Stefan Läer

Endstation

Für einen Sommerabend war es ungewöhnlich kalt. Angesichts der frischen Brise, die nun auch noch aufkam, erinnerte sich Jan an Elisas mahnende Worte. „Nimm dir bloß eine Jacke mit, wenn du rausgehst!“, hatte sie ihm geraten, bevor er das Haus verließ. „Ach, ich bin doch nur kurz ums Eck, ich mache ja keine Weltreise“, hatte er erwidert. Frauen und ihre übertriebene Fürsorglichkeit. Außerdem fuhr er ja nur eine Station mit der Straßenbahn, um sich die neueste Sportzeitung zu kaufen, weil sein Verein nach 14 grausamen Spielen in Folge endlich einmal wieder gewonnen hatte. Und in der Bahn war ihm sowieso nie zu kalt.

Aber jetzt, hier draußen an der Haltestelle, spürte er doch, wie sich eine Gänsehaut auf seinen blanken Unterarmen zu bilden begann. Egal, noch eine Minute, dann würde seine Bahn einfahren und ihn zumindest mit Zimmertemperatur verwöhnen.

Die schwarze Anzeige am Bahnsteig war noch immer leer. Jan warf einen Blick auf seine Uhr: 21:47. Ja, er war definitiv zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wahrscheinlich war die Anzeige nur wieder defekt und kündigte aus diesem Grund keinen Zug an. Typisch Bahn eben.

Eine halbe Minute später war es jedoch soweit und sein Zug fuhr endlich ein. Was Jan allerdings wunderte, war, dass dieser auch keinerlei Hinweis auf das Ziel gab – das hatte er noch nie erlebt. Trotzdem: Es musste sich um die richtige Bahn handeln, es verkehrten ja auch gar keine anderen Linien auf dieser Strecke. Jan setzte sich schräg gegenüber eines Mannes, obwohl er auch mühelos eine Sitzgruppe für sich allein hätte finden können, weil der Wagen nur sehr spärlich besetzt war. Aber wozu sich groß einen Platz suchen, wenn man ohnehin bei der nächsten Station aussteigen musste? Außerdem mochte Jan die Gesellschaft anderer Menschen. Doch schon wenige Sekunden später bereute Jan seine Entscheidung, da er dem Mann schon auf den ersten Blick keine Sympathie abgewinnen konnte: Sein Gegenüber war durchweg in Schwarz gekleidet und besaß ein Gesicht, dessen tiefe Furchen bereits festgefroren zu sein schienen. Kein Wunder, dachte Jan, irgendwie ist es in diesem Zug ja auch kälter als sonst. Er fröstelte.

„Interessant, wo die Leute alle hinfahren“, murmelte der alte Mann plötzlich vor sich hin, ohne aufzuschauen oder seine Gesichtszüge in irgendeiner Form zu verändern.

Dennoch war Jan völlig überrascht davon, dass der Mann offensichtlich eine Kommunikation starten wollte und wusste nicht recht, was er erwidern sollte.

„Sie meinen … Ich meine, wo …?“

„Oh, es gibt viele Ziele. Rom, Stockholm, Paris. Andere schaffen es nur bis Wetter. Und für wieder andere ist es die letzte Reise.“

Bei dem letzten Satz durchfuhr es Jan eiskalt. Was redete dieser Mann da? Bleib ganz ruhig, versuchte er sich zu beruhigen, er ist nur irgendein Verrückter, ein Irrer, der wahrscheinlich selbst nicht weiß, was er da von sich gibt. Außerdem sah Jan auch kaum Leute mit irgendwelchen Zielen in diesem Wagen – nur ganz hinten, in der letzten Sitzgruppe, saß eine junge Frau, die ihm allerdings den Rücken zuwandte. Gut, dass ich nur eine Station fahren muss, dachte er sich. Gleich bin ich diesen Verrückten los.

„Ja, ich muss sogar schon die nächste Station aussteigen“, sagte Jan.

Da kam mit einem Mal Bewegung in die Gesichtszüge des Alten, der Jan nun aus seinen hervorstechenden Augäpfeln direkt anstierte. Dabei zog er die Augenbrauen hoch, als wunderte ihn irgendetwas. „So, wo müssen Sie denn aussteigen?“, fragte er mit tiefer Stimme, dass es Jan durch Mark und Bein fuhr.

„I…in Mülldorf“, stotterte er.

Voller Entsetzen erkannte Jan, dass die Verwunderung im Blick des Alten noch größer wurde. „In Mülldorf? Aber da halten wir doch gar nicht.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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