Wolfgang Küssner

Worte, nichts als Worte

Seit ich Geschichten, zugegeben, es sind nur kleine, bescheidene Kurzgeschichten, schreibe, geistert hin und wieder die Frage durch meinen Kopf, ob ich mich nun auch zu den Schriftstellern zählen darf oder einfach ein simpler Wortsetzer bin. Bringe ich nur stümperhafte Aufsätze zu Papier, die jeder Viertklässler besser hinbekäme, oder ist da mehr im Spiel? Dann denke ich manchmal an die Konsonanten, an die Vokale. Leiden die Buchstaben unter meiner Texteingabe? Ist es für die Worte gar ein Martyrium, wenn ich sie zwinge, eine konkrete Reihenfolge und Form zu beachten, sie zu bestimmten Konstellationen formiere, durch Komma oder Punkt oder Leertaste voneinander trenne? Moechte ich selbst je unter meinen Fingern auf der Tastatur so ein Buchstabe sein und ohne jeglichen Einspruch den zugewiesenen Platzierungen, den Anordnungen folgen wollen?

Gibt es, sollte es so etwas wie ein Mitspracherecht des Alphabets, der Worte geben? Kann ein jeder bedingungslos in die Tastatur hauen, und die Buchstaben haben widerspruchslos zu folgen, zu gehorchen? Was wäre, würde sich das A unter meinen Fingern verweigern und auf das I verweisen? Inständig statt anständig?  Irretieren statt arretieren? Anschrift müßte Inschrift werden. Oder das E würde sich einen freien Tag nehmen. Aus Esten würde der Osten; der Eber würde zum Ober und aus dem Enkel würde ein Onkel. Das I würde eine Krankmeldung vorlegen. Aus dem Ist müßte Ost werden, die Irin würde dem Urin weichen müssen. Der Schreiber müßte bei soviel Demokratie und Mitsprache der Buchstaben ganz schoen flexibel und kreativ sein; neue Geschichten in Permanenz kreieren. Schluß wäre dann mit Planung und Konzeption. Aus dem Diktat der Verfassers würde die Herrschaft des Alphabets erwachsen.

Schriftsteller, so lehren uns die Bücher, sind sowohl Urheber als auch Verfasser literarischer Texte, somit Autoren. Der Begriff wurde im 17. Jahrhundert von „etwas in Schrift stellen“ gebildet. Ja, das läßt sich nachvollziehen. Und wir lesen: „Autor ist jemand, der einen Text, einen Comic, eine Bildgeschichte in welchem Medium auch immer veroeffentlicht und dafür Urheberrechte geltend machen kann“ (Wikipedia). Egal ob nun Seneca, Platon, Goethe oder Shakespeare? Keine Unterschiede mehr zu Simmel, Follet, Rowling und meiner Wenigkeit? Da kann einem ja ganz schwindelig werden. Vielleicht bin ich doch lieber erst einmal ein Wortsetzer, der also Wort für Wort und Wort zusammensetzt und sich über das abschließende Resultat freut. Ob das Ergebnis dann schon Literatur ist, moegen andere entscheiden. Wo fängt Literatur überhaupt an? Literatur sind seit dem 19. Jahrhundert alle mündlich oder schriftlich fixierten sprachlichen Erzeugnisse. Dann ist es also doch Literatur und ich jetzt ein Literat?

Irgendwie muß Schriftstellerei doch auch etwas mit Qualität zu tun haben. Es kann nicht nur die Quantität sein, die den Unterschied ausmacht. Tausend Seiten koennen verdammt viel Wissen und Inhalt transportieren, in mühseliger, langjähriger Recherchearbeit entstanden sein, aber auch langweilig, inhaltslos, nichtssagend, und zeittoetend daherkommen. Zumindest gut für einen Autor, wenn er unabhängig von der Qualität ein Honorar pro Zeile vom Verlag bekäme.

