Olaf Lüken

Mein Hund Jannik

Die meisten Stadthunde sind nutzlose Geschöpfe. Sie müssen nichts bewachen, hüten, führen oder jagen. Im Gegenteil, sie wollen ausgeführt, gefüttert und
gestreichelt werden, verdrecken die Wohnung und kosten Geld. Das einzige Angebot der Hunde an die Menschen ist Liebe; sie lassen sich lieben und lieben
wieder. Mit einem kurzen Schwanzwedeln kann ein Hund mehr Gefühl ausdrücken als mancher Mensch mit stundenlangem Gerede.
Vor einige Zeit habe ich mir einen feministisch eingestellten Hund mit Migrationshintergrund angeschafft. Er heißt Jannik,kam in Polen zur Welt, war von Anfang an lieb, sanft und gelehrig, mit einem Hang zum Vegetarischen. Er liebt Harzer Roller mehr als Fleisch. Nach einigen Tagen stellte ich fest, dass Jannik bissig ist.
Erst bekommt der Hund Wutanfälle, dann beißt er zu. Mein tierischer Begleiter bevorzugt große, stattliche Männer und Männer in Uniform. Kaum hat er einen
dieser Spezies ausgemacht, rastet er aus. Lautes und dominantes Verhalten steigert seine Angriffslust. Uniformen können ihn in einen wahrhaften Blutrausch versetzen. Dabei ist der Hund aus tiefstem Herzen ein Antimilitarist und gegen jede nur denkbare Form hegemonialer Männlichkeit eingestellt. Ein einziges Mal hat Jannik eine Frau gebissen, interessanterweise die polnische Zugehfrau meiner Nachbarn. Zuerst wollte ich den Hund wieder ins Tierheim bringen, aber ich mag Jannik und nehme ihn wie er ist. Welcher Partner ist schon perfekt ? Einige hundert Euro habe ich in mehrere Hundetherapien gesteckt.
Jannik beißt aber immer noch am liebsten in den Unterschenkel. Mein Hundeflüsterer meint: "Er würde halt gern an die Kehle springen, erreicht aber nicht die erforderliche Höhe,
deshalb bevorzuge er den Unterschenkel." Ich habe einiges über Hunde gelernt und ein wachsames Auge auf Jannik geworfen. Der Hund ist immer an der
Leine. Nur im Garten auf der Tiefgarage und in den menschenleeren Gegenden am Rotter See darf er frei laufen. Sogar dort trägt er meistens einen Maulkorb.
An der Eingangstür meines Schrebergartens habe ich ein Schild angebracht: "Vorsicht bissiger Hund." Ein gutes Gefühl ist das nicht. Eines Tages kam ein stattlicher Herr in den Garten, ohne sich vorher bemerkbar zu machen. Da hat es Jannik sogar zum ersten Mal bis zum Oberschenkel geschafft, knapp vorm Schritt. Vielleicht will er gar nicht an die Kehle. Sogleich habe ich die Versicherungssumme für Hunde auf eine Million Euro heraufsetzen lassen. Ich glaube, wenn Jannik unseren Bürgermeister oder den Stadtdirektor beißt, müsste die Summe ausreichen. Beißt er eines Tages Roland Kaiser, bin ich finanziell ruiniert.
Die Welt ist ein Paradoxon. Wenn ich mit Jannik am See spazieren gehe und er einen Maulkorb trägt, werde ich von Spaziergängern und Tierhaltern böse
angeschaut und angeranzt. Unisono heißt es: Das arme Tier. Ich stehe da wie ein begossener Pudel, der Tiere quält. Dann folgen Sprüche wie: Ich respektiere
nicht die Autonomie, die Würde, das Karma oder die Bedürfnisse des Hundes. Jeder glaubt, dass ich den Hund böse gemacht habe. Wir sind ein Team. Der
böse Mann mit dem Männer hassenden Hund. Sollte ich aber den Maulkorb entfernen, und der feministische, antimilitaristische, vegetarische Jannik, beißt alle hegemonialen, großen und lauten Männer, die nicht bei drei auf den Bäumen sind, dann wäre es den Leuten auch wieder nicht recht. Mein Hund hat mir seine Sicht der Dinge geschildert. Ich glaube ihm. Machos sind für mich out. Vielleicht liegt es ausschließlich an mir, und der Hund will mir nur gefallen. Mein Unterbewusstsein kann mit dem Schwanz wedeln und frisst Harzer Roller. Viele Monate geschah nichts. Neulich war ich im Kaufhof und betrachtete einige CDs im Regal. Jannik war an der Leine. Ein Riesenkerl stellte sich neben uns, und Jannik biss zu. All das geschah in nur zwei oder drei Sekunden. Es war mein
Fehler, keine Frage. Ein Menschenauflauf war die Folge. Ich log, als ich sagte, dass mein Hund solches nie tun würde. Ich wollte mein Versagen vertuschen.
Und wahrlich, ich bin kein guter Mensch, aber auch nicht hegemonial eingestellt, das nun wirklich nicht, sonst wäre ich von Jannik längst gebissen worden.
(c) Olaf Lüken

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Olaf Lüken).
Der Beitrag wurde von Olaf Lüken auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Heiter Bis Wolkig von Yvonne Habenicht



Kleine Erzählungen aus dem Alltag, wie der Titel schon sagt: Heiter bis wolkig. Ein kleines unterhaltsames Büchlein.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Tiergeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Olaf Lüken

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ich giere nach Zeit von Olaf Lüken (Sonstige)
Der Reiher und der Goldfisch von Margit Farwig (Tiergeschichten)
Schnell wird man ein Ewald von Rainer Tiemann (Kindheit)