Stefan Läer

Das Schicksal der Äste

Der Sturm ließ mich nicht schlafen. Unruhig wälzte ich mich in meinem Bett herum und fand doch keine Ruhe. Das Heulen, Pfeifen, Zischen und Toben des Windes machte mich wahnsinnig. Immer wieder prasselte Regen gegen die Fensterscheiben meiner Balkontür.

Ich beschloss, etwas zu unternehmen und entsann mich meiner ein wenig merkwürdig anmutenden Eigenart, des späten Abends noch auf eine kleine Runde vor die Türe zu treten. Noch nie hatte ich einen solchen Spaziergang bereut und konnte danach immer gut einschlafen. Also zog ich mir schnell etwas über und stellte mich nach draußen in den späten Herbststurm. Der Wind tobte doch heftiger, als ich es von drinnen vermutet hatte, sodass ich mich dazu entschied, den Wald zu meiden und stattdessen eine kleine Runde durch mein Dorf zu drehen. Die Straßen waren um diese Uhrzeit wie üblich menschenleer und die Bürgersteige hochgeklappt. Vereinzelt brannten noch Lichter in den Häusern der Menschen, die drinnen vergeblich auf der Suche nach ihrer Nachtruhe waren. Noch nie hatte ich um diese Uhrzeit jemanden auf der Straße getroffen.

Der Wind wehte mir jetzt mit mächtiger Wucht ins Gesicht, als ob er mich irgendwie aufhalten wollte. Ich zog die Kapuze meiner Jacke ein wenig fester, weil es mich doch ziemlich fröstelte. Der Wind wurde immer stärker, sodass ich noch langsamer vorankam. Eigentlich hatte ich mir bei diesem Wetter vorgenommen, jegliche Bäume zu meiden. Man wusste ja nie so recht um ihre Standsicherheit und schon ein mittelgroßer Ast im falschen Moment konnte reichen, um einem den Garaus zu machen. Aber in diesem Fall kam mir das kleine Wäldchen am Rande des Dorfes gelegen – glaubte ich doch, dort ein wenig besser vor dem Sturm geschützt zu sein und meine Runde schließlich mit Rückenwind beenden zu können.

Es waren mächtige Linden, die den schmalen Weg säumten. Obwohl sie bereits größtenteils ihr Laub an den Sturm verloren hatten, wurde es merklich finsterer. Nur das ferne Leuchten der Straßenlaternen des Dorfes ließ mich alle Silhouetten noch gut erkennen.

Aber meine Rechnung ging nicht auf. Entgegen meiner Vermutung, die Bäume würden einen Teil des Windes abfangen, nahm der Gegenwind sogar noch zu und heulte mir mit Macht um die Ohren. Plötzlich glaubte ich, Stimmen im Wind zu hören. „Geh nicht weiter! Bleib stehen!“ und „Schau ihn nicht an!“. Ich war ja beileibe kein Angsthase und stets Herr meiner Sinne gewesen. Aber diese Stimmen jagten mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Ich konnte kaum noch einen Schritt nach vorne tun, so stark war inzwischen der Gegenwind. Dann knackte es unter meinen Füßen und ich stolperte über einen fingerdicken Ast. Erschreckt hielt ich einen Moment inne. Erst jetzt bemerkte ich, dass überall auf dem Boden kleine Zweige bis hin zu ganzen Ästen lagen.

Als ich wieder nach vorne blickte, erstarrte ich. Dort hinten stand ein Mann. Er war bis zur Kapuze in tiefes Schwarz gekleidet und kehrte mir den Rücken zu. Es schien mir, als suchte er etwas auf dem Boden. Plötzlich wurde mir gewahr, dass er einen Gegenstand in der Hand hielt. Etwas Blitzendes, Schillerndes, das meine Augen für einen kurzen Moment blendete. Eine Sichel. Mit der Sichel bückte er sich und schnitt … Äste. Äste, die auf dem Boden lagen. Äste, die der Sturm frisch geerntet hatte. Diese legte er fein säuberlich auf dem Boden zu einem Kreis zusammen, dass sie wie die Zeiger einer Uhr aussahen. Große, dicke, alte, knorrige Äste, aber auch dünne Zweige, die wohl keinen zweiten Frühling mehr erleben würden, waren unter ihnen. Ich zitterte am ganzen Körper. Noch nie war ich auf meinem Nachtspaziergang jemandem begegnet. Und hier – mitten in einem tosenden Herbststurm – sah ich eine Gestalt, die Äste schnitt und nach einem bestimmten Muster auf dem Boden verteilte. Ich war unfähig, mich zu regen. Nicht, dass die Gestalt …

Die Stimme des Windes kam mir in den Sinn. „Geh nicht weiter! Bleib stehen! Schau ihn nicht an!“ Schlagartig wusste ich, dass es keine Einbildung gewesen sein konnte. Der Wind wollte mich offensichtlich vor diesem Mann warnen!

Genau in diesem Moment meines Gedankens drehte sich der Mann zu mir um. Ich wollte laufen, aber es war … zu spät. Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen. Zwei rote Augen funkelten mich an. Geistesgegenwärtig wandte ich mich um. Laufen! Aber ich konnte nicht. Der Wind hatte sich gedreht und blies mir wieder mit Macht ins Gesicht, als wollte er sagen: „Zu spät, mein Junge.“ Ich kämpfte. Voller Panik tat ich Schritt für Schritt nach vorn, nur weg von diesem unheimlichen Ort. Ich traute mich nicht mehr, auch nur einen Blick zurück zu werfen. Dann hörte ich ihn aus der Ferne lachen. Ein gehässiges, kaltes Lachen, das keinen Zweifel an seinem Sieg hatte und sagen wollte: „Geh du nur!“.

Plötzlich aber ging es leichter. Je weiter ich mich von dem Ort des Grauens entfernte, desto stärker ließ der Wind nach. Als ich schließlich wieder vor meiner Haustüre stand, blickte ich mich noch einmal um. Nichts. Nur leere Straßenzüge. Ich war froh, wieder daheim angekommen zu sein und drehte den Schlüssel meiner Wohnungstüre sicherheitshalber zweimal herum.

Es half nichts: Schon am darauf folgenden Morgen ereilte mich die Meldung, dass ein guter Freund, der sehr hart und sehr lange gegen den Krebs gekämpft hatte, seinem Leiden erlegen war. Keine zwei Wochen später übermittelte man mir die gleiche Diagnose.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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