Chiara Fabiano

Der sterbende Schwan

Kensington Garden war ein Ort für Träumer. Und auch an einem Morgen wie diesem, an dem die Sonne sich zwar blicken ließ, das Gras und die Pflanzen jedoch immer noch von der Nässe belagert wurden, die die verregnete Nacht mit sich gebracht hatte, führte ihr Weg sie in den Garten der Träume. Auf einer Bank, grün war ihre Farbe, ließ sie sich nieder und belächelte zwei Vögel, die sich zu ihr gesellten. Sie erinnerten sie an die Freiheit und augenblicklich bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. Als sie über die Wiese lief, hatte der Morgentau ihre rosafarbene Strumpfhose nass werden lassen. Eine Strähne hatte sich willkürlich aus ihrem Dutt gelöst und umspielte kitzelnd ihr Kinn. Sie schloss die Augen und genoss einen tiefen Atemzug der lauen Frühlingsluft. „Du hättest den Dutt besser frisieren müssen, Schwänchen.“ Zwei warme Hände berührten ihre Schultern, während die Wärme tief in ihren Körper drang. „Ich dachte du würdest heute nicht kommen“, sagte sie sanft. „Jeden Donnerstag um neun“, er kam hinter ihr hervor und stellte sich vor ihr auf. „Ich hatte vielmehr gedacht du kämest heute nicht. Wo du doch das wichtige Vortanzen hast“, sagte er und hob überrascht die Augenbrauen. Sie seufzte. „Ich höre auf, weißt du. Das war es mit einem Leben in Ketten, ich breche auf in die Freiheit.“ Skeptisch neigte er seinen Kopf und zog die Augenbrauen zusammen. „Nein Schwänchen, du bist die beste Tänzerin, die ich kenne. Es wäre eine wahre Schande und verschwendetes Talent. Du liebst das Ballett.“ Sie schüttelte ihren Kopf und blickte in die Ferne. „Was nützt einem bloß alles Talent, wenn man ihrem Ideal doch nicht entspricht? Alle Rollen dieser Welt würde ich tanzen, gäbe man mir die Chance. Für den einen bin ich zu plump, für den anderen zu klein und der letzte ließ mich nicht einmal tanzen. Und wenn schon, wer würde jemanden wie mich auf der Bühne eine grazile Rolle tanzen sehen wollen?“. Er sah sie an, mit seinen blauen Augen und schenkte ihr ein wohlwollendes Lächeln. „Weißt du noch, was dich damals zum Tanzen brachte?“. Ihre Mundwinkel zuckten bei dem Gedanken an diese schöne Erinnerung. „Wir waren hier, an diesem Ort, und im See zwei Schwäne. Ich war fünf und du warst acht“. Auch ihn erfüllte die Erinnerungen mit einer inneren Wärme. „Den Abend zuvor waren wir mit Oma in der Oper und sahen Schwanensee. Mama sollte uns hier abholen, im Kensington Garden, dort wo sie immer mit uns spazieren ging. Doch als du die zwei Schwäne in dem Fluss sahst, bekamen wir dich nicht mehr weg. `Mama´, sagtest du, ´Ich werde Tänzerin´.“ Unwillkürlich lächelte sie. „Warte nur ab, Schwänchen. Die Zeiten ändern sich, du wirst sehen. Noch leben wir in einer Welt voller Vorurteile und alteingesessenen Idealen, doch vielleicht wirst du schon bald Anführerin einer vom Idealismus gelösten Revolution und tausende von jungen Mädchen, die zu dir aufsehen und sich mit sich selbst wohlfühlen. Ist das kein Ziel?“. Sie lachte. „Und wenn nicht?“. Er legte seine Hand auf ihre Schulter. „Wirst du immer mein kleines Schwänchen bleiben. Der Blick auf die Uhr unterbrach ihr Gespräch. Laut seufzend stand sie auf. „Das letzte Vortanzen“, sagte sie und nahm ihre Tasche. „Werden wir uns nachher im Pub zur Versagensfeier treffen?“, fragte sie ironisch. Sehnsüchtig seufzte er und blickte zur Seite auf den See vor ihnen. „Ich werde für eine Weile gehen müssen“. Sie frisierte die Strähne zurück in ihren Dutt. „Gut, also nächsten Donnerstag um neun?“, sie schnallte sich den Rucksack auf den Rücken und gab ihm einen dankenden Kuss auf die Stirn. „Danke, dass du noch gekommen bist“, zärtlich umarmte sie ihn ein letztes Mal, bevor sie sich abwand. „Du wirst toll tanzen, Schwänchen!“, rief er ihr hinterher. Edel knickste sie und sie winkten sich zu, dann machte sie sich auf den Weg.

