen mehrere Schritte auf das Portal zu. Dann springt ein mittelgroßes „Ding“ aus dem Gebüsch hervor, direkt auf mich zu. Ich stehe mit dem Rücken zu ihm Ehe ich das begreife reißt es mich zu Boden. Durch den Stoß halte ich Fee nicht mehr und sie kriegt Panik. Ohne, dass ich etwas tun kann, jagt sie in den Wald hinein. Das Tier über mir gleicht einer Katze, einer … , nennt man sie Lýnkas? Sie hat ihr Maul weit geöffnet. Auch wenn es ein Tier ist, ich muss mich verteidigen. Mit voller Absicht berühre ich das Ohr und lasse es gefrieren. Entsetztes Jaulen entweicht der Kehle des Tieres und es fängt an zu zappeln. Deswegen mach ich weiter und breite die Kälte bis zur Schläfe der Lýnkas aus. Dann lasse ich es los. Das Wesen ergreift winselnd die Flucht. Das Eis wird in wenigen Minuten tauen. Fee ist verschwunden. Wo könnte sie sein? Ich kenne mich hier nicht aus. Auf der anderen Seite liegt! sie mir sehr am Herzen. Sie zurückzulassen, wenn auch nur auf Zeit, bringe ich nicht übers Herz, zumal mir im Wald niemand begegnen kann. Aber Lucian wird das Portal bald schließen, weil er denkt ich sei hindurch. Wehmütig schaue ich in den Wald. Ich muss gehen, sonst muss ich die Nacht hier draußen alleine auf Elwena verbringen. Ich durchschreite den Übergang in dem Wissen, dass ich meine Fee genauso zurücklasse wie mein Elf mich.

AVIAN
Verzweifelt suche ich den Wald nach Lia ab. Meine Lia. Ich bin zwar immer noch entsetzt, aber vorhin ist es über mich gekommen. Es tut mir unglaublich leid sie vor den Kopf gestoßen zu haben. Lucian hat mir geraten in die Nähe des Àvrioportales zu reiten. Seitdem durchkreuze ich den Àvriowald, um sie zu finden. Sie ist mir wichtig. Ich will nicht, dass sie in mir den Elf sieht, sondern ihren Freund. Und eigentlich will ich noch mehr. Seit ich sie bei vernünftigem Tageslicht kennenlernte, verzaubern ihre Augen mich. Wie ihr kompletter Anblick. Traumhaft. Da kommt mir ihr Spitzname in den Sinn. Lia. Lia ist auch ein wesentlicher Bestandteil des Wortes liakáda. Das ist griechisch und steht für Sonnenschein. Ja, sie ist wahrhaft mein Sonnenschein.
Dabei war ich es, der sich in ihr Erinnerungen eingeschlichen hat. Ebenso weiß ich, dass sie falsch liegt. Ich hätte auf sie einreden müssen, anstatt sie in ihrer Unschlüssigkeit alleine zu lassen. Auf einer Lichtung orientiere ich mich. Ich bin in unmittelbarer Umgebung des Portals. Sie müsste hier vorbeigekommen sein. In einiger Entfernung mache ich ein Pferd aus. Es ist ohne Reiter. Ist es Lias? Lässt sie es grasen?
Zuversichtlich lasse ich Nero angaloppieren. Vor Ort bin ich hilflos. Das Pferd beachtet mich nicht weiter, doch ich kann Lia nicht entdecken. Ich steige ab und lasse auch Nero grasen, um mich in Ruhe umzuschauen. „Lia? Lia, bist du hier? Lia?“ Meine Rufe verhallen an den Bäumen. Was ist ihr zugestoßen? Dieses Pferd muss ihres sein. Ich nähere nach und nach dem Tier. Als ich bei ihm ankomme lege ich meine Hand behutsam auf seine Stirn. Ich wirke meine Begabung auf das verängstigte Tier und es löst sich von seiner Anspannung. Es hat eine schmale, weiße Blesse und hochweiße Stiefel an allen vier Beinen. Ein stolzes Tier. „Bist du bereit mir zu helfen? Ich hätte deine Hilfe nötig.“ Sie guckt mich aus klaren Augen an. Ihre Erinnerungen öffnen sich mir vollkommen freiwillig, anders als bei dem Zauber vorhin und offenbaren die nötigen Tatsachen. Lia will das Portal durchgehen, als eine Lýnkas sie anfällt. Das Pferd geht durch. Danach folgen nur ungefährliche Szenen in denen Lias Pferd allmählich zum stehen kommt. Ich weiche erschrocken zurück. Lia. Was ist ihr zugestoßen? Ein eisiger Schauer durchzieht meinen Körper und ich beginne zu zittern. Meine Lia wurde meinetwegen von einem wilden Tier angegriffen und ist fort. Ich lehne mich gegen einen Baum und wünsche mir die anfängliche telepathische Verbindung herbei. Doch da ist nichts. Ich erreiche sie nicht. Ich pfeife nach Nero und sitze auf. Er setzt sich nur widerwillig in Bewegung. Er wird meine Stimmung bemerken. Mit einer Handbewegung erfasse ich die Zügel von dem Pferd und führe es zusammen mit Nero aus dem Wald bis zum Elfenpalast. Der Ball hat begonnen. Irgendwie bringe ich ihn hinter mich und falle ins Bett.

LIA
Die Nacht wiegt schwer auf meinen Schultern. Schuldgefühle plagen mich. Ich schalte meine Nachttischlampe ein und gehe vor meinen Spiegel. Mein Abbild ist das Abbild eines normalen Mädchens, nicht das einer Prinzessin. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich jemanden beschützen kann, vielmehr, dass ich es bin, die im Zweifelsfall gerettet werden müsste. Ratlos begebe ich mich wieder zu Bett und liege wach. Gibt es weitere Fehler, die ich machen kann?
Meine Tür geht auf und ich zucke zusammen. Dann mache ich Karl aus.
„Hallo.“, bergüßt er mich.
„Na, Karl. Dunkel?“ Er räuspert sich verlegen. Also ja.
„Darf ich Licht anmachen?“ Seine Art von Licht kenne ich. Nickend stimme ich zu. Mein Bruder legt seine Hand auf die Wand und alles um uns herum beginnt von innen heraus zu leuchten. Es ist gedämpftes Licht, nicht grell.
„Was gibt’s?“
„Ich wollte mit dir reden. Bis auf abends und zum Essen sehen wir uns kaum.“
„Ich weiß und ich finde es schade.“
„Ich finde es schade, dass du so traurig aussiehst.“
„Ich bin nicht traurig.“ Enttäuscht. Unglaublich enttäuscht. Von mir.
„Du gibst dich aber traurig.“
„Was muss ich sagen, damit mir jemand verzeiht, dem ich Unhaltbares vorgeworfen habe?“
„Entschuldige dich“
„Darauf wäre ich nicht gekommen. Karl … Ich brauche eine echten Rat.“
„Ist es. Ich zum Beispiel könnte dir keine Entschuldigung ausschlagen.“
„Ich glaube, ich dir auch nicht.“
„Schlaf gut, Lia.“
„Träum' was schönes.“
„Wenn du in dem Traum wieder lächelst.“
„Werde ich.“
„Gute Nacht.“ Die Tür schließt sich hinter ihm. Wie groß darf ein Fehler sein, damit eine Person verzeihen kann? Zählen haltlose Beschuldigungen, Naivität und Schwäche zu Dingen, die man entschuldigen kann?
Ich hoffe es, denn sonst habe ich ihn verloren.

AVIAN
Am nächsten Tag führe ich Lias Pferd zusammen mit Nero und Panasch zur Weide. Nero ist gut gelaunt und läuft um mich herum. Er versucht mich zum rumtollen zu bewegen. Ich schüttele den Kopf und wende mich ab. Damit verlasse ich die Wiese und gehe in den Palast.

LIA
Ich öffne die Tür die über mein Zimmer zur Tilemetaforá führt. In Gedanken wähle ich den Elfenpalast und das Portal öffnet sich. Unsanft lande ich auf den Stufen des Palastes. Die Wachen nehmen eine abwartende Stellung ein. Sie beäugen mich kritisch. Ich stehe auf und will durch den Eingang gehen. Die Wachen verschränken ihre Waffen vor mir.
„Wären Sie so freundlich mich durchzulassen? Ich muss zu den Elfenprinzen.“
„Das kann jeder behaupten. Es braucht eine ausdrückliche, königliche Erlaubnis.“
„Und wie soll ich die von hier draußen bekommen?“
„Die Königin gedenkt sich ihr Gäste selbst auszusuchen.“
„Ich will nicht zu Livia, sondern zu den Prinzen.“
„Für sie gilt dasselbe.“ Ach so. Ein königlicher Erlass ist gefordert. Der werte Avian schirmt sich von der Außenwelt und mir ab.
„Das ist Liara. Die Vertraute meines Bruder. Verbreiten Sie diese Information bitte noch einmal unter den Angestellten. Sie darf eintreten, Herr Diátton.“, meldet sich Lucian. Danke.
„Wie Ihr wünscht, Eure königliche Hoheit.“ Sie gewähren mir Einlass, während Lucian mir fragende Blicke zuwirft.
„Gleich“, kündige ich an. Er nickt mit gelber Aura. Optimismus, Glück, Zuversicht.
Er bringt mich in ein geräumiges Zimmer.
„Du suchst deine Fee, oder?“
„Ja. Hast du sie gefunden?“, frage ich hoffnungvoll.
„Früher wäre es undenkbar gewesen einer Fee zu helfen. Nachdem ich sah, wie fertig du warst, hat sich das geändert. Aber, ja, Avian hat sie mitgebracht. Er wollte dich gestern finden, weil er sich entschuldigen möchte.“
„Wo ist sie?“
„Auf der Weide hinterm Schloss. Renne sie nicht gleich um.“, ruft er mir hinterher, denn ich bin schon unterwegs. Meiner Fee geht es gut.

Fee bemerkt meine Anwesenheit sogleich und trabt auf mich zu. Ich gehe froh auf sie zu. Sie beugt ihren Kopf zu mir herunter. Ich schlinge meine Arme um ihren Hals und wünschte es würde nicht nur bei meiner Fee, sondern auch bei meinem Elfen gehen. Dafür waren deine Vorwürfe zu ungehalten, erinnere ich mich.
„Sie liebt dich.“ Ich fahre zusammen. Avian ist hinter mir zu hören. „Ich liebe sie auch.“ Wie dich. Krampfhaft sitze ich auf, darauf bedacht ihm nicht ins Gesicht zu sehen. Er sieht zu mir auf, ehe ich Fee signalisiere loszulaufen. Wieder wende ich mein Gesicht ab, um ihm die Sicht auf meine Traurigkeit zu nehmen. Ich weiß, dass dies unser letztes Treffen gewesen ist. Nur, wie soll ich ihn vergessen? Dennoch läuft sie weiter, wofür ich ihr danke. Wer weiß, ob ich umdrehen würde.
„Lia!“, höre ich erst seine Stimme und schließlich seine Schritte hinter mir. „Wir müssen das klären!“, ergänzt er, bevor er bei mir ankommt. Inzwischen haben Fee und ich angehalten.
„Wie denn?“ Mein Verhalten war unverzeihlich.
„Steig ab.“ Langsam löse ich meinen Fuß aus dem rechten Steigbügel, denn er steht links von uns. Als ich dabei bin den Fuß auf den Boden zu setzen, hält er mir seine Hand hin. Er reicht mir im wahrsten Sinne des Wortes die Hand.
„Wie soll es jetzt weitergehen?“, frage ich ihn.
„Es kann nicht weitergehen, wie bisher. Das will und werde ich nicht. Nicht ohne dich.“ Er steht nur einen halben Meter, wenn nicht weniger von mir entfernt.
„Lia, entschuldige mein Verhalten von gestern. Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzen.“
„M-macht nichts. Ich habe dir und dem Rest meiner Familie unmögliche Sachen angehangen. Ich muss mich entschuldigen.“
„Du glaubst nicht, dass ich lüge?“ Ich schaue zur Seite. Zu Fee, die sich neben mich gesellt hat. Sie gibt mir Ruhe und Selbstsicherheit.
„Ich weiß, dass du es ehrlich meinst. Kannst du mir denn …?“ Wie dumm war ich?
„Danke. Und ja, natürlich kann ich.“ Es kommt aus ganzem Herzen. Kurz zögert er, aber dann zieht er mich in seine Arme. Sofort umfängt mich Wärme und das tut in der kühlen Umgebung gut.
„Du bist ja ganz unterkühlt.“ Ich gehe nicht näher auf seine Bemerkung ein. Ich bin zu kalt angezogen. Auf Aluminia ist es wärmer, als hier. Er trägt die richtigen Sachen.
„Lia, du frierst.“ Solange ich bei ihm bin, ist es doch warm genug.
„Ich bin unsterblich. Ich werde nicht krank.“
„Frieren tust du.“
Er löst sich von alleine wieder von mir, sodass ich nicht diejenige bin, die die Umarmung abbricht. Es käme falsch.

AVIAN
Das was mir und Lia passiert ist, lässt mich ahnen, dass es nicht alles war. Diese Frau ist im Besitz mächtiger Magie. Dennoch muss ich wenigstens versuchen Lia vor weiteren Einwirkungen zu bewahren. Ich wurde noch nie selbst manipuliert, ich weiß nicht wie es ist. Mein Wissen basiert auf Büchern. Deshalb belege ich einen Weißgold-Ring mit mehreren Formeln. Meine Magie ist hinterher völlig aufgebraucht. Ich muss nur eine Möglichkeit finden, Lia dazu zu bringen ihn dauerhaft zu tragen.

LIA
Ich glaube nicht länger, was ich vermutet habe. Mir ist es ein Rätsel, wie ich meine sie alle verdächtigen konnte. Diese Frau, dieses Wesen muss mich irgendwie manipuliert haben. Anders kann ich es mir nicht erklären. Es gibt insgesamt so vieles, das ich nicht verstehe oder was es zu lösen gilt. Ich bin unschlüssig, ob ich mit meiner Mutter darüber reden soll.
Nach weiteren Überlegungen beschließe ich mich ihr anzuvertrauen, ohne ihr von Avian zu erzählen. Ich gehe zu ihr und erzähle stockend von den Geschehnissen der letzten Wochen. Die Wahrheit, die sie mir anschließend offenbart ist niederschmetternd. Ich muss sie … Nein, ich darf sie ihm nicht erzählen, solange ich mir nicht vollkommen sicher bin.

12. Kapitel

LIA
Ich schalte den Bildschirm ein und muss auf eine zerstörte Siedlung blicken.
„Karl, wo ist das geschehen?“
„Elwena. Schlimm, oder? Das wünsche ich nicht mal einer Elfe.“
„Gibt es Tote?“
„Nein. Die Elfen wurden rechtzeitig evakuiert. Doch die kleine Waldsiedlung ist hinüber.“
„Wer hilft den Elfen denn nun?“
„Avian und Lucian waren dort in der Nähe. Wahrscheinlich haben sie davon Wind bekommen.“ Avian? Lass ihm nichts zugestoßen sein. Ich muss es wissen.
„Wind bekommen. Sehr treffend. Es ist das Werk von einem der elwenischen Stürme,oder?“
„Wie recht du hast.“
„Ich muss los.“
„Wohin, Lia?“
„Zu Mira. Ich will mit ihr in die Stadt.“ Wie leicht mir inzwischen die Lügen über die Lippen kommen.
„Habt Spaß.“
„Werden wir.“ Ich winke ihm und gehe zur Tilemetaforá. Ich wähle die verwüstete Lichtung als Ziel.
Das magische Hilfsmittel teleportiert mich inmitten eines Waldes in die Nähe der Lichtung. Ich höre keine Stimmen. Wobei. Ist das da hinten Weinen? Ich folge dem Geräusch und stoße auf einen kleinen Jungen. Er sitzt auf dem Boden und ist verletzt. Augenblicklich hocke ich mich neben ihn und beginne ihn zu heilen. Die Wunden schließen sich und der Kleine sieht dankbar zu mir. Er streckt seine Hände nach mir aus und ich nehme ihn auf den Schoß. Hinter mir ertönen Schritte und ich will mich zügig in die Richtung drehen, allerdings sind die Betreffenden schneller. Wenige Sekunden später stehen Avian und Lucian vor mir.
„Immer schleppst du Kinder mit an. Wie die dir gleich vertrauen.“, witzelt Lucian.
„Ist gemütlich.“ Nicht. Der Junge ist zwar nicht schwerer, als jeder andere in seinem Alter, aber er sitzt genau auf meinen Knien.
Avian quittiert Lucians Äußerungen mit einem missbilligendem Blick. Ohne zu zögern hockt sich Avian neben mich, wobei er den kleinen Jungen betrachtet. Der Kleine stößt einen leisen Seufzer aus und schläft weiter. Ich hoffe für ihn, dass seine Eltern in der Nähe sind. Mein Magen zieht sich zusammen. Was wenn nicht? Quatsch. Karl sagte, es gäbe keine Toten.
„Er könnte der vermisste Junge sein.“, merkt Avian wie in Trance an. Einen Moment vergesse ich den Kleinen und mustere Avian. Seine Hände sind schmutzig, genauso wie seine Kleidung. In seinen Haaren hat sich Staub verfangen. Ich greife nach seiner Hand.
„Was ist euch passiert?“
„Wir hörten vom Sturm. Wir sind nicht weit vom Palast entfernt. Also sind wir hergeritten. Wir wurden von den Winden überrascht und kamen nicht ganz ungeschoren davon. Seit heute morgen hatten wir keine Zeit uns umzuziehen.“
„War es heftig?“
„Elwenische Stürme sind nie harmlos.“
„Habt ihr euch verletzt?“
„Lia, wir sind unsterblich.“ Er lächelt mich an, als wäre er amüsiert darüber, dass ich mir Sorgen mache.
„Tut mir leid, wenn ich nicht will, dass es dir schlecht geht.“, sage ich gekränkt.
„Hey, ich meinte es nicht so. Du musst ihn nicht halten, gib ihn mir.“, bietet er an und ich gebe Avian vorsichtig den Jungen.
Der Sturm hat wirklich alles zerstört. Die ganzen ehemals friedlich daliegenden Häuser sind eingestürzt. Was eine Naturgewalt anrichten kann … Wortlos gehe ich zu einem der Trümmerhaufen. Ein altbekannter Schmerz überkommt mich. Es ist diese Art von Schmerzen, die einen nicht direkt betreffen, aber dadurch, dass es alle etwas angeht, eben trotzdem wehtun. Hoffnungslos schweifen meine Augen über die winzige Siedlung. Nichts. Keine farbenfrohe Aura. Nicht mal eine trübe. Oder eine, die ich heilen kann.
„Lia, komm her.“, ruft Avian mir zu. Ich will nicht. Ich werde nicht. Sie mögen über die Jahrhunderte ihres ach so unsterblichen Lebens vielleicht einiges zerstört gesehen haben, ich nicht. Mich lässt die Folge des Sturms nicht kalt. Er muss den Jungen an Lucian gegeben haben, denn er legt seine Hände auf meine Schultern.
„Du kannst nichts für sie tun. Lass es gut sein.“
„Nein. Ich werde es nicht hinnehmen.“
„Komm mit, Lia. Die anderen Elfen sind bereits zum helfen auf dem Weg. Sie werden das Chaos beseitigen.“
„Du willst deine Elfen die Drecksarbeit machen lassen? Du bist der Kronprinz, zudem anwesend.“
„Niemanden ist geholfen, wenn ich im Weg rumstehe.“
„Dann hilf ihnen.“
„Und wie das?“
„Du hast zwei Arme und zwei Beine. Die sind ausreichend, um die Elfen beim Aufräumen zu unterstützen.“
„Es ist nicht meine Aufgabe … “
„Das ist es sehr wohl. Du hilfst deinem Volk. Heute.“ Er sieht mich entgeistert an.
„Ich muss im Palast genug regeln.“ Ich kann auch anders. Ich muss nicht freundlich argumentieren. Ich kann ihn zwingen, das weiß ich. Meine Abweisung, er solle nie wieder kommen hat ihn bereits einmal getroffen.
„Keine Widerrede, Avian. Du wirst hierbleiben.“
„Sei nicht unvernünftig. Wir gehen jetzt zum Schloss.“ Damit will er meine Hand nehmen. Doch ich schlage aus.
„Wenn du gehst, war dies unser letztes Gespräch.“
„Nicht dein Ernst. Lia. Du kamst mir schon einmal mit dieser „Lass mich in Ruhe“-Laune.“
„Allerdings lag der Fehler damals bei mir. Die Bedingungen sind völlig andere, denn heute liegt der Fehler bei dir.“
„Ach? So sieht das also die werte Fee. Ich bin der Böse. Lass mich raten. Weil ich eben ein Elf bin?“
„Nein!“, fahre ich alarmiert zusammen.
„Warum sollte ich dann bleiben?“
„Weil ich … “ … dich nicht verlieren will.
„Lia.“ Genervt sieht er mir in die Augen. Dieses Grün. Bringt mich total aus dem Konzept. Und er ist mitten dabei über meine Ehrlichkeit zu urteilen. Seine Aura verrät es. Während ich also versuche dem wertenden Blick auszuweichen, trifft er eine Entscheidung. Er dreht sich weg und geht. Ohne ein Wort des Abschieds. Einfach so. Bitter sehe ich ihm nach. Ich darf ihn nicht gehen lassen. Deshalb sammele ich mich und lasse unter meinen Füßen eine Eisschicht entstehen, die mich sicher, aber durch die glatte Oberfläche auch schneller, trägt. Ich komme neben ihm an, aber er … er geht weiter. Was für ein Sturkopf! Wütend schließe ich erneut zu ihm auf und stelle mich vor ihn. Endlich kommt er zum stehen.
„Anders überlegt, Lia?“
„Ich will mich nicht mit dir streiten.“
„Ich mich auch nicht, aber du bist viel zu respektlos.“
„Respektlos?“
„Sicher. Denk ein paar Tage zurück. Das waren diese Sätze von wegen, du verachtest mich, weil ich eben ein Elf bin.“
„Ich habe mich ausreichend entschuldigt.“
„Trotzdem kannst du deine Worte nicht aus der Welt schaffen. Sie sind ausgesprochen.“
„Ich kann nichts mehr machen.“
„Das ist es, was ich meine. Du bist immer gleich beleidigt. Nicht gerade die tolerante Fee, die du vorgibst zu sein.“
„Ich weiß nicht, was ich noch machen soll, Avian. Ich dachte wir hätten den Zwischenfall geklärt.“
„Zwischenfall nennst du deinen Sinneswandel? Für mich war es viel mehr.“
„Was mehr? Rede mit mir.“
„Nein. Eine mutige, selbständige und starke Fee kriegt das auch ohne mich hin.“
„Nenn' mich kindisch, naiv oder wie immer du willst. Aber nenn' mich nicht schwach, nur weil ich … “ … Gefühle für dich habe.
„Weißt du warum ich dir nicht geholfen habe, als Lucian dir ein Bein gestellt hat? Ich wollte deine Reaktion auf sein Verhalten beobachten. Wollte sehen, ob du in der Lage bist, mal einzustecken und ruhig zu bleiben. Nein, du musstest meinen Bruder demütigen. Wo ist der Unterschied?“
„Er hatte angefangen.“
„Na und? Schluck' deinen verdammten Stolz runter und komm zur Vernunft.“
„Ich soll immer „vernünftig“ sein! Aber ich verstehe nicht, warum. Was bedeutet vernünftig schon?“
„Manchmal bedeutet „Sei vernünftig“ einfach „Gehorche“ oder „Passe dich an“. Nichts anderes will ich von dir.“
„Ich soll was, bitte?“
„Find' dich damit ab, dass ich älter bin als du. Find' dich damit ab, dass ich recht habe.“
„Lass diesmal mich raten. Weil du ein Elf bist?“
„Nein, Lia! Weil ich mir Sorgen um dich mache, weil ich … “ Er stockt. Und macht mich beinahe verrückt.
„Die Wendung finde ich interessant. Kannst du es mal zu Ende sagen?“
„Siehst du. Da ist es wieder. Du … Ich verliere die Kontrolle und du nutzt es aus.“
„Ich nutze es nicht aus, ich habe dich gefragt, ob du deinen Satz beenden kannst.“
„Sicher! Wo warst du beispielsweise, nachdem du mir diese Vorwürfe gemacht hast? Du warst weg, hast nichts getan!“
„Genau. Ich habe nichts getan! Was ist also dein Problem?“
„Du!“, fährt er mich an und verschränkt die Arme.
„Ich bin das Problem?“
„Natürlich, wer sonst?“
„Du?“ Avian schüttelt den Kopf.
„Du bist unmöglich.“
„Schön. Ich setze noch einen drauf. Bleib hier und hilf den Elfen.“
„Ich … “ Meine Mundwinkel sinken nach unten.
„Ich dachte schon, du würdest mir den Gefallen tun.“
„Meinetwegen. Ich und Lucian helfen. Unter der Voraussetzung, dass du dich raushältst und wir uns vertragen.“
„Wieso raushalten?“
„Es werden an die 15 bis 20 Elfen sein. Es sind mir auf diesem dichten Raum zu viele, als das ich riskieren will, dass du entdeckt wirst.“
„Du wärst dabei.“
„Auf einmal würdest du hinnehmen, dass ich dir helfe?“
„Möglicherweise.“
„Sehr gut. Trotzdem wirst du nicht mitmachen.“ Resigniert verziehe ich mich an die Seite, wo Lucian mit dem Jungen steht.
„Ihr könnt euch echt streiten. Ich fürchte, ihr überspringt ein paar Schritte. Erst müsst ihr zusammenkommen.“, sagt Lucian. Inzwischen steht Avian umringt von den Elfen und versucht alles zu koordinieren. Mit Erfolg. Sie verteilen sich rasch. Er sucht sich „überraschenderweise“ eine Stelle in meiner Nähe aus.
„Gib mir den Kleinen und geh zu ihm, Lucian.“
„Er ist total friedlich.“ Lucian mustert ihn besorgt.
„Er kommt durch, glaub mir. Seine Aura ist in Ordnung.“
„Wie du meinst. Hier.“ damit gibt er ihn mir. Bei dem plötzlichen Gewicht eines fünf oder sechs Jahre alten Jungen zucke ich zusammen. Lucian dreht sich lächelnd weg und hilft seinem Bruder. Nach ein paar Minuten setze ich mich ungeschickt in Gras. Ich kann ihn nicht die ganze Zeit halten, wie Lucian oder Avian. Die Blicke der beiden haften auf mir. Ich bemerke ihren belustigten Blick, dass ich es nicht durchhalte mit einem Jungen auf dem Arm. Ihre Auren zeugen von derselben Frechheit. Allerdings machen sie weiter. Sie tragen die verschiedenen Materialien geordnet auf die vereinbarten Stapel. Im Sonnenlicht wirken Avians Haare nicht mehr schwarz, sondern dunkelbraun. Ich beobachte die beiden die ganze Zeit über, manchmal sehe ich hinunter zu dem Jungen auf meinem Schoß.
Nach vier Stunden Arbeit in der Sonne lassen sich Avian und Lucian völlig erschöpft neben mir nieder. Lucian legt sich ins Gras, während Avian sich im Schneidersitz nach hinten hin auf seine Hände stützt.
„Nie wieder, Lia. Niemals.“, schnauft Lucian. Ich kann nur lachen.
„Was ist daran witzig?“, hakt Avian beleidigt nach.
„So ging es mir jeden Tag auf Somnium.“
„Kann ich nicht empfehlen.“, wirft Lucian ein.
„Nicht wirklich.“, sagt auch Avian.
„Habt ihr in den letzten Jahrhunderten mal körperlich gearbeitet?“ Nicht zu glauben.
„Nicht auf diese Weise.“, setzt Avian nach, als er sich angeekelt Staub aus der Stirn wischt. Die zwei sehen endgültig geschafft aus. Die Kleidung hat gelitten und auch ihre Hände und ihr Gesicht sind staubig. Ihre Haare sind zerzaust, was mitunter am Sturm vom heutigen Morgen liegen muss. Lucian verteilt es noch weiter, weil er sich mit der Hand durch die Haare fährt. „Echt jetzt?“, entfährt es ihm. Selbst schuld.
„Das ist normal, ihr zwei. Nennt sich Schmutz.“
„Nichts für mich.“, giftet Lucian rum. Avian versucht seine Augen von dem aufgewirbeltem Staub zu befreien. Erfolglos. Da kann ich helfen. Mit einer flüchtigen Handbewegung lasse ich über ihren Köpfen die entsprechende Wassermenge erscheinen. Ob sie es mir sehr übel nehmen? Wie dem auch sein. Von oben aus trifft wohlgemerkt warmes Wasser ihre Haare und Gesichter. Ihre Kleidung schirme ich ab. So gemein bin ich nicht. Beide fahren erschrocken hoch.
„Lia!“, kommt es nahezu zeitgleich aus ihren Mündern. Das war es mir wert.
Völlig kontraproduktiv reibt sich Avian mit der Hand übers Gesicht. Und ist wieder schmutzig.
„Lucian, Avian. Gibt es in der Nähe ein Gewässer?“
„Es gibt einen kleinen See, den Dásossee.“, sagt mir Avian.
„Auf geht’s. Wir geben den Kleinen an eine der Elfen und dann ab Hände waschen. Danach machen wir … “ Avian sieht zu mir. „Danach macht ihr weiter.“ Er nickt zufrieden.
„Nette Idee.“, sagt Lucian. Avian macht sich auf den Weg den Jungen abzugeben und wir anderen zwei raffen uns auf. Als er zurückkommt, machen wir uns auf den Weg. Beim See angekommen ziehe ich meine Ballerinas aus und gehe ins Wasser. Seit heute Morgen ist mir aufgefallen, dass ich wieder mal zu kühl angezogen bin. Das Wasser ist nicht viel wärmer, aber erfrischend. Erst wage ich mich nur bis zu den Knien vor, weil mein Rock sonst nass wird, doch ich entschließe mich meine Wassermagie zu nutzen, um tauchen zu können, ohne dass meine Kleidung in Mitleidenschaft gezogen wird. Mit diesem Vorhaben halte ich die Luft an und rufe meine Magie, die dafür sorgt, dass das Wasser von mir abperlt. Ich spüre zwar nicht das Wasser, aber die von ihm ausgehende Energie, empfängt mich. Ruhig und stetig. Anpassungsfähig an jede Form.
„Lia?“, höre ich den gedämpften Ruf. Ich tauche auf, um ihnen keine Angst zu machen. Meine Tauchzeit kann durch den Abperleffekt, der mir einen kleinen Luftzuschuss gewährt, in die Höhe getrieben werden.
Lucian und Avian stehen noch am Ufer. Völlig trocken gehe ich zu ihnen.
„Was seid ihr für Langweiler? Geht einfach ins Wasser. Dann wird euer armer Hosensaum eben nass.“
„Du hast gut reden.“, beschwert sich Avian.
„Ich könnte meine Sachen mit Feuermagie trocknen.“, überlegt Lucian. Damit ist auch er überzeugt und geht tiefer ins Wasser. Avian wartet skeptisch. Ein Blick nach hinten verrät mir, dass Lucian abgelenkt ist. Also gehe ich zu Avian und will ihn mitziehen. Er wehrt sich, wodurch ich keine Chance habe ihn zum Wasser zu bekommen.

AVIAN
„Was ist mit dir?“, fragt mich Lia.
„Lass mal.“
„Aber warum?“ Sie wirft mir ein Lächeln zu, das nichts gutes für mich bedeutet. Ich weiß, ich werde Sachen machen, von denen ich weiß ich sollte sie lieber lassen. So wirkt sie immer auf mich. Lucian wirft mir einen amüsierten Blick zu.
Bruderherz, so kommst du nie weiter., kommentiert er in Gedanken.
Ich kann doch nicht auf sie zugehen und sagen: „Du, Lia, ich glaube, ich liebe dich. Der, der eigentlich dein schlimmster Feind sein sollte.“, gebe ich zurück. Er bahnt sich seinen Weg zu uns.
„Er ist ein Sturkopf. Du müsstest ihm etwas anbieten, was es wert ist, dass er nass wird.“, ruft Lucian.
„Ich kann die Wassermagie auf dich aufteilen wenn du meine Hand nimmst. Dann bleibst du trocken.“, bietet sie mir an. Darum geht es mir nicht. Sie wäre mir so nah.
„Es muss etwas ein, was er noch nicht kennt.“ Worauf will er hinaus?
Lucian? Mach keinen Unsinn., ermahne ich ihn.
Wer sagt denn, dass ich nicht weiß, dass es ihr auch gefallen würde?, antwortet er. Zuerst einmal: ich.
„Und das wäre?“, fragt Lia.
„Ich glaube, er hat noch nie eine Fee geküsst.“, geht er aufs ganze. Wenn er nicht unsterblich wäre und ich eine passende Formel kennen würde, ich würde mich schwertun es zurückzuhalten. Lia starrt ihn fassungslos an. „Auf die Wange.“, ergänzt er schmunzelnd wegen unseren Gesichtsausdrücken. Ehe ich mich versehe, gibt mir Lia wirklich einen Kuss auf die Wange. Aufregung macht sich in mir breit, ich kann mich noch davon abhalten ihr Gesicht zu umfassen und sie richtig zu küssen. Ihr schießt Röte ins Gesicht und sie greift nach meiner Hand.

