Gertraud Widmann

Der letzte Sommer


Als wenn es gestern gewesen wäre, so deutlich erinnere ich mich
an diesen Urlaub. Obwohl ich mit meinen achtzehn Jahren viel
lieber alleine irgendwohin gefahren wäre – für Italien machte man
jetzt schon viel Reklame – aber das erlaubten meine Eltern nicht.
Wie sie mir so vieles damals verboten haben, aber wer weß
wofür es gut war. Jedenfalls, mein Vater sprach ein Machtwort
  
»Aus, Äpfel, Amen«, das hieß bei ihm "Ende der Diskussion"
und ich musste mit meiner Mutter – für sie gab` nix anderes – in
den Bayerischen Wald fahren!
Aber gleich mal vorneweg, es wurden dann doch noch zwei ganz
herrliche Wochen ... Beschreiben will ich aber nur einen Abend,
der mir ganz besonders in Erinnerung geblieben ist.

Im Elternhaus meiner Mutter lebte mittlerweile nur noch Anni, ihre
Schwägerin – seit einem guten Jahr Witwe – mit ihren drei kleinen
Kindern. Sie war erst Mitte dreißig, war eine humorvolle, äußerst
liebenswerte und fleißige Person. Ich hatte sie wirklich gern. Auch
in dem kleinen Dorf Meßnerschlag war sie geachtet und beliebt.
Seit einigen Monaten betrieb sie in ihrem Haus, neben der kleinen
Landwirtschaft, auch eine Poststelle. Wer sie dort aufsuchte, kam
oftmals nur zum Ratschen vorbei.

Anni war auch eine sehr umsichtige Frau, denn damit mir jungem
"Mäsch" (Mädchen) aus der Großstadt nicht langweilig werden
sollte, hatte sie schon mal den nächsten Abend geplant: Meine
Mutter würde "Kindermädchen" spielen und wir zwei gingen zu
dem alljährlichen Feuerwehrball beim "Schmied-Wirt"!
   Genau für solche Fälle hatte ich mir ein Dirndlähnliches Kleid
aus weißem Leinen (bedruckt mit kleinen rosaroten Röschen) und
dazu passender grünen Schürze genäht. Leider hatte mein Lohn
damals nicht mehr für einen dreifachen, sondern nur für einen
einfachen Petticoat gereicht ... Dass der aber nun gar so lätschert
(schlaff) um meine Beine schlackern würde, war nicht so toll. Aber
im Großen und Ganzen war mein "Outfit" (und ich, nehme ich mal an)
eigentlich recht hübsch anzuschau`n.

Am nächsten Abend standen also meine Tante und ich, dezent
"aufg`mascherlt" (zurechtgemacht) und voller Tatendrang, vor derr
Haustür und warteten auf unsere Begleiter. Weil es sich nämlich
damals nicht schickte, dass zwei Frauen alleine eine Gaststätte
aufsuchten, hatte meine Tante in weiser Voraussicht zwei jüngere
"Grenzer" (Zollbeamte) "engagiert".
   Ja und dann kamen sie ... Fesch sahen sie aus in den weißen
Hemden und kurzen Lederhosen. Wenn nur die, mit viel "Brisk"
Frisiercreme geglätteten, feuerroten Haare der beiden Brüder
nicht gewesen wären ...
Da fällt mir wieder der Spruch ein, mit dem sie, wie sie später
erzählten, in der Schule immer gehänselt wurden:
"Wenn die zwei nach Hause kommen, ist die Mutter froh, dann
braucht sie kein Petroleum, denn die leuchten so".
   Zu Fuß machten wir vier uns also auf den Weg ins gut zwei
Kilometer entfernte Nachbardorf "Kramerschlag". Meine Mutter
und die drei Kleinen winkten uns nach.

