Wolfgang Küssner

Sein Name ist Rudi

Cineasten sind aus vielen Action-Filmen die Worte geläufig: “Mein Name ist Bond, James Bond.” Von dem Agenten 007 seiner Majestät wird hier allerdings nicht zu lesen sein. Die Überschrift wäre vermutlich auch etwas unpassend. Aber von Rudi soll an dieser Stelle erzählt werden, genauer gesagt von Rudi Mentär. Denken wir an Meyer, Maier, Müller, Krause, Schulze, Schmidt, so ist Mentär sicherlich ein etwas ausgefallenerer Name. Jene  Wissenschaft, die Onomatologie heißt und sich mit der Forschung nach Namen beschäftigt, konnte zu keiner Aufklärung in punkto Ursprung etc. beitragen. Sprachanalysen deuteten einen Pfad ins Schwedische an, ohne allerdings nachvollziehbare, tragbare wissenschaftliche Details bieten zu koennen. Eines ist jedoch sicher, Rudi Mentär ist nicht mit dem vielleicht etwas bekannteren Ali Mentär verwandt.

Rudi wurde als Sohn des Apothekers Heribert Mentär und seiner spanischen Ehefrau Palmira, einfach „Parla“ genannt, im Jahr neunzehnhundert und Braunkohl geboren. Schon bei der Geburt diagnostizierten die Ärzte unterentwickelte Koerperregionen, die ein sogenanntes normales Leben mit Fragezeichen versehen würden. Umwelteinflüsse wurden für die festgestellten Defizite als ursächlich betrachtet. Doch Rudi sollte seine Chance bekommen. Und er bekam sie.

Rudi entwickelte sich den Umständen entsprechend normal. Die Nachbarskinder hänselten ihn zwar permanent. Er sei nicht ganz richtig im Kopf, unterbelichtet, behindert, ein Hirnie und vieles andere bekam er zu hoeren. Er würde seinem Namen alle Ehre machen. Nun, was sollte er dazu sagen? Es war ja nicht gänzlich unzutreffend.

Rudi war trotz alledem ein recht lehrbegieriger Junge, ein leicht draufgängerischer Jugendlicher, dem manchmal etwas Hemmung gut getan hätte. Gern griff er den Mädchen unter den Rock oder kniff in die entsprechenden Popos. Dem Klassenlehrer war er ans Herz gewachsen und durfte folglich einzelne Schuljahre zweimal absolvieren. Zum ausreichenden Schulabschluß hatte der Vater mit Gaben und Rabatte an den Lehrkoerper einen maßgeblichen Anteil. Eine Lehre versuchte Rudi anschließend als Friseur. Doch ein Kniff in den Po der Mutter des Bürgermeisters führte zu einem vorzeitigen Ende. Als Türsteher, Bote, Lagerarbeiter, Burger-Verkäufer versuchte er anschließend über die Runden und Ecken des Lebens zu kommen. Bis er eines Tages – dank fundierter und qualifizierter Gespräche mit einem anderen Türsteher –  für sich die Politik entdeckte. Allerdings machte sich sein physisches und manchmal auch psychisches Handicap bemerkbar. Rudi konnte nicht über den sprichwoertlichen Tellerrand schauen, doch seine strammen, nationalgesinnten, gedrillten Parteifreunde waren ohne geburtliche Defizite in der gleichen Situation. Sprich: Rudi fiel nicht auf, er fühlte sich wohl.

Rudi war gut von seinen Eltern erzogen worden. Er putzte täglich seine Zähne als auch die Fliegerstiefel, sprach nicht mit vollem Mund, nein, er schrie; rasierte Bart und Schädel. Das eine hatte er von Zuhause mitbekommen, das andere im Freundeskreis. Das Kissen auf dem Sofa bekam immer mit der Handkante den dekorativen Knick. Ob er dabei an Karate gedacht haben mag? Sein Moped mußte sich woechentlich einer Wäsche unterziehen; er selbst legte mehr Wert auf die männlichen Duftnoten seines  Koerpers. Er wollte doch kein Weichei, Warmduscher sein.