LIA
Er lässt sich von mir ins Wasser begleiten. Hand in Hand ziehe ich ihn immer weiter hinein bis das Wasser mir bis zu den Schultern geht. Dann gehe ich unter Wasser, Avian gezwungenermaßen ebenfalls. Mit ein paar Schwimmbewegungen gelangen wir mehr zur Mitte des Sees. Der Untergrund ist bestimmt einen Meter unter uns, aber ausmachbar. Er blinzelt angestrengt bis er bemerkt, dass das Wasser ihn nicht erreicht. Die dünne Luftschicht folgt jeder seiner Bewegungen. Mit einem Handzeichen erzeuge ich eine Druckwelle im Wasser, die kräftig genug ist, damit Avian mit mir zum Grund taucht. Überrascht sucht er nach meiner anderen Hand, die ich ihm hinhalte. Er hat keine Kontrolle mehr, weil wir kopfüber zur Wasseroberfläche stehen. Ich hingegen bin wortwörtlich in meinem Element. Dementsprechend finde ich mich zurecht. Es ist, als würde ich schweben. Meine Elementmagie hilft mir den üblichen Druck des Wassers zu regulieren und erlaubt mir, mich nahezu ohne Einschränkung „hinzustellen“, wie ich will ohne fortgetrieben zu werden.
Ich zähle ganz bewusst das erste Einatmen mit. Bis zu drei Mal ist es möglich, durch die dünne Luftschicht. Er scheint es nicht zu registrieren und denkt, ihm gehe die Luft aus. Hektisch sieht er mich an, will mich nach oben ziehen. Ich suche seinen Augenkontakt und deute auf den Boden. In den Sand schreibe ich in lesbaren Buchstaben ATMEN. Er ergänzt ein Fragezeichen. Ich schreibe ein Häkchen dahinter. Er atmet langsam ein. Fasziniert lächelt er. Klar. Kann ja nicht jeder von sich behaupten unter Wasser zu atmen. Mit einer zweiten Druckwelle zeigen unsere Köpfe wieder Richtung Oberfläche. Ich stoße mich am Boden ab und tauche auf. Er folgt. Beim Auftauchen holt er tief Luft. Überwältigt sieht er mir ins Gesicht.
„Wahnsinn.“
„Wassermagie.“
„Wirklich?“
„Wahr.“
„Wie?“
„Wassermagie.“
„Lassen wir das. Es ist magisch, dagegen lässt sich nichts sagen. Wo mir normalerweise die Luft zum Atmen fehlt, kann ich klarer sehen und atmen. Dank dir.“ Meint er es im übertragenem Sinne oder so wie er es sagt? Beides?
„Gern geschehen?“
„Ich glaube, Wasser ist kein Künstler darin etwas auf die Schnelle zu verändern. Es braucht lange bis etwas durch Wasser geformt wird. Aber so ruhig und friedlich es scheint, es kommt gegen alles an und vergeht nie. Wie du.“ Die letzten beiden Worte sind kaum zu hören. Bei ihrem Aussprechen wirkt er so schüchtern wie selten. Es ist schwer, ihn nicht anzustarren, er sieht unglaublich gut aus. Ein weiteres Klischee über Elfen und doch … bei ihm so wahr.
„Dankeschön.“, bringe ich gerührt hervor. Mehr fällt mir nicht ein.
„Ebenfalls gern geschehen.“
„Kommt ihr nochmal raus?“, ruft Lucian uns plötzlich. In seiner Aura sehe ich die gute Laune, denn die Farbe ist fröhlich und aufgeweckt. Ich versichere mich, dass ich Avian fest genug an der Hand halte. „Ich habe keine Lust den Weg mühsam einhändig zu schwimmen. Halt' dich fest.“ Damit verursache ich die dritte Druckwelle heute und wir werden vom Wasser getragen. Am Ufer lasse ich seine Hand los. Sie ist trocken. Wie versprochen.
„Hier sind wir.“
„Wurde Zeit.“
„Warum?“ So spät ist es nicht.
„Ich hatte Langeweile.“
„Du Elf.“
„Ich Elf, du Fee. Gleichwertig.“ Plötzlich fängt er an zu grinsen. Nichtsahnend packt mich Avian. Ehe ich begreife bin ich in seinen Armen und werde zum See getragen. Er setzt an ins Wasser zu gehen.
„Avian! Bleib weg vom Wasser!“
„Das hast du davon uns mit Wasser zu überschütten.“, meint er mit süffisantem Lächeln und geht tiefer hinein, lässt mich aber nicht herunter. Halb aus „Angst“ in das kalte Wasser zu tauchen und halb weil ich nicht von ihm weg will, klammere ich mich an ihn. Genau das scheint es zu sein, was ihn irritiert, denn nun ruhen seine Augen auf mir.
„Was ist, Lia?“, fragt er mich.
„Ich weiß es nicht.“, antworte ich ehrlich. Ich weiß nicht, was er mit mir macht.

AVIAN
Warum reagiert sie so? Auf mich … Ich suche ihre Nähe, weil mir diese Fee so viel bedeutet …
Könnte … ? Die verschiedensten Situationen kommen mir in den Sinn.
Ich fühle mich wohl.
Umwerfend
Aus der Nähe sieht er noch besser aus.
Ich habe dich vermisst.
Was ist dir passiert?
Wieso habe ich das Gefühl dich eine halbe Ewigkeit zu kennen?
Ich mag dich. Sehr.
Alles Dinge, die sie gesagt hat. Die Jacke, die erste Umarmung, die Tänze, ihr Vertrauen, ihre Reaktion auf mich, der Wangenkuss. Wenn ich sie anlächle. Sie wurde rot. Ist nach einem Monat von sich aus wiedergekommen. Wegen mir. Sie war so oft auf Elwena. Hat Regeln, Gesetze gebrochen. Wegen mir. Wie ich. Ich, um ihr nah zu sein. Sie, um … mir nah zu sein … ? Es gibt keinen anderen logischen Grund. Diese Fee … Der Spiegel in Somnium. Wen sollen Feen dort sehen? Sie wurde auf dem Ball verlegen wegen dem Thema. Könnte sie … ? Sie ist … in mich … verliebt? Mich?!
Da liegt mehr in ihren Augen.
„Lia, ich habe eine Frage und ich würde dich bitten sie mir ehrlich zu beantworten.“ Lia nickt. „Hast du … Bist du … also, empfindest du etwas für …“ Ich schließe die Augen und schlucke. „Mich?“

13. Kapitel

LIA
Mein Atem rast und sein Blick wirkt verzweifelt … nein, es ist etwas anderes. Aber was? Ich bin ungefähr so ahnungslos wie ein Kind. Ich habe keinen Schimmer von den Gefühlen für ihn. Etwas steht zwischen uns. Wir ertragen es beide nicht. Ich kralle mich erneut in sein Oberteil und überlege fieberhaft.
„Du solltest mir antworten“, stellt er nüchtern fest.
„Ich sollte … “ Ich schließe meine Augen. „Aber ich werde nicht.“
„Was willst du sagen?“
„Das gleiche, wie jede andere verfluchte, dumme Elfe! Zumindest würde ich das, aber ich … kann es nicht.“
„So denkst du über mich? Verflucht und dumm?“
„Nein, nicht du. Sie. Sie alle da draußen. Jede Elfe würde dir ohne Probleme ihre Gefühle für dich darlegen, aber … “ Ich breche ab. „Ich bin nicht, wie sie!“

AVIAN
Ich schlucke mühsam. Und nochmal nehme ich „Anlauf“ für die entscheidenden Worte. Stattdessen kann ich nur eine Frage nach der anderen stellen. Und ich merke, wie ich sie dadurch immer nervöser mache. In Gedanken kommen mir die richtigen Worte von selbst.
Du bist mir unglaublich wichtig. Ich kann dir nicht versprechen, dass alles immer perfekt sein wird, aber ich glaube dass , solange ich dich an meiner Seite weiß, nichts so tragisch ist, dass es nicht irgendwann besser, leichter oder sogar gut wird. Ich kann dich ebenso wenig vor allem möglichem beschützen, doch es gibt nichts was ich lieber täte. Ich liebe dich.
„Ich weiß.“ Wie dumm bin ich? Ich sage allen ernstes „ich weiß“. Es ist sicher. Ich bin unfähig. Dass ich schon viel zu vielen Mädchen regelrecht den Kopf verdreht habe, scheint im Augenblick absolut unrealistisch. Ich setze sie ab, damit sie selbst entscheiden kann.
„Weißt du, was viel schlimmer ist, als deine Abweisung? Die Tatsache, dass du es mir nicht ins Gesicht sagen kannst.“ Sie fährt sich über die Augen. Wieder verletze ich sie.
„Nein. Du hast vollkommen recht. Verflucht und dumm oder verflucht dumm. Ich bin so.“ Wie konnte ich bloß glauben, ihr würde es wie mir gehen? Wie konnte ich?
Fassungslos sieht Lia zu mir. Es ist förmlich zu spüren, wie unbegreiflich ihr meine Worte sind. Wie sie allmählich versteht, welche Bedeutung mein Eingeständnis hat. Sie schüttelt kaum merklich den Kopf. „Könntest du es wiederholen, damit ich weiß, mich nicht verhört zu haben?“ Fieberhaft überlege ich, wie ich dem Folgenden entkommen kann. Warum habe ich es ihr gesagt? Was dachte ich mir bloß? Nervös fahre ich mir durch die Haare.
„Weißt du, ich bin … ich habe … Vergiss es. Aus meinem Mund kommt ausschließlich Schwachsinn.“, lenke ich mutlos ab.
„Ich habe dir gesagt, dass das nicht für dich gilt.“
„Doch. Aber erst seit du in mein Leben getreten bist und alles durcheinander gebracht hast. Seitdem spreche ich wirres Zeug und fasele ausgemachten Unsinn.“
„Larina hat … “ Sie beißt sich auf die Unterlippe. Leider hat sie mit dem Thema angefangen. Larina … Ich dachte, sie würde noch viele Jahrzehnte leben. Mir helfen. Ich drehe mich weg, will nicht, dass sie die aufkommenden Tränen sieht. Sie muss mich nicht auch noch weinen sehen. Sie dreht mich an der Schulter zu sich und forscht in meinem Gesicht. Ihre Augen lassen nicht von meinen ab und sie wirkt ihre Heilmagie auf mich. Ich lasse es zu, lasse es endlich zu, dass sie mir hilft. Und überwinde mich zu den Worten.
„Ich weiß, dass du nicht wie wir, eine Elfe, bist. Ich weiß, dass du anders denkst, als wir. Dennoch sind meine Gefühle für dich real. Das waren sie immer, auch als du weg warst.“
„Gefühle? Für mich?“
„Ist das nicht offensichtlich? Lia … Die ganze Zeit seit ich dich kenne.“ Schweigen. „Es tut mir leid. Ich wünschte, ich könnte dich damit verschonen, aber es ist unmöglich.“
„JWarum hast du es mir nicht viel früher erzählt?“
„Ich weiß es nicht.“ Ich fahre durch ihre Haare. „Das was ich dir damit antue, tut mir so leid. Was musst du nur von mir denken?“ Meine Hand wandert zu ihrer Wange, doch ich ziehe sie zurück. „Entschuldige, ich wollte dich nicht bedrängen.“, setze ich nach.
Lia hält meine Hand fest.
„Tust du nicht, hast du nie.“, sagt sie schüchtern. Wie … ? „Weißt du wie lange es mir so geht? Wie lange ich mich gefragt habe, ob es falsch ist in dich verliebt zu sein? Oder später auch, ob es falsch ist dich zu … lieben?“ Mein Blick wandert über sie, ich richte mich auf.
„Für mich bist du die Eine. Mit dir bin ich mir das erste Mal absolut sicher.“ Sie fängt an überglücklich zu lächeln. „Du liebst mich, obwohl ich ein Elf bin?“, frage ich durcheinander.
„Hier bei dir ist es richtig.“
„Wir schaffen das. Du bist die Feenprinzessin und ich der Elfenprinz, irgendwas müssen wir damit erreichen können. Wenn du mir wirklich vertraust, dann bitte ich dich nur um eines …“ Kurz halte ich inne, um mit „Emfanízontai“ den Weißgold-Ring erscheinen zu lassen.
Wohl wissend, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, hebe ich ihre Hand an und stecke ihr ihn an den Finger. Er soll sie nicht nur an mich erinnern, sondern auch schützen. Ich habe ihn mit einem Zauber belegt, der Manipulationen jedweder Art abwehrt und sie für den Fall, das es soweit kommt vor dem Tod schützt. Er wirkt heilend und für ein einziges Mal auch wiederbelebend. Außerdem ermöglicht er ihr eine Art telepathische Verbindung zu mir, wie sie zwischen Elfen existiert, damit ich mitbekommen kann, wenn es ihr schlecht geht. Doch er funktioniert nur solange sie nichts von seinen Kräften weiß. Würde ich ihr davon erzählen oder auch nur von einzelnen, würden Teile seiner Magie verblassen. Einen Moment lang, mustert sie ihn. „Lege ihn niemals ab.“
„Versprochen.“ Meine Augen wandern wieder zu ihren Lippen. Sie bemerkt meinen Blick. „Was ist denn?“
„Ich … ich würde dich so gerne … küssen.“ Ein angenehmes Gefühl der Wärme durchfährt mich. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, um endlich … Leicht neige ich meinen Kopf, damit sie es einfacher hat. Ich atme tief ein, bin mir sicher, was jetzt passieren wird. Die klare, elwenische Luft strömt durch meine Lungen. Ihre Lippen sind nah an meinen und ich spüre die Unsicherheit, die von ihr ausgeht. Ich höre ihre sich überschlagenden Gedanken deutlich. Ihre Hand, die sie in meinen Nacken gelegt hatte, fängt an zu zittern. Daraufhin treffen unsere Lippen aufeinander. Beruhigend, magisch. Sie ist es, die mich küsst. Meine wundervolle Fee. Wie oft habe ich genau das herbeigesehnt.
Nach unserem Kuss sehe ich hinunter in ihre Augen, die Augen, die mir die Welt bedeuten.
„Julia, Kronprinzessin Aluminias, ich weiß nicht, was alles geschehen wird, aber hier und heute denke ich, dass Elfen und Feen, wir beide, glücklich sein können. Und ich verspreche dir … Die Zeit, da wir zusammen sein können, wird kommen.“ Während wir im kniehohen Wasser stehen, staunen wir wohl beide darüber, wie wir füreinander empfinden. Ich neige mich zu ihr und will sie wieder küssen, doch ein heftiger Windstoß erfasst Lias Haare, weht sie in Richtung meines Gesichtes. Ich schmunzle. Sogar der Wind verhindert unser Zusammensein. Aber vielleicht ist es gar nicht der Wind. Vielleicht müssen wir statt gegen den Wind zu fliegen lernen mit ihm fliegen.

14. Kapitel

LIA
Ich darf das Elfenschloss ohne weiteres betreten. Die Wachen kennen mich von nun an unter dem Namen Liara und meinen ich sei eine Vertraute von Avian im Bezug auf seine Pflichten als Elfenprinz.
Ich durchschreite die Halle des Vesperum. Gleich dahinter liegt ein langer Flur. Am Ende dieses Ganges biege ich nach rechts ab und komme bald vor seine Zimmer. Ich atme tief durch und klopfe an. Ich höre seine Schritte, wie er auf die Tür zukommt. Er öffnet mir und sieht mich überrascht an. Sofort schlägt es in Freude um.
Seine Räume sind offen gestaltet und wirken hell und freundlich. Ich fühle mich hier drin irgendwie wohl. Vielleicht liegt es an den angenehmen Farben. Sie sind lindgrün und weiß gehalten. Überall kommt durch Fenster Licht herein.
Erst jetzt fällt mein Blick auf ihn. Er trägt ein weißes Hemd, welches er bis unter die Ellenbogen aufgekrempelt trägt. Es steht ihm gut. Ansonsten trägt er eine normale Jeans. Die Sachen passen wie angegossen und die Kleidung ist leger.
Wir unterhalten uns noch über eine Stunde. Plötzlich fällt mir ein, dass ich mich mit Eymi verabredet habe.
„Ich muss los. Tut mir leid.“, beende ich unser Gespräch abrupt. Ich weiß auch nicht, warum mir unsere Verabredung gerade jetzt viel wichtiger ist, als mein weiteres Gespräch mit ihm.
„Wieso?“,fragt er enttäuscht.
„Ich bin mit Eymi verabredet.“, antworte ich schulterzuckend.
„Na dann. Ich will nicht schuld daran sein, dass du zu spät kommst.“, murmelt er. Seine Art mir zu sagen, dass er eigentlich möchte, dass ich bleibe, ist berührend.
„Tut mir wirklich leid.“, wiederhole ich und blicke ihn entschuldigend an. Mich ihm zu nähern traue ich mich nicht.
Ich traue mich nicht, mich ihm zu nähern. Wie verrückt ist das bitte?
„Gute Frage. Habe ich irgendwas gemacht?“
„Nein, nur … Naja … wir sind doch erst seit gestern …“ Ich schlucke.
„Zusammen. Warum sprichst du es nicht aus?“
„E-es liegt nicht an dir.“
„An wem dann? Natürlich an mir. Lia … Wenn dir die Sache nicht ernst ist … Sag es mir, bevor du es Wochen hinauszögerst.“ Panik überkommt mich.
„Nein, wirklich nicht du. Ich bin es. Ich weiß einfach nicht, wie das alles geht.“, gehe ich in die Offensive.

AVIAN
„Du warst noch nie in einer Beziehung?“, interpretiere ich ihren Satz.
„N-nicht wirklich.“
„Warum erzählst du denn so etwas nicht?“
„Es ist mir unangenehm, in Ordnung? Du bist so … und ich bin eher …“
„Das bedeutet doch nichts. Du kannst mir alles sagen. Erst recht, wenn es solche Dinge sind.“
„Für die Zukunft weiß ich's.“
„Auch kein Kuss? Also vor mir?“, frage ich ungläubig nach. Sie ist schon 20. Und so … Fee. Wunderschön und …
Sie schüttelt den Kopf und ich mustere sie. Kaum zu glauben.
„Das gestern war dein erster?“ Sie nickt. Deshalb war sie gestern so unsicher. Als sie meinen Blick bemerkt, schlägt sie die Augen nieder. Vollkommen von ihr eingenommen führe ich meine Hand an ihre Wange. Sie sieht auf, mir direkt in die Augen.
„Verflucht.“ Ich ziehe sie zu mir und küsse sie. Sofort beginne ich ihre Gedanken zu verstehen. Die verschiedensten Fragen schießen ihr durch den Kopf, was mich dazu bringt telepathisch darauf einzugehen.
Lia, es ist alles gut. Alles ist gut. Sie seufzt und klammert sich an mich. Ich kann nicht anders und umfasse ihr Gesicht mit meinen Händen.

LIA
Behutsam löst er sich von mir.
„Soll ich dich nach Aluminia begleiten?“, bietet er an und wir stehen zeitgleich auf. Ganz in seiner Rolle als Elfenprinz, geht er vor und möchte mir die Tür aufhalten. Doch auch wenn er daran immer wieder rüttelt, bleibt sie verschlossen.
„Was soll das?“, entfährt ihm.
„Erlaubt sich Lucian einen Streich?“ Hoffentlich, denn sonst habe ich eine Befürchtung, wem wir das zu verdanken haben.
„Üblicherweise würde ich das vermuten, aber er ist zusammen mit Mutter und Nico auf Elwena unterwegs.“
Ich schmunzele in mich hinein, wegen seinem verlorenem Blick. Seine Augen ruhen auf mir, als er meine Aufheiterung wahrnimmt. „Ich versuche die Tür aufzubekommen, Lia. Du kommst pünktlich, versprochen.“ Er unternimmt einige Versuche, die Tür aufzubrechen, doch sie bleibt, wo sie ist.
„Ich glaube ich habe eine Idee, wie wir hier rauskommen. Bedeutet sie dir was?“
„Die Tür? Es ist eine Tür.“
„Sehr gut.“
Damit trete ich hinter ihn und lege meine Hand auf die Klinke. Dann konzentriere ich mich Kälte und Eis heraufzubeschwören. Sie umkreisen die Türklinke und finden Zugang zu ihr. Ich spüre wie sich das Türschloss weiter und weiter vereist, wie das Eis das einzige ist, woraus die gesamte Tür besteht. Ich nehme auch wahr, wie sie allmählich kalt und kälter wird.
„Wahnsinn … “, höre ich Avians Stimme. Sie ist mein Signal, den Vereisungszauber zu beenden und dazu überzugehen die Tür, nunmehr aus Eis, zerspringen zu lassen. Gleich darauf klirrt es und dann stehe ich vor einem Scherbenhaufen aus Eis.
„Das ist unglaublich.“, staunt er auch darüber.
„Für Feen nicht unbedingt. Lass uns herausfinden, wer sich diesen üblen Scherz erlaubt hat.“, biete ich ihm an. Gerade will ich aus der Tür treten, da rieche ich etwas … Verbranntes.
„Bilde ich mir das ein oder nimmst du diesen Geruch auch wahr?“
Nachdem er eingeatmet hat, fängt er an heftig zu husten. Nach ein paar Sekunden bleibt lediglich ein Räuspern zurück.
„Elfen haben empfindliche Nasen, weißt du.“, erklärt er sein Problem. „Und ja du hast vollkommen recht, es riecht komisch, verkohlt irgendwie.“
„Gehen wir dem am besten als erstes auf den Grund.“, schlage ich vor und er stimmt mir mit einem Nicken zu. Wir schlagen den Weg nach links ein und gerade als wir um die Ecke biegen wollen, fallen mir lodernde Flammen ins Auge. Nein! Kein Feuer! Bitte nicht! Sofort überkommt mich ungezügelte Panik. Deshalb kralle ich meine Finger in Avians Hand.
Er ist hingegen ruhig und bewahrt Fassung. „Wir müssen den Hinterausgang nehmen.“
„Solang' es der schnellste Weg raus ist.“, hauche ich bei dem Gedanken an das Feuer vor uns.

AVIAN
Ich gehe alle Möglichkeiten durch, zügig aus dem Palast zu gelangen. Der Hinterausgang bleibt die beste Idee.
„Ganz ruhig. Ich kenne mein zu Hause. Wir kommen hier raus.“, rede ich mehr auf mich selbst ein, als auf sie. Ich habe auch Angst, nur äußert sie sich nicht in Panik. Inzwischen hält sie meinen Arm umklammert und schaut sich mich aus sorgenvollen Augen an. Feuer passt überhaupt nicht zu ihr. Sie ist zu mitfühlend für dieses wilde, ungezügelte Element. Endlich kommt Bewegung in sie und ich gehe mit ihr an der Hand voraus.
Pausenlos setzten wir unseren Weg fort. Weg vom Feuer. Unverhofft knackt es über uns verdächtig. Da fällt auch schon die Decke über uns zusammen. Sie droht auf Lia zu fallen. Auf den letzten Drücker lege ich meine Arme um sie und reiße sie aus der Gefahrenzone. Die Decke landet schmetternd auf dem Boden, wo sie bis gerade eben stand Ich kann nicht mehr abbremsen und wir prallen gegen die Wand. Wegen der eingestürzten Decke, stehen wir nun, umkreist vom Feuer in meinem brennenden zu Hause. Um ihr ihre Sicht vor den uns umzingelnden Flammen zu nehmen rolle ich uns ab, sodass sie an der Wand steht und ich schützend vor ihr. Mein einer Arm liegt um ihrer Taille, mit dem anderen Unterarm stütze ich mich an der Wand ab. Durcheinander und zugleich gefangen von ihrem Anblick halte ich sie in meinem Arm. Sie lässt die Augen geschlossen.
Ihr seit unsterblich. Ein bisschen Feuer kann euch nichts anhaben. Dennoch überlege ich fieberhaft, auf welche Weise wir uns aus den Flammen retten könnten. Einfach durchs Feuer gehen würde sich Lia bestimmt nicht trauen. „Thalámous“, fällt mir ein und ich erschaffe dadurch eine Art Schutzbarriere. Durchhalten, Lia!
„Ich habe Angst.“, wimmert sie in meinem Arm und ich möchte sie so gerne beschützen. Nur wie? Wie! Ich bin kein Elementarelf und habe keinen Einfluss auf Feuer.
„Lia, komm, ich schaffe das nicht. Nicht ohne dich.“ Sie öffnet die Augen und ich sehe in ihnen, was wir bräuchten. Ihr Element.

LIA
Er bemüht sich mich zu schützen. Er braucht mich auch. Und ich stehe hier herum und lasse mich von meiner Angst lähmen
Ich bin die Fee des Wassers und mitten dabei mich vor Feuer zu verstecken. Das ist durch und durch unlogisch.
Ich verdränge meine Panik und zähle. 1,2 … 3. Es hat mir immer geholfen mich aus dem Klammergriff der Panik zu lösen. Das Feuer „berühren“ könnte schwierig werden, aber mit ein paar Handbewegungen.
Ich stelle mir eine sprudelnde Quelle inmitten einer Wüste vor. Sie läuft über und bringt immer mehr Wasser hervor. Diese Quelle bin ich. Ich lasse das Wasser gewissermaßen aus mir herausströmen. Währenddessen wiederhole ich stets die gleiche Handbewegung des Zeichens der Unendlichkeit. Die liegende acht. Sie soll für die Unerschöpfbarkeit von Wasser stehen. Es bettet sich auf das Feuer und lässt es erlöschen. Von mir aus breite ich den Wasserstrom auf dem Boden weiter aus, indem ich meine Hände seitwärts bewege, sodass er bald über den gesamten Korridor ausgedehnt ist.

AVIAN
Sie schimmert von innen heraus. Fasziniert betrachte ich ihr Werk. Sie hat das Feuer gelöscht.
In mir wächst ein Gefühl der Verbundenheit zu ihr und paralell nimmt der Wunsch, ihr noch näher zu sein, zu. Halte dich zurück!, schreie ich in Gedanken auf. Ehe ich mich aufhalten kann, überwinde ich auch die restliche Distanz zwischen uns und neige meinen Kopf zu ihrem Gesicht. Das darfst du nicht, sie bestimmt das Tempo! Ich bremse mich schnellstens und halte inne. Ich verliere die Kontrolle und verfalle in die Sprache, die die Elfen noch vor etwas mehr, als 400 Jahren gesprochen haben, Xotikó, die Sprache meiner Kindheit. „Mya mìu ári lírium en tousia diastási.“ Meine allerschönste Lilie in der ganzen Dimension. Lilien sind auf Elwena ungefähr so, wie rote Rosen auf Aluminia. Hoffentlich weiß sie nicht, was das bedeutet.
„Was?“, fragt sie erstaunt und schiebt mich von sich.
„Ich meine, ähm, … danke für deine Hilfe.“, stammele ich kleinlaut.
Langsam wirkt es, als realisiere sie, dass alles vorbei ist. „Zum Glück ist das Feuer aus.“, seufzt sie und geht mehrere Schritte auf und ab. Mit jedem wird ihr Gang sicherer, dennoch kann ich den Impuls nicht unterdrücken, ihr meine Hand zu reichen. Seite an Seite ebenen wir uns den Weg zum Haupttor. Wir müssen öfter über irgendwelche verbrannten oder eingestürzten Dinge steigen. Der Palast ist total verwüstet. Wurden wir hier absichtlich eingesperrt und wenn ja, von wem? Wie lange hat das Feuer bereits gebrannt, bevor Lia uns befreit hat? Der Schaden beschränkt sich nämlich nicht nur auf den hinteren Gebäudeteil. Er zieht sich bis zum Eingang hin.
Ich stoße die Eingangstür auf und draußen empfangen uns viele Elfen. Sehr viele. Es sind sicherlich an die 100 oder 150 Stück. Sie müssen das Feuer von außen beobachtet haben.
„Hilfe“, vernehme ich Lias Stimme, halb besorgt, halb lachend. Sie sieht erwartungsvoll zu mir, genau wie die Elfen auf dem Uiriplatz. Was soll ich schon sagen? Mutter ist samt meiner Brüder auf dem Planeten unterwegs. Ihnen drohte keine Gefahr und dass ich wohlauf bin, sehen sie. Vor wenigen Wochen sollte ich die Versammlung führen. Wie jetzt. Ich schlucke und beginne zu sprechen. „Wie Sie alle sehen können geht es mir gut. Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre Sorge um mich. Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Sie allesamt hinter mir stehen bei solchen Themen. Leider kann ich Ihnen noch nicht sagen, warum es zu diesem Feuer kam, aber ich gehe bisher davon aus, dass es sich lediglich um einen Unfall handelte.“ Eine dreiste Lüge. Doch ich will sie nicht unnötig beunruhigen. Aus heiterem Himmel kommt mir eine Idee. Was ist wenn Lia beliebter bei den Elfen werden würde?
„Dass ich jetzt zu Ihnen sprechen kann, habe ich dieser Fee...“ Herzklopfen. Fehler. Fataler Fehler.

MIRA
Achtsam spähe ich hinter der Hauswand hervor. Die Elfenprinzen werden angegriffen, während der Palast lichterloh in Flammen steht. Livia ist dabei zum Palast zu reisen doch Lucian und Nico sind noch hier. Ich würde immer spüren, wenn ihnen etwas zustößt. Der Mond steht hoch am Himmel der Nacht und hat mich mit seinem hellerem Schein als sonst alarmiert. Meine Augen haben die gleiche Farbe, wie der auf Aluminia. Verwaschenes Blaugrau. Er steht in direkter Verbindung mit den Königsfamilien, ebenso mit Lucian und Nico. Ich teleportierte mich hierhin und beobachte die Kampfszene. Sie halten diesem Angreifer mit eigenartigen Kräften nicht mehr lange stand. Anscheinend sind sie geschwächt.

LUCIAN
Es ist schwer ihm nicht nachzugeben. Er ist stark. Beim Angriff auf Julia, hat er sich urplötzlich verzogen, nur so konnten wir den Abend „damals“ retten. Aber jetzt … Wir brauchen Hilfe.

MIRA
Meine Haare und meine Ohren verberge ich mit Hilfe meiner zweiten Gabe Gefühle zu materialisieren. Ich habe ihre Farbe verändert und sie zu einer Art Kranz geflechtet, welcher meine Ohren verdeckt. Lia steht in Kontakt mit den Elfenprinzen. Sie dürften vor einer Fee nicht zurückschrecken. Nicos Schutzbarriere bricht zusammen und es ist mein Aufruf mich ins Geschehen einzumischen. Ich habe keine Angst. Nicht nach der Ausbildung an Somnium. Obwohl Lia keine Chance gegen den Angreifer hatte, bei mir ist es anders. Ich hatte zusätzliche Erfahrungen. Mit sicheren Schritten schnellt mein Mondlicht auf den Angreifer zu. „Lass sie in Ruhe.“, fahre ich ihn an und er schnaubt verächtlich.
„Keinen Schritt weiter.“
„Was dann? Greifst du mich an?“, fauche ich. Die Magie der Nacht und des Mondes pulsiert in meinem Inneren. Mein Element umgibt mich. Ich bin stärker, als er vermutet.
„Dich vernichten.“,entgegnet er.
„Sicherlich nicht.“
„Wieso sollte ich nicht?“
„Unsterbliche tötet man nicht so einfach.“
„Eine Elfe? Unsterblich? Natürlich.“

AVIAN
Hastig blicke ich zu ihr. Sie starrt mich schockiert an.
„...nomenalen Frau neben mir zu verdanken.“ ,versuche ich zu retten, was zu retten ist. Wahnsinnig geschickt. Wirklich super. Plaudere doch gleich aus, was sie ist. Kritisch warte ich auf ihre Reaktion und frage mich, ob sie meinen Patzer bemerken. Danach erhebt sich ein tosender Applaus. Es lösen sich Pfiffe und Jubelrufe aus der Menge. Es dauert bis mir die Erkenntnis kommt, dass er ihr gilt. Sie sind begeistert. Erleichtert lächele ich ihr zu. Meines ist jedoch nichts im Vergleich zu ihrem Strahlen. Sie steckt mich an. Mein Lächeln wird breiter und wird zu einem Grinsen. Ich vergesse die Ansammlung um uns herum und fokussiere mich auf sie. Ich vergesse auch jede Vorsicht und darauf zu achten, dass ihre Ohren verdeckt sind.

