Maike Opaska

Momo

Ein kleines Hundemädchen, kläffend, voller Angst und ständig auf Abwehr eingestellt. Ja, man hat mir viel Leid angetan. Ich wurde geschlagen, musste oft hungern und statt gestreichelt zu werden gab man mir Tritte. Ich konnte den Menschen nicht mehr vertrauen und so zog ich mich von allen Menschen zurück. Manchmal bellte und heulte ich, aber niemand nahm sich meiner an. Es hieß dann immer, „ ach die beißt“.

Eines Tages jedoch kamen fremde Menschen in unser Lager, wo ich auch immer Außenseiter war, eben weil ich aus Angst immer wieder zubiss. Und so sah ich aus meinem Versteck zu, wie diese Menschen meine Hundekameraden streichelten und sie mit leckeren Häppchen fütterten. Ich wollte so gerne auch gestreichelt werden, doch ich blieb im Hintergrund, - ich erwartete nichts Gutes von Menschen und hatte Angst. Aber ich war auch neugierig und so näherte ich mich vorsichtig. Ich wollte ganz leise dabei sein, aber ich bellte und bellte die Menschen aus sicherer Entfernung an.

Ich bekam keinen Tritt, nein, eine Frau nahm eine Leine, die sie schon bei sich hatte und legte sie mir sanft an, streichelte mich und gab mir Kekse. „Vorsicht, gerade sie ist eine Zicke, die gerne zubeißt“ sagte mein Quartiergeber. Aber die Frau sah zu mir und meinte „Wir werden uns schon aneinander gewöhnen. Wir machen einen Spaziergang“. Und artig und brav ging ich mit ihr mit. Sie sprach auch immer mit mir. Ich verstand ihre Worte nicht, aber ich hörte am Klang und Ton, dass es gut tat, was sie mir sagte. Ich ging ganz artig an der Leine neben ihr her und manchmal sah ich zu ihr auf und sie sagte: „Du bist ein gutes Mädchen, es wird schon was werden mit uns beiden. Dich nehme ich mit zu mir und ich lass dir Zeit, dich an mich zu gewöhnen. Ich tu dir nichts.“ Und ich hörte, dass es gute Worte waren und dass sie mich mochte. Heimlich dachte ich mir, wär das schön, wenn sie mich mal streicheln würde, aber womöglich beiß ich wieder zu und dann wär alles aus. Während des Spaziergangs bückte sie sich mal zu mir herab und ließ mich an ihr riechen. Aber sie berührte mich nicht, sagte nur immer wieder „ braves Mädchen, alles gut“.

Nach dem Spaziergang, sprach sie mit dem Quartiergeber und dann nahm sie mich mit. Wir stiegen in das Auto und fuhren weg. Ich hatte noch immer Angst, aber gleichzeitig spürte ich so eine Art Befreiung. Ich fühlte mich wohl. Aber immer wenn sich ihre Hand mir näherte, oder sie sich gar nach mir bückte, kam die Angst zurück. Ich zog die Rute ein und knurrte leise, - es war dies meine Waffe, - mir nicht allzu nahe zu kommen. Die Angst steckte in meiner kleinen Hundeseele und ich konnte nichts dagegen tun. Dabei wollte ich so gerne gestreichelt werden.

Es vergingen einige Tage, die Frau fütterte mich, ging mit mir spazieren, sprach mit mir und ließ mir Zeit. Sie ließ mich einfach in Ruhe und wartete, bis ich zu ihr käme und keine Zähne mehr zeige.

Und nach einigen Wochen spürte ich, als ich im Körbchen lag und ihr zusah, wie sie am Computer saß und schrieb, so große Sehnsucht nach ihrer Nähe und ich stieg langsam aus dem Körbchen und setzte mich vorsichtig zu ihren Füssen. Ich bekam keinen Tritt, sie hörte auf zu schreiben, bückte sich nach mir, streichelte mich und sprach zarte, sanft Worte und ich wusste, sie mochte mich. Ich sie ja auch, aber immer noch kam schon nach kurzer Zeit die Angst wiederum und ich knurrte, ohne es zu wollen. Dann hörte sie auf, mich zu berühren und setzte ihre Schreibarbeit fort. Ich merkte, dass sie enttäuscht war und zog mich dann wieder schmollend ins Körbchen zurück.

„Ich kann dich nicht zu deinem Glück zwingen, Prinzessin,“ sagte sie „ irgendwann werden deine Wunden heilen und dann beginnt ein neues Leben für dich“.

