Hans K. Reiter

Advent, Advent..., die stade Zeit!

Still war es geworden um Dingharting und nur selten noch fand ein Ereignis in die ohnehin dünne Berichterstattung des Regionalboten. Nun aber sollte sich dies schlagartig ändern.

Schreiend, wie von der Tarantel gestochen, rannte am heutigen Freitag gegen 08:30 Uhr eine nicht näher erkannte Gestalt aus dem Schulgebäude des hiesigen Gymnasiums. Nichts weiter sonst. Ruhe.

Wie jeden Morgen um diese Zeit saß der Leiter des örtlichen Presseorgans in seinem Wagen auf dem Weg ins nahe gelegene Büro. Scheiße und Idiot, entfuhr es ihm, als er geistesgegenwärtig und vehement auf die Bremse trat und nur noch einen vagen Schatten der Gestalt vor seiner Motorhaube erhaschen konnte.

Kaum, dass sein Wagen zum Stehen gekommen war, sprang er, mit dem Schlimmsten rechnend, aus dem Fahrzeug. Aber, da war niemand. Kein Mensch, kein Tier, einfach nichts. Weit und breit nichts.

Was der Mann nicht bemerkte, waren zwei dunkle Augen, die ihn aus einer Hauseinfahrt heraus beobachteten. Dann waren auch diese Augen verschwunden.

Im Gymnasium indessen nahm der Unterricht seinen gewohnten Gang und nicht Wenige sehnten das Wochenende herbei. Betrachten wir den Homo neanderthalensis, hob einer der Lehrkräfte an, um breit und ausladend ein neues Kapitel des Lehrplanes aufzuschlagen.

Nehmen wir einmal an, meldete sich einer der Schüler zu Wort, dieser Neandertaler oder sagen wir besser, das, was da so an Überbleibseln von ihm gefunden wurde, stammte gar nicht daher, wo es gefunden wurde, würde solches nicht die ganze Evolutionsgeschichte über den Haufen werfen?

Natürlich, der Enzinger, wer denn sonst?, bemerkte der Lehrer. Heute wieder zu einem Spässchen aufgelegt, was? Aber, sei’s denn, so erläutere er der Klasse denn seinen fabelhaften Erguss!

Schon das Wort Erguss erzeugte in dieser pupertierenden Klasse einen gewaltigen Heiterkeitsausbruch. Geistigen, meinte ich, ergänzte daraufhin der Lehrer.

Also gut, meinte der Enzinger Alois gönnerhaft, so will ich es denn erklären. Und wieder wieherten alle ob des sprachlich so trefflichen Veräppelns des Lehrers. Schauen Sie, fuhr der Enzinger fort, nehmen wir einmal an, so ein Mensch der damaligen Zeit kam von irgendwo her, sagen wir zum Beispiel aus Mittenwald, läuft wochenlang nach Norden und, wie’s der Teufel haben will, fällt ihm just ein Stück Fels auf den Kopf oder er fällt in eine Erdspalte oder irgendein wildes Getier treibt ihn einen Hang hinunter und er stürzt, oder anderes. Jedenfalls wird nun dieser Mittenwalder tausende Jahre später da oben in Nordrhein-Westfalen gefunden und sie geben ihm den Namen des Fundortes Neanderthal. Überall in Europa finden sie solche Skelette und Überbleibsel, aber statt diese Gattung Mittenwalder zu nennen, sagen sie, das seien alles Neandethaler. Und alles, bloß, weil so ein Hirsel aus Mittenwald damals gemeint hat, er müsse mal in die große Welt hinaus. Dabei hätten’s, wären sie beim Original geblieben, später noch nicht einmal die Schreibweise ändern müssen. Mittenwalder ist und bleibt Mittenwalder, aber aus dem Neanderthaler mit H haben’s später dann den ohne H daraus gemacht und so schreibt man ihn heute so, und der Enzinger geht vor an die Tafel und schreibt groß und fett darauf: Neandertaler.

In der Redaktion des Regionalboten angekommen, zwängte der Chef seinen massigen Körper hinter den Schreibtisch, winkt seiner Sekretärin oder Assistentin und deutet auf die Kaffeemaschine. Nach und nach treffen noch zwei weitere Mitarbeiter ein und versammeln sich um den Schreibtisch des Chefs. Einer hatte noch ein paar Brezen und Nusshörndl mitgebracht. Der Sebastian, ist der noch nicht da?, fragt einer.

Seit Ende Oktober hatten sie einen Praktikanten auf’s Auge gedrückt bekommen, wie sie meinten. Denn der Knabe war ein Neffe des Bürgermeisters und dem Wunsche des Gemeindeoberhauptes nach Beschäftigung des Sprösslings verwehrte man sich natürlich nicht.

Merkwürdige Geschichte heute auf dem Weg hierher, sagte einer zwischen zwei kräftigen Bissen von Nusshörndl, rannte mir fast einer ins Auto und wie ich dann steh’n bleib und nachsehe, war weit und breit niemand. Merkwürdig!

Das ist es, sagte der Chef und berichtet, was ihm widerfahren war. Sollten wir vielleicht etwas darüber schreiben? Vielleicht ein Spinner, wer weiß? Bevor etwas passiert, damit die Leute gewarnt sind…!, sagte der von vorhin.