MIRA
„Geh, Mädchen.“, kommt es erschöpft aus der Ecke hinter mir von Lucian. Mädchen. Genervt rolle ich mit den Augen und wende ihm den Rücken zu. Lia hat mir von seiner Arroganz erzählt. Wann kam es dazu?
„Nein.“ Mich trifft ein magischer Blitz, doch ich umgebe mich rechtzeitig mit der Aura des Mondes. Sie ist meine größte Kraftquelle. Sie schützt mich vor vielen Zaubern.
„Was ist das?“, entfährt ihm entsetzt. Ich nehme ihn ins Visier und beschwöre meine Magie herauf.
„Ich bin die Fee des Mondes und niemand, wirklich niemand hat das Recht ein Licht im Dunkeln verlöschen zu lassen ohne dass ich es will.“ Damit richte ich meine Magie auf ihn und lasse seine Blitze im Licht meines Mondes verglühen.
„Ich komme wieder.“, droht er, bevor er verschwindet.
„Wer bist du?“, ächzt Nico hinter mir und ich gehe auf die zwei zu.
„Eine Freundin von Lia.“
„Eine Fee also. Kannst du Lucian helfen? Er wurde zwar nicht verletzt, aber sein Element ist erschöpft.“ Ich nehme seine Hand in meine und erfülle ihn mit reiner Heilmagie. Sie durchströmt seinen Körper bis er aufgeladen ist. Er will sich hinstellen, doch ich halte ihn zurück. „Wie heißt du?“, fragt er.
„Das spielt keine Rolle. Solange es dir gut geht.“ Nach Lias Erzählung musste ich ihn sehen. Sehen, was mit ihm passiert ist. Ich fahre über seine Stirn und bringe die durcheinandergeratenen Strähnchen zurück in die Frisur. „Nein, es ist wichtig.“
„Nicht.“ Ich stehe auf. Er tut es mir gleich und nimmt meine Hand, woraufhin er anfängt sie zu mustern. „Lebt wohl.“, verabschiede ich mich von den Elfen und teleportiere mich nach Hause.

LUCIAN
Wer ist sie? Wer? Ihr Name. Es ist bedeutend. Sie kommt mir bekannt vor, kann es nur nicht benennen. Als sie verschwindet bleibe ich fassungslos zurück. An wen erinnert sie mich?

AVIAN
„Ihre Ohren.“, schreit ein älterer Elf unvermittelt außer sich. „Sie ist eine Fee.“, hängt er hintendran. Verfluchte Elfenaugen!
Lias Hand fährt über ihre Haare. Sie verdecken nicht länger ihre Ohren. Wie kam es dazu? Wann? Sie sucht nach meiner Hand, doch ich hole sie einfach zu mir.
„Keine Angst. Es ist in Ordnung. Ich lasse nicht zu, dass sie dir etwas tun.“, sage ich ihr beinahe tonlos.
„Ich weiß. Ich vertraue dir, schon vergessen? Ich vertraue uns.“
Die Zwischenrufe sind längst verebbt und weichen schleichend einer bedrückten Stille. Ein unangenehmes Schweigen legt sich über den Platz. Alle warten angespannt auf eine Reaktion. Eine jugendliche Fee ist es, die die Stille durchbricht.
„Was ändert es schon, dass sie eine Fee ist? Sie hat unserem Prinzen geholfen. Dafür gebührt ihr großer Dank. Es zeigt Ehre. Eine Fee hilft dem Elfenprinzen.“
Erstaunt blicke ich zu ihr. Als sie meinen unverwandten Blick registriert, errötet sie und senkt peinlich berührt den Kopf.
„Sie hat recht.“, rufen andere dazwischen und es verbreitet sich ein zustimmendes Gemurmel. Lia mustert mich prüfend. Ich nicke ihr ermutigend zu und sie entspannt sich offensichtlich. Schließlich erhaschen die Elfen wieder unsere volle Aufmerksamkeit. Es erhebt sich ein neuer Aufschwung an Klatschen. Ziemlich mutig von meinen Untertanen. Ich könnte sie rein theoretisch, wegen Verrats alle verhaften lassen, denn ihr Verhalten unterstützt eine Fee und das ist strenggenommen gegen das Gesetz. Selbst bin ich natürlich nicht viel besser.
„Ich danke euch dafür, dass ihr mir vertraut.“, verkündet sie und die Elfen scheinen losgelöst von ihren banalen Vorurteilen.
Meine liakáda.

LIA
Ihre Schätzung mir gegenüber berührt mich tief. Sie überwinden ihre Vorurteile und handeln endlich wie unvoreingenommene Lebewesen. Meine Feen sollten sich ein Beispiel an ihnen nehmen. Das hier wird schnell die Runde machen. Morgen wird man es überall lesen können. Nur nicht auf Aluminia. Keine Presse wird sich bereiterklären mich, ihre Prinzessin, als Freundin eines Elfs hinzustellen.
Doch etwas anderes beschäftigt mich. Avian hat mir vorhin nach dem Brand etwas gesagt, auf einer Sprache, die ich nicht kenne, geschweige denn verstehe. Wie war der genaue Wortlaut? Angestrengt versuche ich mich zu erinnern, doch Dinge, die einem fremd sind, blendet man schneller aus als bekannte. Spitze. Ich muss es herausfinden.

Aluminia erfährt zu meinem Glück nichts von dem Ereignissen, sie bleiben auf Elwena.
Die Tage vergehen und die Wochen sammeln sich. Die Wahrheit über das Feuer kann ich ihm nicht sagen. Trotzdem verlaufen die Treffen entspannt. Bis zu diesem einen Tag.

15. Kapitel

Eineinhalb Wochen nach dem Brand …

AVIAN
Ich komme leichtfüßig in ihrem Zimmer an. Die Tilemetaforá ist schwer zu kontrollieren. Passt man nicht auf, kann sie einen unsanft an den gewünschten Ort katapultieren. Es braucht Übung. Lia habe ich gestern Bescheid gegeben. Es ist ein spezielles System, welches den Gebrauch von Technik ermöglicht. Früher wäre die Verwendung von Technik undenkbar gewesen, weil die magische Energie die technischen Signale unterband. Inzwischen, das heißt im Laufe der letzten Jahrhunderte, ist es den Wissenschaftlern gelungen, eine Möglichkeit zu finden, das Problem zu umgehen. Glücklicherweise, denn es erleichtert einiges. Ich gehe von hinten zu Lia und schaue ihr kurz dabei zu, wie sie ihre Haare kämmt. Sie setzt dazu an, sich einen Zopf zu machen.
„Lass sie offen, bitte.“, flehe ich hinter ihr. Mit offenen Haaren sieht sie viel mehr, wie eine junge, freie Fee aus.
„Du bist schon hier?“, fragt sie überrascht, schaut zu mir und lächelt. Sie macht einfach weiter mit ihren Haaren.
„Mehr nicht? Keine übertriebene Freude? Nichts?“ Sie lacht auf.
„Eben übertrieben. Warte kurz.“ Sie möchte den Zopf zusammenbinden, aber ich unterbreche sie, indem ich ihre Hände davon nehme. „Bitte, Lia.“ Ihre Haare fallen in den leichten Wellen über ihre Schultern.
„Wie kriegst du es nur hin, mich von meinen Zielen abzubringen?“
„Nichts anderes frage ich mich.“
„Du dich? Von was habe ich dich je abgehalten? Du eher mich.“
„Abgehalten ist so ein großes Wort. Wie wäre es mit überzeugen?“
„Natürlich, du überzeugst mich mit logischen Argumenten.“
„Immer.“
„Manchmal frage ich mich, was passiert, wenn wir erwischt werden.“, erwähnt sie unvermittelt. Lia.
„Nicht jetzt, ja?“ Ich gehe zu ihrem Sofa und sie folgt mir, deshalb ziehe ich sie auf meinen Schoß.
„Wir können uns nicht in alle Ewigkeit heimlich treffen, Avian.“
„Glaub mir, ich kann.“
„Du hörst mir gar nicht zu.“, beschwert sie sich.
„Nein, das tue ich nicht.“ Ich habe nur Augen für sie. Mit einer Hand fahre ich durch ihre Haare.
„Aluminia an Elfenprinz. Wo bist du in Gedanken?“ Weit weg. Viel zu weit, als das sie es verstehen würde.
„Nicht hier.“, antworte ich deshalb knapp.
„Könntest du dann mal vorbeischauen, denn ich möchte das gerne mit dir bereden.“ Sie rückt ein Stück nach hinten.
„Das werden wir sehen.“ Sie setzt an etwas zu sagen, doch ich küsse sie, bevor Dinge über die ich nachdenken muss ihren Mund verlassen können. Ich denke ohnehin zu viel nach. Nicht auch noch in ihrer Nähe. Nicht ich, sie ist zu weit weg. Ich lege meinen Arm um sie und hole sie näher zu mir, trotzdem möchte ich nicht, dass sie sich unwohl fühlt. Ich beende den Kuss und streiche ihre Haare hinters Ohr. „Niavré vila miàni tiú afísei.“ Niemals werde ich dich verlassen.
„Ich weiß bis heute nicht, was dein Satz nach dem Brand bedeutet hat.“
„Dann darfst du ein bisschen weiter raten.“ Irgendwann sage ich es ihr. Sicher. Vorerst setze ich dazu an sie erneut zu küssen, doch sie drückt mich von sich. Verwirrt lasse ich es zu.
„Ich … kann das noch nicht.“
„Was meinst du?“ Ich habe keine Ahnung, wovon sie redet.
„Weiterzugehen.“ Oh. Ich habe nicht mal daran gedacht.
„Ich wollte darauf nicht hinaus, Lia. Ich will nur, dass du dir nicht so viele Sorgen machst, wenigstens wenn wir Zeit für uns haben.“
„Offensichtlich hast du eine andere Vorstellung von „Zeit verbringen“, als ich.“ Sie steht auf. Es ist zum durchdrehen. Immer wenn ich meine wir sind vertrauter, täusche ich mich.
„Dann erkläre mir, was du meinst.“, biete ich ihr an und halte ihr meine Hand hin.
„Du würdest es nicht verstehen.“
„Lass es mich versuchen.“
„Man sagt euch Elfen auf Aluminia nach, ihr wärt nicht lange aneinander interessiert.“
„Seit wann vertraust du den Vorurteilen?“ Komisch.
„Du verhältst dich, wie sie es erzählen.“
„Ach, Lia.“ Meine Fee. Manchmal merkt man ihr ihre erst 20 Lebensjahre doch an.
„Nichts, Lia.“
„Glaubst du tatsächlich, ich gehe das Risiko ein mich mit dir zu treffen oder mich sonst wie um dich zu bemühen, wenn ich nur mit dir …“
„Wer weiß.“ Hat sie wirklich so sehr Angst davor?
„Was befürchtest du?“
„Ich habe Angst, dass du in ein paar Wochen feststellst, die Zeit sei verschwendet gewesen und dich von mir abwendest, weil es dir zu langweilig ist.“ Sie hat ehrliche Angst, ich könnte sie eines Tages verlassen.
„Du bist alles andere, hörst du? Denn weißt du Lia, du bedeutest mir mehr, als einige Wochen es könnten. Die Ewigkeit ist dafür gerade lang genug.“
„Ich konnte es nicht zurückhalten. Tut mir leid.“
„Muss es nicht.“ Für Gefühle muss man sich nicht entschuldigen. Zu keiner Zeit.

LIA
Ich konnte ihm nicht die Wahrheit sagen. Ich kann es nicht. Aber sie lastet auf meinen Schultern. Meine Entschuldigung galt nicht meinem kleinen Gefühlsausbruch, sondern meinen Geheimnissen vor ihm. Er macht alles richtig, während ich auf ganzer Linie versage. Ich gebe ihm das Gefühl, er sei schuld, obwohl eigentlich ich die Verantwortliche bin.

ERIS
Die kleine Fee will wieder mal alles richtig machen. Die Wahrheit. Was weiß sie schon. Auch wenn es stimmt, was ihre Mutter ihr erzählt hat. Dennoch fehlt ihr Wissen darüber, wie weit ich bereit bin zu gehen. Ich habe Felicia getötet. Vor einem Streit schrecke ich sicher nicht zurück. Außerdem muss ich herausfinden, wie manipulierbar die zwei sind. Wie lange sie brauchen, um eine Manipulation von mir zu lösen. Deshalb kontaktiere ich Avian per Telepathie.
Nun, Elfenprinz, deine kleine Freundin verschweigt dir einiges. Willst du sie nicht fragen was? Ist sie womöglich gar nicht so ehrlich, wie du glaubst? Vielleicht hat sie das Wissen, was dir fehlt von dem sie dir vorgeworfen hat, du hättest es? Denke über meine Worte nach und nehme das Folgende, als kleinen Vorgeschmack auf meine Kräfte.
Meine Manipulationen sind nicht steuerbar. Lediglich abzulegen durch wahre Gefühle des Manipulierten. Aufgrund seines Charakters rede ich ihm Wut im Bezug auf das Verschweigen ein, sonst handelt er noch, wie er es eben tun würde. Verständnisvoll., benenne ich angewidert in Gedanken.

AVIAN
Irritiert von der brutalen Telepathie, die dieses Wesen auf mich gewirkt hat, flimmert vor meinen Augen alles. Nach ein paar Sekunden erkenne ich wieder die Konturen meiner Hand und schüttele zur Versicherung, dass alles beim alten ist, den Kopf. Lia kommt auf mich zu und nimmt meine Hände.
„Was ist denn?“
„Alles in …“, bringe ich noch heraus. Dann scheint der Boden zu schwanken und vor meinen Augen dreht sie der Raum. Aus Reflex schließe ich meine Augen, um die verwirrende Sicht zu unterbinden. Lia stützt mich so gut es geht und wirkt ihre Heilmagie auf mich. Doch sie macht alles schlimmer. Das Schwindelgefühl wird bloß stärker durch sie und deshalb löse ich mich abrupt von ihr. Sofort vernehme ich wie durch Watte ihre Schritte , hebe nur abwehrend die Hände. Das betäubende Gefühl in meinen Ohren ist unerträglich, sind sie doch wichtig für Elfen. Orientierungslos ringe ich nach Luft. Eine kühle Hand auf meiner Stirn ruft mich zurück in die Realität. Sie ist es. Wahrscheinlich kann sie wegen ihrer Eismagie ihre Körpertemperatur regulieren.
„Komm zu dir, Avian.“ Mühsam konzentriere ich mich auf sie.
„Gibt es etwas, das ich wissen sollte?“, unterdrücke ich die Wut in meiner Stimme. Woher kommt sie auf einmal?
„Alles gut.“ Sie lügt mich an. Ich kenne sie und ihre Stimme.
„Du sagst mir sofort, was du mir verschweigst!“ Zu heftig. Mein Unterton war zu scharf. Aber warum?
„Wirklich, ich … “ Sie bricht den Satz ab. Wirklich unauffällig.
„Raus damit.“ Schon wieder. Ich habe mich nicht unter Kontrolle.
„Die Frau, die mir vor mehreren Wochen eingeredet hat, ihr wärt schuld, heißt Eris. Sie hat eine Art willenlosen Diener. Er war es, der mich am ersten Abend angriff. Und er war es der wahrscheinlich Larina umbrachte. Dabei war es Eris, die Felicia vernichtet hat, weil die beiden … Schwestern sind. Felicia wurde aus heller, reiner Magie geboren, doch Eris entstand gleichermaßen aus ebenso mächtiger, dunkler Magie. Mutter hat es mir erzählt, nachdem ich ihr von den Vorfällen berichtete.“
„Du hast ihr von uns erzählt?“, frage ich entsetzt und weiche zurück.
„Nein, nur von dem Teil ohne euch.“
„Warum verschweigst du mir solche Sachen?“
„Ich war mir nicht sicher.“ Meine Sicht ist vollkommen klar und ich bin wieder bei mir. Und dennoch treten in mir verschiedene Meinungen gegeneinander an. Die eine versteht meine Reaktion nicht und die andere flüstert mir den ganzen Kram ein.
„Nicht sicher, ob du mir vertrauen kannst?“
„Ob es die Wahrheit wäre.“
„Und da denkst du dir, behältst du Dinge, die uns alle betreffen, einfach für dich?“
„Was sollte ich sonst tun?“
„Mit mir reden!“ Ja! Aber nicht so.
„Hör auf mit mir zur reden wie mit einem Kind.“
„Was sonst? Soll ich gar nicht mit dir reden, es verschweigen, ja?“
„Nein. Es besser machen.“
„Warum sollte ich? Lass es uns doch halten, wie du und Lucian am Anfang. Lass uns ohne Sinn und Verstand 'rumstreiten.“
„Ich will mich nicht mit dir streiten.“ War sie es nicht, die mich um Ehrlichkeit gebeten hat? Ganz am Anfang auf dem Ball? Ihre kindische Art macht mich wütend, vielleicht verstehe ich in dem Moment in dem ich beinahe einen unverzeihlichen Fehler begehe sogar, was ihn gestört hat. Tue ich nicht. Oder?
„Proeido...“, beginne ich. ...poíisi. In diesem Augenblick in dem ich die Zauberformel ansetze, sehe ich in ihr nur eine der vielen, unbelehrbaren Elfen, die meinen, etwas besseres zu sein. Ich schaue geradezu durch sie hindurch. Mein Blick wandert zu ihrer Hand, welche die Türklinke gefunden hat. In ihren Augen steht hilfloses Entsetzen. Und ich erkenne sie wieder. Als Prinzessin, als Fee, als … einfach sie. Gleichzeitig begreife ich, wozu mich diese unerklärliche Wut getrieben hätte. Woher kam sie?, stellt sich mir nochmal dieselbe Frage.
„Lia, es tut mit leid! Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.“, sprudelt es aus mir heraus. Das Gefühl ist verflogen, als hätte es nie existiert. Diese Frau. Diese Frau … Eris. Sie muss das gleiche mit Lia vor ein paar Wochen getan haben. Ebendies erkläre ich ihr in der darauffolgenden halben Stunde. Ich erkläre ihr, was es mit Manipulationen auf sich hat.
„Was willst du machen?“, frage ich sie zum Schluss.
„Ich, wir können nichts tun außer warten.“
„Ich weiß schon was.“
„Ja?“ Ich lache leise.
„Ach, Lia. Ich bin 540 Jahre älter, ich habe meine Erfahrung.“

16. Kapitel

LIA
Avian verabschiedet sich winkend. Er reitet zum Schloss, um über das Portal nach Elwena zu gelangen. Wir haben einen Ausritt gemacht. Ich folge ihm eine Stunde später, denn man darf uns in der Stadt nicht zusammen sehen. Als ich in der Stadt bin stoße ich auf eine Ansammlung von Feen. Auf dem Boden liegt die Zeitung des Tages und das Foto auf dem Titelbild, lässt mich erstarren. Ich steige ab, binde Fee an und hebe die Meldung auf.

Elfenprinz manipuliert Julia

Darunter prangt ein Foto auf dem Avian und ich uns umarmen. Wenn er noch auf Aluminia ist, wird er Schwierigkeiten bekommen, weil jetzt alle wissen, wie er aussieht. Sobald sie ihn in den Dreck ziehen wollen, können sie auf einmal Fotos drucken, oder wie?
Hoffentlich komme ich nicht zu spät.

AVIAN
Ich reite mit Nero auf den Seitenwegen von der Innenstadt entlang, um so wenigen Feen wie möglich zu begegnen. Meine Ohren verberge ich mit Hilfe von „Epiválloun“ vor ihren Augen. Auf einmal geht ein minimaler Ruck durch Neros Körper, der mich stutzig macht. Hier stimmt etwas nicht. Er hat etwas wahrgenommen, was ich noch nicht identifizieren kann. Wachsam lasse ich meine Augen über den kleinen Platz schweifen, doch ich entdecke nichts. Trotzdem legt Nero seine Ohren flach an. Er weiß etwas, das ich nicht weiß. Ich vertraue ihm voll und ganz. Ich lasse den Zauber um meine Ohren abklingen, denn er verhindert dass ich sensibler höre. Leises Knacken ist hinter mir zu hören. Es gleicht einer Art „Wuseln“ von vielen „Wesen“. Ich drehe Nero in Richtung der Geräuschquelle, aber auch dort ist nichts. Was geht hier vor? Nun ertönen dieselben Töne hinter mir und ich werde seitlich an meinem Arm von Nero gerissen. Das ganze kommt so überraschend dass ich mich nicht wehren kann. Ich lande hart auf dem staubigen Boden, rappele mich aber wieder auf. Kaum bin ich auf den Beinen kriege ich einen dumpfen Schlag auf den Hinterkopf, der mich nach vorne stolpern lässt. Reflexartig drehe ich mich zu meinem Angreifer um und blicke in das Gesicht eines jungen Mannes. Er ist in die Uniform des Feenpalastes gekleidet. 25, vielleicht 26 Jahre alt. Er zieht sein Schwert und richtet es „bedrohlich“ auf mich. Ist er dumm? Ich bin unsterblich, kein Schwert der Welt tötet mich. Weil es mir nichts ausmacht, schnappe ich mir die Klinge und entreiße ihm die Waffe. Blut strömt über meine Hand, doch es hört sofort wieder auf. Er sieht mich entsetzt an. Ich wiege das Schwert in meiner Hand um den Schwerpunkt der Waffe herauszufinden, da entweicht Nero ein hohes, angsterfülltes Wiehern. Er ist gestiegen, weil mehrere Männer mit Waffen ihn umkreisen. Wie gewissenlos muss man sein, um ein Tier! so zu v erängstigen? Ich vergesse den Mann hinter mir und bin nach wenigen Schritten bei Nero. Mit Hilfe des Schwertes in meiner Hand mache ich sie auf mich aufmerksam. Sie wirbeln zu mir herum. Es sind drei. Inklusive des anderen vier. Sie stellen sich erstaunlich routiniert auf und gehen auf mich los. Einen von ihnen entledige ich seines Schwerter und einen zweiten zwinge ich den Zauberspruch „Gonatízo“ im wahrsten Sinne des Wortes in die Knie. Die zwei ringen abseits des Kampfes um Atem. Sie sind nicht mal verletzt. Erbärmlich. Nur die anderen beiden bereiten mir Probleme. Sie scheinen bewandert zu sein in Kampfsituationen. Ich komme nicht zum Angriff, pariere nur so gut es geht ihre Schläge. Ich konzentriere mich auf das Material ihrer Waffen und lasse sie durch „Dialytheí“ zu Staub zerfallen. Sie haben augenscheinlich nicht mit dieser Wendung gerechnet, denn alle beide setzen ihre Bewegung in der ersten Sekunde so fort, wie sie es mit Schwert getan hätten. Ich mache einen Satz nach hinten. Dabei stoße ich gegen einen von den vermeintlich besiegten. Er umklammert meine Schulter und packt mich am Arm. Es kann nicht wahr sein! Ich trete ihm entschlossen ins Schienbein, woraufhin er nach Luft schnappt und sein Griff sich ein wenig lockert. Es reicht, damit ich mich befreien kann. Nicht für lange. Ich entkomme ihm zwar, aber gerate in die nächste Falle. Zwei Wachen halten mich jeweils beidhändig am Arm fest. Ich kämpfe einen meiner Arme frei, werde jedoch von hinten von dem vorherigen anderen festgehalten. Der Hauptmann ruft energisch in ihre Richtung. Irgendetwas, das ich nicht verstehe. Vielleicht eine Feensprache.
„Er ist ein Genikáelf, ihr Schwachköpfe! Haltet ihm den Mund zu!“, setzt er in normaler Sprache hinzu. Was? Nein! Nicht! Ich versuche fieberhaft mich zu befreien, doch sie sind zu dritt. Zu viele. Zu stark. Dennoch bringen sie es nicht fertig meine Sprüche zu verhindern. Hinter uns ertönt ein lautes Wiehern. Der Hauptmann vor uns stürmt zu Nero und zieht derweil sein Schwert. Er wagt es nicht! Angetrieben durch den Wunsch Nero zu helfen, wende ich diesmal rohe Gewalt an, um mich zu befreien, nehme keine Rücksicht auf ihre sterbliche Verletzbarkeit, sie können sich heilen, Nero nicht. So komme ich frei, doch muss ich mit ansehen, wie der Hauptmann Nero mit dem Schwert bedroht. An der Flanke hat er eine Schnittwunde. Die schrecken vor nichts zurück! Im Rennen schnappe ich mir ein Schwert, welches von vorhin auf dem Boden liegt. Wütend pariere ich weitere Schläge von ihm, die auf Nero abzielen. Mit „Kópsimo“ gelingt es mir sein Schwert mit meinem mit einem sauberen Schnitt zu zerteilen. Daraufhin packe ich ihn am Arm und reiße ihn zu Nero.
„Heile ihn! Sofort!“ Er tut wie ihm geheißen, weil ich immer noch das Schwert halte. Die Verletzung schließt sich.
„Elfenprinz, du bist ein Narr. Es ist nur ein Tier!“
„Nur ein Tier? Nur ein Tier?“, wiederhole ich angeekelt von seiner Einstellung gegenüber einem lebendem Wesen.
„Deine Liebe zu diesem Pferd ist dein Fehler gewesen.“ Von hinten packen mich mehrere Hände. Aufgrund meiner Lage will ich „Apody namónoun“, einen Schwächezauber, der aber stärkere Magie erfordert, herbeirufen. Ich werde mitten im Sprechen unterbrochen durch eine eiskalte Hand auf meinem Mund, sodass die Wirkung der Formel nicht mehr nach außen dringen kann. Es bleibt mir förmlich im Hals stecken. Mich durchläuft eine Schauder. Er muss ausgesprochen werden, sonst nimmt das unkontrollierbare Ausmaße an. „Mach schon Elf, nimm den Spruch zurück, sonst vernichtest du dich.“ Er hat Recht. Ich müsste. Doch dann schwäche ich nicht sie, sondern mich. Aus lauter Panik trete ich wild um mich, aber sie halten mich unter Kontrolle. Der Zauber macht sich in mir breit und ich kann nichts dagegen unternehmen. Resigniert atme ich aus und nehme die Wirkung des Spruches auf mich selbst hin. Die angestaute Energie der Formel entlädt sich direkt, sodass ich machtlos zusammensinke. Sie lassen mich los und ich erkenne ihr zufriedenes, überlegenes Lächeln nur noch verschwommen, bevor ich einen zweiten, diesmal kräftigeren, Schlag auf den Kopf bekomme und meine Sicht sich verdunkelt.

LIA
„Was ist denn hier los?“, frage ich eine Frau um die 40.
„Mädchen, hast du es noch nicht gehört? Der Elfenprinz Avian umarmt auf einem Foto deutlich unsere Prinzessin Julia. Es wird gesagt, er habe sie mit seinen Fähigkeiten manipuliert und so dazu gebracht.“, gibt sie zurück ohne sich umzudrehen.
,,Woher wollen Sie wissen , dass ich manipuliert wurde?“
Sieh dreht sich aufgrund meiner Wortwahl zu mir um und gibt ein erstauntes „Oh“ von sich ehe sie vor mir knickst.
„Kronprinzessin Julia, hätte ich Euch früher erkannt, wäre mir nicht solch ein grober Fehler unterlaufen.“ Durch ihre Reaktion werden auch andere auf mich aufmerksam. Jeder einzelne erkennt mich sofort und tut es der Frau vor mir gleich. Überwältigt von ihrer plötzlichen Reaktion, verfalle ich kurz in Schockstarre, bevor ich das Wort erhebe.
„Sie alle haben sicherlich schon das Foto gesehen und Gerüchte darüber gehört, allerdings kann ich Ihnen versichern, dass Prinz Avian … “
Wie auf Kommando erscheint er rechts und links flankiert von mehreren Wachen. Sie halten ihn an seinen Armen fest, was ihnen aber nicht leichtfällt, da er sich mit Händen und Füßen gegen sie wehrt. Er muss damit aufhören, denn genau das ist es, was die Feen wollen: einen Schuldigen, der ihnen einen Grund liefert den Elfen zu schaden. Um ihm das mitzuteilen, möchte ich mir einen Weg zu ihm bahnen. Es scheitert kläglich. Alle, nun wieder stehend, sind wild damit beschäftigt, ihn auszubuhen und anderweitig zu beschimpfen. Als die Leute aber mein Vorhaben mitkriegen, öffnen sie sich zu einer Gasse und ich komme endlich durch. Auch er will zu mir gelangen, weshalb er sich von seinen Wachen zu befreien versucht. Der eine reißt ihn unbarmherzig zurück, doch er bäumt sich gegen den festen Halt auf. Die andere Wache bohrt ihre Finger in seinen Arm. Er zuckt zusammen und sinkt auf die Knie. Die mit ihren magischen Tricks! Das tun sie nie wieder! Schnell gehe ich weiter.
Bei ihm angekommen stelle ich ernüchtert fest, dass er Fesseln trägt. Was denken sich die Wachen eigentlich so eigenmächtig zu handeln! Einfach einen der Elfenprinzen festnehmen! Wie kommen sie dazu?
„Wer gab Ihnen den Befehl zur Festnahme?“, erkundige ich mich empört.
„Eure Mutter, Eure königliche Hoheit.“, antwortet er förmlich. Meine Mutter? Wieso sollte sie ihn wegen eines Fotos festnehmen lassen?
„Gut, dann lassen Sie mich mit ihm sprechen.“, fordere ich
„Verzeiht, wir haben strengsten Befehl ihn auf schnellstem Wege ins Gefängnis zu bringen.“
„Unfug. Lasst mich gefälligst mit ihm reden.“, befehle ich.
Ich sehe zu ihm runter. Sowie er mir ins Gesicht sieht, löst sich eine verzweifelte Träne aus seinem Augenwinkel.
„Sieh sich einer diesen Helden an. Flennt 'rum, weil er nichts tun kann.“, blafft einer der Wachen ihn an.
„Seien Sie still!“, fahre ich ihn an.
Avians Anblick bricht mir beinahe das Herz. Seine Hände sind auf dem Rücken durch die Fesseln. Eingeschränkt zu sein in seinem Handeln ist unerträglich. Die Wachen halten ihn mit unerbittlichem Griff an den Schultern, wobei sie ihn für meine Aufmerksamkeit ihm gegenüber deutlich spüren lassen, dass es ihnen nicht passt. Kurzum, sie wirken hartherzig Magie auf ihn. Sogar in meiner Gegenwart schrecken sie nicht davor zurück! Ich will endgültig zu ihm, doch eine Wache hält mich fest.
„Lassen Sie mich gehen!“ Hilflos beobachte ich, wie sie beginnen, trotz seiner offensichtlichen Schmerzen, ihn auf die Beine zu zerren. Er steht auf, dennoch machen sie weiter, diesmal mit Magie, und der andere von insgesamt vier hält mich an den Schulten zurück. Normalerweise würde ich sie respektvoll behandeln, siezen. Dass ich auch das vergesse, erschreckt mich.„Hört auf! Lasst ihn in Ruhe!“ Sie ziehen ihn weg und sein Gesicht ist schmerzverzerrt. „Siticiare rez! Hört auf!“ Die Wache, die mich am Handeln hindert ist jung, vielleicht 25 oder 26. „Siticiare chea tely rez!“, verlange ich nochmal verzweifelt. Hören Sie sofort auf! Ànoixi. Eine Feensprache. Feen … Es kann ihnen unmöglich gleichgültig ein. So groß kann keine Verachtung sein. „Kümmert es hier niemanden, dass sie Gewalt anwenden?“, schreie ich in ihre Richtung. Tuscheln. „Wollen Sie etwas so behandelt werden?“, fahre ich sie an.
Endlich zeigen auch sie, die umstehenden Feen, eine Reaktion. In ihren Auren lese ich aufkommendes Entsetzen über den Umgang mit ihm. Ich werfe einen Blick über meine Schulter und der jungen Wache gefällt es ebenfalls nicht. Warum lässt er mich dann nicht los? Dann begreife ich. Er will einen Grund nicht mitmachen zu müssen. Ich wehre mich weiter, doch es hat keinen Zweck. Irgendwann gerät er außer Sichtweite und der junge Mann lässt mich los.
„Warum haben Sie das getan?“, fauche ich ihn an.
„Lia, beruhige dich.“ Die Stimme. Woher kenne ich sie?
„Wie haben Sie mich genannt?“
„Lia. Aber das spielt keine Rolle. Komm mit und ich kann dir helfen kurz mit ihm zu sprechen.“ Da erinnere ich mich. Nico! Er sieht so anders aus., wundere ich mich. „Zauberformeln.“, antwortet er. Warum hat er den Gedanken gehört? Egal.
Wir machen uns auf den Weg und er scheint tief in Gedanken versunken.
„Warum bist du hier?“, frage ich ihn offen heraus.
„Mein Bruder wurde verhaftet. Ganz Elwena ist in heller Aufruhr. Niemand weiß, dass ich hier bin, aber ich wollte sehen, ob es ihm „gut“ geht.“
„Warum hast du seine Verhaftung nicht verhindert?“
„Ich war dabei, als es geschah. Eingreifen konnte ich nicht. Es sind zu viele. Und wie auffällig wäre es bitte gewesen?“
„Warum … ?“, möchte ich weitersprechen. Hat er ihm ebenfalls wehgetan?
„Ich musste mich anpassen, Lia. Jetzt kein Wort mehr. Ab hier musst du leise sein. Ich werde für dich den richtigen Moment abpassen, wenn möglichst keiner in seiner Nähe ist. Den Rest musst du alleine schaffen, ich darf nicht dort rein. Wenn sie mich, als Elfen entdecken … Nun im Gefängnis enttarnt zu werden wäre nicht von Vorteil.“ Ich habe gar nicht bemerkt, dass wir vor dem flachen Gebäude angekommen sind. Wenige Minuten später nickt er mir zu und ich umarme ihn schnell.
Zügig suche ich drinnen nach Avians Aura. Nervös schaue ich mich um, doch hier ist niemand. Deshalb gehe ich weiter und finde die richtige Tür. Was sein muss, muss sein … Ich lasse die Tür zu Wasser werden und merke, wie mir dieser Zauber viel zu viel Magie entzieht. Deshalb verwende ich ihn ja auch nie., erinnere ich mich. Aber die Tür, wie beim Feuer zerspringen zu lassen, wäre zu laut. Ich schlüpfe durch die „flüssige Tür“ hindurch. Grüne Augen starren mich entgeistert an.
„Avian.“, sage ich seufzend und gehe zu ihm. Seine Hände sind zwar nicht mehr auf dem Rücken, aber dafür vor ihm zusammengebunden. Ich hocke mich vor ihn, denn er lehnt sitzend an der Wand.
„Es tut mir leid.“, sage ich leise.
„Dich trifft keine Schuld.“ Seine Worte kommen heiser und er versucht wieder mehr Stimme in sie zu legen.
„Was ist mit dir?“
„Zu viele, zu mächtige Formeln.“, antwortet er knapp. Es muss ihm beim Sprechen wehtun. Stimmt, davon hat Frau Aurora vor einiger Zeit gesprochen. Die Erschöpfung der Magie eines Genikáelfen, wie Avian, macht sich in der Stimme bemerkbar, denn mit dieser wenden Genikáelfen Magie schließlich an. Ist die Magie erschöpft, wird die Stimme schwächer.
„Ich hätte es besser wissen müssen. Kann ich dir irgendwie helfen?“, bringe ich hervor. Ihn so zu sehen macht mich fertig.
„Ich … ich … kann nicht mehr.“

AVIAN
Ich bin am Ende meiner Kräfte. Wie kann in einer so jungen Fee nur so viel Stärke sein? Ich will sie fragen, doch meine Stimme ist erbärmlich. Ich hätte diese letzte Formel nicht sprechen dürfen. Jetzt sitze ich hier. Und ich weiß genau, was mich erwartet. In solche … nett ausgedrückt „Räume“ steckt man nicht die, die wieder freikommen. Sie redet darüber, dass sie mir helfen wird, dass ich bald wieder frei bin. Nach den ersten Sätzen schließe ich meine Augen. Wenn sie wüsste, wie falsch sie liegt. Mein Atem wird schwerer und ich habe das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen.
„Avian? Was ist mit dir?“ Ihre Hände auf meinen Schultern rufen mich zurück in die Realität.
„Lia …“
„Ich liebe dich.“, sagt sie unvermittelt. Das ist das erste Mal,dass sie es ausspricht. Wie gerne würde ich etwas sinnvolles, in Sätzen, erwidern. Drei Worte, sagt sie. Drei Worte sind alles, was sie sagen muss, um mich aus dem Konzept zu bringen und mich noch verzweifelter zu machen. Ich werde sie verlieren. Sie legt ihre Hand sanft auf meine Wange und das erste Mal habe ich das Gefühl aufatmen zu können. Sie bemerkt ihre Wirkung auf mich und umarmt mich.
„Ich werde dir helfen.“, murmelt sie an meiner Schulter. Ich würde ihr so gerne den Schutz vor … der Welt geben, aber ich glaube im Moment bräuchte ich ihn dringender, als sie.
Kurz darauf geht sie auf gleichem Weg, wie sie gekommen ist und ich bin alleine.
Vielleicht hat das Urteil, von dem ich genau weiß, wie es lauten wird, auch sein gutes.
Spätestens in ein paar Tagen werden alle meine Sorgen vorbei sein.

