Arnold Nirgends

Rosamunde Tecot - 7 Jahre alt

„Ist es noch weit?“, fragte Rosamunde keuchend ihre Eltern. Horst und Ute Tecot gingen schwitzend und mit hochrotem Kopf vor Rosamunde die steinige, unebene Treppe zum ‚Flaming tower‘ hoch. Der ‚Flaming tower‘, eine riesengroße Burg, war das Wahrzeichen von Arca-Nihil und thronte inmitten der Stadt auf einer 200m aus dem Boden ragenden Felshalbkugel. Der Tower selbst maß etwa 100m Kantenlänge und war aus riesengroßen, fein aufeinandergeschichteten Granitblöcken gebaut. Geschichtenerzähler behaupteten, der Tower sei einst von Riesen erbaut worden und an einer riesigen Kette sei der Fels, auf dem die Burg jetzt stand über der Burg geschwebt. Gerade so wie ein Luftballon an einem Faden gehalten in der Luft schwebt. Um alle, die diese Geschichte belächelten, nachdenklich zu stimmen, hängte aber tatsächlich eine massive etwa 300m lange Kette an der Hinterseite der Burgmauer den Berg hinunter. Jedes Glied der Kette war etwa 3m lang und wog etliche Tonnen.

„Gleich sind wir oben“, keuchte Horst, der stehengeblieben war, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.

„Wie viele Stufen sind wir denn jetzt schon hochgestiegen?“, fragte Rosamunde. „Michi meinte es seien 1815 bis zum Eingang. Leider bin ich unten bei der Sarn Abzweigung durcheinander gekommen.“ Tatsächlich war auf halber Höhe zum Tower der große Sarn Tempel und man konnte dort schon von der Stiege weg eine Menge wunderschöner Statuen und Säulen sehen, welche den Tempeleingang schmückten. Und Rosamunde war ein aufmerksames, aber halt auch leicht abzulenkendes Mädchen.

„Wir zählen einfach noch mal gemeinsam beim Runtergehen. Da ist es einfacher!“, meinte Ute und ging an Horst vorbei, langsam und schnaufend weiter.

Oben angekommen konnte man nach hinten blickend einen unglaublich schönen Ausblick auf die Stadt, den nahegelegenen ‚Border Forest‘, wie der Druidenwald genannt wurde und etliche der emporwachsenden Sprösslinge des Urbaums genießen.

Vor einem lag ein großer, gepflasterter Platz, welcher auf der abschüssigen Seite durch einen massiven Zaun und auf der anderen Seite durch die etwa 50m in die Höhe aufragende riesige, mit Efeu und wildem Wein verwachsene Burgmauer begrenzt war.
Das Burgtor war, wie alles an dieser Burg riesengroß und die Tore weit geöffnet. Rosamunde schätzte, dass die rechteckigen Holzbalken der Burgtore, etwa 80 cm dick waren. Diese wurden mit mächtigen Eisenschienen zusammengehalten und hingen als Tore miteinander verbunden etwa 20m weit in die Luft.

Viele Leute aus allen Gegenden der ANF (Arca-Nihil Föderation) waren an diesem sonnigen Tag hier oben versammelt. Der Vorhof und der Innenhof der Burg waren erfüllt von geschäftigem Treiben. Es war Tag der offenen Tür beim Hippogriffgestüt. Und es gab mehr als genug Personen, welche die Gelegenheit zu nützen schienen, diesen mächtigen und mythischen Tieren einmal ganz nahe zu kommen.

Horst, Ute und Rosamunde stellten sich also in der langen Warteschlange ganz hinten an. Horst nahm seinen Rucksack herunter, packte Jausenbrote, Äpfel und eine Trinkflasche für die Familie aus. Rosamunde nahm dankend ein Brot mit Richland Käse, den sie des milden Geschmackes wegen sehr mochte und betrachtete dabei angeekelt das Schauspiel eines Syna Mönchs. Dieser spielte auf einer kleinen improvisierten Bühne vor ein paar Schaulustigen eine bekannte Szene aus der Schöpfungsgeschichte nach. Es ging dabei um eine Szene mit Gorfan, einer kleineren Gottheit. Das Schauspiel fand Rosamunde schlecht, aber sie störte noch viel mehr das religiöse an sich bei dem Schauspiel. Ihr Bruder Bilok hatte ihr Jahr für Jahr eingetrichtert, dass Religion nur was für die sei, welche sonst nichts zuwege brächten. Und Bilok hatte für Rosamunde immer recht.

Ja Bilok, träumte sie dahin. Der ist jetzt in Valoria und putzt vermutlich gerade die Ställe, oder die Latrinen. Vor zwei Jahren beendete Bilok, sehr zu Rosamundes Leidwesen, seine Karriere als Hersteller und Händler von Pfeilen und Bolzen. Er war ab da Knappe bei der 5’ten Legion. Irgendwann wollte Rosamunde auch zu den Legionen und als Soldatin für die Freiheit kämpfen. Aber ihre Eltern meinten, da sie so gerne mit Katzen und Hunden spielte, wäre das Hippogriffgestüt eventuell etwas für sie. „Wer hat in Drowsbane schon eine Hippogriffreiterin in der Familie?“ fragte Vater Horst gerne in die Runde und alle stimmten ihm zu, dass Rosamunde da gut geeignet dazu wäre. Der Besuch im Gestüt war also auch ein erstes Herantasten, ob das Gestüt denn Interesse an einem neuen Stallmädchen habe.

