Ingo R. Hesse

Abnutzen statt Draufputzen?

Und: Nachhaltiges Beziehungs-Management

 

Die wohl dreisteste Werbung der letzten Monate verspricht den etwas „Naiveren“ unter uns, dass sie bei Verwendung einer sündhaft teuren Zahnpasta, schadhafte Stellen in ihrem Esszimmer mit frischem Zahnschmelz auffüllen können.

 

Jeder Gedanke, es könne tatsächlich in diesem Gel eine flüssige Masse vorhanden sein, die mittels Bürstenbewegung zum Aushärten verleitet wird, lässt in mir seltsame Bilder aufsteigen. Zugespachtelte Zahnlücken. Miteinander verschweißte Unter- und Oberkiefer. Von Zunge und Gaumen bröckelnder, weißer Zement. Und so weiter.

 

Als einer derer, die in ihrem Leben des Öfteren dachten, sie hätten nun endlich die Person gefunden, der sie erlauben sollten, ihnen den Rest ihres Lebens wunderbar oder unerträglich zu machen, beschäftigt mich das Thema Reparatur natürlich zwangsläufig.

 

Und zumindest die, die auch schon einmal mit ihrer vorwitzig verträumten Nase ziemlich hart auf dem Beton der tatsächlichen Möglichkeiten gelandet sind, werden wissen, dass es dabei nicht ohne Verletzung abgeht.

 

Da ist es doch nicht verwunderlich, dass man es sehr gerne glauben möchte, wenn plötzlich eine elegant verpackte Tube mit scheinbar heilendem Inhalt, das Ende des Leidens verspricht.

 

Doch spätestens nach dem dritten vergeblichen Versuch, verlustig gegangenen Seelen-Schmelz durch neue abstruse Träume zu ersetzen, sollte man sich lieber nach einer weniger versprechenden, das aber dann haltenden Paste umsehen.

 

Und wenn man die gefunden hat, sollte man ihr den Respekt erweisen, den sie verdient hat. In unseren Breiten gehört, anders als bei Zahnpasta, der Gebrauch eines Kosenamens dazu. Und so macht man sich dann auch voller Enthusiasmus daran, einen zu verwenden.

 

Der Eiscafé-Besitzer meiner Jugend und meines Vertrauens, nannte alle Mädchen, die bei ihm Eis oder Cappuccino kauften „Katharina“. Sie fanden es lustig und kicherten. Und er schmunzelte, weil er auf diese Weise zwar nie den richtigen, aber auch nie den falschen Namen verwendete. Denn nach dem dritten „Katharina“, wären sie beleidigt gewesen wenn er sie einmal nicht so genannt hätte.

 

So bin ich dann auch schon sehr früh zum Kosenamen-Recycling übergegangen. Speziell in meiner Jugendzeit, in der sich doch schon mal die Beziehungen zeitlich überschnitten, von mir ungewollt natürlich, war das von Vorteil.

Aus Versehen statt „Schätzchen“ einmal in Ekstase „Liebelein“ zu sagen, fällt eben weniger auf als wenn man seine Angelika plötzlich Elvira nennt.

 

Nun bin ich aber im Laufe meines Lebens gereift, obwohl ich niemals das Gefühl hatte, das sei notwendig oder möglich. Und mit fortschreitender Reife kam es mir in den Sinn, dass die eine oder andere neue Liebe in meinem Leben, wohl doch einen auf sie zugeschnittenen Kosenamen verdient hätte.

 

Das Leben lehrte mich dann aber, dass man Running-Systems doch besser nicht changen sollte. Denn, man mag es kaum glauben, ..es hat schon eine recht unterschiedliche Wirkung, ob man eine füllige oder eine schlanke Frau „Moppelchen“ nennt. Wobei das doch das gleiche Wort ist.

 

Die eine ist dankbar für, und glücklich über ein genial individuelles „Herzi“. Die andere wurde von ihrem Ex so genannt und sieht ihn im ungünstigsten Moment vor sich, wenn sie eigentlich über sich, .. .

 

Es ist nicht leicht. Und manchmal denke ich, ich sollte einfach immer beim vertrauten „ey Du!“ bleiben, und nur noch Zahnpasta kaufen, die Amalgam im Gold verwandelt.

 

Oder ich verlege mich statt aufs Reden, mehr aufs Küssen. Doch das kann auch sehr unterschiedlich aufgefasst werden.

 

Es ist wirklich nicht leicht. Mein Leben.

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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