Im Gymnasium kriegt sich die Klasse nicht mehr ein. Sie hauen sich auf die Schenkel, brüllen und Jaulen und dem armen Lehrer bleibt nichts anderes übrig, als gute Mine zum bösen Spiel zu machen und in den Chor der Heiterkeit mit einzustimmen.

Packt’s zusammen, sagt er, ich glaube heute kriegen wir eh nichts mehr Gescheites zustande. Aber ein wenig leiser, bitte, wir haben schliesslich die stade Zeit, sagte er noch und verabschiedet die Burschen und Mädchen ins Wochenende.

Advent, die stade Zeit, die Zeit vor Weihnachten. Der Marktplatz und die angrenzenden Straßen festlich geschmückt, Buden, die allerlei feilbieten, Punsch und Glühwein, Bratwürste und was es sonst noch alles gibt. Gut gelaunt sind die Menschen und…, aber irgendwo lauert dieser Irre!

Wir dürfen keine Panik auslösen, sagte der Chef, gerade jetzt nicht, wo es doch sowieso schon überall und allerorts diese Verrückten gibt! Ja, aber schreiben müssen wir etwas, bestehen die anderen darauf.

Beinahe unbemerkt war jetzt auch der Sebastian ins Büro gekommen. Bist a wenig spät heut, bemerkt der Chef. Ja, stimmt, aber wenn ich euch gleich erzähle, was ich auf dem Weg hierher erlebt habe, des glaubt’s mir net! 

Und Sebastian berichtet, wie er beinahe von zwei völlig bescheuerten Autofahrern umgesäbelt worden wäre und er sich jeweils nur durch gewagte Sprünge in letzter Sekunde habe retten können. Beim ersten Mal sei er so erschrocken, dass er schreiend von diesem idiotischen Fahrer weg durch’s Gymnasium gelaufen sei, auf die Straße hinaus und peng, habe ihn auch schon der nächste umbringen wollen. Ob es da eine Verschwörung gegen mich gibt?, fragt er zweifelnd.

Und bevor noch einer hätte antworten können, fuhr Sebastian schon fort: Und das Komische bei allem ist, dass der zweite Wahnsinnige eine so verblüffende Ähnlichkeit mit Ihnen gehabt hat, Chef. Auch das Auto…!

Mit mir? Wieso mit mir?, fragte der Chef ziemlich verdattert und wußte nicht recht, wie er sich nun verhalten sollte. Sagte dann aber gerade heraus: Jetzt pass mal auf und spitz deine Ohren!  Und er erzählte seine Geschichte und die des Kollegen. Siehst du, das ist uns heute Morgen widerfahren. Ein und dieselbe Sache und doch zwei völlig unterschiedliche Begebenheiten.

Sebastian schwieg betroffen, wie es schien, und nickte. Noch verrückter wäre es, dachte er, wenn ich euch sagen würde, was nur ich weiß.

Er war spät aufgestanden und musste sich beeilen. Dann bemerkte er diesen merkwürdigen Menschen. Sprungbereit am Straßenrand lauernd, offensichtlich darauf bedacht, die Straße mit einem Spurt zu überqueren. Immer wieder zuckten seine Beine, aber immer wieder hielt er inne. Dann, ganz unvermittelt, rannte er los. Er war schnell, sehr schnell. Das Auto! Verdammt, sah er es denn nicht? Das konnte er niemals schaffen! Sebastian schloss für eine Sekunde die Augen, den Aufprall des Körpers auf den Wagen erwartend.

Nichts, es geschah nichts! Unfassbar! Da sah er ihn, schreiend auf das Gymnasium zulaufen, den schmalen Verbindungsgang zur anderen Straße hin nehmend, er hinterher. Was hatte dieser Mensch vor?

Er erreichte die andere Seite nur wenig später als dieser Verrückte. Da, vorne, ein Wagen! Nur Sekunden noch! Zwei, drei gewaltige Sätze und der Verrückte hatte sein Spiel wieder gewonnen! Ein Spiel? Ja, vielleicht, dachte er noch, dann war der Mensch fort, nirgendwo mehr auszumachen.

Der Fahrer des Wagens war ausgestiegen und umrundete Kopf schüttelnd sein Fahrzeug. Er, Sebastian, beobachtete die Szene eine Weile unbemerkt von einer Hauseinfahrt aus. Kein Zweifel, der Fahrer war sein Chef. Gedanken auf das Verwirrspiel blitzten auf. Es war so einfach! Er brauchte nur in die Gestalt des Verrückten zu schlüpfen.

Gehen wir an die Arbeit, sagte der Chef und an Sebastian gewandt: Pass besser auf, das nächste Mal! 

Mach ich Chef, mach ich! 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Hans K. Reiter).
Der Beitrag wurde von Hans K. Reiter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Hans K. Reiter:

cover

Der Tod des Krämers von Hans K. Reiter



Wildau, eine kleine bayerische Gemeinde am Chiemsee, ist erschüttert. Der Krämer Michael Probst wird erhängt aufgefunden. Eine unglaubliche Verkettung von Macht, politischen Intrigen, Skrupellosigkeit, Korruption, Sex und Erpressung kommt an den Tag.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Hans K. Reiter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Heiligabend von Hans K. Reiter (Weihnachten)
Wer will schon Millionär werden? von Holger Gerken (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Pariser Stippvisite von Rainer Tiemann (Impressionen)