LIA
Hastig binde ich Fee ab und reite mit ihr zum Schloss. Die Zügel gebe ich noch an den Toren an einen Angestellten ab. „Versorgen Sie sie gut, sie hat es verdient.“, bitte ich ihn. Als er sich zum gehen verbeugt, werfe ich ihm einen dankbaren Blick zu. In zügigem Tempo durchquere ich die Gänge des Palastes und versuche Mutters Aura zu erspüren. Ich finde sie vier Räume weiter. Ohne anzuklopfen oder sie sprechen zu lassen fange ich an draufloszureden. Sie muss ihm helfen. Sie muss ihn freilassen. Irgendetwas tun. Sie gebietet mir mit einer Handbewegung Einhalt und ich verstumme.
„Mein Schatz, beruhige dich.“
„Nein, ich werde mich nicht entspannen.“
„Eure Majestät, wenn ich anmerken darf, Eure Tochter möchte diesem Elfen nur aufgrund seiner Manipulation helfen.“, mischt sich die Beraterin meiner Mutter ein. Mutter nickt und ich kann es nicht fassen.
„Sie könnten möglicherweise recht haben.“
„Sie redet Unsinn. Ich stehe unter keinerlei Manipulation.“
„Mein Kind, du stehst unter dem Bann eines mächtigen Elfenprinzen, der alles tun würde, um freizukommen und merkst es nicht einmal.“, treibt diese Vertraute es weiter auf die Spitze. Wie kann sie es wagen?
„Mir geht es ausgesprochen gut, wissen Sie? Außerdem mit welchem Recht duzen Sie mich? Für Sie heißt das immer noch Prinzessin Julia und Ihr. Nicht mein Kind und du.“, weise ich sie scharf zurecht. Sie wendet sich an Mutter.
„Es scheint schlimmer zu sein, als angenommen, Eure Majestät.“ Sie macht mich rasend. Wieso nimmt mich keiner ernst? Warum tun sie so, als sei ich nicht zurechnungsfähig? Um meine Hände wirbeln kleine Eiskristalle, die sich zu befreien drohen. Ich muss sachlich bleiben. Unbedingt. Doch dann begeht diese Frau … mir fällt ihr Name nicht ein, einen Fehler. Sie nimmt meine Hand in ihre. Mit aller Kraft reiße ich mich von ihr los und weiche mehrere Schritte zurück. Meine angestaute Magie entlädt sich und der Raum kühlt schlagartig auf niedrige Temperaturen. Aufgrund der ehemals warmen Temperatur macht das Eis zischende Geräusche sowie es sich auf dem Boden verteilt und es steigt leichter Dampf auf. Ich weiß nicht wohin mit mir, als ich zu Boden gehe und anfange zu weinen. Es ist zu viel. Zu viel. Viel zu viel. Meine Tränen gefrieren sobald sie den Boden berühren und ich will nicht wissen, was meine Mutter und ihre Beraterin sehen, wenn sie mir in die Augen schauen.
„Das Mädchen ist von Sinnen.“ Mag sein, aber aus anderen Gründen, als sie sich ausmalt.
„Ich fürchte, dass es nicht an Avian liegt, sondern an uns.“
„Eure Tochter ist nicht bei sich. Wir dürfen sie in ihrer Haltung nicht bestärken.“
„Sehen sie nicht die Aufrichtigkeit ihrer Gefühle in ihrer Aura?“
„Ich bin nicht in der Lage Auren zu sehen. Darf ich fragen, was Ihr darin lest?“
„Das Element einer Fee findet immer seinen Weg. Julias auch. Die beiden sind ihrem Element seitdem ähnlicher, als sie glauben. Niemand kann Wasser in „Stücke“ teilen. Wie sie.“
„Kann ich dazu auch was sagen?“, flehe ich sie an. Meine Wut ist verflogen. Ich will ihm helfen, mehr nicht. Und wenn sie mir nicht dabei helfen, bekomme ich halt Panik vor den möglichen Konsequenzen. Für ihn. Mutter eilt zu mir legt einen Arm um meine Schulter und zieht mich auf die Beine.
„Selbstverständlich, Lia. Frau Kataigída wären sie so freundlich uns alleine zu lassen?“ Sie verneigt sich und verlässt den Raum. Ich mache eine flüchtige Handbewegung und das Eis löst sich auf.
„Hör zu, ich weiß nicht bis zu welchem Grad Avian Manipulation steuern kann, aber in deiner Aura kann ich aufrichtige Gefühle fern von jeder Manipulation lesen.“
„Wirst du ihn unterstützen?“
„Ich werde es nicht ausschließlich um seinetwillen tun. Ich tue es für dich.“
„Obwohl ich dich all die Zeit angelogen habe?“
„Du bist mein Kind. Ich werde alles machen, um dich glücklich zu wissen.“
„Warum bist du mir nicht böse? Ich meine … “
„Weil ich dich liebe. Vom Tag deiner Geburt an.“
„Ich dich auch.“ Voller Dankbarkeit falle ich ihr um den Hals.
„Du bist auf ewig meine Jüngste. Daran ändern weder er noch die Feen etwas. Du hättest dich mir nur anvertrauen müssen … “
„Ich weiß. Es tut mir leid, dass ich deine Hilfe nicht angenommen habe, als ich sie gebraucht hätte. Ich weiß noch nicht, wann ich sie benötige. Du schon.“
„Ich würde dich niemals aufgeben. Und nun reite mit Fee aus, triff dich mit Eymi oder Mira. Tu' etwas, das dich ablenkt. Ich kümmere mich um Avian.“
„Danke Mutter.“ Ich löse mich von ihr und schnappe mir Fee. Ein Ritt. Mehr nicht. Dann sehe ich ihn wieder. Rede ich mir ein.
Doch als ich zurückkehre ist er nicht da. Wie ich mir tief im Unterbewusstsein schon sicher war. Bald.
Die nächsten Tage verbringe ich wartend, doch nichts. Dann überkommt mich ein seltsames Gefühl.

ERIS
Es läuft alles nach Plan. Zufrieden reibe ich mir die Hände. Avian sitzt im Gefängnis und kann mich diesmal an nichts hindern. Mein Diener hat das Foto gut getroffen. Und Avian musste sich verweichlicht, wie er ist mit Julia treffen. Das bezog ich mit ein und es funktionierte. Amalia zu manipulieren, sodass sie Avian verhaften ließ, war ein Kinderspiel für mich. Es ist soweit. Ich baue augenblicklich eine telepathische Verbindung zu dem Mädchen auf und ich spüre, dass ein eigenartiges Gefühl sie überkommt. Sie fragt sich woher es kommt, da beginne ich in Gedanken zu ihr zu sprechen.
Julia, ich bin es Eris. Hat dir meine letzte Einlage gefallen? Wenn ja, schließe deine Augen und lasse dich von mir teleportieren. Oder anders: Ich werde es ohnehin tun. Erschwere es dir nicht unnötig. Ich habe nämlich ein einmaliges Angebot für dich für unser aller Wohl.
Sie kann mein Angebot kaum ausschlagen. Wenn sie es doch tut, wird sie das teuer bezahlen. Mit dem Tod ihres Liebsten. Sie hat die Wahl und die Möglichkeit zu beweisen, dass sie selbstlos ist. Die Frage ist nur, wie selbstlos sie ist. Sie muss selbst entscheiden und lernen, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat.
Sich gegen mich zu richten kommt dem Untergang gleich.

17. Kapitel

AVIAN
Seit unbestimmter Zeit sitze ich schon in dieser kleinen Zelle. Ich habe mich inzwischen erholt. Meine Magie ist wieder da, aber die Tür ist abgesichert gegen jedwede Elfenmagie.
Ich lehne mich gegen die Wand. Konzentriere mich auf jeden Atemzug. Ein. Aus. Immer so weiter. Irgendwann sehe ich durch den schmalen Streifen, der wahrscheinlich ein Fenster sein soll, das Licht des Tages schwinden. Trotz meiner Lage genieße ich den märchenhaften Anblick. Wie auch auf Elwena, schimmert der Horizont im Sonnenuntergang silbern, wegen des parallel aufgehenden Mondes. Der wird eingehüllt von einer bläulichen Aura. Es wird immer dunkler und je näher mein Blick dem Boden kommt, desto weniger kann ich erkennen. Wie zu Hause. Zu Hause. Ein Ort, der mir obwohl ich erst seit ein paar Tagen nicht mehr dort war, unheimlich fremd vorkommt. Wie zügig man sich an solche Situationen gewöhnt. Die Geschehnisse der letzten Zeit spielen sich vor meinem inneren Augen ab. Wie ich Lia vor diesem Angreifer gerettet habe. Wie wir uns langsam näherkamen bis zu jenem Abend, an dem wir zusammenkamen. Schweife ab bis zu meiner Verhaftung aus heiterem Himmel, weil ich sie manipuliert hätte. Aberwitzig. Kopfschüttelnd denke ich weiter. Denke an Lias letzten Blick mit dem sie mir versprach, sie würde mir helfen. Wie lange ist das her? Tage oder Stunden? Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Auch meine Kraft geht mir aus. Die Behandlung der Wachen war wirklich, äh, hart. Ich bin es müde zu warten. All die vergangenen Jahrhunderte prägen mich. So lange habe ich auf ein Mädchen wie Julia gewartet, immer nur kurzzeitige Beziehungen geführt. Die Frage, ob ich Lia wiedersehen werde, brennt sich in mein Gedächtnis. Ich sehne mich unglaublich nach ihr, ihrem Lächeln und ihrem Zuspruch. Was ist, wenn sie so ist, wie Lucian es am Anfang vermutete?
Mit welchem Recht stellst du Lias Vertrauenswürdigkeit in Frage?
Und dennoch verblasst dein Glaube an sie von Minute zu Minute.
Und dennoch kannst du deine Liebe zu meiner Tochter nicht leugnen, Avian.
Moment mal, der letzte Satz war nicht mein Gedanke. … Zu meiner Tochter … Amalia?
Die Tür öffnet sich. „Richtig. Es wird dir nur nicht allzu viel bringen. Die Gerichte werden dich wegen Hochverrats zu einer Tiefenmanipulation verurteilen.“ Wie ich es mir bereits gedacht habe … Es braucht mächtigere Magie. Die haben sie und Mutter. Mutter wird mich kaum manipulieren, aber Amalia sieht in mir womöglich nur den Elfen.
„Diese Tiefenmanipulation soll darauf abzielen, die Erinnerungen an Lia aus deinem Gedächtnis zu löschen samt aller Gefühle für sie.“ Panik überkommt mich und ich weiche in die hintere Ecke des Raumes zurück.
„Wirst du … ?“, hake ich nach. Manipulationen. Komplexes Thema. Es gibt mehrere Ebenen. Je nachdem auf welcher sie gewirkt wurde, fällt die Bestrafung aus und dann kommt dazu, ob es unfreiwillig und, ob zum Vorteil des Manipulierenden. Es gibt auch medizinische Manipulationen. Die, die mir blüht, gehört zu den tiefsten.
„Im Zweifelsfall wäre ich es.“ Die Bestrafung mit Manipulationen ist weder auf Aluminia noch auf Elwena ein gängiges Mittel. Aber eben auch nicht verboten.
„Wer wird es sein?“
„Die Feen und Gerichte würden am liebsten, dass Lia es tut.“ Ihre Worte verändern etwas in mir und lassen mich einen Entschluss fassen. Es geht hier anscheinend nicht mehr nur um mein Wohl.
„Nein!“ Das können sie meiner Lia nicht antun. Ich meine nicht den Verlust meiner Erinnerungen, sondern die Tatsache, dass sie Schuld an diesem sein soll. Sie würde sich das nie verzeihen. Lieber tue ich es selbst.
„Es wird so kommen. Daran führt kein Weg vorbei, es sei … “
„Du musst verhindern, dass Lia diejenige ist. Wenn nötig nehme ich das für ihre scheinbare Glaubwürdigkeit und Zurechnungsfähigkeit hin, aber lass nicht zu, dass sie es tun muss. Bitte, Amalia.“
„Lass mich ausreden. Ich war gerade dabei zu einer Erklärung anzusetzen. Es gibt keinen Ausweg. Es sei denn ich entscheide etwas anderes.“
„Der wäre?“
„Du musst deine Magie …“ aufgeben. Ich kenne die Antwort. Ein Leben ohne Magie ist schrecklich. Aber ein Leben. Wäre nicht Lias Gewissen auf dem Spiel, ich würde die Manipulation wählen. Ein Leben ohne Magie ist grausam, denn im Alltag basiert alles, selbst Telekommunikation oder die Teleportation auf eigener, magischer Energie. Lias oder mein Wohlergehen?
„Avian! Es muss sein. Nur so kann ich dich hier herausbringen. Sie denken du hättest Lia manipuliert.“
„Ich verspreche dir, ich würde Lia niemals hintergehen oder verletzen.“
„Das weiß ich auch. Umso schwerer fällt es mir, aber wenn du heute Nachmittag freigelassen werden willst, sollte ich beginnen.“
„Was ist mit SETA?“
„Diese vier Stärken sind in den Genen von Elfen verankert. Ich werde nicht deinen Körper verändern, sondern dir deine Magie …“
„Aber Telepathie läuft über Magie.“
„Dennoch ist sie ein Teil von dir, den ich nicht entfernen kann.“
„Dann fang an.“ Der Vorgang dauert quälende Minuten. Mit Mutters Formel wäre es innerhalb von Sekunden vorbei, aber Amalia muss es über einen Umweg machen. Es tut nicht weh oder schwächt mich, ich fühle mich danach nur leer.
„Heute Nachmittag wirst du freigelassen. Keine Fee darf dich anrühren. Das werde ich den Journalisten bekannt geben. Selbstverständlich werden sich die meisten nicht damit zufriedengeben. Viele werden eine Erklärung fordern. Die bekommen sie sicherlich, zuerst aber muss Lia wiederkommen.“, erklärt sie, als sie fertig ist.
„Was? Lia ist weg? Wo ist sie?“ Ich springe ich auf. Nicht schon wieder Schwierigkeiten. Bitte nicht.
„Sie ist im Gespräch mit Eris' Beauftragtem.“
„Eris, diese Mörderin! Wie kannst du ihr vertrauen?“, fauche ich.
„Ich erfuhr auch nur von meiner Vertrauten davon.“
„Nein, nein, nein.“, stöhne ich besorgt auf.
Warum, Lia? Warum tust du mir das an? Warum?

LIA
Ich laufe.Und laufe. Der Weg scheint kein Ende zu nehmen. Wenn das keine Falle ist …
Ich klammere mich sofort am Geländer fest, für den Fall, das die Treppe nachgibt.
Tapfer laufe ich weiter. Einen Schritt nach dem anderen.
Das kann doch nicht wahr sein!
Vor mir prangt, so banal es auch klingt, eine Lücke. Ich kann keinen Boden ausmachen, es herrscht nur Schwärze. Dort wo die Schwärze ist, müssten fünf oder sechs Stufen sein. Schaffe ich es darüber zu springen? Immerhin geht es auch nach oben und Anlauf ist was anderes. Ich muss es versuchen. Also gehe ich vier Stufen zurück und renne. Kurz davor springe ich ab, aber ich scheitere. Aus Reflex schnellt mein Arm Halt suchend nach oben und erwischt den Treppenabsatz über mir. Mein anderer folgt. Na toll! Jetzt hänge ich hier in der Schwebe. Mit aller Kraft versuche ich mich hochzuziehen, doch es gelingt mir nicht. Wäre ich eine Elfe, wäre es mir möglich. Aber du bist eben eine Fee. Finde dich damit ab. Was kannst du tun? Denk nach. Keine meiner Fähigkeiten ist mir hierbei hilfreich. Als ich es noch Mal durch Körperkraft probiere, schlägt auch dieser Versuch fehl. Im Gegenteil. Die Stufe „kann auch nicht mehr“, gibt nach. Ich verliere den Halt und falle in die Tiefe.

Nach 15 bis 20 Sekunden freiem Fall, pralle ich hart auf. Ein Stöhnen entfährt mir wegen dem dumpfen Schmerz wegen dem, was in meinem Körper vom Sturz beschädigt wurde und nun heilt. Vor mir befinden sich zwei Stiefel. Mein Blick wandert an ihm hoch und ich erkenne den Angreifer von vor ein paar Monaten.
„Was willst du?“, versuche ich so gefasst wie möglich zu klingen.
„Höre genau auf meine Worte, Julia du bekommst dieses Angebot nur ein einziges Mal.
Falls du bereit bist deine Unsterblichkeit aufzugeben, wird für die Zeit, während deines sterblichen Lebens Frieden zwischen Elfen und Feen herrschen. Also: deine Unsterblichkeit gegen ihren Frieden.“, höre ich seine Worte.
Muscheln. Wenn man sich eine Muschel ans Ohr hält, hört man das, was ich empfinde. Rauschen. Das Rauschen des Meeres, meines Elementes umgibt mich. Frieden. Wie lange wünsche ich mir das. Was wäre nach meinem Tod? Er sagte während meines sterblichen Lebens. Bin ich tot, wäre alles beim alten. Ich würde eine gespaltene Gesellschaft riskieren.
Darf ich das? Außerdem gibt es keine Garantie, dass ich danach nicht hinterrücks ermordet werde.
„Die Uhr tickt, Prinzessin.“
Avian, steh mir bei., flehe ich still und schließe meine Augen. Die Erinnerungen holen mich ein. Hätte ich sofort gewusst wer du bist … Ich ertrinke unter einer Welle aus Schmerz und Gefühlen. Bring mich von hier weg., bitte ich ihn nochmal. Natürlich geschieht nichts und mich erdrückt die Verantwortung, die auf meinen Schultern lastet. Wie weit darf und muss Selbstlosigkeit gehen? Hörst du nicht meinen Hilferuf?
Ich hoffe so sehr, dass der Schmerz vergeht. Meine Gedanken überschlagen sich, meine Sorgen quälen mich, aber ich komme nicht dagegen an, kann mich nicht befreien. Also schreie ich und schreie, doch kriege es nicht raus. Mein stummer Schrei bleibt ungehört.

AVIAN
Avian, steh mir bei.
Bring mich von hier weg.
Hörst du nicht meinen Hilferuf?
Doch ich höre ihn deutlichst. Nur kann ich nichts tun. Ich sitze hier fest. Selbst wenn ich Magie hätte, wären die Türen gegen Elfenmagie gesichert. Der Gedanke, dass es Lia anscheinend schlecht geht, raubt mir den letzten Nerv. Amalia ist inzwischen gegangen. Ungeduldig harre ich seitdem hier aus. Ich muss sie suchen und finden. Unbedingt. Nur wo anfangen? Sie könnte überall sein.
Ich werde rüde aus meinen Überlegungen gerissen, als die Tür aufgeht.
„Hau ab, du Verräter.“, fährt mich seine Stimme barsch an. Schon Nachmittag?
„Gerne!“, antworte ich ebenso schlecht gelaunt, schubse ihn beiseite und bahne mir meinen Weg nach draußen. An der frischen Luft atme ich einmal tief durch. Wie sehr habe ich mich nach echtem Sonnenlicht und der Natur und all den Tieren gesehnt. Tieren. Nero. Bei meiner Festnahme wurde ich ziemlich gemein von meinem Pferd gerissen. In diesem Augenblick ertönt sein lautes Wiehern. Mein treuer Freund trabt auf mich zu.
„Gut gemacht, mein Freund.“, raune ich ihm in sein Ohr, als er bei mir ankommt. Ich lobe ihn weiter. „Du musst mir nochmal helfen. Wir müssen Lia finden, hörst du?“
Ich stelle meinen Fuß in den Steigbügel und sitze auf. Zum Glück trage ich noch meine Reitstiefel.
Wohin? In der Nähe der Paläste wird Eris sie bestimmt nicht treffen. Nur ist sie auf Elwena oder Aluminia? Im Moment befinde ich mich auf Aluminia. Lia war als letztes auch hier. Demzufolge sollte ich als erstes die Umgebung absuchen.

Meine Suche bleibt erfolglos.

LIA
„Nein.“, sage ich wieder bei mir.
„Wie bitte?“
„Du hast mich schon richtig verstanden. Ich lehne ab. Ich bin nämlich nicht mehr Eris' und deine Marionette.“
„Du weißt, dass du einen Fehler begehst, oder?“
„Du lügst. Es ist das einzig richtige nicht anzunehmen.“
„Für dich vielleicht, alle anderen müssen weiter unter dem Konflikt leiden. Überlege es dir.“
„Ja, sicher für mich ist es das beste. Aber für alle anderen auch. Was ändert es auf lange Sicht, wenn die nächsten 90 bis 100 Jahre Frieden sind? Was ist wenn ich sterbe? Ich würde einen Scherbenhaufen hinterlassen. Es wäre viel egoistischer mein eigenes Leben sorgenfrei zu leben, während ich die Probleme den nachfolgenden Generationen überlasse. Stattdessen helfe ich ihnen lieber eigenhändig. Meine Entscheidung steht fest. Jetzt verschwinde!“
„Wie du willst.“, sind seine Abschiedsworte.

Immer noch benommen mache ich mich auf die Suche nach einem Ausgang. Ich muss zurück zu nach Hause, zu Mutter. Nach einigem Suchen finde ich eine Treppe, die nach oben führt. Sie mündet in einem kleinen Raum. Ich verlasse ihn und betrete eine Einganghalle. Der Grundriss erinnert mich an ein altes Schloss im Süden Aluminias namens Caelum. Ich trete in die Freiheit. Draußen werfe ich einen Blick auf die etwas vergraute Fassade. Ich hatte recht. Schloss Caelum. Ehemals gebaut für Felicia. Hier hat sie also ihr Versteck. In meiner frühen Kindheit, spielte ich hier in der Gegend mit Eymi. Mira lernte ich erst auf Somnium kennen. Irgendwann verboten es uns unsere Mütter. Früher verstand ich es nicht, nun schon.
Das Gefängnis befindet sich weiter nördlich, als unauffälliger halb unterirdischer Bungalow auf Aluminia. Mein Weg führt mich vorbei an vertrauten Szenerien.

ERIS
Erfüllt von rasendem Zorn verwüste ich meine Gemächer. Wie kann sie es wagen? Wie kann sie nur? Sie hat ausgeschlagen ohne mit der Wimper zu zucken. Das wird Folgen haben. Noch heute soll sie spüren, was es heißt einen Verlust einer geliebten Person durchzumachen. Ich werde an ihrem verwundbarsten Punkt ansetzen. Avian. Noch heute ist er des Todes, das schwöre ich.

AVIAN
Der Ritt auf Nero dauert jetzt schon mehr als drei Stunden. Wo ist ein abgelegener Ort? Die Ruinen gelten als nahezu unbewohnt. Einen Versuch ist es wert.
Soweit ich weiß liegen sie im Süden des Planeten. Zwei Stunden zu Fuß von hier. Mit dem Pferd entsprechend schneller. Unbehelligt komme ich auf einen kleinen Weg entlang den weiß-rosa Louloúdiwiesen.
Am Horizont erscheint eine zierliche Gestalt. Kann es wahr sein? Ich treibe Nero voran, um schneller zu sehen, ob sie es wirklich ist. Ich muss nicht mal nah genug kommen, damit ich feststelle, dass ich richtig liege, denn die Person beschleunigt ebenfalls ihren Schritt. Sie hat mich erkannt. Als wir endlich in Sichtweite kommen, springe ich von Nero und renne einfach auf sie zu und sie fällt mir um den Hals.
„Ich hatte solche Angst um dich.“, mache ich ihr klar und bette mein Kinn auf ihren Scheitel. „Was machst du nur?“, klage ich meine größte Sorge der vergangenen Tage und Stunden. Sie darf nicht einfach weglaufen, wenn ich sie nicht beschützen kann. Sie ist kein Kind mehr., ermahne ich mich. Aber noch so jung., ruft eine andere Stimme in mir. Trotzdem würde ich alles für sie tun. Allein der Gedanke nichts für sie tun zu können, lässt mich unruhig werden.
„Ich wollte dir helfen aus dem Gefängnis zu kommen, da erhielt ich von Eris eine telepathische Nachricht, ich solle die Augen schließen, um mich teleportieren zu lassen. Ich tat was sie sagte und fand mich im inneren des Schloss Caelum wieder. Ich erkannte es nur nicht sofort. Drinnen wanderte ich durch die Etagen, um sie zu finden und verwendete die Treppe. Diese war zu alt und brach ein.“
„Sie ist eingebrochen?“, frage ich irritiert.
„Ja, so dämlich es auch klingt. Unten angekommen traf ich auf ihren Beauftragten, der mir Eris' Angebot unterbreitet, dass wenn ich sterblich werde, während meines restlichen Lebens Frieden zwischen unseren Völkern herrsche.“
Ich schlucke. Lia ist der Frieden wichtig. Sie hat doch nicht angenommen …
Ich schlucke bei dem Gedanken. „Hast du … ja … gesagt?“
„Bevor ich dir antworte: Ich meinte die Entscheidung nur gut und sie ist vielleicht aus der Sicht von jemand Älterem egoistisch, aber … ich habe … nicht angenommen.“
Erleichtert atme ich auf. „Bin ich froh. Lass uns zu dir nach Schloss Neráida reiten, Amalia macht sich Sorgen um dich.“, woraufhin ich Nero hole, indem ich ihm ein Handzeichen gebe und ihn an den Zügeln halte. Ich will nicht zurück in den Sattel. Das Reiten der letzten Stunden hat seine Spuren hinterlassen. „Steig auf. Er ist ganz brav“, sage ich zu ihr.
„Unter welcher Bedingung wurdest du freigelassen?“, fragt sie unvermittelt. Ich wusste es.
„Es war …“
„Wie lautet das Urteil?“
„Magieentzug.“ Sie schüttelt ungläubig den Kopf.
„Nein. Das kann sie nicht machen. Avian …“ Ich drehe mich zu Nero um und streichle ihn. „Hey, ich kümmere mich darum. Du kriegst sie zurück.“
Sie steigt endlich auf, doch ohne jeden Zusammenhang reißt der eine Steigbügel ab und fällt zu Boden. Ich hindere Lia von hinten an einem Sturz. Kurz gerät Nero in Panik, doch er entspannt sich wieder. Sobald ich sicher bin, dass es ihr gut geht, kann ich nicht anders, als zu lachen.
„Was ist daran denn witzig?“, fragt sie mich leicht gekränkt.
„Nimm es nicht persönlich, bitte. So was … “, dabei deute ich auf den unbrauchbaren Sattel, „ … kann nur uns passieren.“, vollende ich. Ich verberge mühsam mein weiteres Lachen.
„Ich falle, wie ein Schluck Wasser aus dem Sattel und du lachst.“
Meine Mundwinkel wandern wieder nach oben.
„Wag' es nicht!“, fährt sie mir dazwischen. Endlich liegt Scherz in ihrer Stimme. Ich lasse sie los und sie nimmt den abgerissenen Steigbügelriemen begutachtend an sich.
„Bist du sicher, dass er gerissen ist? Sieht mir mehr nach einem Schnitt aus.“ Ich nehme es ihr aus der Hand. Tatsächlich. Ein Bild von den Wachen entsteht vor meinem inneren Augen. Der Hauptmann hat Nero mit einem Schwert bedroht und ihn teilweise erwischt. Vielleicht ging ein Schnitt daneben und erwischte den Steigbügelriemen?
Ich werfe ihn an den Wegrand und löse den Sattelgurt mit Leichtigkeit. Auch er landet an der Seite.
„Du hast gut reagiert, Nero.“, lobe ich ihn, wobei es inzwischen fast selbstverständlich für ihn ist in meiner Gegenwart ruhig zu bleiben, solange ich es bin. Die letzten … 67 Jahre waren wir unzertrennlich.
„Ihr zwei seid ein wundervolles Paar.“, amüsiert sich Lia.
„Du bist eine freche, respektlose Fee, die jetzt aufsteigen wird, vorausgesetzt du traust dich ohne Sattel zu reiten.“
„Ich würde ja, aber ich fürchte ich bin zu klein.“ Sie wendet mir ihr Gesicht zu, wodurch ich ihr Grinsen mitbekomme. Ohne Diskussion halte ich ihr meine Hände als Tritt hin. Ich erwidere ihren belustigten Gesichtsausdruck und sie steigt auf.

LIA
Erst habe ich noch meine Schwierigkeiten, mich gerade zu halten,weil der Sattel fehlt. Es wird jedoch mit jedem Meter leichter. Wenn Avian merkt, dass ich das Gleichgewicht verliere, legt er seine Hand auf Neros Widerrist. Sein Nero reagiert gut auf meine Führung, obwohl das Gefühl ohne Sattel zu reiten ungewohnt ist. Ich verliere mich im Moment und bin froh endlich mal frei und sicher zu sein.