Rosamunde war da noch recht unentschlossen, was ihre Zukunft betraf. Im Gegensatz zu vielen Altersgenossen der Siebenjährigen, die genaue Vorstellungen hatten, träumte sie lieber in den Tag hinein und spielte wann immer möglich mit Ihrem großen Bruder ‚Abenteuerreise‘. Dabei wurden Monster besiegt, Schätze gehoben und neue Länder bereist. Ein Hippogriff könnte da auch ganz nützlich sein. Zumindest als Transportmittel.

Mit der Träumerei verging das Warten für Rosamunde recht schnell. Und ehe sie sich versah waren sie alle mit einer etwa zwanzigköpfigen Gruppe ins Innere der Burg unterwegs. Die Burg war nicht nur außen, sondern auch innen beeindruckend. Alles war riesig. Räume waren riesengroß, Gänge riesenhoch, Türen, Fenster, einfach alles. Gar nicht dazu passend war die Einrichtung. Tische, Stühle, Schränke waren alle für Menschen gezimmert und wirkten ein wenig wie Puppenspielzeug in den überdimensionierten Räumen.

Auch die Stallungen selbst sahen dann eher wie die Waben eines Bienenstocks aus, als ein normaler Pferdestall. In einem etwa 50m hohen Saal befanden sich auf 5 aus Holz gezimmerten Ebenen etwa 100 Boxen. Die Ebenen waren mit Stiegen verbunden. Es gab einfache Flaschenzugaufzüge für Futter und Stroh. Überall roch es nach Tod und Verwesung. Hippogriffe waren magische Kreaturen, halb Pferd, halb Adler. Und es waren Fleischfresser. Blutspuren waren allgegenwärtig. An einigen Stellen lagen halb aufgefressene Kadaver. Die Gruppe war vorher auch an Stallungen voller Schafe, Ziegen und Kühen vorbeigekommen. Das war die Nahrung für diese Monster. Frischfleisch war notwendig, damit es den Hippogriffen gut ging.

Die Gruppe wurde über die Holzstiegen drei Ebenen hinauf geführt. Zuerst zeigte man ihnen die Brutstätten. Hippogriffmütter saßen da auf ihren frisch gelegten Eiern und blickten argwöhnisch, mit grausam starren Raubvogelaugen auf die Menschengruppe. Der Führer erklärte, dass schwangere Hippogriffweibchen besonders viele Reagenzien mit psionischer Wirkung, kurz Mana, bekämen, weil sonst die Küken später keine Flugfähigkeit hätten. Donnereicheln waren dazu besonders gut geeignet.

Ein Höhepunkt der Führung fand statt, als man 5 kleine Hippogrifffohlen bestaunen und streicheln durfte. Die Fohlen waren vollgefressen und darum friedlich. Die Federn fühlten sich weich an und man konnte sie fast lieb haben.

Nach einigen weiteren Stationen kam man zuallerletzt zu drei ausgewachsenen Hippogriffen, welche für den Einsatz ausgerüstet waren. Es waren Zaumzeug, Sättel und Tragtaschen montiert. In einem Lederfutteral hing eine lange Lanze und eine geladene Armbrust. Neben den Hippogriffen standen stolze Männer in voller Legionärsmontur.

„Diese Männer und ihre Hippogriffe tun Dienst im Osten des Reiches. Dort stehen 7 riesige Aussichtstürme mit Landeplattformen für die Tiere. Von diesen aus wird die lange und unübersichtliche Grenze überwacht. So dass kein Illoner und kein Orc in das Föderationsgebiet eindringen möge.“, sprach der Führer der Gruppe gerade, aber Rosamunde war gar nicht bei der Sache. Das mittlere Hippogriff fixierte sie und Rosamunde das Hippogriff. Rosamunde konnte es sich nicht erklären, aber sie spürte eine Abscheu und eine immense Wut, welche von dem Tier ausging und ihr, oder allen Menschen hier galt. Lass mich in Ruhe du belämmerter Aasgeier dachte Rosamunde während sie den aggressiven Blickkontakt mit dem wilden Tier aufrecht hielt.

Das Hippogriff stieß einen markerschütternden, schrillen Schrei aus, während es sich auf den Hinterbeinen aufrichtete und die Krallen der Vorderbeine in der Luft in alle Richtungen streckte. Die beiden anderen Hippogriffe zuckten nervös und alle drei Reiter versuchten ihre Tiere zu beruhigen. Das mittlere Hippogriff aber, sank mit den Vorderbeinen wieder zu Boden, stieß seinen Reiter mit einem Hufschlag zu Boden und stürmte auf die nur wenige Meer vor ihm befindliche Besuchergruppe zu.
„Stopp!!“ rief Rosamunde in diesem Augenblick herrisch. Das Tier beruhigte sich, trabte zu Rosamunde und ließ sich am Schnabelansatz die Federn kraulen.

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