Es war seltsam ruhig in London am diesem Morgen und dennoch fühlte sie eine seltsame Spannung in der Luft. Seit gestern Abend war auch London nicht mehr sicher vor dem unvorhersehbaren Terror. Dies wirkte sich auf die Belebtheit der Stadt aus, und wie sie fand, auf die eingesessenen Londoner auch. Sie fand es schade, denn wie jede Großstadt lebte auch London von dem hektischen und belebten Alltag. Auch als sie heute in die Underground hinabstieg machte ihr die Hitze dort unten mehr zu schaffen, als sonst. Vielleicht lag dies jedoch dies an ihrer Aufregung, die sich immer mehr ausbreitete, je näher sie dem Gebäude kam. Als sie schließlich vor ihm stand, verschloss sie ihre Arme nervös vor ihrem Bauch und zwang sich sie wieder zu lösen, um die Türe zu öffnen. Augenblicklich stieg ihr der Geruch zertanzter Lederschuhe in die Nase und spürte die neugierigen Augenpaare der anderen Mädchen auf ihr liegen. Gelächter entstand. „Name?“. Die Sekretärin, deren Verzweiflung über ihr Leben einen großen Schatten der Unzufriedenheit auf sie warf, sah sie grimmig an. Sie gab zügig ihren Namen an, und die CD ab, die ihren Part abspielen sollte. Die Blicke der anderen ausblendend ging sie rasch in die Umkleide. Mit zitternden Händen band sie die Bänder ihrer Spitzenschuhe. Als ihr Name aufgerufen wurde durchdrang ein starker Schmerz ihr Herz, ließ sie krampfen. Panisch presste sie ihre Hand gegen ihre Brust und kämpfte gegen den Schmerz an. Als wären ihre Füße aus Blei, trugen schwere Schritte sie auf die Bühne. Sie saßen dort zu dritt, Stifte und Papier lagen vor ihnen. Der Raum war stark verdunkelt, alles Licht lag auf ihr. Sie erfragten Namen und Alter. Schließlich fragten sie, was sie tanzte. „Den sterbenden Schwan“. Es hallte durch den ganzen Raum, legte sich in purer Empörung nieder auf den Gesichtern der Jury. Jemand so plumpes, so tollpatschiges sollte den elegantesten und zerbrechlichsten Part des Balletts verkörpern. Doch sie ließen sie tanzen, von Anfang bis sich am Ende ihr Dutt bei der letzten Drehung löste und sich ihr Haar in die Freiheit erstreckte. Als langsam die Musik verklang starb sie als Schwan und verließ die Bühne als Tänzerin.

Das Licht blendete ihre Augen vorerst und langsam fand sie sich damit ab den letzten Tanz getanzt zu haben, die letzte Träne vergossen. Tief atmend löste sie die Bänder ihrer Spitzenschuhe und zog ihre Schuhe an. Schweren Herzens verließ sie die Umkleide. Die anderen Mädchen beäugten sie schweigend, als sie aus der Umkleide kam. Mit kurzen Atemzügen schritt sie zur Liste und erstarrte. Ihr Name stand ganz oben. Sie hatte die Hauptrolle. „Miss?“. Eine ruhige Stimme erklang hinter ihr. Als sie sich umdrehte sah sie zwei kühlen blauen Augen entgegen. Es war eine schlanke Frau mit kurzem, blondem Haar, die offensichtlich mit ihr sprach. Sie nickte und sah die Frau eindringlich an. „Gestern Abend hat es einen Anschlag in London gegeben. Ihr Bruder ist dabei tödlich umgekommen. Sie sind seine letzte lebende Angehörige, darum bin ich hier. Es gibt ein paar Dinge, die ich mit Ihnen besprechen müsste.“ Es war, als bewegte sich der Mund der Frau in Zeitlupe. Erst jetzt merkte sie wie warmes Blut aus ihrem Schuh rann und den Teppichboden tief rot einfärbte. Der Schwan war gestorben. Draußen regnete es.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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