AVIAN
Vor dem Palast kommen wir zum stehen. Dort erwarten uns bereits Amalia,Karl und seine Verlobte Helene. Lia ist unterwegs immer entspannter geworden. Das verflüchtigt sich umgehend, sobald sie absteigt. Sie fällt in die Arme ihrer Mutter. Karl mustert mich skeptisch. Genervt mache ich kehrt und kümmere mich um Nero.
Interessant. Kaum betreten wir gewohntes Terrain, bin ich überflüssig. Aus dem Augenwinkel registriere ich wie Lia dazu übergegangen ist mit Karl zu reden. Sie umarmt ihn. In mir zieht sich alles zusammen und es breitet sich sein unschönes Gefühl in mir aus. Stell dich nicht so an! Trotzdem ist es nun mal eine Tatsache, dass ihre Aufmerksamkeit allein ihrer Familie gilt. Ich bin vergessen. Es ist besser, wenn ich später wiederkomme. Hier starren mich alle vorbeilaufenden Feen an und Helene und Karl schicken mir hasserfüllte Blicke. Für Julia bin ich Luft. Was soll ich also hier? Ich sitze auf und lasse Nero an Lia vorbeilaufen. Endlich nimmt sie mich wahr und kommt auf mich zu.
„Wo willst du hin?“
„Ich will …“, weg von hier., beende ich den Satz in Gedanken. Was ich nicht ausspreche, bringt sie zum Ausdruck.
„Weg. Wieso?“
„Ich ertrage es nicht von allen Seiten angefeindet werde, vorrangig von Helene und Karl. Ich kann nicht immer freundlich lächeln, Lia, versteh mich.“ Damit will ich los, doch sie hält Nero an den Zügeln fest.
„Was ist?“, frage ich erdrückt. Sie soll mich gehen lassen. Ich halte das nicht aus. Wenn sie sehen würde, was ich sehe, wenn sie sich umschaut. Ich sehe Zweifel an meiner Person, Unglauben und Verachtung.
„Echt jetzt? Du haust ab? Hältst du das für richtig?“ Nein.
„Lia, ich kann nicht bleiben.“, presse ich hervor.
„Gut. Dann geh.“ Sie wendet sich ab und geht mit entschlossenen Schritten weg. Sie weiß eindeutig zu gut, wie man mich zu etwas zwingt. Ich steige ab, um ihr nachzugehen. Sie hat schon die Tür erreicht dicht gefolgt von Amalia, die eine Hand auf ihrer Schulter ruhen lässt.
Unverhofft baut sich Karl vor mir auf. Er ist genauso groß wie ich. Er hat blonde Haare, ist Lucian gar nicht mal so unähnlich. Sofort versuche ich ihn einzuordnen. Wie war das? Die Augenfarbe … Er hat unglaublich hellbraune Augen mit goldenen Sprenkeln. Er müsste Licht sein. „Lass mich durch.“, fordere ich.
„Vergiss es. Du stürzt meine Schwester ins Verderben. Solange du das nicht kapierst, gehst zu nirgendwo hin.“
Ich wiederhole meine Forderung, bekomme nur ein verächtliches Lachen.
„Jetzt hör mir mal genau zu: Du lässt meine Schwester ab heute in Ruhe. Verstanden?“
„Ich glaube sie kann ganz gut selbst einschätzen, wem sie vertraut.“
Er kommt drohend näher und ich weiche mit jedem Schritt weiter zurück. Schließlich stoße ich gegen eine Hauswand. Na super. Viele Feen sind auf unser Kräftemessen aufmerksam geworden und umrunden uns. Ich blicke in ihre spottenden Gesichter. Sie stehen voll und ganz hinter ihrem Prinzen.
Er packt mich und presst mich dabei gegen die Wand. Ich schnappe nach Luft. Woher nimmt er die Kraft? Eine seiner Gaben?
Die Feen toben und feuern ihn teilweise sogar an. „Verstehst du was ich meine?“
„Nein.“, sage ich laut genug damit mich alle hören können. Es geht ein leises Zischeln durch die Runde. „Du wirst mich nicht vor meinem Volk demütigen.“, flüstert er. Damit reißt er mich von der Wand weg, wirbelt herum und drückt mich stattdessen auf den Boden. Er kniet gebeugt über mir und hält dabei meine Arme unter Kontrolle. Ich versuche mich zu wehren. Automatisch kommen mir die Bilder der Wachen ins Gedächtnis. Wozu ist er fähig? Kurzzeitig kämpfe ich meinen Arm frei mit dem ich probiere ihn zu treffen. Schnell kriegt er ihn zu fassen und verdreht ihn zur Seite. Es tut schrecklich weh. Bin ich etwa unfähig? Erinnere dich. Ich bäume mich auf und versetze ihm einen Knietritt in den Bauch. Zum Glück komme ich los. Er krümmt sich vor Schmerzen. Doch dann steht er auf und ringt mich zu Boden. Man!
Als ich wieder die Oberhand kriege, ertönt eine entschiedene Stimme.
„Genug! Das ist doch lächerlich. Schämt ihr euch nicht? IHR ALLE! Wie die Kinder! Und mir wird gesagt ich sei jung und unvernünftig. Karl, steh auf!“ Sie drängt sich zu uns durch. Sobald sie uns sieht, stöhnt sie hörbar auf.
„Lia, ich wollte dir nur helfen.“, versucht sich Karl zu erklären.
„Ich will nichts hören. Es interessiert mich auch nicht wer angefangen hat. Ihr beide müsst meine Entscheidungen hinnehmen, wie sie sind.“, schimpft sie weiter.
Ich komme zum stehen und grinse in mich hinein. Tja, Karl. Von der eigenen Schwester besiegt.
„Und du hör auf so dumm zu grinsen.“, weist sie mich zurecht. Es verschwindet augenblicklich.
„Wenn ihr glaubt ich würde mich geehrt fühle, weil ihr meinetwegen kämpft, habt ihr euch geschnitten! Und nun zu euch: Habt ihr nicht besseres zu tun, als hier rumzustehen und solches Verhalten zu unterstützen? Geht eurem Alltag nach. Verschwindet.“, wettert sie weiter. Die Feen verneigen sich vor ihr und gehen davon.
„Karl. Avian. Ihr kommt mit.“ Das tun wir. Wir folgen ihr ins Schloss, wo sie mich in eines der Zimmer schickt. Vor der Tür höre ich aufgebrachtes Reden. Es verstummt und Lia betritt den Raum.
Sie lässt sich auf das Sofa sinken und reibt sich die Augen. Ich setze mich neben sie und nehme ihre Hand in meine, will sie trösten. Doch sie weicht mir aus. „Was genau stört dich Lia? Keiner von uns wurde verletzt.“, frage ich sie möglichst beherrscht.
„Ihr beide. Ich meine, warum?“
„Ich war dabei, dir hinterher zu gehen. Er hat mich aufgehalten.“, versuche ich zu ihr durchzudringen.
„Glaubst du mit Beschuldigungen kriegst du mich weich?“
„Nein, ich meine doch Karl.“
„Hätte Helene mir nicht Bescheid gegeben, wer weiß, wie das ausgegangen wäre.“
„Ich …“
„Hast du mir etwas wichtiges mitzuteilen? Ich denke nämlich, dass du genauso schuld bist!“
„Du lässt mich nicht sprechen. Und kannst du nochmal deinen Vorwurf wiederholen?“
„Du hast richtig gehört! Du hast Schuld! Ich habe alles in meiner Macht stehende getan, während du meinen Bruder angreifst! Spar' dir deine Ausreden.“
Sie steht auf und geht auf die Tür zu. Tu was! Ich schließe zu ihr auf und stelle mich vor sie.
„In Ordnung, du hast recht.“ Fassungslos sieht sie mich an, bevor sie mir direkt in die Augen sieht. Sie steht aufrecht vor mir.
„Lüg' mich nicht an.“ Verflucht! Woher nimmt sie das Wissen? Ich will etwas sagen, aber es ist die Wahrheit. „Guck nicht so. Ich bin jung, aber nicht blöd! Liebst du mich?“ Ihre Frage lässt meine Hand an mein Ohr wandern.
„Ja.“
„Liebst du deine Familie?“
„J-ja.“ Was will sie erreichen?
„Würdest du ihnen auch beweisen, dass es so ist?“ Wenn nötig …
„Vielleicht.“
„Mir?“ Ich nicke skeptisch. „Dann werde endlich aktiv.“ Sie geht durch die Tür.
Diesmal lasse ich sie gehen. Ich stehe wie angewurzelt da. Es stimmt, was sie sagt. Minuten später komme ich nach draußen. Wo ist Nero? Ich habe ihn vorhin nicht angebunden. Das war noch nie nötig. Ich stolpere erschrocken nach vorne, weil mich etwas anstupst. Was zum … ?
„Nero!“, stelle ich freudig fest. Werde aktiv., wiederholen sich ihre Worte. Ich könnte zu diesem Schloss Caelum reiten und sehen, was es damit auf sich hat. Dagegen spricht nichts, oder? Es ist nur eine alte Ruine, mir kann nichts passieren. Lia ist auch heil wiedergekommen. Ich sitze auf und er wird schneller. Doch etwas fehlt mir. Es ist Lias Gesellschaft, die ich vermisse.

LIA
Ich beobachte ihn und seinen Nero durch das Fenster. Die beiden verstehen sich ohne dass Nero je ein Wort wechselt. Wahre Freundschaft. Oder einfach nur ein magischer Trick von Avian. Wobei er keine Magie mehr dafür hat. Er hat sich verändert. Die Frage ist nur, ob positiv oder negativ. Und schon wieder muss ich auf ihn warten. Nur diesmal ohne Mitgefühl.

18. Kapitel

AVIAN
Ohne Pause erreichen Nero und ich dieses Schloss Caelum. Ich suche mir einen Weg hinein. Drinnen riecht es muffig. Ich betrachte die Wände und die Decke. Sie sehen brüchig aus und sind übersät von Spinnenweben.
Plötzlich steht jemand hinter mir. Langsam drehe mich um und sehe in das, schöne Gesicht einer Frau. 34, vielleicht 35 Jahre. Sie hat lange, schwarze Haare.
„Wunderbar, wie leicht Elfen zu verunsichern sind.“ Mein Blick fällt auf ihre Ohren. Sie ist doch selbst eine.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Nun, ich kenne die Geschichte rund um die Ruinen.“
„Sie sind eine Elfe. Was tun Sie auf Aluminia?“
„Gilt die Frage nicht umgekehrt auch, Kronprinz?“ Dieser Siegelring. Ich werfe ihn irgendwann einfach weg.
„Jede Elfe würde Euch erkennen, gleich ob Siegelring oder nicht.“
„Was wollen Sie?“
„Was wollt Ihr?“
„Ich weiß nicht, wonach ich suche. Ich schaue mich bloß um.“ Da fällt mein Blick auf ihre Augen. Dunkelbraun. Eine Elfe? Braune Augen?
„Ich war gespannt, wann es dir auffallen würde.“ Verflucht! Ich hätte nicht herkommen dürfen.
„E-eris?“
„Wer sonst. Deine Julia hat mein Angebot fälschlicherweise ausgeschlagen. Daher will ich dir eine Gelegenheit geben es wiedergutzumachen. Ich gebe dir deine Magie zurück, wenn du mir dafür Julia herbringst.“
„Ich soll ihren Tod heraufbeschwören?“
„Das ist hart formuliert.“
„Aber die Wahrheit.“
„Ich wiederhole es. Ich gebe dir deine Magie zurück, du überlebst. Dafür bringst du mir Julia.“ Das kann ich nicht machen.
„Wenn ich nicht darauf eingehe …“
„Stirbst du an ihrer Stelle.“ Ich schüttele den Kopf. Ich würde niemals Lias Leben wegen meinem eigenem aufs Spiel setzen. Sie ist mir zu wichtig. Wie weit darf uns muss Selbstlosigkeit gehen? Ich weiß es nicht, es interessiert mich nicht. Ich bringe Julia nicht zu diesem Monster.
Bevor ich irgendwas unternehmen kann, bin ich verletzt und liege am Boden. Zum zweiten Mal heute.
Mein Versuch aufzustehen wird vereitelt durch alles umfassende Schmerzen. Ruhig sein. Auch wenn es „tödliche“ Wunden sind, sie werden heilen. Wie immer. Doch diese Schmerzen bleiben. Die Verletzungen gehen nicht zurück! Und … und diese Hitze, diese seltsame Hitze, die meinen Körper schleichend erobert.
Was passiert hier? Sterbe ich tatsächlich? Das kann nicht sein … Lia!

„Sag lebe wohl, Avian.“, ist das letzte was ich höre, ehe meine Welt sich verdunkelt.
Man sagt wenn man stirbt, ziehe das Leben an einem vorbei. Nicht so bei mir. Ich sehe verschwommen zwei streitende Gestalten. Frauen. Allmählich sehe ich schärfer was vor sich geht. Nur eine Frau mit hellen Haaren erkenne ich verschwommen,während alles andere scharf zu sehen ist.

„Du bist allein schuld daran.“, keift Eris.
„Das bin ich nicht, beruhige dich, bitte.“, antwortet die verwaschene Frau gefasst.
„Nein ich werde mich nicht beruhigen. Du setzt alles aufs Spiel nur damit dein Volk glücklich ist. Alles!“
„Zu diesem Volk gehörst auch du. Ich will dich nicht unglücklich wissen.“
„Dir war es immer egal, was aus mir wird. Die Magie schenkte dir all das.“
„Ich weiß, dass du ungerecht behandelt worden bist, doch was soll ich tun?“
„Gib es mir zurück.“
„Ich habe bereits gesagt, dass ich dir helfe, aber ich habe auch zwei Töchter und zwei Planeten zu beschützen.“
„Deine Worte sind purer Spott.“
„So sind sie nicht gemeint,das weißt du.“
Ein stählerner Ausdruck überzieht Eris' Gesicht. Sie packt in ihrer rasenden Wut willkürlich nach dem Schwert der Wache neben sich und sticht mehrmals zu und schreit unverständliche, aber vernichtende Zauberformeln in die Landschaft. Die Frau stirbt ohne ein weiteres Wort. Weggetreten schaltet Eris auch die zuschauenden Wachen aus.

Die Frau muss Felicia gewesen sein. Lia. Sie muss davon erfahren. Ich schicke die Bilder telepathisch an sie und hänge ein, ich liebe dich, an.

LIA
Ich werde von einer immensen Kraft in eine Traumwelt gezogen. Ich durchlebe eine gruselige Szene, wie Felicia umgebracht wird. Besonders verstört mich der letzte Satz: Ich liebe dich. Es passt nicht zum Kontext. Ich höre nur ein Rauschen in meinem Ohr. Nur einer könnte diese zwölf Buchstaben an mich richten. Avian. Ich muss zu ihm. Langsam komme ich zu mir und springe auf. „Ich muss los.“, verkünde ich. Karl bekommt meinen Arm zu fassen und hält mich auf.
„Wohin musst du so plötzlich, Lia?“ Ich muss … ihm helfen.
„Er ist in Gefahr.“, schreie ich ihn beinahe an.
„Das kann dir egal sein. Er ist ein Elf, versteh' doch.“
„Lass sie gehen, Karl.“, schaltet sich Mutter ein.
„Wie kannst du sie in ihrer Haltung unterstützen?“
„Sie ist meine Tochter, wie du mein Sohn bist.“
„Und er ist ein Elf.“ Aus irgendeinem Grund fängt Felicias Armband an zu glühen. Ich merke, dass etwas bricht, etwas freigesetzt wird. Und es gibt mir ungeahnte Stärke.
„Es spielt keine Rolle. Lauf, Lia. Geh den Weg, den du für richtig hältst.“
Ich folge dem Rat meiner Mutter – und renne. Die Gänge fliegen an mir vorüber wie in einem schlechten Traum. Ich halte nicht an bis ich in der Tilemetaforá stehe. Wo finde ich Avian überhaupt? Ich weiß nicht, wo er ist. Oder doch? Ich wähle instinktiv die Eingangshalle von Caelum. Einen Herzschlag später stehe ich dort.
Sofort springt mir Avian ins Auge. Ich eile zu ihm und hocke mich hin. Kann ich ihm noch helfen? Ich nehme seine Hand und wirke meine Heilmagie. Die Wunden schließen sich, doch sie kehren zurück. Wieder und wieder probiere ich es. Nichts tut sich.
Lia, ich …
Ist das Telepathie? Es fühlt sich eigenartig an.
„Avian, bitte, sprich mit mir.“
Ich kann nicht mehr, Lia. Eris ist in der Nähe. Sie beobachtet uns.
„Du kannst aufstehen. Du musst einfach.“, flehe ich ihn an.
Nein, aber glaub' mir, alles wird gut. Du wirst glücklich sein.
Sein Satz beunruhigt mich zutiefst. Er hat aufgegeben. Du … nicht wir.
„Es ist nicht vorbei, hörst du? Das ist nicht das Ende.“
Lia, du weißt, es ist ernst.
In diesem Moment fängt er an zu husten. Ich nehme seine zitternden Hände in meine und drücke sie.
„Warum gibst du auf? Diesem Druck halte ich nicht alleine stand!“
Stark sein.
„Ich will nicht ohne dich stark sein. Ich lasse dich nicht gehen.“
Wenn du fällst, steh auf. Schau hin.
„Ich kann nicht. Bleib bei mir.“
Nein, Lia. Du brauchst mich nicht, um mutig zu sein. Du warst es lange, bevor du mich kanntest.
„Aber mit dir bin ich … “ Meine Stimme versagt. Seine Aura beginnt zu verblassen. „Nein! Bleib!“
Höre auf mich. Warte nicht auf mich oder ein Wunder, das ist deine Chance. Ich weiß, du kannst es fühlen.
„Alles,was ich spüre ist Schmerz.“
Wandle es um. Nutze es für dich. Los, Lia! Diesmal für mich, dich. Uns.
„Ich erwarte nichts großes von dir. Du sollst leben!“
Nicht mal das kriege ich mehr hin, aber du kannst das alles.
„Wag' es nicht zu gehen!“, fahre ich ihn aus Verzweiflung an. „Bitte.“, setze ich nach.
Ich bin immer bei dir. Mit seinem Daumen streicht er über den Ring. Glaub daran.
„Nein!“
Bist diesmal du bereit mir zu beweisen, dass du mich liebst?
„Ja!“ In seiner Mimik versuche ich abzulesen, worauf er hinaus will. Warum habe ich das vorhin gesagt? Es war in der Wut, ich meinte es doch nicht ernst, er müsste es mir nie beweisen.
Stirb nicht., fleht er noch.
Für immer und jeden Tag., formen meine Lippen tonlos. Dann … ist seine Aura verschwunden.

AVIAN
Felicias letzter Moment, wie meiner. Der Gedanke, dass auch sie von Eris besiegt wurde, beruhigt mich.
Meine Lebenskraft entweicht mir und ich sehe Lia an. Lia. Mit ihrem Gesicht vor Augen, verblasst der Schmerz, meine Gedanken verstummen und alle Angst schwindet. Ich treibe, wie auf Wolken, ehe mein kaputter Körper seinen letzten Atemzug tut. Keine Schmerzen mehr, nie mehr, nur Stille und ewiger Frieden.
Keiner wird mich jemals wieder verletzen …

LIA
Zorn wallt in mir auf. Nicht mit mir! Nicht mit ihm! Nicht mehr! Es reicht! Wo ist dieses Biest von Eris, wo versteckt sie sich? Sie ist dermaßen feige! Das ist der Moment, in dem ich das erste Mal verstehe, was es heißt blind vor Wut zu sein. Das Gefühl verloren zu gehen ist überwältigend, die Versuchung der eigenen, unkontrollierten Wut freien Lauf zu lassen und irgendjemandem etwas grauenhaftes anzutun, überkommt mich. Aber im Gegensatz zu denen, weiß ich, wen es zu bekämpfen gilt. „Eris“, spucke ich das Wort voller Abscheu aus. Dieses Miststück! Wie kann sie nur!
Der Ring von Avian wird warm, ist mit magischer Energie aufgeladen. Er hat ihn mit Formeln belegt. Ganz sicher. Er ist noch hier in meiner Nähe. Und wenn nicht hier, dann woanders. Er ist da. Felicias Armband glüht im Vergleich zum Ring regelrecht und versengt damit mein Handgelenk, doch es stört mich nicht. Im Gegenteil! Sie ist auch hier. Das hier war ihr Ort. Dazu kommt meine goldene Kette mit dem schillernden Opal. Der Opal ist ein bedeutungsvoller Stein auf Aluminia. Er steht für die vielfältige Gefühlswelt eines Lebewesens. Meine Kette ist zudem mit dem Zauber belegt, dass man mir am Opal ähnlich wie bei Auren meine Emotionen ablesen kann. Das gilt nur wenn sie mich vollends beherrschen und im Moment glüht er rot. Wir glauben der Opal verjage das Gefühl von Trauer und Bedrückung
Ich und sie alle. Sie sind hier, waren nie fort. Das gleiche gilt für alle Personen, die mir nahe stehen und an mich glauben. Sie sind hier. Sicher in meinem Herz. Unangreifbar, nicht erreichbar für Eris, weil ich sie beschütze. Ich warte einen Augenblick und bei jedem folgenden Herzschlag, führe ich mir eine wichtige Person vor Augen. Niemand kann sie mir nehmen. Mein Herz gibt mir den richtigen Rhythmus vor, ich muss nur darauf hören. Daran glauben. Ich kann nichts tun … Nein! Ich konnte nicht. Aber jetzt kann ich es. Weil er und sie alle mich geliebt haben, den ganzen Weg lang. Weil sie mich gerettet haben. So oft und so selbstlos.
Dann erschient sie.
„Klasse. Du hast es tatsächlich geschafft, hierher zu kommen. Er hat dich hergebracht.“, keift sie mit einem boshaften Lächeln.
„Ich bin selbst hergekommen!“
„Du hast ausgeschlagen. Ich bot ihm an sein, gegen dein Leben zu tauschen. Er lehnte ab und nun stehst du doch hier.“
„Ja und? Was willst du noch warten? Bringen wir es zu Ende.“, fahre ich sie an und es wirkt.
„Du hast es nicht anders gewollt!“
Mehrere Energiebälle rasen auf mich zu. Ich springe. Kontere meinerseits. Ich entfessele meine Wassermagie und die des Schmuckes, den ich trage. Treffe. Kaum begreife ich das, stürme ich auf die andere Seite des Raumes. Wild fuchtelnd packt sie mich, reißt mich von den Beinen. Tretend und kreischend, versuche ich mich zu befreien, doch sie hält mich unter Kontrolle. Mit funkelnden Augen fixiert sie mich und ich weiß, dass sie mir eine Manipulation aufzwingen will. Doch ich gebe nicht auf, schlage um mich.
Plötzlich stöhnt sie auf und ein erstickter Schrei entweicht ihrer Kehle. Überrascht kämpfe ich mich frei. Sie bleibt liegen und keucht, ringt um jeden Atemzug, bringt schließlich scheußlich röchelnd hervor: „Du! Wie hast du das gemacht?“
Die Manipulation abgewehrt etwa? Als ich begreife, schnappe ich nach Luft. Der Ring, die Kette, das Armband. Eris ist besiegt. Nach all der Zeit.
Ihr Augenlicht verlöscht. Diesmal ewig. Auf alle Zeit. Streng genommen kann ich nicht mal was dafür! Jedenfalls bedauere ich ihren Tod keinen Moment.
Aber dann sehe ich Avian daliegen. Die ganzen Wunden, trotz seiner Unsterblichkeit. Alles hat seinen Preis. Muss er denn so hoch sein? Müssen für unser Glück, andere wirklich so sehr leiden? Die die ihm das antat ist durch mein indirektes Einwirken zwar tot, aber hätte ich den Preis gekannt. Voller Verzweiflung sinke ich auf die Knie. Du bedeutest mir so viel. Verlass mich nicht! Was soll das?
Mein Höhenflug ist vorüber und ich komme in der Realität an, wo ich wieder einen stummen Schrei ausstoße, mit dem Unterschied, dass er sich endlich aus meiner Kehle löst. Er hallt an den Wänden des Saals wieder und erfüllt alles. Es ist nicht nur heute, sondern alles. Der gesamte angestaute Schmerz der letzten Monate. Meine Stimme wird allmählich heiser und da gehe ich dazu über mit beiden Fäusten gegen die Wand zu trommeln. Das ist alles falsch. Er kann nicht gehen. Er darf nicht gehen. Nicht nach allen Ereignissen, nachdem er mir so sehr ans Herz gewachsen ist. Nicht der Elf, den ich liebe. Es ist zwecklos. Ich kann nichts mehr tun. Zu spät. Ich habe ihn verloren. Den ich erst so kurz kenne. Für immer. Er kam viel zu spät in mein Leben, geht viel zu früh und wird nicht mehr zurückkommen. Die unvermeidliche Erkenntnis, dass er tot ist, ereilt mich.
Es ist vorbei.

LUCIAN
Ich spüre Avians Not. Alarmiert renne ich zu Mutter und innerhalb von Sekunden nachdem ich ihr Bescheid gesagt habe, stehen wir in einem alten Schloss.
„Avian! Mein Kind! Aber … Ist es …? Julia! Meine Güte, Schatz. Komm her.“, redet meine Mutter drauf los. Lia tut wie ihr geheißen. Sie wird unten von Mutter in eine Umarmung gezogen.
„Das ist meine Schuld. Ich hätte viel mehr für euch tun müssen.“, wendet sie ein. Lia schweigt. Sie ist noch viel jünger als wir. Sie sollte keine Probleme dieser Art haben. Sie löst sich von ihr und beugt sich zu Avian.
„Er starb für mich. Bringen wir ihn nach Elwena.“, lenkt sie ab.

19. Kapitel

KARL
Als sie zurückkommt warten Mutter und ich im Saal auf sie. Mutters Gesicht ist besorgt und ich bin erleichtert, dass sie einzusehen scheint, dass Lia nicht mit Avian zusammen sein kann.
Meine Schwester sieht nicht gut aus. Ihre Energie ist auf dem Minimum und in mir keimt Hoffnung auf. Wenn die zwei sich zerstritten haben, ist die Sache erledigt.
„Ich hätte ihn nicht verhaften lassen dürfen.“, fängt Mutter an. Warum nicht? Er treibt sich verbotenerweise auf Aluminia herum und nutzt Lia aus. Es war ein Fehler, ihn freizulassen. Warum muss sich dieses Mädchen auf einen Elfen einlassen? Auch noch den Kronprinzen? Was ist an dem Satz „Elfen sind falsch.“ so missverständlich? Jeder andere wäre in Ordnung gewesen, aber ein Elf? Sie hat Besseres verdient. Seine Art hat Felicia getötet. Wieso sollte ich Mitleid mit ihm haben?
„Es ist zu spät.“, entgegnet Lia.
„Sei doch froh, wenn es zwischen euch Probleme gibt. Kann nur bedeuten, dass du dich doch nicht mit Elfen verstehst. Das klingt für mich ziemlich normal.“, mische ich mich ein.
„Du hast keine Ahnung, was passiert ist.“, sagt Lia angespannt.
„Nein. Dass er dich verletzen würde, war klar.“
„Warum?“, faucht sie.
„Er ist ein Elf, verflucht! Er hat dich nicht verdient.“
„Aber den Tod hat er verdient, oder wie?“ Sie sieht mich an und geht an mir vorbei. Sie scheint voller Wut und doch erfüllt sie Stolz. Den Tod? Ist er gestorben? Wie denn? Er war unsterblich. Ich schaue ihr hinterher und dann zu Mutter. Sie schüttelt tadelnd den Kopf über meine Unachtsamkeit und geht Lia nach. Nein! Sie verstehen mich falsch. Ich wollte nicht, dass sie zusammen sind. Er ist ein Elf, aber ein solches Ende hat er nicht verdient. Und da ziehe ich das erste Mal in Betracht, dass er sie vielleicht mochte. Dass sie vielleicht ihn mochte. Habe ich dann immer noch das Recht die beiden trennen zu wollen? Aber wurde das nicht längst getan? Wer hat sich dazu entschlossen, dass er stirbt? Wer nimmt sich das Recht über Leben und Tod zu entscheiden? Wer ist es, der das Recht dazu hat? Die Antwort kennt nur derjenige selbst. Aber wer ist es, der die Antworten kennt?

LIA
Die Wut und Verzweiflung ist einem Gefühl der Leere gewichen. Seine Familie kümmert sich um die Förmlichkeiten und um die öffentliche Klärung des Falles von Avian und … Felicia. Eine geeignete Gelegenheit mich von ihm in Ruhe zu verabschieden. Ich stehle mich meiem Zimmer und gehe durch die Tilemetafora in das Elfenschloss. Hinter einer Tür nehme ich die kalte Aura des Todes wahr und öffne sie. Dort liegt er. Tot. Alles war umsonst. Sein Opfer war sinnlos. Zwischen Elfen Feen hat sich nichts geändert. Nur für ihn habe ich durchgehalten, er war es die mir die nötige Kraft für die Entscheidung gegen das Angebot gab.
Warum, Avian? Warum tust du mir das an? Warum?
„Auch wenn du mich nicht hörst. Ich liebe dich. Egal wie viel Zeit auch vergeht, meine Liebe zu dir wird immer bestehen.“ Wie soll ich in der Gewissheit, dass er niemals wiederkommen wird, weiteratmen? Ich umklammere seine Hand. Irgendwo dort. Lange Zeit konnte man dort seinen Herzschlag spüren. Vorüber. Ich kann ihm nicht folgen. Ich kenne kein Ende. Ich könnte Jahrtausende auf diese Weise zubringen. Es gibt kein Wiedersehen. Hier auf Aluminia werde ich bis in alle Ewigkeit bleiben. Ohne ihn. Egal wie lange ich auch warte. Alles war gut, mehr oder weniger. Ich habe dich lachen gehört und du hast geredet. Dann zerstörte sie alles. Bisher habe ich nicht wegen ihm geweint. Ich realisiere es einfach nicht. Will es nicht wahrhaben. Auch wenn es gleichgültig ist greife ich eine der Decken und hülle ihn darin ein. Ich umschließe sein Gesicht mit meine Händen und gebe ihm einen letzten Kuss.
Du wirst immer ein Teil von mir sein., denke ich und stürme aus dem Raum, der mich zu erdrücken droht. Ich kann ohne ihn leben, aber es tut unerträglich weh. Ich brauche ein Wunder. Er sagte zwar, ich solle nicht auf eines warten, aber eben das habe ich meiner Meinung nach genug getan. Auf ein Wunder gehofft, gewartet. Es wird Zeit, dass es kommt. Nur … ich befürchte es wird sich nichts ändern.

LUCIAN
Ich sitze stumm auf der Fensterbank und starre in die Landschaft. Nichts scheint mehr Sinn zu machen. Erst Felicia, dann Alisa. Danach sollte es Lia sein und nun ist Avian tot. Zum Glück ist Eris Geschichte. Dennoch: Wohin mit meinen Gefühlen?
Weil ich nicht weiß, was ich tun soll, beschließe ich Avian zu verabschieden. Ich gehe in Richtung seiner Zimmer. Gerade biege ich rechts ab, um zu ihm zu gelangen. Lia kommt halb laufend, halb gehend aus dem Zimmer gestürzt. Ihr geht es ähnlich wie mir. Als sie mich sieht, geht sie mehrere Schritte rückwärts und rennt weg. Wäre ich selbst nicht so verstört vom Vorfall, würde ich mehr für sie tun. Aber vor anderen echte Gefühle zeigen, konnte ich nie so richtig. Sie hat denjenigen verloren, der ihr so viel bedeutet hat. Alisa. Verbindungen zwischen Elfen und Feen bringen nichts, als Unglück.

LIA
Sein Begräbnis auf Elwena ist das Ereignis. Die Zahl der Reporter ist hoch, natürlich bin ich eine der einzigen Feen. Jeder will ein Interview von mir. Andere beschimpfen mich auch. Nicht jetzt. Ich kann nicht mehr. Will hier weg. Doch Lucian ist mir bei. Tapfer hält er sie auf Abstand und hält dabei meine Hand. Wenn ich mal in Panik gerate zieht er mich zu sich und gibt mir den nötigen Halt. Es fühlt sich auf der einen Seite falsch an, weil ich ständig denke, ich würde Avian hintergehen, auch wenn ich weiß, dass es rein freundschaftlich gemeint ist. Auf der anderen brauche ich jemanden an meiner Seite, der mich stützt. Karl und Helene haben viel zu tun mit den Reportern weiter vorne. Nico, Mutter und Livia warten bereits drinnen auf uns. Mit gesenktem Kopf gehe ich weiter, während Lucian weiter sein bestes gibt, damit ich nicht belästigt werde. Nach einer scheinbaren Ewigkeit kommen wir an den Eingang. Die Türen trennen uns nun endlich vor der nervigen Fragerei der Menge. Hier komme ich zur Ruhe.

