Anna Elisabeth Hahne

Aus meinem Brasilien- Tagebuch, 20.07.2005

                                                                                                                                                                                                                 
Mein kleines Appartement im Hotel empfand ich, von Anfang an, als furchtbar schmutzig. Staubflusen auf dem Boden und das, überall verteilt Die Küchenschränke öffnete ich wegen Fett- Schmierereien nicht ein einziges Mal. Überall war diese Fettschicht, auch an den Fliesen. Ich wollte hier keinen Hausputz veranstalten, weil ich es nicht einsah, zudem das Hotel viel zu teuer war.

Kakerlaken, das waren die Tiere, auf die ich schon gewartet hatte. Doch sie hatte ich bisher noch nicht gesehen. Das Einzige was hier in diesem Appartement sauber war, das waren Bett und die sanitären Anlagen.
Meine Konsequenz: Ich hab die Küche als Ganzes nicht benutzt, nur einen kleinen Teil, und den hab ich gescheuert wie verrückt.
Aber irgendetwas war mit mir trotz allem geschehen. Doch was? …

Heute fand ich mein neues Zuhause ganz okay. Staub, der auf den Möbeln lag, wischte ich selbst weg. Die Küche ließ ich so, wie gesagt.

Ich spürte, ich hatte mich verändert. Von meinem mitgebrachten Niveau- Erwartungen war ich, ohne es zu merken, heruntergekommen.
Ich hatte in kurzer Zeit gesehen, wie die Menschen hier lebten, was sie taten, auch um zu überleben. Viele von ihnen hatten keine Arbeit. Sie suchten aus Müll, für sich nützliche Dinge, eßbare Sachen. Aus Hölzern, wie Latten, Stöckern, Zweigen, Pappen, Plastikfolien bauten sie sich eine kleines Zuhause, eine Überdachung zum Schutz vor Sonne, Regen und Wind.

Es lag für mich auf der Hand, daß Arme Passanten, Touristen überfielen, Taschen raubten in der Hoffnung, da könnte etwas Brauchbares für sie drin sein. Auch das Betteln, daß Taxifahrer zu viel Geld verlangten, weil ihre Einnahmen für ihre Familien nicht reichten, das war hier gang und gäbe.
Natürlich will ich das nicht gut heißen, aber wie war das nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland?
Meine Eltern erzählten: Essensmarken wurden verteilt und dennoch reichten die oft nicht. Viele Menschen hatten nichts oder nur wenig zu essen. Sie suchten auf den bereits abgeernteten Feldern der Bauern nach Kartoffeln oder klauten sogar Kohle von der Halde oder sonst woher. Der damalige Kardinal Frings hatte damals ein Einsehen mit den Menschen, die klauten. Denn sie taten das, aus ihrer Not heraus. Damals wurde das Wort „fringsen“ kreiert.

Jetzt saß ich hier und hatte mir vorhin noch ein Toast mit Margarine geschmiert. Dazu gab es ein gekochtes Ei, herrliche Oliven, zum Nachtisch Bananen und Jubuticaba, während meine Wäsche von einer Frau des Hauses, gegen ein Entgelt natürlich, gewaschen und gebügelt wurde. Ich wußte, daß diese Wäscherin froh war, einen Job zu haben, und daß sie auf ehrliche Weise ihr Geld verdienen konnte.

„Was will ich eigentlich?“, fragte ich mich.

Ich stellte fest, daß ich doch wohl mehr als zufrieden sein konnte.

Es waren die absoluten Gegensätze, die mir nicht mehr aus dem Kopf gingen. Reiche standen Armen gegenüber und umgekehrt. Im Fernsehen entdeckte ich immer mehr Berichte und Reportagen zum Thema Vandalismus und wie er in den Städten immer mehr um sich griff.

Gestern Abend, spät, erfuhr ich, daß direkt hier in unmittelbarer Nähe eine herumziehende Bande für das laute, angsteinflößende Chaos gesorgt hatte, und das die Bande von der Polizei festgenommen wurde.
Deshalb fuhr die Polizei, wie oft, Streife. Jetzt verstand ich das.

Ich sah hier vor Ort, was sich in Deutschland, im Laufe der Zeit, durch die Zunahme der Armut, entwickeln wird. In Deutschland bricht immer mehr die Mittelschicht weg und die Diskrepanz zwischen Arm und Reich wird weiter steigen. Das „Soziale Netz“ bei uns ist nur noch schwer zu finanzieren, oder aber, daß Gesundheitswesen wird auf Dauer unbezahlbar. Jeder wird dann ebenfalls sehen müssen, wie er lebt und überlebt. Genau das wird kommen, was hier in Brasilien schon lange alltäglich ist. - Vielleicht ist das aber auch gewollt. - ...

Für mich ist das, was ich hier sehe und aus den Medien mitbekomme, unverständlich!

