Olaf Lüken

Oma Hedwig fehlt - Großeltern und ihre Enkel

Oma ist von uns gegangen, einfach so. Sie, die ihre Enkel Julia und Martin immer ins Bett gebracht hatte, während die Eltern arbeiten mussten, ist tot. Und die
beiden Kinder verstehen die Welt nicht mehr. Oma fehlt ganz furchtbar. Ein bisschen Trost findet Julia, wenn sie abends zu ihrem Bruder ins Bett schlüpft. Aber
nur ein bisschen. Denn bald ist Weihnachten, und dass ist ohne Oma einfach unmöglich. Derart undenkbar, dass Julia einen kühnen Plan schmiedet.
Sie und Martin wollen sich ab sofort dermaßen danebenbenehmen, dass Oma Hedwig gar nicht anders kann, als nach Hause zu kommen. Martins Einwand,
dass die Großmutter doch im Himmel ist, lässt Julia nicht gelten, und so bemühen sich die beiden fortan nach Kräften so frech wie möglich zu sein - was gar
nicht so einfach ist. Julia lässt im Kindergarten ihren Mantel fallen, statt ihn aufzuhängen, malt Bilder in düsteren Schwarz-Grautönen und rührt mittags ihr Essen
nicht an. Martin schmeißt sein Frühstücksbrot in den Müll und schwänzt ein paar Schulstunden. Opa Hannes wird das Treiben seiner beiden Enkel irgendwann
zu bunt, und in einer ruhigen Minute setzt er sich mit Julia und Martin an einen Tisch und spricht offen, ehrlich und mit einfachen Worten über Omas Tod. Dabei
weinen die drei vereint im Schmerz, bis sich eine wohltuende Stille in ihren Herzen ausbreitet.
Glückliche Kinder, die liebe und verständige Großeltern haben. Oma und Opa erklären den staunenden Kleinen immer wieder die zahllosen Wunder unseres
Universums und helfen, wenn sie in der immer komplexer werdenden Welt einmal nicht zurechtkommen. Und vor allem haben sie Zeit für die Enkelkinder: Sie
lesen ihnen etwas vor, backen mit ihnen einen Kuchen oder kochen gemeinsam ein leckeres und gesundes Essen. Für Kinder und Großeltern einfach
unersetzlich. Wie sie die Jüngsten geduldig bei den ersten Hausaufgaben betreuen oder ihnen bei den abendlichen Bettgeschichten mit viel Liebe die Angst vor
Hexen, Kobolden und Gespenstern nehmen. Ist der Enkel krank oder auch nur traurig geworden, dann zeigen Oma und Opa Mitgefühl, spenden Trost, Wärme
und Geborgenheit und geben Zuversicht.
Leider kann nicht jedes Kind auf Großeltern zurückgreifen. Aber auch dem kann geholfen werden: In jeder Stadt, in jedem Dort, in jedem größeren Weiler finden
sich heute sogenannte "Best Ager", wie sie in der Marketingsprache heißen, die gerne Zeit mit Kindern verbringen und nur allzu gern Leih-Oma oder -Opa
wären. Menschen wie Oma Hedwig dürfen einfach nicht (aus-) sterben.

(c) Olaf Lüken

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