Die Trauerfeier ist fast vorbei. Jetzt der Teil bei dem er begraben wird. Diese Worte, dieser Gedanke lassen mich erschauern. Was ist mit mir los? Warum weine ich nicht? Wo ich mich so verloren fühle? Ich will nach Karls Hand greifen und sehe im Augenwinkel blonde Haare. Dieser jemand von dem ich glaube mein Bruder zu sein, ist niemand anderes, als Lucian. Er sieht mit geröteten Augen zu mir und umfasst meine Hand. Sogar er kriegt es hin. Bedrückt von dieser Tatsache ziehe ich meine Hand aus seiner, woraufhin er traurig nickt. Das Formale endet und es folgen die üblichen fünf Minuten, in denen die Familie unter sich sein soll. Diesbezüglich verlassen alle anderen Gäste den Raum. Ich darf bleiben. Im Kreis von Livia, Lucian und Nico ist es still. Sie alle sehen wenigstens traurig aus. Mein Gesicht ist einfach nur eine emotionslose Maske.
„Lia, wird es dir zu viel?“, fragt mich Livia mit Sorge in der Stimme. Sie gibt sich Mühe ihre eigene Trauer zurückzustellen. Ja, es ist zu viel. Mir geht es schlecht. Ich will ihn nicht so sehen müssen. Doch inzwischen ans lügen und vorspielen gewohnt, setze ich dieses „Mir geht es gut“-Lächeln auf.
„Es geht.“, antworte ich ihr. Doch ein Blick auf Livias stille Träne und Avians Gesicht lässt die Fassade bröckeln. Er … er wird nicht wiederkommen. Er ist weg. Meine Gedanken ergeben keinen Sinn. Sie überfordern mich. Ich will Ruhe. Ruhe vor mir selbst. Es hört nicht auf. Er wird nicht aufstehen, zu mir kommen und mich umarmen. Leider ist da niemand. Niemand … ich weine. Endlich. Meine Erleichterung darüber wird zurückgedrängt von der Trauer um ihn. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf mich. Sie haben mich bisher nicht um Avian weinen sehen. Lucian will zu mir kommen, aber ich hebe abwehrend die Hände und setze mich. Mein Gesicht verberge ich hinter meinen Händen. Der Teil meiner Kräfte, der im Eis besteht, hat mir geholfen mich abzuschirmen, hat eine scheinbar undurchdringbare Barriere errichtet. Sie schien sicher. Und ein einziger Blick auf ihn hat gereicht, um sie zu zerschlagen.

LUCIAN
Lias Gesichtsausdruck verrät nichts über ihre Gedanken. Sie ist das brave, hübsche Mädchen, das alle in ihr sehen wollen. Innerlich tobt das wahre Chaos. Die Feen denken, sie wäre nur manipuliert gewesen und nun befreit. Sie denken, sie hätten sie befreit. Doch das Gegenteil ist passiert. Sie haben sie zurückgedrängt. Ihre Gefühle hält sie gefangen, obwohl sie sie sonst gezeigt hätte. Ihre Kühle mit der sie zu mir sieht, diese Leere in ihrem Blick lässt mich erstarren. Ihr Schweigen spricht Bände. Es drückt aus, was ihre Worte nie könnten. Ich begreife wirklich und diesmal wirklich … Sie hat Avian geliebt. So für ihn gekämpft und jetzt steht sie hier. Ihr „Es geht“ kaufe ich ihr nicht ab. Sie wird weinen. Gleich.
Und sie tut es tatsächlich. Sie verbirgt ihr Gesicht hinter ihren Händen und damit auch meine Sicht auf ihren Schmerz. Lia weint weiter. Lautlos. Kein Schluchzen, nichts. Nur die stummen Tränen sprechen von dem „ich brauche Hilfe“, und doch auch „ich weiß, dass es sie nicht gibt.“ Das ist die schlimmste Art von Schmerz. Du bist weder in der Lage ihn zu zeigen, geschweige denn ihn in Worte zu fassen. Es ist unerträglich ihn zu fühlen oder ihn bei anderen zu beobachten. Es ist unbegreiflich.
Wie gerne würde ich das Gegenteil behaupten. Leider ist es wahr. Es gibt weder eine Elfe, noch eine Fee, die jetzt noch helfen kann. Außer sie.

LIA
Bevor er begraben wird, bitte ich sie um ein Moment mit ihm allein. Sie verlassen den Raum. Sowie die Tür zufällt, enden meine Tränen. Die restlichen bleiben in meinem Herz und gefrieren. Stille. Innen und Außen. Durch den Glasdeckel hindurch sehe ich Avians nunmehr blasses Gesicht. Es tut mir weh ihn zu sehen und es fällt mir schwer zu atmen. Ich hole den Taschenspiegel von Larina heraus und lasse ihn aufspringen. Mein verweintes Gesicht spiegelt sich in ihm und alles ist irgendwie verwischt. Mein Spiegelbild aus der Spiegelwelt winkt mich zu sich. Dort ist alles einfacher. Dort gibt es keine Trauer, keinen Schmerz. Ich nehme den leichten Sog, den das Spiegelportal auf mich ausübt hin und tauche in das Blumenmeer. Hier herrscht immer Frühling, Sommer, Herbst und Winter zugleich. Dieser Ort ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint. Alles an diesem Ort hat existiert, existiert und wird existieren. Es gibt nicht wie bei Unsterblichkeit nicht nur kein Ende, sondern es gab auch keinen Anfang. Das ist die Ewigkeit. Alles was starb, lebt hier nach wie vor, denn es ist ein zeitloser und dennoch gegenwärtiger Ort. Meine Umgebung wandelt sich. Erst glaube ich, ich müsste gleich Avian begegnen, doch vor mir steht … Vor mir stehe ich selbst. Schweigend sieht mich das Spiegelbild von mir an. „Sie“ weiß um den Grund meiner Trauer. Doch Spiegelbilder kennen keine Trauer. Eigentlich, denn in ihren Augen blitzt Schmerz darüber auf mich so zu sehen. Sie nickt mir zu und nimmt meine Hand, wobei sie über das Armband streicht.
Durch ihre Magie aktiviert sie eine Erinnerung und meine Sicht verschwimmt.

„Bisher habt ihr nur gelernt körperliche Verletzungen und Krankheiten zu heilen. Doch es gibt natürlich auch seelische, sprich psychische Krankheiten und Probleme. Das heißt nicht zwingend, dass eine ernsthafte psychische Krankheit vorliegt. Es kann sich dabei auch um Stress oder Angst handeln. Jeder einzelne von euch wird ab und zu Opfer seiner Psyche und ihr sollt in diesem Kurs nicht nur lernen anderen seelisch zu helfen sondern auch euch selbst. Das besondere daran ist, dass ihr hierbei nicht nur eure Heilenergie nach außen auf eine bestimmte Person richten müsst. Stattdessen sollt ihr sie innerlich fokussieren und diese Energie nach außen fließen lassen.“, doziert meine Schuldirektorin.
Frau Aurora fährt fort: „Für den Einstieg würde ich gerne jemanden vormachen lassen, was ich euch soeben erklärt habe. Jeder von euch hat im Moment bestimmt irgendwelche Sorgen oder Gedanken, die ihn quälen. Julia wärst du so freundlich?“
Warum ich? Von dem Thema Seelisches habe ich keine Ahnung.
„Ich weiß leider nicht wie man diese Art der Magie anwendet.“, spreche ich mein Problem laut an. Allerdings ohne den Effekt, dass sie jemand anderen wählt. Anstelle dessen beruhigt sie mich:„Keine Sorge. Heute werde ich dich noch durch die Heilung leiten. Stell es dir, wie eine geführte Meditation vor. Also schließe bitte deine Augen, um dich besser konzentrieren zu können. Ach und stehe auf, dann fällt es dir leichter.“
Ich tue was sie sagt, da folgt schon ihre nächste Anweisung: „Nun kreiere einen imaginären Energiewirbel. Je authentischer, desto besser. “
Vor meinem inneren Auge entsteht ein Wirrwarr aus silbrigen, weißen Fäden, die zu pulsieren scheinen.
„Jetzt überlege dir, auf welche Weise er dir helfen könnte, fühle seine oder genauer deine Heilenergie.“
Kurz muss ich nachfühlen, doch dann nehme auch ich seine heilende Kraft wahr. Dieses sanfte Gefühl lasse ich durch mich hindurchströmen, spüre förmlich wie das Wasser durch meine Adern fließt, wie es mich durchflutet.
„Sehr schön. Öffne deine Augen, damit du besser siehst, was du gerade geschafft hast.“
Ich scheine von innen heraus zu leuchten, alles glüht irgendwie und es auf seltsame Weise angenehm, verschafft mir dabei aber eine wohlige Wärme.
„Gut. Schließe deine Augen wieder. Es folgt der letzte Schritt. Übertrage diese Macht, die du heraufbeschworen konntest, wie bei jeder anderen Heilung nach außen, führe dir aber vor Augen, dass Stress von deinen Mitschülern abfallen soll.“, leitet sie mich an.
Wieder und wieder nehme ich im Geist Anlauf es gelingt mir aber nicht. Die Energie ist anders, als die einer körperlichen Heilung. Frau Aurora wird über meine Schwierigkeiten Bescheid wissen, denn sie ist alt. Sehr alt sogar. Die Fee der Zeit. Erneut nehme ich Maß und Wärme durchfährt mich, aber nichts tut sich,lediglich ich strahle weiterhin förmlich.

Die Erinnerung endet und vor mir steht wieder mein Spiegelbild.
„Bitte, sprich mit mir.“ Sie sieht weg.
„Du darfst nicht weinen.“, fleht sie und ich kann es nicht glauben. Sie hat gesprochen! Dafür verblassen ihre Umrisse und ich versuche nach ihr zu greifen. Warum? Warum kann sie sprechen?
Da verstehe ich es. Zu uns selbst können unsere Spiegelbilder sprechen, denn ich bin sie, sie ist ich. Und ich kann sprechen.

Um mich herum leuchtet es. Sind das … Scheinwerfer? Nein, es ist … das Armband von Felicia und die verblassende Spiegelwelt. Zurück in der realen Welt wird mir schmerzlich bewusst, dass alles beim alten ist. Niemand ist zu sehen. Also war ich nicht lange in der Spiegelwelt.
Ich stehe mühsam auf. Es fällt mir schwer. Ich stütze mich für einen besseren Halt auf seinen gläsernen Sarg. Körperliche Wunden gingen gut, seelische nach dieser Einführung allerdings nur bei einfachen Gefühlsregungen.
Vielleicht kann ich ja seine Wunden regenerieren, damit er wenigstens unverletzt begraben wird. Ich konzentriere mich, sammele mich, wie Frau Aurora geraten hat. Langsam befreie ich mich von meinen negativen Gefühlen, blende sie aus. Ich stelle mir vor, wie seine Wunden verblassen. Als ich meine Augen öffne, sind sie tatsächlich verschwunden.
Ich hoffe so sehr, dass der Schmerz irgendwann nachlässt. Ich fange wieder an zu weinen. Meine Tränen fallen auf das Glas des Sarges.
„Ich verspreche dir, ich werde nicht mehr weinen.“

Gerade als ich mich zum Gehen umdrehen will, kommt mir etwas ins Gedächtnis.
Mein Spiegelbild hat mir diese Erinnerung nicht umsonst gezeigt. Alle Handlungen eines Spiegelbildes haben eine Bedeutung. Es gibt bei ihnen kein unbedachtes Handeln. Das Streichen übers Armband und die Erinnerung. Dass, das Armband besondere Kräfte haben muss, ist mir klar. Vielleicht muss ich es durch meine Magie aktivieren. Ich drehe mich um und hebe den Sargdeckel an. Angestrengt wegen seines hohen Gewichts lege ich ihn möglichst vorsichtig ab. So darf mich niemand sehen, sie denken sonst was. Ich nehme seine Hand in meine und fokussiere mich auf ihn. Bitte!, flehe ich aus ganzem Herzen.

20. Kapitel

LIA
Er schlägt seine Augen auf und stützt sich auf seine Ellenbogen, wirkt irritiert. Es hat wirklich funktioniert. Warum nur?, stellt sich mir die Frage. Neuerdings schaffe ich Dinge, die ich sonst nie hätte tun können. Avian hat nur normale Kräfte. Er kann noch so viel Magie in eine Formel fließen lassen, er würde nicht Dinge, wie diese, schaffen. Unmöglich allein der Ring, obwohl er davon ausgeht. Es muss etwas anderes sein. Das Armband. Es war Felicias. Das hieße, sie hätte alles voraus gesehen. Ihren eigenen Tod inklusive. Warum hat sie sich nicht gewehrt? Um ihrer Schwester willen? Ging ihre Liebe zu ihr so weit? Obwohl Eris ein Geschöpf aus dunkler Magie war? Fragen kann ich sie nicht und Mutter hat mir erzählt, was sie weiß. Nach außen hin werde ich beim Ring bleiben.
Ohne Zögern schließe ich ihn in eine innige Umarmung, dann löse ich mich aus seinen Armen, halte ihn aber weiter an den Schultern, damit er nicht den Halt verliert. Wie er bei mir ganz am Anfang. Mit einem schwachen Lächeln blickt er mir entgegen als wolle er sagen: Siehst du. Alles ist gut.
Wir sprechen nicht. Ich helfe ihm aus dem Sarg. Hilfe, wie das klingt. Auf jeden Fall steht er wackelig neben mir, als die Tür aufgeht und Lucian hineinkommt. Er sieht Avian noch nicht, denn Lucian lehnt sich an die Wand und hält die Augen geschlossen. Erschöpft sinkt er nach unten und bleibt dort sitzen. Er presst seine linke Hand vor den Mund, als unterdrücke er wieder mal seine Gefühle. Ich meine, Alisa hält er geheim. Seine Trauer um Avian versteckt er. „Verzeih mir, Lia. Ich hätte dich von Anfang an gut behandeln sollen, statt dich von ihm trennen zu wollen. Ich wünschte, ich könnte ihn ein letztes Mal sehen. Dieser Dummkopf musste ja nach Caelum reiten. Es tut mir leid.“ Sein Atem geht unregelmäßig. Er liebt seinen Bruder.
„Lucian, er ist gleich hier.“ Es gibt keinen Grund mehr zu trauern.„Geh zu ihm.“ Lucian denkt ich spreche ihn an, um ihn zum Glas... mich graust es vor dem Wort. Nie wieder nehme ich es in den Mund. Während Avian auf ihn zugeht, steht Lucian auf. Dann sieht er ihn.

LUCIAN
Unmöglich. Er kann es nicht sein. Trotzdem steht er wenige Meter entfernt. Er sieht geschwächt aus. Kein Wunder. Überwältigt stürme ich auf ihn zu und renne ihn beinahe um. Mit rauer Stimme setzt er an, etwas zu sagen, aber ich verstehe ihn kaum.
„Lass ihn Luft holen, Lucian.“, sagt sie neben uns. Da ist etwas in ihren Augen. Im nächsten Moment legt sie jeweils einen Arm um meine und Avians Schultern. „Ihr Elfen seid ein verrückter Haufen.“ Mein Bruder räuspert sich angestrengt.
„Willst du uns etwas sagen?“, ärgere ich ihn.
Mein Hals tut weh., informiert er mich telepathisch.
„Willst du etwas trinken?“, frage ich ihn deshalb. Er nickt dankend, während Lia schon dabei ist, Wasser herbeizurufen. Gleich darauf hält sie Avian das Wasserglas hin. Er leert es in einem Zug. Seine Stimme wird deutlicher und gewinnt an Klang.
„Lia.“, ist das erste, was er von sich gibt. Verwundert nehme ich eine kaum hörbare Veränderung in seiner Stimmer war. Ich sprach mal davon, dass Feen ihren eigenen Klang in der Stimme haben. Diesen Ansatz von der feentypischen Wortmelodie höre ich heraus. Sie scheint es auch zu merken, denn sie lächelt mir zu. Avian ist durch unseren Blick irritiert.
„Was ist denn?“, fragt er nichtsahnend. „
Mach dir keine Gedanken. Wir sind bloß froh, dass du lebst.“ Sie legt ihre Hände auf seine Wangen, woraufhin er die Augen schließt. Sie sieht ihn voller Liebe an
„Du hast mich gerettet.“ Avians Dank kommt von ganzem Herzen.
„Das liegt an deinem Ring.“, merkt Lia an. Ring? Ach, der! Das kitschige Weißgold-Ding. Aber er ist schön.
„Mag sein. Ist das wichtig?“, fragt daraufhin Avian.
„Nein, nur du zählst.“ Sei kein Spielverderber. Trotzdem ist ihr Geturtel kaum auszuhalten.
„Ich bin anwesend.“, erinnere ich sie. Sie löst sich von ihm und errötet. Er sieht mich mit sanft zurechtweisendem Blick an. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Ich weiß, ich weiß. Ich benehme mich.
Im nächsten Moment kommen die anderen die Tür hinein und sehen gebannt zu Avian. Mutter bricht das Schweigen, weil sie Avian fest drückt. Es muss unfassbar schmerzhaft sein für eine Mutter ihr Kind sterben zu sehen, auch wenn diese Mutter tausende Jahre alt ist und das Kind Jahrhunderte. Die Umarmung dauert lange. Danach ist Nico an der Reihe. Amalia hätte ebenfalls keine Sekunde gezögert, lässt ihnen nur den Vortritt. Karl und Helene halten sich noch zurück. Schließlich geht Karl auf Avian zu. Ersterer richtet sich zu seiner vollen Größe auf. Ohne Erfolg. Mein Bruder ist gleich groß. Schlecht, Karl, schlecht.
„Wie schaffst du es nur all das durchzustehen?“, fragt er Avian freiheraus.
„Ich verdanke es deiner Schwester.“ Er wirft einen Blick auf Lia.
„Ich hatte Angst um Lia..“
„Das musst du nicht. Vertragen wir uns?“
„Gerne.“ Ein Grinsen breitet sich auf ihren Gesichtern aus und sie knuffen sich gegenseitig in den Oberarm.
„Du hast Charakter.“, merkt Karl an. Nein, nicht! Avian ein Kompliment machen! Das kann anstrengend werden.
„Er hat recht.“, schaltet sich Helene ein.
„Danke ihr beiden.“
„Keine Ursache.“ Helene lächelt Avian zu und er erwidert es. Die beiden passen äußerlich gut zusammen. Lias Augen funkeln angriffslustig. Ist sie eifersüchtig? Interessant! Sie kann also. Lia hakt sich besitzergreifend bei Avian unter. Der sieht verwundert und belustigt zu ihr. „Qué esai ci ári?“ Was ist du Schöne? Die Arme weiß bestimmt nicht, was das bedeutet.
„Lia komm runter. Ich habe mich nur bedankt.“, beruhigt Helene sie, die ihr sichtlich entspannter zunickt.
„Kinder, wir sollten hinausgehen, den Teilnehmenden Bescheid geben.“, lenkt Amalia ein. Kinder.
Hat begonnen. Mutter bittet Lia etwas und diese nickt zustimmend. Meine Familie verlässt die Bühne, wobei ich ihnen folge. Lediglich Amalia bleibt da und manifestiert für Lia ein Mikrofon. Daraufhin kommt sie nach.
„Liebe Elfen und manche Feen,
vielleicht haben einige von ihnen bereits gesehen dass Prinz Avian lebt. Verdanken haben wir diesen Umstand einem magischen Ring. Doch der ehemalige Grund, warum er starb, bleibt. Ich weiß, dass viele von Ihnen in mir nur eine Fee sehen. Doch es gibt auch welche unter Ihnen, die mir aufgrund Avians Rettung nach dem Brand danken.“
Amalia und Karl sehen schockiert zu ihr hinauf und dann zu mir. Wussten sie nichts von dem Brand? Nun, vorausgesetzt Lia hat ihnen nichts erzählt und die aluminische Presse nichts veröffentlicht, ist das möglich.
„Die Geschichte um Eris wurde Ihnen bereits ausführlich von den Medien dargelegt, deshalb will ich Sie nicht damit behelligen. Doch ich möchte weiterhin den Frieden zwischen Elfen und Feen. Prinz Avian lebt wieder. Darauf sollten wir uns konzentrieren. Einem Friedensvertrag steht somit nichts mehr im Weg. Ich bitte Sie: Verbreiten Sie den Inhalt von dem, was ich sagte, im magischen Netz und bilden Sie sich eine Meinung unabhängig von Vorurteilen, ob sie den Friedensvertrag wollen. Dankeschön.“
Sie verlässt die Bühne und läuft auf uns zu. Gemeinsam gehen wir zu den zwei geschlossenen Kutschen. Auf dem Weg dorthin bestürmen die Journalisten Avian mit Fragen. Bis auf eine einzige Frage. Eine Frage, die nie jemand stellen würde. Die Frage, was danach ist. Hierzu wird jeder schweigen. Man fragt diese Sache einfach nicht, es wäre ein Eingriff in die Privatsphäre, der nicht vergleichbar ist, denn im Tod, so sprechen die Elfen, habe jeder seine Ruhe verdient. Das Thema kommt generell nur wenig zur Sprache. Am Ende gibt es sowieso keine sichere Antwort. Bis jetzt. Avian könnte es wissen. Doch zu fragen, wage auch ich nicht. Nicht, dass ich es mich unter vier Augen nicht trauen würde, aber das Risiko und die damit einhergehende Angst, dass das eigene, zurechtgelegte Weltbild zerschlagen wird, ist zu groß.
Amalia, Livia, Nico und Karl steigen in die erste Kutsche, Helene, ich, Avian und Lia in die zweite. Sobald sich die Kutschen in Bewegung setzen, lehnt sich Lia an Avians Schulter, welcher daraufhin seinen Arm um sie legt und sein Kinn auf ihren Scheitel bettet. Die ganze Fahrt über sitzen sie mit geschlossenen Augen nah beieinander und vergessen unsere Gegenwart. Zum Davonlaufen. Ein Stechen durchzieht meine Magengegend. Ich fühle den alten Schmerz in mir und muss wegsehen. Helene bemerkt es und nimmt meine Hand. Sie konzentriert sich kurz und ihre Mimik wird traurig. Ich sehe auf unsere Hände. Sie deutet ein Nicken an und ich verstehe. Sie versteht auf eine Berührung hin die Empfindungen eines Lebewesens. Empathie. Eine ihrer Gaben. Ich sehe wieder zu meinem Bruder. Und wieder weg. Zu bewusst bin ich mir der Tatsache, dass ich niemals diese Art von Nähe haben werde. Alisa.

LIA
Die Fahrt dauert zwei volle Stunden. Eine entscheidende Frage brennt mir auf der Seele, doch ich schweige. Währenddessen merke ich, wie Avian einschläft. Er hat viel durchgemacht. Mitleidig spüre ich nach, ob es ihm gut geht, doch da ist nichts außer der ruhigen Müdigkeit in seiner Aura. Er sieht so friedlich aus, wie er an mich gelehnt schläft. Ich habe nichts dagegen, solange mein Kopf an seiner Schulter ist. Erst vor seinem zu Hause wecken wir ihn. Der Anlass des gemeinsamen Abendessens war ehemals sein Tod, nun ist es ein Grund zu feiern. Eben dies wollen wir tun. Leider ist Avian nach wie vor erschöpft und muss sich dringend ausruhen.
Ich hole noch Mutter dazu und bitte sie, ihm seine Magie zurückzugeben. Sie zieht erschrocken die Luft ein, als ich sie darauf aufmerksam mache.
„Avian, es tut mir leid. Das alles hätte anders verlaufen müssen.“
„Wir können nichts daran ändern.“ Sie überträgt ihm seine Magie, doch irgendwie tut sich nichts.
„Sie ist erst in ein paar Stunden vollständig wieder da.“, antwortet Mutter. Ich begleite ihn zu seinen Zimmern, wo er sich hinlegen soll. Er protestiert, weil er dabei sein will. Ich halte dagegen und bewege ihn dazu sich ins Bett zu legen.
„Ich komme mir dämlich vor.“, beschwert er sich. Obwohl er nur halb sitzt beziehungsweise liegt, stört er sich daran. Ich sitze vor ihm auf der Matratze.
„Musst du nicht. Ich jedenfalls bin stolz auf dich.“
„Ja?“ Avian will überrascht aufstehen, aber ich drücke ihn rechtzeitig zurück in die Kissen.
„Du bleibst, wo du bist.“
„Du auch.“, und küsst mich auf den Scheitel. Ich möchte, dass er sich hinlegt, er muss sich ausruhen.
„Genug, du musst schlafen.“, weise ich ihn zurecht. Gerade will ich mich umdrehen und den Raum verlassen, doch er hält mich an der Hand fest.
„Du musst zur Ruhe kommen, Avian.“
„Bleibst du?“
Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf und will meine Hand befreien. Das Ergebnis ist, dass er mich zu sich zieht. Direkt vor seinem Gesicht kommt er mir gefährlich nah. „Bitte.“ Dabei setzt er ein charmantes Lächeln auf, woraufhin sich ein warmes Gefühl in meinem Bauch ausbreitet. Er sieht wahnsinnig gut aus. Jung und losgelöst. Seine Augen funkeln verspielt und seine Haare sind durcheinander.
Ich darf nicht nachgeben.,rufe ich mich zur Ordnung.
„Du darfst sehr wohl, Lia.“, antwortet er auf meinen Gedanken, bevor er mich ohne zu fragen küsst. Ziemlich schnell wird mir klar, dass ich wohl nicht mehr gehen werde. Aber, nein, das ist falsch. Er lässt von mir ab und ich weiß nicht, wohin mit mir.
„Immer noch?“, stellt er die gemeinste Frage überhaupt. Als kenne er die Antwort schon hält er mir eine Hand hin, damit ich es leichter habe mich neben ihn zu setzen. Ich zögere, doch ich ergreife sie. Was soll's? Ich lege mich auf die Seite und schaue ihn an. Avian legt sich vollständig hin und rückt näher zu mir.
„Ich habe meine Gründe dich neben mir wissen zu wollen. Glaube nicht, es wäre belanglos für mich, ja?“, flüstert er.
„Welche Gründe?“, hake ich nach. Er schüttelt leicht den Kopf und schließt seine Augen.
„Ich will nicht wieder alleine sein. In einem stillen Raum. Noch nicht.“
„Und deshalb bittest du mich worum?“, frage ich unbedarft weiter.
„Nichts.“, murmelt er und ich schließe meine Augen. „Lia?“, fragt er mich nach ein paar Minuten.
„Was denn?“
„Schläfst du schon?“ Ich kann das einsetzende Schmunzeln auf seinem Mund förmlich in seiner Aura spüren.
„Nein. Du?“

AVIAN
Eine Energiewelle schleudert mich gegen die Wand und ich sinke ächzend zu Boden.
Ich ringe hilflos nach Atem, weil eine neue Schmerzenswelle meinen Körper durchzieht. Wann hört es auf? Es soll sofort enden, der Tod ist kein Vergleich zu dem was ich fühle! Von innen heraus meine ich zu verbrennen. Meine Haut glüht und es bilden sich Brandblasen. In Panik krümme ich mich, zu schwach, um um mein Leben zu kämpfen... Ich schließe die Augen, ungewiss, ob ich sie jemals erneut öffnen werde. Dunkelheit umgibt mich und eine Frauenstimme verkündet, ich würde sterben. Wenn es nur endlich geschehen würde. Ich halte die Schmerzen nicht mehr aus. Doch da ist etwas … Blaue Augen, die mir sagen, ich soll aufstehen und weglaufen, irgendetwas tun, dass mir hilft. Ich vertraue ihnen, obwohl ich nichts sehe und will mich aufstützen, doch alles umfassende Schmerzen erfüllen meinen Körper. Ich bleibe liegen, während sich vor meinem geistigen Auge ein Geschehen abspielt. Es ermutigt mich, dass ich nicht an dem Unglück schuld bin. Aber … da sind diese blauen Augen … Lia. In dem Wissen, dass dies die letzte Möglichkeit ist, schicke ich die Bilder an sie. Gleich darauf finden leise Schritte ihren Weg zu mir und ich stelle erleichtert fest, dass sie tatsächlich bei mir ist. Ich habe keine Kraft mehr zu sprechen, für alles fehlt mir die nötige Ausdauer. Deshalb schicke ich ihr einen Gedanken nach dem anderen bis ich in einen Strudel gezogen werde, der mich beruhigt. Doch danach … Lia. Ich werde sie nicht wiedersehen. Sie ist unsterblich, sie kann mir nicht folgen. Die Schmerzen kommen auf, doch diesmal in mir. Und ich bin so froh, dass ich nicht alleine einschlafe. Sie ist bei mir. Mein Herz schlägt ein letztes Mal. Für sie, für die, die ich liebe.

LIA
Ich versuche ihn wach zu kriegen. Er wälzt sich im Bett umher. Was muss in ihm wüten, dass es ihm nicht einmal die Ruhe des Schlafes lässt? Eris. Sie hat ihn gewissenlos getötet. Und es braucht einiges, um einem Unsterblichen das Leben zu nehmen. Mächtigste Magie, zu der soweit ich weiß nicht einmal Mutter oder Livia im Stande wären. Eris schon. War. Sie ist tot. Es muss brutal und unerträglich gewesen sein. Zwischen den Kissen wimmert er meinen Namen. Ich könnte es ihm gleichtun. Es tut weh ihn wehrlos zu sehen. Selber machtlos zu sein ist nicht viel besser. Ich kann ihm nicht helfen. Er müsste stillhalten, damit ich ihn heilen kann. Ich rüttele an seinen Schultern. Er muss aufstehen. Seine Aura ist dunkelgrau, nahe einem Schwarz. Nicht gut, gar nicht gut. Schwarz steht für Mangel an Energie, tiefgreifende Verzweiflung und Trauer. Ich greife nach seiner Hand, um ihn vielleicht heilen zu können. Er reagiert nicht gut und statt seine Hand wie zuvor im Kissen zu verkrampfen, muss meine Hand darunter leiden. Ich beiße die Zähne zusammen, dennoch entfährt mir wegen dem viel zu heftigem Druck ein Fluch. Ich entreiße ihm meine Hand und weiche ans Fußende des Bettes zurück. Wie kann ich ihm helfen? Ich streife meine Haare zurück und überlege. In diesem Moment tut sich etwas und Avian setzt sich auf, stützt sich dabei auf die Hände. Orientierungslos wandert sein Blick über die zerwühlte Decke und folgt ihr in die Richtung, in die ich sie zu mir gezogen habe. Seine Augen verhaken sich in meinen. In ihnen Augen liegt etwas Eigenartiges. Sie sind nicht frei, sondern … unaufmerksam. Sonst ist er immer hellwach und präsent.
„Lia.“, bringt er mit erstickter Stimme hervor und streckt seinen Arm nach mir aus. Ich schrecke zurück. Dieser Ausdruck in seinen Augen irritiert mich. Als wäre er nicht hier, als wäre er jemand anders. Plötzlich schnellt dieses Wesen, das nicht Avian sein kann auf mich zu. Es schließt seine eiskalten Hände um meine Schultern. Avians Hände waren niemals kalt, sondern immer warm. Ein eisiger Schauer durchfährt mich. Ich spüre die negative Aura, die dieses Ding ausstrahlt. Der Traum. Es muss ihm diesen Traum geschickt haben, um ihn zu schwächen und sich seiner zu bemächtigen. Wer es ist, ist keine Frage. Es ist Eris' Beauftragter. Es war zwar ein von Eris' Zaubern erschaffenes Wesen, aber er galt als lebendig, weshalb er nicht mit ihr starb. Wo ist Avian? Irgendwo in den hintersten Winkeln seines Geistes eingeschlossen. Ich kann ihm nicht wehtun, er sieht zu sehr nach Avian aus. Außerdem steckt er in ihm. Alles was dieser Diener spürt, spürt er ebenfalls. Alles was es wahrnimmt, spürt er auch. Er kann mich hören.
„Ich weiß, du verstehst mich, ich weiß du willst mir nichts tun. Hörst du?“ Einen Moment klärt sich das Grün und gibt die Sicht auf Hilflosigkeit und Angst frei. Das ist Avian. Sofort werden sie erneut von dieser Fremdartigkeit verschleiert. Ich muss aktiv werden. Solange es keine dauerhaften Schäden verursacht. Mir ist egal, was ich mit dem Diener anstelle, nur Avian zählt. Ich lasse all meine Heilkräfte in Avian übergehen. Seine Aura reagiert als erstes. Sie erhellt ich für Sekundenbruchteile. Weiter. Doch der Beauftragte wirbelt herum und schleudert mich auf die Kopfseite zu den Kissen. Effektiv. Und so verletzend. Weich wird mein Flug abgefedert. Die Richtung habe ich bestimmt Avian zu verdanken. Der Diener hätte mich sonst wohin gerissen. Zu früh gefreut. „Avian“ versperrt mir den Weg. In meiner Ratlosigkeit stehe ich auf und will … keine Ahnung. Meine Knöchel knackt verdächtig unter dem Griff des Angreifers und ich falle. Ich kriege sein Handgelenk zu fassen und wirke meine Magie wieder auf ihn. „Du musst mir helfen. Ich komme nicht alleine gegen ihn an.“ Seine Augen werden klar und er versucht zu sprechen. Du kannst das., beschwöre ich ihn in Gedanken in der Hoffnung, dass er es mitkriegt.
„Ich … kann … “ Er ist es, der redet. Meine Heilmagie findet ihren dringend benötigten Ansatzpunkt und ich entlade sie auf ihn. Das dunkle in seinem Blick verschwindet und Avian geht in die Knie. Wir sind immer noch auf dem Bett. Er atmet gehetzt und ich bin mir nicht sicher, ob es in Ordnung ist mich ihm zu nähern. Hinter dem Schatten des Bettes tritt ein Mann hervor. Der Angreifer. Mein Blick huscht zu Avian. Er drückt sich gegen die Wand. Sein Atem geht flach und gedrängt. Nein! Eris hat genug angerichtet! Ich bin vielleicht Wasser, aber Wasser hat sowohl die Kraft zu erschaffen, Leben zu schaffen, aber genauso kann eine unkontrollierte Flut alles zerstören. Ich konzentriere mich auf meine Wasserkräfte und die Luft um mich herum fängt an zu flimmern und zu surren. Aufgeladen mit meiner Magie hole ich aus und lasse reines Magiewasser auf den Diener des Chaos niedersausen. Er ist kein Lebewesen in diesem Sinne. Er hat nicht den Wunsch zu existieren. Er ist eine leere Hülle angetrieben, durch Eris alten Befehl. Ohne ihre Steuerung hat er nur die alten Kräfte. Ist sterblich. Ich kann ihn besiegen. Ich kann es.

