Stefan Läer

Gedankenlese

Leonie hing ihren Gedanken nach, während sie durch die Nacht fuhr. Dort oben über der Bergkette hatte sich der Vollmond hinter dicke schwarze Wolken zurückgezogen, sodass sie nur das Stück Landstraße erkennen konnte, das von den Scheinwerfern ihres kleinen Gefährts erhellt wurde. Ein wenig mulmig war ihr immer zumute, wenn sie den Heimweg im Dunkeln allein zurücklegen musste. Was, wenn ein Felsbrocken von dem Hang am rechten Fahrbahnrand herunterstürzte? Oder ein Baum? Was, wenn ein Tier vor ihr Auto lief und sie nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte? Sie hatte viele Horrorgeschichten gehört, die sich wirklich ereignet hatten und hoffte immer, dass sie selbst davon verschont blieb.

Sie dachte an Patrick, ihren Ex-Freund. Keine zwei Wochen war es her, dass sie sich getrennt hatten. Mit ihren nunmehr zweiunddreißig Jahren hatte sie sich ein Kind von ihm gewünscht, hatte sich und ihn und ihre dreieinhalbjährige Beziehung für reif genug befunden, um endlich mit der Familienplanung zu beginnen. Immer wieder hatte Patrick ihr zugesichert, dass er sich nichts sehnlicher wünschte als Nachwuchs. Doch dann, als sie an die Umsetzung ihres Vorhabens gehen wollte, hatte er mehrfach um Aufschub gebeten, weil für ihn noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen sei. Darüber hatten sie sich gestritten und schließlich getrennt. Leonie war noch immer untröstlich. Wieso muss ich immer so ein Pech haben, fragte sie sich und dachte an ihre Freundinnen, die alle eine intakte und glückliche Beziehung führten. Ihr eigenes Leben kam ihr mit einem Mal so sinnlos vor, auch wenn sie wusste, dass es irgendwie weiterging. Leider ging es weiter. Traurig schaute sie in das Dunkel vor ihrer Windschutzscheibe, während bittere Tränen ihre Wangen hinabliefen. Verschwommen tauchte das Licht der Ampel vor der kleinen Bahnunterführung auf. Rot. Ausgerechnet jetzt, dachte sie. Sie fühlte sich ohnehin von Gott und der Welt verlassen und nun wurde sie auch noch dazu gezwungen, hier mitten im finsteren Siegtal anzuhalten. Normalerweise konnte sie um diese Uhrzeit bei Grün durchfahren, weil die Ampelschaltung vom Gegenverkehr abhängig war. Wenige Sekunden später erkannte Leonie den Grund für ihre Rotphase, als sich die Wände der Unterführung erhellten und ihr zwei Scheinwerfer in die Augen leuchteten. Reflexartig kniff sie die Augen zusammen. Die Scheinwerfer waren für einen Moment so ungewöhnlich hell, wie es Leonie nur von einer Lichthupe her kannte. Wahrscheinlich liegt es an meinen verweinten Augen, dass sie das Licht wie durch eine Lupe sehen, dachte sie. Wieso sollte sie bei dieser Verkehrslage jemand per Lichtzeichen warnen? Blitzer waren um diese Uhrzeit gewiss nicht mehr unterwegs. Die einzige Möglichkeit, die ihr einfiel, war ein totes Tier, das auf der Fahrbahn lag. Sie erschauerte bei diesem Gedanken: Die Möglichkeit war realistisch. Patrick, dachte sie, wenn du nur hier wärst und mich beschützen könntest. Normalerweise war sie eine starke Frau, die sich nicht gleich in die Hose machte vor Angst, doch in der Zeit nach der Trennung war ihr Nervenkostüm angekratzt. Was, wenn es sich gar nicht um ein totes Tier handelte, sondern ihr jemand hier im Wald auflauerte? Ein entflohener Straftäter vielleicht, der sich per Anhalter durchschlug? Meine Fantasie geht mit mir durch, dachte sie, während die Ampel auf Grün sprang. Mit schweißnasser Hand umfasste sie den Steuerknüppel ihres Wagens und schaltete in den ersten Gang, dann gab sie Gas. Ihre Hände zitterten, sodass sie Mühe hatte, ihr Gefährt sicher durch die kurvige Unterführung zu bringen. Sie atmete ein wenig auf, als sie die darauf folgende gerade Strecke erreichte. Vorsichtshalber schaltete sie das Fernlicht ein, um ein mögliches Hindernis auf der Fahrbahn früher zu erkennen. Doch die Strecke war einwandfrei, von ein paar kleineren Ästen, die der kleine Herbststurm von vor zwei Tagen auf die Straße geweht hatte, abgesehen. Auch wenn Leonie diese schreckliche Fahrt am liebsten schnell hinter sich gebracht hätte, traute sie sich nicht, schneller als im Schneckentempo zu fahren. Weit und breit war kein anderes Auto mehr zu sehen.

Wahrscheinlich habe ich mir das mit der Lichthupe nur eingebildet, dachte Leonie und setzte ihren Weg ein wenig erleichtert fort. Hinter der nächsten Biegung konnte sie bereits das alte Kraftwerk sehen, das man vor über hundert Jahren neben die Fahrbahn direkt an die Sieg gebaut hatte. Schon seit Jahrzehnten arbeitete das Kraftwerk automatisch, hier arbeitete keine Menschenseele mehr. Nur etwa einen Kilometer dahinter verbarg sich die nächste Ortschaft. Es würde nicht mehr lange dauern, dann wäre Leonie wieder zurück in der Zivilisation. Doch es kam anders. Gerade als sie das Kraftwerk passierte, lief eine schwarze Gestalt etwa zwanzig Meter vor ihrem Wagen mitten auf die Fahrbahn. Geistesgegenwärtig stieg sie auf die Bremse und kam mit quietschenden Reifen und einem erstickten Schrei vor der Gestalt zum Stehen.

Auch die darauf folgenden Erinnerungen von Leonie Pride hinterließ Hauptkommissar Anton Klemer am nächsten Tag mit sichtlich betroffener Miene Leonies Eltern. „Obwohl Leonies Gehirn bei dem Mord völlig zertrümmert wurde, konnten wir ihren Gedankenschreiber bergen und wissen, wie sie die letzten Minuten ihres Lebens durchlitten hat. Es tut mir leid.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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