Wieder vergingen einige Wochen. Eines Tages, während sie mich bürstete, und das hasste ich besonders, bekam ich plötzlich einen Beissanfall, es war ein Reflex, ich wollte nicht wirklich beißen, doch ich hatte zu gezwickt. Jetzt ist es aus, jetzt wird sie mich zurückbringen und mein gesichertes Leben ist wieder vorbei, dachte ich. Doch sie hob mich zu ihr hoch, nahm mein Gesicht in ihre beiden Hände und sagte: „ Das machst du nie mehr. Wir beide gehören jetzt zusammen und müssen uns aneinander gewöhnen, aber das geht nur, wenn du mir vertraust, kleine Momo.“ Ich spürte, dass sie es gut meinte und ich fühlte ihre Wärme und weil es mir so leid tat, legte ich mich zum ersten Mal auf den Rücken und zeigte ihr, dass ich sie mag.“

„Na siehst du, kleines Dummerle, alles ist gut. Dir geschieht nichts“ sagte sie ruhig und streichelte mich. Es tat so gut, der Schmerz, die Angst, alles lag weit zurück. Ich folgte ihr aufs Wort und verteidigte sie, so gut ich nur konnte, denn ich wollte nie wieder fort von ihr.

Da gab es aber auch noch ihren Bruder. Einen Mann, der Tiere sehr liebt.  Biologe, so ein Naturbursche eben, der Tiere mochte. Er versuchte oft und immer wieder mich zu locken. Anfangs biß ich ihn in den umen, weil er nach mir griff,…dabei wollte ich doch so gerne auch zu ihm lieb sein. Immer und immer wieder versuchte ich, wenn er kam, mich ihm zu nähern. Ja, ich freute mich auch immer, wenn er kam, lief ihm auch entgegen. Aber im letzten Moment kamen alte Gefühle hervor und ich war wieder voller Abwehr. So kam es, dass ich nur mein Frauchen liebte und immer Angst hatte, jemand könnte kommen und mich mitnehmen, weil es wieder hieß,…“ach die ist irgendwie neurotisch“.

„Sie hat in ihrem Vorleben nichts Gutes gehabt, deshalb hat sie immer wieder so kurze Anwandlungen, die sie nicht gerade liebenswert machen“, verteidigte mich mein Frauchen dann, denn zu ihr war ich bereits ein ganz liebes braves Hündchen und um nichts auf der Welt hätte sie mich hergegeben. Ich war ihre Momo und ich hätte alles für sie getan.

So vergingen weitere sieben Jahre und ich hatte ein wunderbares Leben und spürte so viel Zuneigung. Inzwischen war ich 11 Jahre alt geworden und meine kurzen Beinchen konnten nicht mehr so richtig mit. Also wurden unsere Spaziergänge kürzer oder wenn doch länger, dann trug mich mein Frauchen und es war trotz vieler Schmerzen schön in ihren Armen zu liegen und ihre Wärme zu spüren.

Als ich krank wurde und nach vielen Arztbesuchen und noch mehr Medikamenten und Infusionen eine Darmoperation im Raume stand, nahm sie mich hoch und sagte „Armes Mädchen, was sollen wir noch machen, wie kann ich dir denn helfen?“ Ich wusste es nicht, hatte Schmerzen und blutete immer wieder. Mein Fell wurde unansehnlich, stumpf und ich spürte, dass meine Zeit vorbei war. Ich hatte Schmerzen und wollte nicht mehr.

An einem Abend, als mein Frauchen nachdenklich am Computer saß und an einem Text feilte, konnte ich nicht anders. Ich setzte mich vor sie hin, stellte meine Ohren auf und jaulte. Ich weinte ihr meinen Schmerz vor. Sie nahm mich hoch, streichelte mich und sagte „ich verstehe dich schon, kleine Momo, du möchtest über die Regenbogenbrücke gehen und von deinen Schmerzen erlöst werden. Wir fahren morgen früh gleich los zum Doc, damit du es leichter hast.“

Am nächsten Tag ging sie mit mir noch ein kleines Stück, dann hob sie mich hoch und trug mich zum Auto. Sie legte mich auf den Beifahrersitz, deckte mich zu, streichelte mich während der Fahrt und erzählte mir von Zschiwi, der mir sicher entgegenkommen wird, wenn ich meinen letzten Weg gehe. Zschiwi war mein Vorgänger. Ein lebhafter liebenswerter Hundemann. Ich leckte ihre Hand so gut ich noch konnte, verabschiedete mich, denn ich wusste was jetzt passieren würde.

Beim Arzt hob sie mich auf den Tisch, streichelte mich in den Schlaf hinein, ich drückte mich fest an sie und dann….träumte ich…und ein glashelles Beben durchpulste meinen Körper und alle Grenzen verwischten.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Mittagsläuten von Maike Opaska



Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

Und weil ich begriff wie lang und wie kurz der Weg zwischen beiden ist, nahm ich ihn auch wahr und so ist mir heute jeder Schritt es wert eingehalten zu werden, weil hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt und sichtbar wird.

Und deshalb schrieb ich diesen Gedichtband.

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