Ein buntes Farbenspiel entsteht, als der Beauftragte sich in seine Magie auflöst.
„Du denkst, du hättest gewonnen … Aber das hat du nicht.“, krächzt er seine letzten Worte.
Ich habe ihn … Fassungslos schaue ich auf meine Hände. Dann werden ihre Konturen undeutlich und ich verliere die Kontrolle über meinen Körper. Avian stürzt auf mich zu, weil ich erschöpft zusammenbreche. Ich habe mich total verausgabt.
„Lia.“, spricht er mit warmer Stimme. „Ich hätte dich gehen lassen müssen. Das wäre niemals passiert, wenn ich nicht darauf bestanden hätte. Es tut mir leid. Ich habe dich angegriffen, verstehst du? Dabei habe ich dir versprochen, dich zu beschützen. Verzeih mir. Ich … “
„Mir geht es gut. Er hat dich mit einem Traum geködert. Du kannst nichts dafür.“
„Du bist so mutig und ich bin … “
„Ebenso mutig. Ich habe nichts mit deinen Taten zu tun. Alles, was du getan hast, geschah wegen dir.“
„Warum nur fühle ich mich nicht so, Lia?“
„Du denkst, du müsstest immer stark sein. Über dich hinauswachsen. Stattdessen kannst du auch einfach mal schwach sein. Niemand nimmt dir das übel. Du warst tot. Du hast gegen Eris gekämpft und wurdest von ihrem Diener benutzt. Niemand verlangt derartiges von dir, am allerwenigsten ich.“ Die Frage von der Kutschfahrt drängt sich mir wieder auf.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Dann sag' nichts.“
„Danke.“ Er legt sich hin und ich folge seinem Beispiel. Ich kann auch nicht mehr.
„Avian?“ Es lässt mir keine Ruhe.
„Mmh?“
„Ich frage mich die ganze Zeit … , ob du … naja Erinnerungen an das hast, was … danach kommt.“
„Lia! Du weißt, dass … “
„Ja! Ja. Ich weiß. Aber es interessiert mich so unfassbar.“
„Du bist vielleicht zu jung um zu begreifen, was es in all seiner Tragweite bedeutet, was ich dir antworten würde.“
„Bitte, Avian.“
„Es hat einen guten Grund, warum Lebende nichts davon wissen.“
„Ich sag's auch nicht weiter.“ Ich klinge, wie das schlimmste Kleinkind Aluminias.
„Nein. Du musst dich damit abfinden.“
„Gut, dann gehört das eben auch zu den Erfahrungen, die du mir voraus hast.“, beschwere ich mich. Er sieht mir in die Augen und lässt mich nervös werden. Seine Aura flackert im Licht der Nachttischlampe.
„Du hast keine Ahnung, wovon du redest, oder?“
„Nein. Deshalb bitte ich dich ja darum.“
„Gib mir mal deine Hand.“ Erwartungsvoll sehe ich ihn an, während er meine Hand nimmt. Er schließt die Augen und atmet durch. „Es muss klappen.“, sagt er, ehe er irgendeine Art Zauber wirkt.
„Was machst du?“
„Das, was du fühlst, ist meine Begabung. Dieses Gefühl vermittle ich Tieren, die Angst haben oder mir nicht vertrauen. Es wirkt beruhigend auf sie. Auf dich dürfte es keinen Einfluss haben, aber du müsstest es spüren.“
„Ja.“ Was hat er vor?
„Und das, was du jetzt fühlst ist die Art von Gefühl, aber das echte entspricht nicht im Mindesten dem Gefühl, was du im Moment hast. Du musst das jetzige um ein unendlich vielfaches vergrößern und schöner werden lassen. Mehr, als das werde ich dir nicht zeigen.“
„Bitte.“
„Nein, Lia. Als es geschah hatte ich Gewissheit über meinen Zustand, aber jetzt kann auch ich nur noch von glauben sprechen, denn diese Gewissheit von dem war nur danach vorhanden.“
„Aber ich … “
„Dich treibt das gleiche an, wie jeden. Du hast Angst davor. Du kannst mir glauben, es ist nichts, wovor du dich fürchten musst.“
„Danke.“
„Behalt' es für dich, Lia.“
„Keine Sorge, ich erzähle es niemandem.“
„Dann schlaf' gut.“ Seine Stimme ist wieder gelassen und einfühlsam. Doch es gibt noch eine Sache …
„Ich fühle mich unwohl.“ Ohne dich. Ich traue mich nicht die Worte auszusprechen.
„Soll, soll ich … gehen?“
„Nein, es liegt nicht daran, dass du da bist.“
„Woran dann?“, fragt er mit besorgter Stimme.
„Du bist nicht bei mir.“
„Was meinst du?“ Ich weiß, er will mich zu nichts drängen, aber das hier ist doch normal, oder?
„Ich weiß nicht. Du fehlst mir. Irgendwie.“
„Ich bin gleich neben dir.“ Ich fahre hoch und sehe empört zu ihm.
„Avian! Kannst du aufhören zu denken, ich würde mich in deiner Nähe unwohl fühlen und zu mir kommen?“ Er liegt mehr als einen halben Meter entfernt. Wir sind ein Paar.
„Du?“
„Ja, ich.“
„Du bist mir manchmal ein Rätsel.“ Zum Glück diskutiert er nicht weiter und kommt zu mir. Er öffnet seine Arme und ich kuschele mich an ihn. „Du hättest nur sagen müssen, dass du nichts dagegen hast. Weißt du wie schwer es war mich zurückzuhalten?“ Ich belächele seine Erklärung mit dem Rücken zu seinem Gesicht. Ich habe ihn vermisst.
„Ich habe mich nie so leer gefühlt, wie in den letzten Tagen.“
„Und jetzt ist es vorbei?“
„Ja, endlich.“
„War es wegen mir?“
„Natürlich. Erst wollte ich es nicht wahrhaben, habe nicht mal geweint bis … bis es mir schmerzlich bewusst wurde.“ Meine Stimme bricht. Bei der Erinnerung an die vergangenen Tage und die Trauer um ihn, zieht sich mein Herz zusammen. Ich winkele meine Knie an, um das unangenehme Gefühl aus meinem Magen zu vertreiben. Weil mir den Gedanke daran immer noch weh tut, läuft eine Träne meine Wange hinunter. Was hätte ich bloß getan, wenn er nicht wieder da wäre? Wenn er tot wäre? Das unbegreifliche Gefühl von Hilflosigkeit überkommt mich. Was wäre, wenn … und so weiter. Avian stützt sich auf seinen Unterarm und sieht mir ins Gesicht. Als er meine Träne bemerkt, wird sein Blick gerührt.
„Oh, Lia. Lia. Es ist vorbei. Alles ist gut gegangen. Ich lebe. Niemand ist gestorben.“
„Aber es fühlt sich so an.“
„Ich glaube nicht, dass ich je weit weg war. Wenn du an meiner Stelle gewesen wärst, wenn du es erleben würdest, würdest du dich fragen, warum du geweint hast.“ In dieser Sekunde begreife ich die Unachtsamkeit seiner Worte und beginne zu zittern. Ich sehe ihn an, er erwidert es erst ahnungslos. Bis auch er schaltet. Nervös fährt er sich durch die Haare.
„Lia … Ich … Verflucht.“ Er nimmt mich in den Arm, sodass ich mit dem Rücken zu ihm liege und er hinter mir.
„Avian?“
„Auch wenn es nur ein Bruchteil der Wahrheit ist, du weißt mehr, als irgendjemand sonst. Du darfst es niemandem erzählen.“ Ich schweige. „Hast du mich verstanden?“
„J-ja. Was wäre das beste?“
„Das beste wäre, wenn du alles ausblendest und einschläfst.“
„Du bleibst, oder?“
„Ich bleibe so lange du willst.“
„Deine Magie ist zurück, oder?“
„Seit ein paar Minuten. Ich realisiere es nicht.“
„Wie wäre es mit der Formel für Müdigkeit?“
„Kourasménos.“ Meine Augen werden schwer und diesmal lasse ich die Wirkung gezielt zu, weil ich weiß, dass sie mir helfen wird.
„Weißt du, was das Schönste ist?“
„Was denn?“, murmele ich müde. Nichts aufwendiges, ich will einschlafen. Ich fühle mich rundum wohl. Nichts soll das unterbrechen. Auch kein Gespräch. Er vergräbt seine Nase in meinen Haaren. Seufzend atmet er aus. Er sucht meine Nähe. Ich könnte mädchenhaft aufspringen, bin nur viel zu müde. Seine Finger verschränken sich mit meinen. „Zu wissen, dass du „meine“ Fee bist.“, und ich dämmere im Sonnenaufgang ein.

AVIAN
Meine Gedanken wandern immer wieder zu der Sache vorhin. Lia hat mir geholfen. Ich habe sie alleine kämpfen lassen, dabei war ich im Raum. Stattdessen saß ich benommen und panisch von dem Besitzzauber des Angreifers in der Ecke. Gut, ich hatte noch keine Magie, trotzdem … Ich war feige. Glaube ich. Hoffe ich nicht. Ertrage ich nicht.
„Aua.“, klagt plötzlich Lia.
„Was ist?“, frage ich alarmiert.
„Meine arme Hand.“ Schnell lasse ich los und sie reibt sich die Hand.
„T-tut mir leid.“ Wie soll ich ihr das erklären? Mein Stolz ist angeknackst, deshalb erdrücke ich deine Hand?
„Was hast du?“
„Es ist Morgen.“
„Wie bitte?“
„Wir sollten aufstehen. Ich wollte dich wecken.“ Sag' ich doch. Feige. Ich richte mich auf.
„Jetzt wirst du bleiben. Das bist du mir schuldig.“ Sie zieht mich zurück und ich seufze.
„Ja, ich bin es dir schuldig, aber ich kann nicht.“
„Dein Ernst? Wir überstehen dieses ganze Desaster und jetzt kneifst du?“
„Du verstehst mich nicht.“
„Wie soll ich es verstehen? Du erträgst mich nicht in deiner Nähe und willst abhauen.“
„So auf jeden Fall nicht.“
„Dann erkläre es mir.“ Blaue Augen forschen in meinen nach Antworten. Ich lehne mich über sie und küsse sie. Nach wenigen Sekunden unterbricht sie mich.
„Avian, wir haben das noch nicht geklärt.“ Sie will ständig alles klären. Kann sie im Bezug auf mich nicht einmal, wie jedes andere Mädchen sein? Jede andere Elfe hätte für das hier alles getan. Nicht, Lia! Sie muss anders sein. Unbedingt.
„Von mir aus müssen wir es nicht bereden.“, lenke ich ab. Bitte, nimm es hin.
„Du kannst mich nicht durch einen Kuss vom Thema ablenken.“
„Welches Thema?“, gebe ich vor.
„Ach so. Dann gibt es keinen Grund hierzubleiben. Ich dachte es gäbe etwas.“ Ich lasse sie nicht weg, doch sie nimmt mein Handgelenk und jagt einen kalten Schauer durch mich. Ich ziehe erschrocken meinen Arm zurück und in diesem Moment verdrückt sie sich.
„Feen.“, murre ich vor mich hin, da kommt etwas geflogen. Es trifft mich kalt an der Wange. Wie … ! Ein Schneeball. Wasserfeen steuern logischerweise auch Eis. Dieses fiese, kleine Wesen.
„Das hab' ich nun davon.“
„Reagier' nicht über.“, kommentiert sie meine Reaktion belustigt.
„Wenigstens reagiere ich nicht so unterkühlt.“
„Wenn du wüsstest.“
„Was dann?“
„Nichts.“ Ich stelle mich vor sie. Mit ihren Händen verdeckt sie ihr Gesicht, grinst mir aber entgegen. Ich nehme ihre Hände herunter.
„Lass uns frühstücken gehen.“, biete ich ihr an.
„So wie ich aussehe, lassen sie mich nicht rein.“
„Warum?“ Ich begreife den Grund nicht.
„Ich trage Trauerkleidung, schon vergessen?“
„Du kannst so gehen. Verlass' nur das Schloss nicht.“
„Ich gehe nicht in dem Aufzug vor die Tür. Ich sehe aus, als wäre ich tief trauernd aus dem Bett gefallen.“
„Glaubst du es macht jemandem von uns etwas aus?“
„Nein.“, gibt sie widerwillig zu.
„Komm.“ Zögernd macht sie die Tür auf und schluckt.
„Wer ist jetzt verklemmt, hmm?“ Sie funkelt mich böse an und tritt hinaus. Fluchtartig schaut sie zur Tür, will sich in meinen Zimmern verkriechen. Ich halte sie davon ab, indem ich die Tür schließe.
„Wo lang geht es?“
„Geradeaus.“ Zu ihrem Glück begegnet uns niemand und sie kommt heil im Essenssaal an.
„Hallo, ihr beiden.“, begrüßt uns Nico freundlich. Lucian ist dreister. „Wie siehst du denn aus?“ Dabei deutet er auf sie.
„Was hätte ich tun sollen?“, gibt sie zurück.
„Dir was vernünftiges anziehen, Lia.“
„Es wird dich wohl nicht umbringen.“, gehe ich ihm dazwischen.
„Das sagt der richtige.“, verteidigt er sich.
„Dankeschön.“, beschwere ich mich, weil ich genau weiß, auf was er anspielt.
„Lass ihr die Freiheit, Lucian.“, weist Mutter ihn zurecht und ich lächele ihr dankbar zu. Sie erwidert es gütig. Amalia, Helene und Karl sind bereits auf Aluminia. Wir setzen uns nebeneinander an den Tisch.
„Avian?“ Lia. Ich lächle ihr von der Seite zu.
„Hm?“
„Zu welcher Zeit im Jahr wachsen Lilien auf Elwena?“ Ich wende ihr meinen Kopf zu. Sie sieht mich an und scheint auf eine Antwort zu warten. Die Lilien blühen auf Elwena bereits im Frühjahr.
„April.“, ist das einzige, was ich rausbringe. Ich kann ihr die Wahrheit über meine schüchterne Geste in Form der Lilien nicht hier am Tisch gestehen. Allein, dass ich Bescheid weiß, wann Lilien blühen …
„April … Sicher? Bei dem unbeständigen Wetter? Keine passender Monat für die Blume überhaupt, findest du nicht?“ Sie weiß es. Hilfe, ist das peinlich! Vor allen anderen. Woher? … Lucian.
Ich werfe ihm einen bösen Blick zu, den er grinsend aufnimmt.
„Was gibt’s, Bruderherz?“
„Du bist unmöglich, Lucian.“
„Trotzdem liebst du mich. Und sie auch.“, stellt er triumphierend fest.
„Lucian.“, warne ich ihn mit eindringlicher Stimme. Ich weiß, womit er gleich beginnt. Unschuldig blickt er zu mir.
„Fühlst du dich nicht gut? Ich meine, Zitat von Avian: „Sie ist das wunderschönste Wesen, das ich jemals gesehen habe. Sie ist wie meine Fee.“ Also? Wo liegt dein Problem? Sie ist doch gleich neben dir.“
„Sind das deine Worte?“, mischt sich nun Lia ein. Verwirrt sehe ich sie an, weiß nicht, was ich erwidern soll.
„Ich habe … “ Lia legt ihre Hand auf meine. Wieder lächelt sie mir zu, doch diesmal wirkt es absolut entwaffnend auf mich. Es gibt keine möglichen Ausflüchte. Die will ich gar nicht. Resigniert atme ich aus und nicke.

Nach dem Essen beeilt sich Lia vor den anderen mich beiseite zu ziehen.
„Könnte ich nicht die Tilemetaforá verwenden?“
„Kann ich mitkommen, Lia?“
„Wenn du willst.“
Bei ihr in ihren Zimmern räuspert sie sich verlegen.
„Gehst du raus und ich ziehe mich um?“ Es ist zum weinen. Seit Monaten kennen wir uns.
„Ich drehe mich weg, einverstanden?“ Sie will etwas sagen, ich komme ihr zuvor. „Was glaubst du wird passieren? Du ziehst dich um, während ich nicht hingucke, auch wenn ich es nicht verstehe.“ Sie nickt und dreht sich zu ihrem großen Wandschrank und ich kriege beim Öffnen große Augen. Wie kann man seine armen Sache dermaßen misshandeln? Überall fliegt dies und jenes herum. Naja, ich muss es ja nicht aufräumen. Mit Formeln erleichtert man sich vieles. Sie räuspert sich, sobald sie etwas gefunden hat und ich wende mich widerwillig um. Verklemmt muss man sein. Was macht sie für einen Aufriss? Sie wäre ja nicht die erste. Vielleicht ist es das, was sie stört? Ich halte es nicht aus und drehe meinen Kopf in ihre Richtung. Sie ist bestimmt fertig. Ich täusche mich und respektiere ihren Wunsch, indem ich wieder weggucke. Überfordert fahre ich mir durch die Haare. Sie hat mich darum gebeten, nichts weiter. Nicht mal das kriege ich hin. Sie ist viel zu schön. Sie nicht anzusehen, wäre lächerlich., rede ich mir ein.
„Bin fertig.“, verkündet sie, während sie sich passende Schuhe anzieht. Mein Blick fährt unauffällig über sie hinweg. Sie trägt ein Kleid mit verspieltem Blumenmuster auf weißem Hintergrund, welches etwas über dem Knie endet. Ein Band betont ihre Taille. Unterhalb dieses Bandes zeichnen sich filigrane Blumenmuster ab, welche nach unten zu wachsen scheinen. Oberhalb des Bandes ist das Kleid blütenweiß. Es ist schulterfrei. Durch den lockeren Fall des Kleides, fallen auch die Ärmel fast bis zu den Ellenbogen.
„Du siehst ja aus.“, amüsiert sie sich über meinen Gesichtsausdruck. Ich denke an gerade eben.

LIA
Zufrieden betrachte ich die Entwürfe für den baldigen Friedensvertrag. Die Räte haben sich noch gestern Nacht nach Avians Wiederbelebung eingefunden. Das Ergebnis liegt vor mir auf dem Tisch. Es ist ausgezeichnet geworden und mit einem Nicken signalisiere ich Mutter, dass ich einverstanden bin. Avian kommt zu mir, stützt sich auf den Tisch und liest sich die ersten Zeilen durch. Gespannt sehe ich ihm zu. Was er wohl davon hält? Nachdenklich blättert er um. Und die nächste Seite folgt. Ich werde nervös, weil sein Gesichtsausdruck gezwungen wirkt. Ich klammere mich an die Tischplatte. Er ist fertig. Sein Lächeln kehrt zurück und ich atme hörbar aus. Zum Glück!
„Was hältst du von einem Ausritt?“ Er zieht mich an sich und ich gehe alles durch, was wir geschafft haben. Eris und ihr diener sind besiegt, der Frieden in greifbarer Nähe. „Nur du und ich. Wenn du willst auf Aluminia. Fee?“ Nichts lieber, obwohl … Nero … Ich brauche Zeit.
„Ähm, weißt du ich bin noch müde, vielleicht … später?“ Insgeheim staune ich, wie selbstverständlich solche kleineren Lügen kein Problem mehr sind. Tolle Eigenschaft! Die Zuversicht, die sich in seiner Aura widergespiegelt hat, schwindet.
„Wollen wir uns unterwegs treffen? Ich könnte schon mit Nero losreiten und du stößt dazu.“
„Du solltest nicht reiten! Nicht in deinem Zustand.“ Das klingt sogar schon in meinen ach so normalen Ohren dämlich. Wie hört es sich wohl für einen Elf an?
„Unsinn, mir geht es gut, Lia. Ging es dir darum?“ Zaghaft nicke ich.
„Es ist lieb, dass du dir Sorgen machst, aber ich könnte mich bei nichts besser erholen, als beim Reiten. Zumal ich wieder ausgeruht bin.“
„Daran liegt es nicht.“
„Wie bitte?“
„Ich … ich weiß nicht, wo Nero ist. Aber auf Elwena bestimmt nicht.“
„Lia, wenn das ein Scherz sein soll, ist es ein schlechter. Hör auf und sag' mir bitte, wo er ist.“
„Ich weiß es wirklich nicht, Avian. Wir haben nicht mehr an ihn gedacht, weil … naja wir haben wohl einfach getrauert.“
„Man vergisst kein Tier in der Nähe von Ruinen!“
„Du hast es auch erst jetzt bemerkt.“ Wie erbärmlich bin ich?
„Um es zu unterstreichen: Ich war „handlungsunfähig“. Bis gestern Abend.“
„Es tut mir wahnsinnig leid! Wir können ihn suchen gehen.“, biete ich ihm an.
„Das werden wir. Zieh dir Reitsachen an und komm nach draußen!“ Mit schnellen Schritten verlässt er den Raum. Ich hätte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass er mich herumkommandiert. Kopfschüttelnd komme ich seiner, nennen wir es, „Bitte“ nach, ziehe mich um und laufe zu den Ställen. Schweigend sattle ich Fee, lege ihr die Zügel an und zeige ihm ein Pferd, welches er nehmen kann. Und dann sehe ich, was in ihm vorgeht. Die Verzweiflung in ihm. Das ist der einzige Grund, warum ich ihn für den Moment gewähren lasse.

AVIAN
Ich scheine alles zu vergessen,was ich über den Umgang mit Tieren gelernt habe. In meiner Hektik geht einiges schief. Der wievielte Tag ist heute, den Nero alleine in der Wildnis aufhalten musste? Der Fünfte. Also drei volle Tage am Stück. Meine Güte! Trotz meiner Gefühle sitze ich vor Lia im Sattel und warte ungeduldig. Sobald sie fertig ist und wir einen längeren, freien Weg erreichen, lege ich an Tempo zu. Obwohl ich das Pferd auf dem ich reite nicht kenne, bin ich schneller als Lia und bedeute dem Tier anzuhalten.
„Du übst zu viel Kontrolle mit der Hand aus. Dadurch verschlechtert sich Fees Gleichgewicht. Du musst sie mit deinem Sitz führen und nicht mithilfe deiner Hand versuchen sie zu kontrollieren. Außerdem ist dein Sitz nicht ausbalanciert. Das macht sich in Form vom unruhigen Oberkörper oder unruhigen Händen bemerkbar. Wie bei dir.“ Nero. Ich ertrage den Gedanken nicht, dass er verschwunden, womöglich sogar … tot ist. Es muss ihn bloß ein wildes Tier angegriffen haben.
„Ich respektiere deine Angst, aber hör auf mich zu kritisieren, verstanden? Nimm dich zurück!“ Sie hat ja recht.
„Entschuldigung, Lia.“ Plötzlich steht sie mit Fee direkt neben mir und nimmt meine Hand. Wir setzen unseren Weg fort ohne ein weiteres Wort zu sprechen. Es gibt nichts zu sagen.
Nach stundenlanger erfolgloser Suche dämmert es. Hilflos blicke ich mich um und erkenne nach wie vor nichts. Zu allem Übel haben sie und ich uns aufgeteilt.
Lia, wo bist du? Nero? Sein Verlust macht mir zu schaffen. Mutlos streife ich weiter umher bis ich absteige und das Pferd an den Zügeln führe. Als plötzlich Hufe hinter mir zu hören sind, drehe ich mich um und warte auf Lia.
„Ich weiß, wo Nero ist.“ Mein Atem beschleunigt sich vor Aufregung.
„Wirklich?“
„Ja.“ Liegt in ihrer Stimme Bedauern? Nach einer halben Stunde im Galopp, steigt Lia ab und bewegt sich auf eine Ruine zu, welche beinahe restlos eingestürzt ist. Fassungslos gehe ich ihr nach und mir fällt schwarzes Fell auf. Das Gefühl der Erleichterung weicht, als ich sehe in welchem Zustand er sich befindet. Ich sinke auf die Knie. Nero … Dehydriert im fortgeschrittenem Stadium. Dazu das warme Wetter. Nein! An seiner Ganasche erfühle ich mit der Hand seinen Puls. Unregelmäßig und schwach.
„Nero?“, spreche ich ihn leise an. Seine Augen sind geschlossen und sie bleiben zu, egal, wie viel Magie meiner Begabung ich einfließen lasse. Keine Macht der Welt kann mich mehr beruhigen oder die Gefühle verdrängen. Es bricht einfach aus mir heraus. So lautlos wie möglich versuche ich die Tränen zu beenden, dennoch lassen sie Neros Energie umschlagen. Ich spüre, dass er sich um mich sorgt. Wie selbstlos kann ein Wesen sein? Es verstärkt mein Weinen umso mehr. Ich blende die Schritte hinter mir aus, nehme hin, dass sie sich auf meinen Schoß setzt und mich umarmt. Ich vergrabe mein Gesicht an ihrer Schulter und drücke sie an mich. Sie bedeutet mir so viel. Nero auch. Ich will ihn nicht verlieren.

LIA
Im ersten Moment deute ich die Umstände falsch. Er weint. Sein Atem geht unregelmäßig. Der Auslöser ist sein Nero. Und ich verstehe ihn so gut. Ich begreife langsam, dass vor ihm ein Tier liegt, welches er jahrelang gepflegt, geritten und geführt hat. Es muss schrecklich sein.
Hilfslos denke ich nach. Was soll ich tun? Er kniet mit dem Rücken zu mir, aber ich kann seine Tränen nicht missachten. Zögerlich gehe ich zu ihm und setze mich auf seinen Schoß, was er zulässt. Er schluckt und mustert mich unter dem krampfhaften Versuch ruhig zu atmen. Ein gequälter Laut von Nero lässt ihn zusammenzucken. Ich sage nichts, denn nichts, das weiß ich selbst, könnte ihn ablenken, geschweige denn trösten.

AVIAN
Kannst du ihn heilen?, frage ich sie telepathisch. An ihrer Kopfbewegung merke ich,dass sie den Kopf schüttelt. Nach weiteren Minuten löst sie ihre verschränkten Finger aus meinen. Das Armband an ihrem Handgelenk glüht. Sie steht auf. Sich anscheinend noch einer anderen, mir unbekannten Tatsache, bewusst, sieht sie zum dämmernden Himmel hinauf.
„Warum rettest du ihn nicht? Hat dieses Armband die Macht, die ich ihm beimesse? Wenn ja, hilf mir!“ Bevor Lia ihre Worte sinnvoll zu Ende bringt, nimmt sie das Armband vom Handgelenk, ebenso wie die Kette und meinen Ring. Sie sieht zu mir und ihr Blick wirkt wild entschlossen.

LIA
Ich lasse nicht zu, dass er unglücklich ist. Mit dem Schmuck in der Hand knie ich ich vor Nero. Allesamt beginnen sie zu glühen, sobald ich meine Magie wirke und mit ihnen Neros Fell berühre. Meine Kräfte und die des Schmucks toben in seinem Körper und lassen Wasser dort zufließen, wo es hingehören würde. Sein stumpfes Fell wird glänzender, seine Aura wacher. Es ist keine Wiederbelebung, aber eine extreme Heilung. Mir kommt jede Sekunde endlos lang vor, die Heilung zerrt an meinen Kräften. Avian legt seine Hände auf meine Schultern und spricht „Veltíosi“.
Neue Magie durchströmt mich, welche ich unverbraucht an Nero weitergebe. Nero steht auf und Avian ist schon bei ihm. Wie ein Welpe läuft Nero einmal um ihn herum, was mich tief rührt. Elwenische Pferde sind wirklich viel emotionaler. Ich stelle mich hin und sehe den zwei zu. Endlich hat Avian wieder Augen für mich und schließt mich in seine Arme.

AVIAN
„Ich danke dir.“, stelle ich klar.
„Wofür? Ich habe getan, was eine Fee eben tut.“
„Und dennoch ist es …“
„ … wie ein Wunder.“ Ich umfasse ihr Gesicht und bestaune dieses Wunder vor mir. Ständig wiederholt sich in mir dieselbe Wortwahl.
Mein Mädchen., spreche ich voller Stolz. „Meins“. Luftsprünge.

21. Kapitel

LIA
Der weite Saal ist bereits jetzt gefüllt mit Feen und Elfen, wohin man schaut. Ich werfe einen Blick über meine Schulter und erkenne flüchtig den Grauansatz in Avians Aura. Wir sind hell gekleidet, anlässlich des baldigen Friedens. Seit wir den Saal betreten haben, ist er in sich gekehrt und wirkt ernüchtert. Bei dem Gedanken, dass es wegen der Rede ist, die er wird halten müssen, kann ich nur schmunzeln. Er ist besser geworden, aber nicht gut. So hart es auch klingt. Ich verlangsame meine Schritte und nehme seine Hand. Er reagiert nicht, denn sein Blick wandert über die Versammlung. Jeder durfte kommen. Seine Augen finden mich. Lia, weißt du, wo Mutter ist? Ich habe keine Ahnung, wie ich ihm telepathisch antworten könnte. Ratlos zucke ich mit den Schultern, weshalb seine Aura in eine dunklere Nuance wechselt. Ich stoppe, wodurch er auch stehen bleibt. Ich verströme meine Heilmagie über unsere Hände und sie wechselt zu einem klareren Ton. Er guckt nach links und rechts, bevor er sich mir zuwendet. Er nähert sich mir, da werde ich plötzlich von hinten angerempelt und mache einen ausgleichenden Schritt nach vorne. Verärgert sieht Avian die Person hinter mir an und geht weiter. Was ist denn so schlimm daran? Hier sind eben viele versammelt. Ich folge ihm und versuche einzuschätzen, was los ist. Kein Streit zwischen Fee und Elf bei der Unterzeichnung des Friedensvertrages. Bitte nicht! Kurz entschlossen kriege ich ihn am Saum seines Jacketts zu fassen und bedeute ihm mir zu folgen. Ich führe ihn zu einem der Nebenräume von dem wiedererrichtetem Schloss Caelum.
„Was ist mit dir los? Deine Aura ist hellgrau,weil du nervös bist, schön, aber warum warst du so … aufgebracht wegen einem kleinen Ausrutscher von einer Fee oder einer Elfe?“
„Ich bin nicht „aufgebracht“.“
„Das bist du sehr wohl.“
„Warum weißt du das immer? Ach, stimmt. Auren.“, gibt er sich die Antwort selbst.
„Aber auch, weil ich dich kenne.“, ergänze ich.
„Trotzdem weißt du nicht alles, was ich denke.“ Worauf spielt er an? Natürlich kenne ich seine Gedanken nicht.
„Was zum Beispiel?“, frage ich möglichst gefasst. Eigentlich will ich es unbedingt wissen, aber wenn er geheime Gedanken vor mir hat, muss er auch nicht gleich alles über mich wissen.
„Für den Augenblick ist es unwichtig. Es geht dabei nur um mich. Nichts entscheidendes.“ Ich weiß vielleicht nicht, was es ist, aber ich weiß wie ich es herausfinde.
„Wie du willst. Bis gleich.“, verabschiede ich mich freundlich. Ich lächle ihm zu und gehe in Richtung der drei niedrigen Stufen, die den leicht vertieften Raum mit dem Saal verbinden. Auf Stufe Nummer zwei erreicht er mich, steht aber nicht auf der kleinen Treppe, sondern seitlich daneben. Mit fragendem Blick wende ich mich zu ihm. Geht doch.
„Du hast gewonnen.“, seufzt er, wobei er mich auf den Stufen zu sich zieht. Dank der zwei Stufen befinde ich mich auf seiner Augenhöhe. Diesmal mit echtem Fragezeichen auf dem Gesicht, schaue ich ihn an. „Da draußen sind so viele Feen und Elfen. Ich wollte mit dir alleine sein.“ , gesteht er. Das war alles? Leider bestätigt ein Blick auf seine Aura meine Vermutung.
„Hey, ist das so enttäuschend für dich?“, fragt er hellhörig.
„Nein. Wie könnte ich?“ Es bringt nichts ihm die ungeschönte Wahrheit zu erzählen.
„Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass … Miàni tiú lamárit.“ Ich verstehe seine Worte nicht. Ich muss definitiv dieses Xotikó lernen. „Danke, was auch immer die Worte bedeuten.“
„Sie bedeuten, dass ich dich sehr, sehr gern habe, um nicht zu sagen … “ Mitten in seiner Erklärung, unterbreche ich ihn mit einem Kuss. Ich will nichts mehr hören. Er erwidert ihn und hält mich im Arm.
Es klopft und Lucian kommt herein, begleitet von Eymi. Sie macht große Augen.
„Hast du Mira gesehen? Ich suche sie, er hilft mir.“
„Hier ist sie doch offensichtlich nicht.“, bemerkt Avian säuerlich. Sie wird es kaum erkennen, aber ich kenne ihn zur Genüge. „Nein, ich habe sie auch nicht gesehen, Eymi. Guckt mal im ersten Stock.“, rate ich den beiden. „Na dann, macht weiter.“, verabschiedet sich Lucian frech, woraufhin sich Avians Griff um meine Taille verstärkt. Lucians Aura verfärbt sich zu einem Pastellgelb. Die Farbe interessiert mich sehr. Es ist eine schöne Farbe für eine Aura. Er verlässt zusammen mit Eymi den Raum, aber mein Blick haftet weiter auf der Tür. Daraufhin hebt Avian mich von den Stufen und macht ein halbe Drehung, wodurch er mir die Sicht auf die Tür nimmt. Ich streiche ihm eine schwarze Haarsträhne, die sich verselbstständigt hat, aus der Stirn und für einen Moment versinke ich in seinen grünen Augen. Wir haben so viel miteinander erlebt. Und wir würden noch viele Jahre miteinander verbringen.Wir sind unsterblich.
Ich spüre, wie sein warmer Atem meine Wange streift. Warte noch einen Moment, hoffe auf irgendein Signal. Er hat längst begriffen, dass ich zögere, denn auf seinem Gesicht zeichnet sich ein amüsiertes Lächeln ab. Verlegen nähere ich mich weiter seinem Gesicht und küsse ihn. Als ich mich von ihm lösen will, da mir die Umstände und der Zeitdruck wieder bewusst werden, unterbricht er diesmal mich.
„Nicht so schnell. Versprichst du mir, dass du während meiner Rede da bist?“ Ich nicke automatisch. Bevor er mich auf dem Boden absetzt, gibt er mir einen Kuss auf die Stirn.