Als wir beim Schmied-Wirt ankamen, fingen die Musiker gerade
an, ihre Instrumente zu stimmen. Vor dem Eingang stand en
glänzend poliertes Feuerwehrauto von anno dazumal und davor
bldeten die Männer der freiwilligen Feuerwehr von Meßnerschlag
und Kramerschlag ein Spalier – ein gebührender Empfang also ...
   Als "Kassenwart" fungierte der "Hiasl", ein alter, Ortsbekannter
"Austragsbauer" (Bauer in Rente).  Er begrüßte uns freundlich
und knöpfte uns dann pro Person zwei Mark ab. Warum er aber
den Zwickel gar so genau anschaute, erklärte er uns sofort: Es
hatten nämlich zwei "Dreghamme" (gemeine Männer), statt mit
einem Zwei-Mark-Stück, jeweils mit t einem Österreichischen
Schilling (Wert 7 Pfennige) bezahlt. Da die Form und das Gewicht
in etwa gleich war, hat er das bei dem dusteren Licht nicht sofort
bemerkt.
Ich habe seine Erklärung bewusst nicht im "Waidler"-Dialekt
geschrieben ...
   Der Arme – wir grinsten und betraten den Tanzsaal. Der war
wirklich hübsch geschmückt und dezent beleuchtet. Durch eine
große Türe sah man hinaus auf die Terrasse, wo Lampions und
Girlanden sanft im warmen Wind schaukelten. Auf die Tische
hatte man bunte Windlichter gestellt – sie flackerten ganz ruhig.
Schön sah das alles hier aus.
   Dass Tante Anni und ich, in unseren hellen Sommerkleidern,
in dieser braun-grau-schwarz gekleideten Gesellschaft der zum
großen Teil älteren, einheimischen Bäuerinnen auffallen würden,
war uns sofort klar. Und sie begannen auch gleich zu tuscheln:
   »Ja, ja, die Anni ... Witwe is`s ... und dann des junge Deandl
aus da Stadt ... ja und zwoa Manna hams aa scho dabei ... ma
sagt ja nix, ma redt ja bloß. «
   Egal – wir setzten uns an einen Tisch, von dem aus wir einen
herrlichen Überblick über das ganze Geschehen haben würden.
Zwei Bauern, die ihre Höfe in unmittelbarer Nähe meiner Tante
hatten und mit ihr gut bekannt waren, gesellten sich dazu.

Es wurde ein netter, feuchtfröhlicher Abend. Wir schäkerten mit
den Bauernburschen, lachten und tanzten wie der "Lump am
Stecken" – grad schön war`s.
   Weit nach Mitternacht machten sich meine Tante und ich auf
den Heimweg. Die Schuhe in den Händen, hüpften wir barfuß
durchs feuchte Gras, warfen dem Mond Kusshändchen zu,
kicherten und freuten uns einfach des Lebens. Und das ganz
ohne Männer! Denn erstens hatten wir die beiden rothaarigen
"Manna" im Laufe des Abends eh längst "verloren" und dann
sollte es ja auch kein Getratsche geben!

Daheim verzogen wir uns – nach einer kurzen Katzenwäsche, das
musste heute mal reichen – in unsere Kammern. Aber kaum hatte
ich das Licht gelöscht und war ins Bett geschlüpft, da klopfte es
ans Fenster. Aha, "Fensterln" ist also hier immer noch üblich ...
   Neugierig wie ich damals (noch) war, öffnete ich das Fenster
einen Spalt und sah, auf einer Leiter stehend, den Jungbauen
von Gegenüber. Wir kannten uns von Kindheit an und er war auch
recht nett, aber mein Typ war`s ganz und gar nicht. Ja und was
der sich erhofft haben mochte – also nein, DAS nun wirklich nicht.
Trotzdem ratschten wir noch eine Zeitlang am offenen Fenster,
bis, ja bis meine "allgegenwärtige Aufpasserin" (meine Mutter!) an
die Türe klopfte.
   »Gertraud, is oiss in Ordnung? «
   »Jaaahaaa!«
Mit einem leisen "Servus, mach`s guat" schloss ich schließlich
das Fenster und legte mich schlafen.

Am nächsten Morgen wurde ich durch das laute Gelächter der
Tante wach.
   »Gertraud, kimm runter, des muasst dir oschaung«, rief sie.
Mein Gott brummte mir der Schädel, das letzte Glasl Wein hätt`
ich nimmer trinken sollen ... Gaaanz langsam zog ich mich an,
tapste barfuß die Treppe hinunter und ging vor`s Haus.
Schlagartig blieb ich steh`n und traute meinen Augen kaum: Nicht
nur, dass sich bereits die ganzen „Ratschn“ (Manner und Weiber!)
des Dorfes versammelt hatten, nein, es lehnten rund ums Haus,
an allen acht Fenstern im ersten Stock, LEITERN ...
Das bedeutete in diesem Ort: "Hier wohnen "Menscha" (Luder,
liederliche Frauen).

Wie sich im Nachhinein herausstellte:
   Weil er von meiner Tante zum X-ten Mal – so auch an dem
Abend zuvor – einen Korb bekommen hatte, hatte er von den
umliegenden Bauernhöfen die Leitern heran geschleppt und sie
dann an die acht Fenster gelehnt. Mein Gott, dieser verliebte
"Gockel" muss die ganze Nacht "gewerkelt" haben – und wir
haben nix mitgekriegt ...

Nachtrag:

Leider ist meine Tante Anni im Frühjahr des folgenden Jahres
verstorben. Gott sei ihrer armen Seele gnädig.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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