Die eigene Beschränktheit wurde zum Maß aller Dinge. Traten Widersprüche auf, so gab es eins auf die Nuss. War jemand anderer Meinung, so wurde muskuläre Überzeugungsarbeit geleistet. Rudi schnürte die Stiefel, kleidete sich in Schwarz. Das mußte doch reichen. Was sollte er da noch groß denken. Und vor allen Dingen Nachdenken? Was´n das? So´n Quatsch. Die Fakten waren doch vorgegeben und eindeutig. Eine total einfache Angelegenheit für Beschränkte. Nun, das mag unter normalen Bedingungen vielleicht ein wenig hart und beleidigend sein. Doch Rudi tickte halt anders.

Seine Eltern, also Heribert und „Parla“ Mentär hatte ihren Sohn gut erzogen. Er wußte sich zu benehmen und setzte sich in seinem Verhalten oftmals von den Gesinnungsgenossen ab. Die Eltern waren über diese individuellen Leistungen ihres Filius hoch erfreut, beim Umgang mit den doch etwas anderen Freunden drückten sie zwei Augen zu. Und so driftete Rudi langsam, ganz ganz langsam ab.

Zu einer Filmpremiere – womit wir wieder beim anfänglichen Thema Cinema wären - bekamen Rudi und seine Freunde von ihrem Führer die Order, für entsprechende Randale zu sorgen, Flagge – natürlich die in Schwarz/Weiß/Rot mit dem komischen Kreuz - zu zeigen, lautstark zu demonstrieren, um das Ereignis nach Moeglichkeit  zu verhindern. Natürlich ging Rudi mit seinen strammen Freunden zum Ort des Geschehens. Sie krakehlten ihre vorgegebenen Parolen. Im Tagebuch von Orson Welles (Regisseur, Schauspieler, Autor – „Citizen Kane“, „Der dritte Mann“ u.v.a.) lesen wir zu diesem Ereignis die Notiz: „Viele Menschen sind gut erzogen, um nicht mit vollem Mund zu sprechen, aber sie haben keine Bedenken, es mit leerem Kopf zu tun.“

Nachwort an die Leser:

Obwohl obige Geschichte inhaltlich kein Krimi ist, handelt sie doch von einer Vorstufe zum Kriminellen. Ein kurzes Nachwort ist somit nicht unwichtig. Das vorstehende Zitat des Amerikaners Orson Welles ist verbürgt, die Worte drumherum konstruiert. Sollte eine Person mit Namen Rudi Mentär unter uns weilen oder geweilt haben, so versichert der Schreiber dieser Zeilen, diese Personen nicht zu kennen bzw. gekannt zu haben. Übereinstimmungen wären also rein zufällig und keineswegs beabsichtigt.

Also alles nur Phantasie? Nein. Leider nicht. In den politischen Diskussionen in vielen Ländern dieses Globus melden sich in diesen Wochen und Monaten Menschen  – meistens mehr als lautstark – zu Wort, deren Äußerungen alles andere als hilfreich, qualifiziert, problemloesend, weiterführend oder als durchdacht bezeichnet werden koennen. Rattenfänger und viele – vergeblich auf versprochenen Speck wartende – graue Mäuse, schüren nebuloese Ängste, Neid, Wut, Hass. Nationalismus, Rassismus, Fremdenhass, treiben immer neue Sumpfblüten. Das Zitat von Orson Welles erfährt täglich hundertfache Bestätigung.  

Es gibt momentan leider viele Menschen mit mehr oder weniger ausgeprägten rudimentären („unzureichend, unvollkommen, ansatzweise vorhanden, unvollständig, nur als Anlage vorhanden“ – so der Duden) Merkmalen. Koennten sie ihre Worte, ihr Handeln doch ein wenig mehr überlegen.

November 2016

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