Ich weiß auf der einen Seite, daß Brasilien flächen – und bevölkerungsmäßig der fünftgrößte Staat der Erde ist. Ich sehe Brasilien als absolutes reiches Land,
mit großen, gut entwickelten Landwirtschafts- , Bergbau-, Produktions-, und Dienstleistungssektor, auf der einen Seite, und dazu einen großen Vorrat an Arbeitskräften. Die brasilianische Wirtschaft ist heute die kräftigste Südamerikas und gewinnt auf dem Weltmarkt an Bedeutung. Die wichtigsten Exportprodukte sind Kaffee, Kakao, tropische Früchte, Sojabohnen, Zucker und Eisenerz.
Eisen, Mangan, Kohle, Bauxit, Nickel, Erdöl, Zinn, Silber, Diamant, Gold, Erdgas, Uran werden abgebaut. Täglich werden 1,5, Millionen Barrel Erdöl gefördert. Uran ist im Landesinneren vorhanden. Brasilien ist der weltgrößte Lieferant für Eisen. Darüber hinaus stammen etwa 60 % aller verarbeiteten Edelsteine (ausgenommen Diamanten) aus Brasilien.
Auf der anderen Seite sehe ich, als große Herausforderung, für die brasilianische Wirtschaft, nach wie vor, die Inflation und die Kluft zwischen einer wohlhabenden, gut ausgebildeten Bevölkerungsminderheit und der schlecht ausgebildeten Mehrheit, die größtenteils am Rande des Existenzminimums lebt. Ferner gibt es eine große Bewegung der Landlosen, die Movimento dos sem terra (MST), die für eine Landreform kämpft.

Noch bevor ich nach Brasilien flog, bekam ich in Deutschland einen Anruf von einem Herrn, der in der Nähe von Rio de Janeiro ein soziales Projekt, schon vor 20 Jahren, startete, ich möge doch nicht, wie verabredet, zu ihm kommen. Er selbst sei auf der Flucht vor gewalttätigen Rebellen. „Die Aufsässigen wollen alle Ausländer vernichten, und es ist jetzt zu gefährlich für Sie.“ Er könne für meine Sicherheit nicht sorgen, sagte er mir.

Ein aktuelles Problem der brasilianischen Wirtschaft ist die steigende Urbanisierung und Zuwanderung der Landbevölkerung in die Städte hinein. Allein in Brasilia steigt sie pro Jahr um 3 %, was in den Armenvierteln katastrophale Auswirkungen hat.

Ich kapiere einfach nicht, daß das Problem der enormen Armut nicht in den Griff zu kriegen sein soll....

Ein weiteres Debakel sehe ich in der Korruption des Landes. Aus Gesprächen mit Hotelbewohnern erfuhr ich, daß selbst der Präsident Lula (Luiz Inácio Lula da Silva), der aus einer armen Familie und aus der Arbeiterklasse kommt, der zuvor große Versprechen gemacht hat, sich nämlich als Erstes um die Ärmsten im Land zu kümmern, in einem Korruptionsfall verwickelt sein soll.
Ist es letztendlich die Korruption im Land, die keine durchgreifende Änderung zuläßt?...

Zu allem habe ich im Fernsehen viele Sendungen über die brasilianische Kultur und Natur gesehen. Brasilien ist für mich ein einzigartiges Land mit enormen Möglichkeiten.

Ferner habe ich hier im Fernsehen Fernsehsendungen über Deutschland gesehen, die von der Deutschen Bundesregierung herausgegeben wurden. In diesen Filmen wird das moderne, intakte Deutschland dargestellt mit herrlichen Landschaftsaufnahmen. Es wurde darin ein Bild geschaffen, indem es paradiesisch ist zu leben. Alle Menschen haben Arbeit, genug Güter sind da und Jeder kann sich Wünsche erfüllen.

Somit ist es für mich kein Wunder, daß ich in einem Gespräch höre: „Einer der hierher reisen kann, ist reich. Ich kann das nicht, sonst hätte ich nichts zu essen“, oder aber: „Nimmst du mich mit nach Deutschland?“

Sicherlich, die Menschen hier haben ihre eigene Mentalität, wie in anderen Ländern auch. Die meisten Menschen, die ich bisher gesehen habe, haben gezeichnete Gesichter, d.h. Gesichter voller Furchen, Rillen, Narben und doch haben sie strahlende, leuchtende Augen. Und ich frage mich: Wann sehe ich solche Augen in Deutschland? Wann sehe ich in strahlende Augen, wo doch der Wohlstand herrscht?...

Ich erlebe die Brasilianer als eine große Familie. Selbst mir gegenüber, als Fremde, spüre ich unsichtbare Bande, die ich kaum in Worten fassen kann. Ich erkläre es mit der Spiritualität, die diese Menschen haben.

Bevor ich zu Bett gehen wollte, sah ich im Fernsehen eine Sendung über Boppard am Rhein. Ich war sehr angetan, zumal es die Stadt meiner Vorfahrn und Verwandten ist. Die Stadt, in der ich mich von Tante Katharina verabschiedet hatte.
Wahnsinn!


Anna Elisabeth Hahne

 

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