MIRA
Lucian darf mich nicht finden. Noch nicht.

LIA
Nachdem Mutter, Karl, Livia, Nico und Lucian etwas gesagt hat, ist Avian an der Reihe. Er hat sich tagelang auf diesen Auftritt vorbereitet. Flehend sieht er mich an, aber ich kann ihn nicht vor der Rede bewahren. Ermutigend drücke ich seine Hand und will ihm bedeuten zur Bühne zu gehen. Er lässt nicht los, sondern verschränkt seine Finger mit meinen. „Ich kann nicht, Lia.“ Und ich kann nicht solange du nicht diese Rede gehalten hast, weil meine an deine anknüpft. Schade, dass er meinen Gedanken nicht hört. Ich befreie meine Hand aus seinem „Klammergriff“ und will ihn Richtung vorne drücken. Mein Versuch scheitert kläglich an der Tatsache, dass ich kleiner bin, als er. Unter den Anwesenden ist ein gedämpftes Gemurmel ausgebrochen. Wahrscheinlich wundern sie sich über die Verzögerung. Er dreht sich hastig wieder zu mir um und sucht in meinen Augen Hilfe. Ich unterstütze ihn sicherlich nicht bei seiner kleinen Panikattacke.
„Sag mal, du hattest in deinem Leben bestimmt schon andere Ängste.“
„Ja, aber die hier ist …“
„Genauso unbegründet, wie jede andere auch. Oder was ist von deinen Befürchtungen jemals wahr geworden?“ Ich bin gespannt.
„Die eine oder andere. Schön, es waren keine erschreckenden.“
„Siehst du? Warum sollte sich das heute ändern?“
„Ich halte diese Rede nicht.“, protestiert er.
„Dann bist du mit deiner Meinung alleine. Niemand glaubt, du würdest scheitern. Jeder unterstützt dich, merkst du es nicht?“
„Zufälligerweise nein.“
„Aber es ist eine Tatsache.“
„Was soll ich deiner Meinung nach tun? Was fehlt mir?“ Bei seinen Worten sucht er in meiner Mimik hektisch nach einem verständnisvollen Blick.
„Alles was es braucht ist ein bisschen Selbstbewusstsein und Spontanität.“
„Wenn du das sagst, wird es natürlich stimmen.“, beschwert er sich. Seine Lippen sind zusammengepresst und sein Blick geht überfordert durch den Saal. Ich schweige, weil ich schlicht nicht weiß, was ich sagen soll. „Ich kann das nicht.“, und weicht ein paar Schritte zurück, bevor er zwischen den Personen verschwindet.

AVIAN
Ich muss weg von ihr. Sie hat keine Sorgen vor ihrem Auftritt. Sie versteht nicht, dass ich nicht möchte. Ich stehe als schwach da. Selbstsicherheit, das ich nicht lache. Ich wische mir meine feuchten Hände an der Hose ab und fahre durch meine Haare. Mein Mund ist trocken, während ich meinen Herzschlag scheinbar in meinem Hals pochen spüre. Hier ist niemand, der mich versteht. Es gibt nirgendwo jemanden, der mich versteht. Nur jemanden, der es hinnimmt. Nero. Leider ist der Saal viel zu voll und die Leute um mich herum, erkennen mich sofort. Einige fragen mich, ob ich Hilfe bräuchte. Nein! Ich brauche keine Hilfe! Nicht von ihnen! Das bunte Farbenspiel ihrer verschiedenen Kleidungen strengt meine Sinne an, obwohl es gleichzeitig atemberaubend ist. In den Gesichtern der Feen lese ich freundliche, aber gefasste Besorgnis, während die Elfen sich ernsthaft Gedanken machen. Wohin will ich? Immer noch zu Nero? Oder lieber Mutter, Lucian und Nico? Lia ist ausgeschlossen. Ich will nicht, dass sie mich so sieht. Der heutige Auftritt ist womöglich einer der wichtigsten im Angesicht der Ewigkeit. Wenn ich ihn verhaue … Nicht auszudenken. Mir wird für mehrere Sekunden schwarz vor Augen, sodass ich die Kontrolle verliere und mit dem Rücken gegen jemanden stoße. Dieser jemand zuckt erschrocken zusammen und spricht mich an. Ich fahre herum und die junge Elfe erkennt mich sofort. „Prinz Avian, welch Freude. Kann ich Euch behilflich sein, Ihr seht geschafft aus.“ Sie macht einen unsauberen Knicks, ehe sie mir mit geweiteten Augen ins Gesicht sieht.
„Nein, es geht. Danke.“ Ich setze ein falsches Lächeln auf, welches sie jedoch völlig falsch interpretiert und auf sich bezieht. Sie wird rot. Meine Güte! Was kommt noch? In dem Moment werde ich meinerseits von jemanden versehentlich geschubst und ich denke nicht nach, bevor ich ihre Schulter als Halt verwende. Sie reagiert alarmiert und stützt mich. „Seid Ihr Euch sicher?“ Nein. Nur, dass ich nicht mit anderen Frauen flirte, wenn ich mir gerade nichts anderes durch den Kopf geht, als mein Lampenfieber. Und wenn ich deswegen mit Lia alleine sein will. „Ja, das bin ich. Also nochmal danke, aber ich muss weiter.“ Damit nehme ich ihren Arm von meiner Schulter und wähle mit nicht zu zügigen Schritten die Flucht nach vorne.
Auf die Bühne zu. Nico begegnet meinem Blick und kommt zu mir. „Da bist du. Komm mit, die Feen und Elfen warten auf dich.“ Unwillig gehe ich mit ihm mit und er stellt mich wie bestellt und nicht abgeholt seitlich von der Bühne ab. Lucian ist zu uns gestoßen. Er schubst mich leicht in Richtung der Treppe, hinauf in meine Angst. Oben nehme ich das Mikrofon, weil ich nicht weiß, wohin mit meinen Händen. Ich umklammere das Mikrofon und sehe nach unten in fragende und wartende Gesichter, denen ich nicht gerecht werden kann. Erst als ich Lia finde, ruht meine Aufmerksamkeit für etwas länger auf einer Stelle. Sie fokussiert mich, scheint kurz nachzudenken und formt dann tonlos die Worte: Mian tio amarit. Lia. Süß, dass sie es probiert. Aber Lia kann die Sprache nicht und tut es. Ich kann nicht gut Reden halten, aber … Augen zu und durch.

LIA
Er spricht zu Anfang emotionslos, ja, abgehackt sein Auswendiggelerntes. Im Laufe der Rede wird seine Sprache flüssiger, wenn auch nicht unbedingt gelassen. Am Ende verlässt er unter dem Klatschen die Bühne. Sichtlich erleichtert versucht er zu mir zu gelangen. Ich laufe ihm entgegen.
Ich umarme ihn überschwänglich, weil ich so stolz auf ihn bin. Er lehnt sich in unserer Umarmung etwas nach hinten, umfasst meine Taille und schon berühren meine Füße nicht mehr den Boden. Es geschieht nur ganz leicht und ganz kurz, bevor er mich wieder absetzt, als wolle er, dass ich mich nicht unwohl fühle.
Bei ihm fühle ich mich nie unwohl. Ich fühle mich sicher und gleichzeitig frei.
„Ich muss auf die Bühne.“, erinnere ich ihn und er drückt meine Hände, bevor er sie loslässt. Schnell stehe ich oben und fange an zu sprechen. Die Worte kommen wie von selbst und entspannt.
„Wissen Sie … Früher als Kind habe ich mir immer vorgestellt, dass jedes Lebewesen in seinem Leben mindestens ein Wunder vollbringt. Eine sehr gute Freundin fragte mich diesbezüglich einmal, wie ich mir das ausmale. Nun es war so: Ich dachte mir, etwas Lebendiges, ist wie ein Stern. Während seines Lebens erhellt er den Nachthimmel mit seinem Licht. Er hilft damit Licht dorthin zu bringen, wo andere Sterne nicht hinreichen. Seinen Lebtag lang. Doch irgendwann wird ein Stern zu schwach, um weiterzuleuchten. Sein Scheinen wird schwächer bis es ganz vergeht. Dann, wenn es erloschen ist, zerbricht der Stern, denn er hat weder die Kraft sich zusammenzuhalten noch weiterzuleuchten. Seine Bruchstücke treten nun in die Atmosphäre eines Planeten ein und beginnen entgegen jeder Vernunft ein letztes Mal zu strahlen. In diesem Moment sagt man, dürfe man sich etwas wünschen. Die Sternschnuppe, die von jemandem vergeht, erfüllt einen Wunsch. In diesem Moment hat die Sternschnuppe ein Wunder vollbracht, denn für eine einzige Person hat sie geleuchtet. Um dieser Person einen Wunsch zu erfüllen. In diesem Sinn: Wir alle sind Sterne. Jeder auf seine Weise. Vergessen sie das niemals. Oder um es mit den Worten der Fee des Mondes auszudrücken: „Die ganze Zeit sollte man strahlen, niemals sollte man aufhören zu lächeln. Das hat er mir beigebracht, mein Feuer, welches im Mond leuchtet.“ Was auch immer du mir mit Feuer sagen wolltest, meine Liebe, mein Stern hat für mich geleuchtet und mir einen Wunsch erfüllt. Deswegen konnte ich ihm helfen. Und deshalb wird es Zeit die ganze Sache endlich offiziell zu machen. Avian, wärst du so freundlich auf die Bühne zu kommen?“ Mir ist mulmig bei dem Gedanken er könnte kneifen. Natürlich lässt er mich nicht im Stich und gesellt sich zu mir. Sein Blick wandert prüfend über die Elfenmädchen, die sich wahrscheinlich entsetzlich aufregen. Der Tri! ck mit U nsterblichkeit umzugehen, wie er, muss darin begründet liegen, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, statt sich mit einer ewigen Zukunft oder einer langen Vergangenheit zu beschäftigen.
„Es stimmt, was die Gerüchte bereits einige Zeit berichten. Julia und ich sind ein Paar. Ich hoffe dieser Umstand wird von allen Elfen wie Feen respektiert werden.“, fängt Avian an, wird allerdings von einer jungen Elfe unterbrochen. 15 oder 16 Jahre alt. Nicht zu fassen.
„Wieso eine Fee, Avian?“ Sie duzt ihn? Egal. Zeit für eine kleine Geschichte. Zugegeben inspiriert von Eymi. Avian sieht wachsam zu ihr, doch bevor er zu impulsiv reagieren kann, beginne ich.

AVIAN
„Dass es auf Elwena hin und wieder zu den typischen Stürmen kommt ist allgemein bekannt. Dabei werden jedoch nicht nur die Siedlungen der Elfen zerstört. Besonders im Wald sind die kleineren Lebewesen betroffen, allen voran Vögel. So trug es sich vor 550 Jahren zu, dass ein damals 10-jähriger Elf durch den elwenischen Wald streifte. Er bemerkte all die verletzten Vögel und half ihnen. Bis ein erwachsener Elf hinzukam und den kleinen Jungen ansprach.
„Glaubst du wirklich du könntest ihnen allen helfen? Ich sage dir, du kannst es nicht.“, fragte er ihn.
„Wieso?“, hakte der junge Elf nach, weil er es nicht verstand.
„Du bist ein Einzelner. Was kannst du schon in dieser kurzen Zeit großes ausrichten?“ Daraufhin kniete sich der kleine Elf neben einen Periquito und sprach eine Zauberformel, die den gebrochenen Flügel des Vogels zusammenfügte. Nun schlug er ein paar Mal mit den Flügeln und begann zu fliegen. Dann erhob sich der Junge, stellte sich vor den Mann und lächelte freundlich, ehe er sagte: „Nein. Für diesen einen hat sich gerade alles verändert.“ Der Mann schwieg.
Die Erkenntnis, die der junge Elf an diesem Tag hatte, sollte einer der wichtigsten seines Lebens sein, lehrte es ihn doch, dass es einzelne Flügelschläge, einzelne Schritte braucht, um fliegen zu können, um vorwärts zu kommen. Gleich einem Vogel. Und seitdem machte der kleine Elf namens „Avian“ seinem Namen, welcher so viel wie „gleich einem Vogel“ bedeutet, alle Ehre.“
Die Elfe schweigt. Ich auch. Mir wurde gerade wieder gezeigt, dass Lia viel spontaner ist, als ich.
„Und daraus soll ich etwas lernen?“, gibt sich das Mädchen nicht zufrieden.
„Ich möchte dir sagen, dass du mich nicht lieben musst. Das einzige, was ich verlange ist Respekt vor mir und meiner Person. Dieser kleine Anfang ist alles, was es braucht.“ Die Liebe zu ihr kommt von allein. Bei mir zumindest.
„Das beantwortet nicht meine Frage, warum keine Elfe.“ Ich sehe verständnislos zu ihr. Wie kann man dermaßen beschränkt sein? Jetzt bin ich dran.
„Weil ich etwas besseres gefunden habe.“, gehe ich auf sie ein.
„Dieses „bessere“ wäre dann sie?“
„Liebe.“ Lia hilft mir, ich helfe ihr.
Kurz darauf stehen wir unter den Gästen. Wir unterhalten uns mit anderen Elfen und Feen, doch Lia wirkt abgelenkt. Auf meine Nachfrage, ob es ein Problem gibt, erwähnt sie lediglich einen Namen. „Mira“.

LUCIAN
Lias Worte sind, wie ein Tritt in den Magen. Feuer. Ich bin Feuer. Alisa war Mond. Hat Lia Alisa kurz vor ihrem Tod gekannt? Feen können werden 120. Würde sie noch leben wäre sie 120. Lia ist 20. Es ginge. Was bringt es mir? Nichts. Weil ihr Licht erloschen ist. Von mir unbemerkt. Mein Licht hat nie geleuchtet. Obwohl mein Name der Überbringer des Lichts oder der Leuchtende bedeutet. Lächerlich. Höchstens tobt mein Element in mir. Aber was bringt mir das, wenn es einzig und allein alles um sich herum verbrennen lässt?

LIA
Auf der Suche nach Mira, kommen ich und Avian an Nico vorbei. Er gibt mir ein Handzeichen. Gleich darauf steht er vor mir. Ich habe ihn am wenigsten kennengelernt.
„Ich habe dich gesucht. Ich soll dir von einer Mira einen Brief geben.“ Nico gibt mir ein zusammengefaltetes Papier auf dem mein Name steht und , dass der Brief privat sei. Entschuldigend wende ich mich zu Avian und Nico um und gehe ein paar Meter beiseite.

Liebe Lia,
ich wünsche dir und Avian alles Gute, was du auf unseren Planeten finden kannst und hoffe ihr verbringt einen schönen Tag. Ich muss etwas wichtiges vorbereiten, deshalb konnte ich nicht bleiben.
Ich möchte aber, dass du weißt, dass du für mich einer der wichtigsten Feen in meinem Leben bist. Du bist immer für mich da. Du stehst hinter mir, wenn ich nicht mehr weiter weiß und gibst mir Kraft. Ich wollte mich einfach für alles bedanken.
Danke, dass ich dich kennen darf. In diesem gigantischen Universum hatte ich das Glück dich zu treffen. Ein wichtiger Elf ging, doch du kamst. Ich kenne dich seit fast fünf Jahren, überleg' mal, was wir alles schon zusammen gemacht haben.
Ich liebe dich. Als meine Freundin, Schwester und so weiter.
Deine Mira
P. S. Richte Lucian bitte aus, dass es mir(anda Bilis) oder in Kurzform Alisa gut geht.

Die Handschrift ist die gleiche, wie auf dem alten Zettel, den ich in meinem Zimmer gefunden habe. Wir gingen auf eine Schule, sie saß neben mir. Da kann er durchaus in meine Unterlagen gekommen sein und später herausgefallen sein. Ihr voller Name ist Miranda Bilis. Mirand... a. A. Bi... lis. Lis. Alis... a. Alisa. Plötzlich fällt es mir, wie Schuppen von den Augen. Mein Feuer … Natürlich.
„Nico, Avian. Habt ihr Lucian gesehen?“
„Ja, er ist in eines der Zimmer gegangen. Das dritte vom Beginn des Ganges aus. Warum weiß ich nicht.“, antwortet mir Nico erschreckend genau.
„Danke, Nico. Danke.“ Eilig drücke ich Avian den Brief in die Hand. Er sieht mich entgeistert an, doch ich habe keine Zeit darauf einzugehen. Vor der Tür atme ich durch und öffne sie. Dahinter sitzt Lucian mit angewinkelten Beinen. Er sieht auf, wobei seine Augen gerötet sind. Hektisch fährt er sich mit der Hand übers Gesicht.
„Lucian … “
„Geh bitte.“
„Du darfst nicht alleine trauern.“
„Du weißt nicht mal, worum es geht.“
„Doch. Nun verstehe ich es.“
„Ach ja?“
„Alisa.“ Er zuckt bei ihrem Namen zusammen.
„Woher?“
„Ich kann es dir nicht zu 100 Prozent sagen, aber ich habe das Gefühl sie meinte es so.“ Ich weiß nicht, ob Mira mit ihrem letzten Satz gleich zweideutig wurde. Es würde Sinn ergeben.
„Du kanntest sie?“
„In gewissem Sinn. Alisa nicht, aber eine Fee, die ihr wahrscheinlich sehr nahe steht.“
„Ich kann sie nicht loslassen.“
„Deine Gefühle für Alisa werden dich immer begleiten. Und sie werden dich verändern.“
„Ich fühle mich erbärmlich.“
„Deine Trauer lässt nicht nach, aber daran ist nichts verwerflich, es zeigt höchstes, dass du … “
„Aber … “ Seine Stimme bricht.
„Soll ich gehen?“ Ich würde ihm gerne helfen. Er will nicht.
„Lia, ich … weiß nicht. Es … Feen sind anders. Und ich bin … “ Es genügt. Ohne zu fragen umarme ich ihn. Endlich nimmt er es hin. Eine Träne nach der anderen gebietet seinem Element Einhalt. Vielleicht ist das der Punkt an dem ich das erste Mal wichtig bin für ihn. Wasser. Mein Element und seines stehen in direktem Gegensatz zueinander und trotzdem ist es wichtig, dass sie sich gegenseitig ausgleichen. Nach ein oder zwei Minuten löse ich mich von ihm und er schaut mich fragend an. Ich beginne ihm ohne Miras Namen zu erwähnen von einem unserer Abende zu erzählen. Wie sie lacht und worüber sie sprach. Wie leichtsinnig sie ist und wie vernarrt in Mode. Was sie tat, wie sie es tat. Vieles. Doch bei keiner Sache verrate ich sie. Er denkt vermutlich ich habe Alisa gekannt. Habe ich, tue ich. Nur anders, als er denkt. Er lacht über das ein oder andere. Ich verliere mich auch in den Geschichten. Schließlich klopft es und Avian betritt den Raum. Lucians Tränen sind nicht mehr zu sehen. Seine Augen sind offen und klar.
„Mein Bruder und Lia. Elf und Fee. Feuer und Wasser. Gegensätze ziehen sich an.“, stellt er munter fest.
„Wir haben uns über eine Person, die wir gut kennen unterhalten.“, kläre ich ihn auf.
„Mich?“, ruft er neugierig aus.
„Es geht nicht immer um dich, Bruderherz.“
„Wer dann?“ Fragend sehe ich zu Lucian. Er schüttelt flehend den Kopf.
„Jemand besonderes. Mehr brauchst du nicht wissen.“, halte ich mich an Lucians Bitte.
„Wir sind kaum zusammen und schon hast du Geheimnisse vor mir.“
„Nicht böse gemeint, mein Elf.“
„Das bleibt auf gar keinen Fall mein Spitzname.“
„Darüber reden wir später.“, provoziere ich ihn.
„Hat es was mit dem Brief von M...“ Mein Blick trifft ihn warnend. Er reagiert und lässt es unausgesprochen. „Die Unterzeichnung beginnt gleich.“, ergänzt er stattdessen.
„Danke fürs Bescheid geben“, spricht Lucian zu Avian und verlässt den Raum. Avian sieht ihm nach und wieder zu mir.
„Na, du.“ Seine Stimme klingt merkwürdig fröhlich.
„Na, du.“, wiederhole ich unschlüssig. Worauf will er hinaus?
„Vorhin wurden wir durch die Reden unterbrochen. Ich finde wir könnten dort ansetzen.“
„Oder wir gehen zu den anderen, du Elf.“
„Lia, verschon' mich mit dieser Bezeichnung.“ Dabei lacht er vor sich hin.
„Ich mache, was ich will.“
„Ich auch.“ Damit küsst er mich, doch mittendrin kann ich nicht anders, als zu lächeln. Ich hab' unverschämtes Glück mit ihm.

Das gleiche Gefühl überkommt mich sowie Mutter und Livia sich nebeneinander an den Tisch begeben, auf welchem der Friedensvertrag liegt. Ich suche nach Avians Hand und er gibt mir die Gewissheit, dass nicht alles nur ein Traum ist. Die beiden Töchter Felicias unterzeichnen das Dokument und stehen anschließend auf. Die Elfen und Feen toben und jubeln. Die beiden sind Felicia. Zusammen sind sie Glück. Amalia als Fee der Tapferkeit und Livia als Elfe des Friedens. Ich zumindest fühle in diesem einen Moment nichts als Glück, als wäre Felicia präsent. Sie wird immer präsent sein, solange du lächeln kannst. In diesem Moment blitzt am Himmel etwas helles auf. Durch das Glasdach, durch das man den Nachthimmel beobachten kann, namensgebend für Schloss Caelum, funkelt eine helle Sternschnuppe auf. Sie gelten auf beiden Planeten als absolute Manifestation des Glücks. Gleißend weiß vergeht sie. Weiß für vollkommenes Gleichgewicht in sich. Fast ist es, als wäre die Sternschnuppe, keine solche, sondern ein aufblitzendes Zuzwinkern der Sterne. Drei Worte durchströmen meinen Geist. Wünsche dir etwas! Die Aufforderung kommt so gütig, dass ich sie nicht mehr als solches wahrnehme. Sie ist nicht von irgendjemandem. Sie ist von ihr. Felicia ist mitten unter uns, wir müssen nur lernen sie zum richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Die Sternstunde der Elfen und Feen.
Ich schließe meine Augen. Avian weiß nichts von meinem Wunsch und umarmt mich von hinten. Ich lehne mich an ihn und er gibt mir das Gefühl wertvoll zu sein. Sicher und zugleich frei. Sicherheit und Freiheit schließen sich gegenseitig aus. Eigentlich. Wir können nicht erwarten, dass wir uneingeschränkt frei sind, wenn wir uns durch Dinge, die uns Sicherheit geben, einschränken. Es gibt Momente in denen wir frei sind und unsere eigenen Entscheidungen treffen. Dann gibt es Momente in denen wir sicher sind und andere für uns sorgen und uns unsere Entscheidungen abnehmen. Diese Momente brauchen wir ebenso sehr, wie die freien. Aber es gibt auch diese seltenen Augenblicke in denen wir beides sind. Sicher und frei. Das sind wir dann wenn uns andere Personen umgeben, die uns jedoch nicht einschränken. Vielmehr bereichern sie uns. Und das ist es, warum absolute Freiheit Schwachsinn ist. Wenn wir alles von uns stoßen, was bleibt uns noch? Richtig: nichts. Doch sollte Freiheit nicht die Möglichkeit sein, alles zu tun oder zu haben?
Da weiß ich, was ich mir wünsche. Ich wünsche mir inneres Gleichgewicht. Ein Zusammenspiel aus Sicherheit und Freiheit, das nur entstehen kann, wenn wir ohne Vorurteile lieben.

Epilog

Sechs Wochen später …

LIA
Mich neckend trägt mich Avian auf seinem Arm durch den Garten. „Widerstand ist zwecklos.“, lautete sein Kommentar zu meinem Ausweichversuch. Liebend gern lasse ich zu, dass wir uns auf den See zubewegen.
Dann blicke ich zu Avian.
„Stell dir vor … es brennt und ich sage, meine allerschönste Lilie in der ganzen Dimension.
Stell dir vor du sitzt auf meinem Schoß und ich sage, niemals werde ich dich verlassen.
Stell dir vor du bist eifersüchtig und ich frage dich, was ist du Schöne.
Stell dir vor wir sind in einem alten Schloss und ich sage, ich liebe dich.
Stell dir vor wir stehen an einem See und ich sage, „Azálea“.“ Ich verstehe sofort. Das sind die Sätze, die ich nicht verstand, weil sie auf seiner Elfensprache sind. Und das letzte? „Azálea“?
In seinen Händen erblüht eine weiß-rosa Azalee. Sie ist hauptsächlich weiß,aber die Ränder der Blütenblätter sind zartrosa gefärbt. Er steckt sie mir oben in meinen geflochtenen Zopf. Sie gilt mit auf Aluminia, als „kleine Schwester“ der Lilien. Bei uns steht sie für Vertrauen, Liebe und wegen ihrer sternenähnlichen Form für Glück. Liebevoll werden sie auch Louloúdililien, kurz Louloúdis, genannt.
„Tiá sphávra aveí ia idia kalári ment tiá louloúdi.“ Deine Aura hat die gleiche Farbe, wie deine Louloúdi., übersetze ich. Ich hatte in den letzten Wochen ein wenig Nachhilfe bei Lucian und Nico. Dementsprechend kann ich antworten.
„En kathrio viole neraidas ella charaktíres similia.“ Im Spiegel sehen Feen ihren Seelenverwandten. Erkenntnis blitzt in seiner Aura und seinen Augen auf.
„Du lernst erstaunlich schnell, meine Schöne.“
Tief sehe ich ihm in die Augen. In ihnen sehe ich mich selbst mit leuchtenden, blauen Iriden, wie das Wasser, mein Element.
Zum ersten Mal begreife ich, warum ich mich selbst sehe wenn ich ihm wirklich in die Augen schaue, warum ich denke, meine Augen zu sehen.
Man sagt die Augen seien das Fenster zur Seele und wenn man ohne Vorurteile in diese Seele des Gegenübers schaut, erblickt man sich selbst. Denn eigentlich sind wir alle gleich. Im Gleichgewicht.

LUCIAN
Ich sehe aus der Ferne zu Avian und Lia. Die beiden sind so glücklich miteinander. Im Gegensatz zu mir und Alisa haben sie es geschafft. Alisa. Wie soll ich ihren Tod überwinden? Alle haben gewonnen, außer mir. Wobei … Ich habe den letzten Satz des Dieners in Gedanken gehört, jeder hat ihn gehört.
Du denkst, du hättest gewonnen … Aber das hast du nicht.
Nein, in meinem Fall ist es absolut wahr. Ich weiß nicht, was er gemeint hat, aber ich bin bereits besiegt. Zitternd lese ich den Brief von Alisa durch.

Lieber Lucian, liebe Feen und Elfen, liebes Mädchen, das du ähnliche Zweifel hast,
Elfen sind nicht gemein und gefährlich. Mein Lucian, mein Elf ist anders. Ich hoffe, dass es in den nächsten Jahrhunderten ein Mädchen geben wird, dass der gleichen Ansicht ist, wie ich, nur stärker als ich ist. Mutiger. Er muss jetzt mutig sein. Für ihn: Sei mutig, ich bin es nicht. Und für die Frau, der es mal so gehen sollte, wie mir: Sei mutig, ich bin es nicht. Verteidige deine Liebe, sie ist im Zweifelsfall, alles was bleibt.

Ich blicke zurück auf eine lange Vergangenheit. Auf eine lange vergangene, lange Vergangenheit. Blicke in die kurze Gegenwart. Meine Tränen benetzen den Brief und die alte Tinte verwischt. Und dann die ewige Zukunft, die sich vor mir ausdehnt.

MIRA
Es wird Zeit. Der Kampf zwischen Elfen und Feen ist lange ausgetragen. Eymi und Lia wissen nichts von meinem wirklichen Leben vor Somnium. Sie denken ich sei eine gewöhnliche Fee. Dabei bin ich 120 Jahre alt. Wenige Jahre nachdem ich aus meinem Elternhaus auszog, starben sie. Es bedeutete mir nichts, nicht nachdem sie mich dazu zwangen ihn zu verlassen. Es brach mir das Herz. Nach einem Jahr bemerkte ich, dass ich nicht älter wurde. Es kam mir merkwürdig vor. Die einzigen Feen, die unsterblich sind, sind die, die beim dritten Vollmond des Jahrhunderts geboren werden. Nach ihrer Unterschrift in den Chroniken auch ihre Familie. Ich suchte Frau Aurora auf und sie deckte mit mir zusammen eine erschütternde Wahrheit auf. Seit meiner Geburt hatten meine Eltern verhindert, dass ich von meiner Bestimmung erfuhr, indem sie meine Geburt einen Tag nach dem dritten Vollmond vortäuschten. Warum ist mir unverständlich.
Vielleicht aus Angst vor der Unsterblichkeit. Ich hatte um zwei Jahre die Zeremonie verpasst. Ein Skandal. Sie half mir auf meinen Wunsch hin, diese Tatsache zu verschleiern, weil ich fürchtete, dass Lucian es sonst mitkriegen würde und sich gefährden könnte. Die folgenden 94 Jahre verbrachte ich mit endlosem Warten. Allein.
Als es endlich soweit war verjüngte mich Frau Aurora von einer körperlich 20-jährigen in eine 15-jährige. Ich galt als Waise, da meine Eltern bei einem Unfall gestorben seien. Es brauchte lange mich als Lebewesen zu betrachten und nicht als Verräterin. Im Spiegel der Zeremonie sah ich Lucian. Als sich Lia schließlich in Avian verliebte, kam es erst wie bei mir und Lucian zu Verwunderung über die eigenen Gefühle. Sie aber ist mutiger.
Ich suche mir meinen Weg durch die Bäume hindurch. Sobald ich bei ihm in der Nähe stehe, klopfe ich gegen einen Baumstamm. Er hat sich gegen einen anderen gelehnt mit den Händen in den Hosentaschen. Er sieht auf. Unglauben spiegelt sich in seiner gesamten Körperhaltung wieder. 99 Jahre ist es her und ich liebe diesen Elfen immer noch. Ich gehe auf ihn zu und bleibe unmittelbar vor ihm stehen. Er will etwas sagen, doch seine Stimme versagt beim ersten Ton.
„Ich wollte dich damals nicht verlassen. Ich erzähle dir später, was alles passiert ist.“, will ich ihn davon abbringen in diesem Moment des Wiedersehens alle möglichen Frage zu stellen. Er stößt sich ab und stellt sich aufrecht vor mich. Bitte sei mir nicht böse.
„Ich schwankte immer zwischen Wut und Trauer. Aber böse bin ich dir nicht mehr. Ich habe dich nur schrecklich vermisst.“ Er sieht mich mit großen Augen an. Elfen spüren besonders emotionale Gedanken.
Er sucht in meinem Gesicht nach Veränderungen, die er nicht finden kann. Ich bin ein und dieselbe. Als auch er es feststellt, hebt er mich hoch und sein Element vermischt mit meinem. Warmes Mondlicht umgibt uns und in seinen Augen lese ich Frieden. Seine Mutter lebt eben in ihm. Sie lebt in jedem aus seiner Familie. Er hat einen kleinen Teil ihres Elementes geerbt. Jeder gibt an seine Kinder bestimmte Eigenschaften weiter, aber am Ende haben wir alle denselben Ursprung, in dem wir uns nicht unterscheiden, egal wie wir uns während unseres Lebens entwickeln. Niemand ist im Ursprung besser oder schlechter, als der andere. Wir sind alle gleich.
Wir müssen den Mut haben das zu erkennen. Nur so kann ich mich der Zukunft stellen. Diesmal nicht nur für ihn, sondern für alle … Ich wiederhole es ein letztes Mal: mutig sein. Denn wir sind alle gleich.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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