Koennte sich ein Schriftsteller vom Wortsetzer vielleicht dadurch unterscheiden, daß er sich ausgewählter artikuliert? Doch wo wären dann z.B. Charles Bukowski etc. einzuordnen? Schreibt ein richtiger Autor statt vom Essen vom Dinieren; wird arbeiten zur Auseinandersetzung mit der Natur; steht konsumieren für kaufen und verbrauchen? Er würde nicht prüfen, sondern Recherche betreiben; Handanlegen wird zum Masturbieren. Kleine Notiz am Rande: Nicht jeder der Hand an sich legt, ist ein Selbstmoerder. Aus Verhaften wird Arrestieren; aus dem Wort mit f..... Kopulieren. Feiern wird zum Partizipieren – oh, da ist das Alphabet wohl in den Streik getreten, etwas leicht durcheinander geraten. Beginnen sich die Buchstaben bereits jetzt zu wehren? Aussuchen wird zum Filtrieren, das Erschießen von Gefangenen gerät zum Füsilieren; das Zählen der Toten hieße Summieren; das Erstellen einer Opferliste Generieren. Die Zahl der Toten wird final komprimiert, statt gedrückt. Ist es so einfach, aus Worten Literatur zu machen? Entschuldigung: Zu produzieren? Aus Gesprächen werden dann Konversationen. Die Sprache, die Geschichten emotionsloser, nüchterner, sachlicher, steriler. Ist dafür aber noch Literatur, oder?

Auch einfache Worte koennen eine nachhaltige Wirkung haben, eine Situation beschreiben, eine Perspektive phantasieren. Das wäre nun eine neues Kriterium – Wirkung, Nachhaltigkeit. Mir scheint erst einmal wichtig zu sein, eine eigene Meinung, eine Sicht der Dinge zu entwickeln; seine Meinung zu artikulieren, zu seiner Meinung zu stehen, sich zu behaupten, notfalls gegen einen Strom von Nichtigkeiten, von angeblicher Leichtigkeit anschwimmen zu koennen; nicht den Heilsverkündern hinterher- zulaufen; sich abzusetzen, sich auseinanderzusetzen, zu hinterfragen, sich eigene Gedanken zu machen; andere daran partizipieren zu lassen; Mitmenschen zu inspirieren. In Goethes „Faust“ lesen wir die Forderung des Directors: „Der Worte sind genug gewechselt. Laßt mich auch endlich Taten sehen.“

Ein Schriftsteller muß nicht gleich zum Philosophen werden, die Welt neu erfinden. Es gibt nicht wenige Menschen, die einfach mittels Literatur unterhalten werden moechten. Ein berechtigtes Bedürfnis, ein Interesse, das nach Befriedigung verlangt. Dabei muß keineswegs auf kleine Denkanstoeße, auf sprachliche Raffinesse, auf Wissenswertes, auf Schoenes, Erkenntnisreiches, Informatives verzichtet werden. Außerdem ist Mephistopheles in Goethes „Faust“ mit dem Satz zu hoeren: „Mit Worten läßt sich trefflich streiten.“ Ob nun Texter oder Schreiber, ob Literat oder Autor, alle, einschließlich der Schriftsteller und Wortsetzer sind hier gefordert. Mir ist es egal, ob ich mich nun zu dem einen oder anderen Begriff hingezogen fühlen darf. Schreiben kann auch einfach Spass bereiten. Und wenn Leser an diesem Spass teilhaben – Verfasser, was willst du mehr?

Mehr und mehr Texte werden demnächst von einem einzigen Autor zur Veroeffentlichung kommen. Seine Name vermutlich: Algo Rithmus. Computer schreiben Geschichten, die gefällig sein werden, sich am Konsumenten orientieren und somit bestens zu vermarkten sind. Vielleicht werden die Programmierer dann noch Freude verspüren, aber ansonsten? Übrigens: Die Frage nach Schriftsteller oder Wortsetzer hätte sich damit erübrigt, erledigt. Hoffentlicht erledigt sich damit nicht die Literatur.

Da muß man keine Worte mehr verlieren, weder unüberlegte noch geflügelte noch tragende. Worte, nichts als Worte? Wort für Wort.

 

Dezember 2016

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