Stefan Läer

Das Lob

Es war Dienstag, der 22. Dezember, als Kurt Wagner, seinerzeit Fachkraft für Lagerlogistik in einem großen Versandhandel, ein Lob seines Chefs bekam. „Das haben Sie sehr gut gemacht, ohne Sie hätten wir das nicht so pünktlich geschafft“, brachte Herr Wein am Ende eines langen Arbeitstages doch tatsächlich über die Lippen und ahnte nicht, welche Geschichte er damit anstoßen sollte. So kam es zunächst, dass Kurt Wagner entgegen seiner Gewohnheit auch einmal gut gelaunt die Arbeit verließ.

Dieses warme Gefühl des Lobes bekam der nächstbeste Bettler in der Bonner Fußgängerzone direkt zu spüren, als Kurt Wagner entgegen seiner Gewohnheit einen Euro aus der Geldbörse kramte und in den Hut des verdutzten alten Mannes fallen ließ. „Danke …“, rief ihm der Beschenkte hinterher, der an diesem Abend einen Almosenrekord aufstellte, was ihn derartig beflügelte, dass er bereits das nächste Weihnachtsfest in der eigenen Wohnung begehen konnte und viele Leute von der Straße holte.

Zu Hause setzte Kurt Wagner seine Charmeoffensive schamlos fort. „Ich habe es mir überlegt, ich bin einverstanden mit Weihnachtsgans, Knödeln und sogar mit deinem scheußlichen Rotkohl“, eröffnete er kurzerhand seiner Frau Veronika, die ihm vor Freude an den Hals sprang. Das war der Moment, in dem Weihnachten im Hause Wagner ab diesem Jahr entgegen der Gewohnheit ablief – nämlich in einträchtiger Harmonie.

„Du, sollen wir nicht eben noch Plätzchen backen und in der Nachbarschaft verteilen?“, fragte Veronika plötzlich. Auch hier brachte Kurt keine Bedenken an. „Ja, eine ausgezeichnete Idee, aber dann wollen wir auch gleich welche für die Schitzens backen. So können wir vielleicht noch auf den letzten Drücker diesen hässlichen Mülltonnenstreit beilegen“, legte er sogar nach, wodurch nicht nur der Mülltonnenstreit beigelegt, sondern überdies noch die gegenseitige Plätzchenversorgung in der Nachbarschaft auf Jahre hinweg sichergestellt wurde.

Die positive Stimmung wirkte sich auch auf Töchterchen Elisabeth aus, die von ihren Eltern entgegen der Planung doch noch in letzter Minute mit einem Raumschiff-Enterprise-Modell beschert wurde, später einen hohen Posten im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Darmstadt bekam und entscheidend an der befrauten Marsmission beteiligt war.

„Ja, so war das damals bei diesem Weihnachtsfest“, erzählte Elisabeth 60 Jahre später ihren Enkelkindern, „irgendetwas war anders, die Stimmung war viel harmonischer und weniger aggressiv als normalerweise. Ich glaube, es lag daran, dass Vati so gut gelaunt von der Arbeit wiederkam und uns mit seiner Laune direkt angesteckt hat. So habe ich mein heiß ersehntes Raumschiff doch noch bekommen. Die damit entfesselten Träumereien haben mich schließlich zu einer echten Weltraummission gebracht, und so sind wir Menschen also auf dem Mars gelandet. Warum Vati aber so gut gelaunt war, das ist mir bis heute ein Rätsel. Ich habe ihn nie danach gefragt. Aber manchmal reichen kleine Gesten und Augenblicke, um die Welt nachhaltig zu verändern.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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